Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Abschied und Anfang

Es ist an der Zeit, das Loch aus dem Käse zu las­sen: Ab kom­men­dem Jahr werde ich in die Schweiz gehen und bei der jun­gen, klei­nen und hip­pen Agen­tur Hof­rat Suess als “Chef vom Pro­jekt”, Senior Pro­jekt Mana­ger, – jetzt wo ich nicht mehr Jour­na­list bin, ist die Flos­kel erlaubt – ein neues Leben begin­nen. Wie das klingt.

winterthurm

Nach fünf Jah­ren beim Fazit, nach zahl­rei­chen Qua­li­täts­sprün­gen und Ver­bes­se­run­gen, ist es natür­lich der denk­bar blö­deste Zeit­punkt, aber wer kann sich sowas schon aus­su­chen. Zeit. Die ist. Und dann ist sie vor­bei. Ich habe zwei Tage nach­ge­dacht, ob ich mich auf diese wun­der­volle Stel­len­an­zeige bewer­ben soll, bin direkt nach der Ein­la­dung zum Bewer­bungs­ge­spräch mit dem Nachtzug nach Zürich, einein­halb Kaf­fee mit mei­nen kün­fti­gen Chefs und mit dem nächs­ten Nachtzug zurück nach Graz, um wei­ter an der Neun­und­neun­zigs­ten Fazit-Ausgabe zu arbeiten. Und dann kam ein freund­li­cher, leicht ver­rausch­ter Anruf aus der Schweiz und ich hab schnel­ler ja gesagt, als ich dar­über grü­beln kon­nte, was an die­ser Ent­schei­dung alles noch dranhängt.

Fazit nach mir

Graz zu ver­las­sen ist, mit dem Gedan­ken daran, dass es dies­mal von Dauer ist, nicht ganz ein­fach. Ein paar lieb­ge­won­nene Fre­unde, noch mehr lieb­ge­wo­nenne Gewohn­hei­ten: All die Dinge, auf die man sich nach sie­ben Jah­ren in Graz ver­las­sen kon­nte: Den Buch­laden, der sym­pa­this­cher und gün­stiger ist als Ama­zon, die Schnei­de­rin, den Wochen­markt, den Geschmack des Kaf­fees da und dort. Und den Geruch. Ich mag es, wenn man mich freund­lich erken­nend grüßt, wenn ich irgendwo bin. Ohne sich erklä­ren zu müs­sen. Zurück­hal­tende Über­ein­kunft dar­über, dass alles gut ist und blei­ben wird. Bis halt irgend­wer das Risiko ein­ge­hen muss, etwas anders zu machen.
Man ist ja doch nicht zufrie­den. Mit dem Leben. Mit sich. Und erst wenn das Leben an einem Ort wirk­lich vor­bei ist, ahnt man, dass man zwei oder drei Men­schen doch sehr lieb gewon­nen hat. Und man kann nicht­mal mehr Rück­sicht dar­auf neh­men, ob das wen inter­es­siert. Dann bleibt erst­mal alles zurück und ich muss sehen, was und wer noch da ist, wenn ich wie­der­komme. Aber ein Fre­und kann nicht gehen. Wer weg­geht, ist nie dage­we­sen. (Ist das von Bert Brecht? ich find online nix?)

Ich hoffe Fazit wird auch nächs­tes Jahr mit guten und aus­führ­li­chen Inter­views wei­ter­ma­chen und wach­sen. Die hin und wie­der bes­ten Leit­ar­ti­kel des Lan­des soll­ten aber eigent­lich auch rei­chen, damit das Heft ohne mich über­lebt. Ich bin froh, dass ich mit Fazit wach­sen kon­nte, die Chance hatte, von einem dop­pel­sei­ti­gen “Übungs”-Interview auf zehn Sei­ten zu expan­die­ren, die ich in aller Beschei­den­heit (und Dank der Mit­hilfe gran­dio­ser Foto­gra­fen) für das Beste halte, was es in die­ser Form in die­sem Land gibt.

Und das sagt schon viel aus. Über die­ses Land und seine Medien. So lieb mir die­ses Maga­zin ist, ich sehe und ver­stehe die Pro­bleme der gesam­ten Bran­che, ihre Finan­zie­rungs­nöte, ihre Nei­gung zu Gefäl­lig­kei­ten – und hab keine Lösung. Ich mag bei diesem aufge­hüb­schten Trauer­spiel nur nicht mit­ma­chen. Das ging beim Fazit immer gut. Kein ein­zi­ges Mal hat unser Anzei­gen­ver­käu­fer auch nur Andeu­tun­gen mir gegen­über gemacht. Ich weiß, wel­ch ein Luxus das ist. Aber selbst inter­es­sante Inter­view­part­ner spie­len die Spiele, die eben gespielt wer­den müssen. Und dar­auf hab ich keine Lust. Es macht mich übel­lau­nig und jeder, der weiß, wie übellau­nig ich eh schon bin, der weiß, dass ich da nicht noch übler wer­den will und wer­den sollte.

Wenn Jour­na­lis­mus heute Auf­merk­sam­keit erfah­ren will, dann gelingt das vor allem, wenn er Men­schen, die nicht gemocht wer­den (Poli­ti­kern etc.) Sätze ent­lockt, für die man sie bepö­beln oder aus­la­chen kann. [Und noch schlim­mer ist natür­lich, dass der grund­sät­zliche Ärger über viele Entschei­dungsträger auch noch berechtigt ist, aber die Empörung und die Begrün­dung, die wer­den halt von kaum einen Jour­nal­is­ten noch verknüpft.]

Ein posi­tiv infor­mie­ren­der Jour­na­lis­mus ist auch wei­testgehend über­flüs­sig gewor­den, weil Infor­ma­tio­nen über­flüs­sig sind. Weil jeder schon alles weiß, nicht wis­sen will oder glaubt zu wis­sen. Wiss­be­gie­rig­keit ist auf eine kleine leise Gruppe beschränkt, zu leise, um sich wich­tig zu neh­men (und damit rele­vant zu erschei­nen), zu klein, um öko­no­misch bedeu­tend zu sein. So, genug. Wir wol­len nicht sen­ti­men­tal wer­den. Ich mache nie­man­dem Vor­würfe. Außer der Welt im All­ge­mei­nen. Aber wie meinte mein let­zter Inter­view­part­ner Johan­nes Sil­ber­schnei­der: Im Alter wird manches leichter.

Es war das für mich beste Gespräch und Inter­view, das ich in den letz­ten fünf Jah­ren geführt habe (trotz eines dum­men Feh­lers mei­ner­seits). Und ich bin froh, dass es damit vor­erst ein Ende hat. Ich muss nie­man­den mehr inter­viewen; wenn es sich ergibt, wenn sich die Umstände so fügen, wie ich es für rich­tig halte, wird es viel­leicht ein paar Fort­set­zun­gen geben. Aber sol­che Gesprä­che las­sen sich nicht in Serie, nicht zehn Mal im Jahr, produzieren.

Schweiz vor mir

Nun wech­sle ich also nicht nur die Stadt, son­dern auch das Busi­ness. Auf diese böse Seite, auf die Seite, wo Geld ist und von vornher­ein fest­steht, was gut und rich­tig ist. Wer­bung zu machen ist für mich neu; stra­te­gi­sches Den­ken ist es nicht und bei­des wird schon klap­pen. Hofrat Suess, ja, ich kön­nte jetzt viele Rosen streuen und Erwar­tun­gen an mich und alle ande­ren schü­ren. Mach ich aber nicht. Und des­halb wird das hof­fent­lich nicht der let­zte Arti­kel sein. Jetzt, wo ich kein Port­fo­lio mehr brau­che, kann das hier ja wie­der ein Blog wer­den. Mein Job, für alle die es inter­es­siert, besteht künf­tig in der Social-Media-Betreuung von Hotel/Restaurant Uto Kulm und Uet­li­berg und darin, den Her­ren Hof­rat und Suess beim Ideen struk­tu­rie­ren zu hel­fen. Ideen haben sie näm­lich viele. Die Beste war hof­fent­lich, mich in die Schweiz zu holen.

2 Kommentare

    *Grummel**Grummel**Grummel*Schöner und trau­riger Text.*Grummel*Viel Erfolg und Glück in der Schweiz.*Grummel**Grummel*Lass von Dir hören…*Grummel**Grummel**Grummel*

  • […] Zukunft “Senior Project Man­ager” bei der Schweizer Agen­tur Hofrat Suess, hat in seinem Abschieds– und Anfangs­beitrag in seinem Blog die richti­gen Worte […]