Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Schade um die Tulpen

Eigentlich ist die Idee zu sim­pel, um gut zu sein: Ein Ehep­aar besucht ein anderes, um sich gesit­tet über den Streit ihrer Söhne auszus­prechen – ver­ständlich, weil dabei immer­hin ein Schnei­dezahn abhan­den kam. Aus dieser schlichten Ver­such­sanord­nung hat die Schrift­stel­lerin Yas­mina Reza ein Meis­ter­w­erk der Dialoge gemacht, das 2011 bere­its erfol­gre­ich mit Jodie Fos­ter, Kate Winslet und Christoph Waltz ver­filmt und in den let­zten Jahren an über 60 The­atern aufge­führt wurde.

Bild: Lupi Spuma

Nun hatte das pop­uläre Stück am Schaus­piel­haus Graz Pre­miere und auch da ent­fal­tete die Bril­lanz der unver­schämten Höflichkeiten ihre Wirkung. Sel­ten wird in The­ater­stücken so viel gelacht. Sel­ten gibt es so intel­li­gente Gründe dafür.

Ver­ena Lercher und Olivia Grigolli bril­lieren als Ehe­frauen, die sich zwar andere und bessere Ehemän­ner wün­schen, diese aber im Zweifel doch gegen die Kri­tik der jew­eils anderen vertei­di­gen. Sebas­t­ian Klein und Ste­fan Suske kämpfen den typ­isch männlichen Hah­nenkampf aus, der sich erst in der Ver­brüderung gegenüber dem »zänkischen Weib« befriedet. Man muss um dieses Glanzstück des Sprechthe­aters nicht allzu viel herum insze­nieren, aber was Regis­seur Ste­fan Behrendt tut, ist doch zu viel des Guten: Er lädt seinem Ensem­ble – ver­mut­lich »um etwas Schwung in die Sache zu brin­gen« – immer wieder völ­lig über­triebene Exzesse auf: von alberner Trunk­en­heit über einen Ner­ven­zusam­men­bruch wegen eines kaput­ten Mobil­tele­fons bis zu einem völ­lig unnötig ausar­tenden Tulpen­mas­saker. All diese Szenen wären auch mit deut­lich weniger Übertrei­bung aus­gekom­men – und hät­ten wohl mehr Wirkung gehabt. So ver­liert das Drama an Glaub­würdigkeit und schrumpft zur Posse. Die Tragödie wird in ihrem Höhep­unkt zur Lach­num­mer. Das ist erträglicher, nimmt dem Stück aber viel von seiner wohltuen­den Bru­tal­ität. Mehr Energie hätte dafür dem prü­den bis lang­weili­gen Büh­nen­bild gutgetan.

Den Schaus­piel­ern darf man daraus keinen Vor­wurf machen. Ihnen gelingt allen, was bei diesen Rollen so schwierig ist: das Spie­len zu spie­len. Die bürg­er­liche Fas­sade ken­ntlich entstellt über die Maske der Schaus­pieler zu ziehen, um sie zu ent­lar­ven. Dabei spielt keiner die anderen gegen die Wand, auch das trägt dazu bei, dass dieser zivil­isatorische Ringelpiez seine Span­nung über das gesamte Stück hin­weg hält und eben keiner insze­nierten Höhep­unkte bedarf. Die »Nor­mal­ität« ist drama­tisch genug.

Der Gott des Gemet­zels von Yas­mina Reza
Schaus­piel­haus Graz

u.a. mit Ver­ena Lercher und Ste­fan Suske
28. Dezem­ber sowie 4. und 31. Jän­ner Jew­eils 19.30 Uhr

Foto: Lupi Spuma /Schauspielhaus Graz