Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Fazitgespräch mit Max Otte

Max Otte ist ohne Zweifel das, was man »umtriebig« nen­nen kann. Seit seiner Vorher­sage der Finanzkrise ist er beliebter Gast in Talk­shows, gern ein­ge­ladener Red­ner für Vorträge und gefragter Mark­tken­ner. Dass er dabei gle­ichzeitig als Akteur auf den Finanzmärk­ten und als Experte auftritt, stört dabei ebenso wenig wie die Unmöglichkeit, Otte in eines der gängi­gen poli­tis­chen Lager einzuord­nen. Im Inter­view sprechen wir über seinen the­o­retis­chen Hin­ter­grund und seine Sicht auf die Krise nach dem Crash.

Das Gespräch führte ich für Fazit mit Johannes Tandl.
Die Fotos sind von Mar­ija Kanizaj

Max Otte – Foto: Marija Kanizaj

Der Pendler

Herr Otte, die Eurokrise scheint im Moment etwas an Brisanz zu ver­lieren, dafür haben wir eine Bud­getkrise in den USA, die sogar zum »Shut­down« – also der Schließung aller öffentlichen Ein­rich­tun­gen – geführt hat. Welche der bei­den Krisen ist gefährlicher für die Weltwirtschaft?
Das ist ganz klar die Bud­getkrise. Da gibt es über­haupt keinen Zweifel.

Das über­rascht mich jetzt.

Bei bei­den han­delt es sich vor allem um poli­tis­che Krisen und weniger um Wirtschaft­skrisen. Die eine besteht im Kon­struk­tion­s­man­gel des Euro, die andere in der zunehmenden Radikalisierung der US-Politik.

Aber lässt sich die Bud­getkrise nicht leichter und schneller beheben? Die Eurokrise ist ja nicht mehr allein mit dem Beschluss einer Regierung zu lösen.

Das nicht, die Eurokrise ist eine Schwäche der europäis­chen Poli­tik. Sowohl der heuti­gen als auch jener, die damals den Euro kon­stru­iert hat. Die amerikanis­che Poli­tik ist in gewisser Weise auch schwach, aber es ist vor allem eine ide­ol­o­gis­che Krise zwis­chen den ver­härteten Fron­ten. Und ide­ol­o­gis­che Kämpfe sind immer schwieriger als ratio­nale. Vielle­icht wird das für den Moment noch ein­mal mit einem faulen Kom­pro­miss behoben, aber wir haben eine tiefe Spal­tung in Amerika. Präsi­dent Obama hat eine rote Linie gezo­gen und ich meine zu Recht: Man muss sich mal über­legen, wie durchgek­nallt anti­hu­man Teile der Repub­likaner sind. Es geht darum, jedem Amerikaner das Recht auf eine Kranken­ver­sicherung zuzugeste­hen. Das wurde schon 2010 beschlossen, mit vie­len Kom­pro­mis­sen, die Obama gemacht hat, mit Prü­fung des Ver­fas­sungs­gerichts und so weiter.

Wir haben mit diesem Thema begonnen, weil Sie seit 2005 auch US-Bürger sind. Wie kam es eigentlich dazu?

Ich wollte als Jugendlicher immer amerikanis­cher Außen­min­is­ter wer­den! Das Pro­jekt hat sich nur etwas verzögert.

Sie sagen das ohne Ironie.

Naja, der Außen­min­is­ter wird inzwis­chen etwas schwierig. Aber die Staats­bürg­er­schaft war quasi der meta­ph­ysis­che Abschluss eines Leben­spro­jek­tes. Ich bin viel zwis­chen Amerika und Deutsch­land gepen­delt, habe dann meine Dis­ser­ta­tion in Prince­ton geschrieben, bin später noch an die Uni­ver­sität in Boston gegan­gen, eigentlich war ich da schon wieder men­tal und emo­tional in Europa gelandet. Aber damals hat hier die Impotenz regiert und ich wollte in Amerika poli­tisch mit­gestal­ten, ganz ohne Ironie. Wenn Sie einen guten Uni-Abschluss haben, kann das ja rel­a­tiv schnell gehen.

Vielle­icht hätte das mit einer Hollywood-Karriere à la Arnold Schwarzeneg­ger besser funk­tion­iert.

Der Schwarzeneg­ger hat mich auch fasziniert. Ich hab sogar mal ein Fit­ness­buch geschrieben, weil ich sel­ber fit wer­den wollte. Naja, zumin­d­est Joschka Fis­cher hat es gele­sen und ist dann seinen Marathon ger­annt. Irgend­wann hab ich als Kind ein Foto von Schwarzeneg­ger gese­hen, später dann im Kino in Barcelona, das muss 1985 gewe­sen sein, den Ter­mi­na­tor. Das hat tat­säch­lich zu der Erken­nt­nis geführt, dass man mit Dis­ser­ta­tion, Pro­fes­soren­stelle und dem ganzen Beamte­nap­pa­rat nicht auf dem richti­gen Weg an die Spitze ist. Dafür muss man finanziell unab­hängig sein und auch diese medi­ale Offen­heit ist nicht zu vergessen. Das hat mich der Schwarzeneg­ger gelehrt.

Zurück zur Bud­getkrise: Kön­nten die Europäer nicht viel von dem repub­likanis­chen Anspruch an einen aus­geglich­enen Haushalt ler­nen – also Aus­gaben erst zu beschließen, wenn die Finanzierung gek­lärt ist?

Das klingt gut, ist aber ver­wick­el­ter. Die Krisen, die wir haben, sind primär Ein­nah­menkrisen. Wir haben per­ma­nent die Steuer­ba­sis ver­wässert und aufgewe­icht. Die Super­re­ichen zahlen »nix« mehr, die Unternehmen zahlen lächer­lich wenig. Steuern sind der Preis für ein har­monis­ches Gemein­we­sen. Wenn Obama nun bei den sozialen Grun­drechten ansetzt und dafür nach­haltig die Steuern erhöhen will, dann ist das nachvol­lziehbar. Die Idee, dass ich allein durch Steuersenkun­gen die Wirtschaft ankurbeln kann, ist ein völ­liger Irrglaube. Ein sinnloses Dogma. Wenn ich keine aus­ge­bildete Bevölkerung habe, keinen Zusam­men­halt in der Gesellschaft, geht das alles nicht.

Sie sind also schon ein Anhänger des europäis­chen Sozial­staats?

Das hat mich mit 23 in gewisser Weise auch zurück nach Europa gebracht. Ich bin dann eine Zeit lang gepen­delt. Da kann man fra­gen, was Henne oder Ei ist, aber ich stand eine Weile auf der Kippe und habe mich schließlich meiner Wurzeln beson­nen.

Das klingt nach einer emo­tionalen und nicht nach einer intellek­tuellen Präferenz.

Das kann man sagen.

Ich dachte, als Wirtschafts­forscher inter­essiert Sie vor allem, wie solche Sys­teme ratio­nal funk­tion­ieren.

Nein. Die Börse und die Kap­i­talmärkte sind doch nicht ratio­nal. Wenn ich mit Kol­le­gen disku­tiere, sind das haupt­säch­lich His­toriker, Betrieb­swirte, Sozi­olo­gen und Poli­tolo­gen. Die echten Volk­swirte mei­den mich, weil da auch kein Dia­log zus­tande kommt. Die Hardcore-Modell-Ökonomie ist nicht unbe­d­ingt meines. Wenn Sie sich die Geschichte und die Finanzmärkte anschauen, dann wer­den Sie sehen, dass die hochemo­tional sind und in jede Rich­tung ver­rückt spie­len kön­nen. Das ist in der ver­hal­tenswis­senschaftlichen Finanz­forschung längst bekannt und nur noch nicht bei den Scholastik­ern der Volk­swirtschaft angekom­men. Da gilt der alte Spruch: »In der Praxis mag das gut sein, in der The­o­rie wird das nie funk­tion­ieren.«

Der Wirtschaft­sno­bel­preis wurde dies­mal an drei Forscher vergeben, die sich ähn­lich wie Sie mit Börsen und Krisen­prog­nosen befassen.

Wer war das? Ich war die ganze Zeit unter­wegs und hab es gar nicht mit­bekom­men.

Unter anderem Robert Shiller, der Miten­twick­ler des Immo­bilienin­dex.

Shiller? Das wun­dert mich. Der wird von den meis­ten Hardcore-Ökonomen näm­lich belächelt, weil er keine echte The­o­rie macht. Aber ich finde es toll, dass das Nobel­preiskomi­tee den Mut dazu hatte. Shiller ist näm­lich ein gutes Gegen­mod­ell zu den bisher so oft belohn­ten The­o­retik­ern.
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Die Arbeitsweise ver­schiedener Ökonomen unter­schei­det sich im Detail deut­lich. Wie kom­men Sie zu Ihren The­o­rien, wie arbeiten Sie?

Ich habe schon ein The­o­riege­bäude, auch wenn 90 Prozent meiner Kol­le­gen das nicht so sehen wür­den. Ich glaube, dass Märkte und Wirtschaftsstruk­turen im Kopf stat­tfinden und es da keine Naturge­setze gibt. Ich schöpfe viel aus der Wirtschafts­geschichte, der Philoso­phie und Sozi­olo­gie.

Sie arbeiten also viel mit Lit­er­atur und forschen nicht selbst?

Manch­mal arbeite ich schon sehr empirisch, aber grund­sät­zlich haben Sie recht. Mir geht es vor allem um Mus­ter­erken­nung. Das kausale Mod­ell ist mir gar nicht so wichtig, weil das zwar auf dem Papier stimmt, aber in der Real­ität immer ein, zwei Voraus­set­zun­gen anders sind. Ich halte mich deshalb gern an Ablauf­schemata. Wenn Sie daran denken, dass die Stan­dard­lit­er­atur der Ökonomie fast noch nie das Thema Krisen behan­delt hat … Da gilt immer die Grun­dan­nahme, dass die Märkte zum Gle­ichgewicht tendieren. Schon in dieser Annahme unter­scheide ich mich. Dieser Glaube ist eine Ersatzre­li­gion. Warum sollen Märkte zum Gle­ichgewicht tendieren? Die Mehrheit der Ökonomen sind für mich Priester, die die jet­zi­gen Herrschaftsver­hält­nisse legit­imieren.

Ist das auch heute noch so? Ich habe den Ein­druck, dass die prak­tis­chen Wirtschafts­forscher schon Kon­junk­tur haben.

Nein. Es sehen sich vielle­icht nicht alle in der Selb­stre­flex­ion als Scholastiker, aber sie müssen nur an die Uni­ver­sitäten schauen. Da wird die ersten vier Semes­ter Mikro– und Makroökonomie gelehrt und sonst viel gerech­net. Wenn man das zwei Jahre macht, ist der Nach­wuchs ver­dor­ben. Es braucht erst mal Ideengeschichte, Philoso­phie und Wirtschafts­geschichte, um das Spek­trum men­schlichen Ver­hal­tens zu ken­nen. Aber das kommt in der The­o­rie alles nicht vor, weil das soge­nan­nte »solide Grund­wis­sen«, also Formeln und Mod­elle, für wichtiger gehal­ten wird. Alles andere wird ans Ende des Dok­toratsstudi­ums ver­schoben. Auch über poli­tis­che Macht wird kaum gesprochen …

Man hört bei Ihnen schon das Bedürf­nis nach einem starken Staat her­aus, gle­ichzeitig sind Sie weit weg von jedem Marx­is­mus. Märkte ja, aber die brauchen strenge Regeln?

Genau. Aber wer macht denn die Regeln, wie kom­men sie zus­tande? Das ist die entschei­dende Frage. Wenn die Geset­zge­bung gekauft wird, und sei es indi­rekt über irgendwelche Kon­feren­zen oder Spenden, dann ist klar, wo die Macht liegt. Das sind die großen Branchen­lob­bys und die Großkonz­erne. Bei einer Diskus­sion hier in Graz hat ein Kol­lege mal fest­gestellt: »Wir wis­sen inzwis­chen sehr gut, wie sich Regeln auf den Märk­ten auswirken, aber wir wis­sen nicht, wie Regeln entste­hen.« Dazu kommt diese lib­ertäre Ver­höh­nung des klas­sis­chen Staats­di­eners. Die finde ich zum Kotzen. Es gibt viele Men­schen, die ihr Leben für ein auskömm­liches Einkom­men der All­ge­mein­heit zur Ver­fü­gung stellen. Ärzte, Beamte, Lehrer … Bei denen ist nicht die Bere­icherung das Ziel, son­dern irgen­det­was zur Gemein­samkeit beizu­tra­gen. Das ist doch ein wesentlicher Bestandteil unserer Ökonomie! Und den dafür notwendi­gen Ethos, den müssten wir wieder beleben.

Auch das lässt sich nicht verord­nen. Dafür bräuchte es doch ein ver­trauen­er­weck­endes poli­tis­ches Sys­tem. Also eines, wo der Einzelne sagt: Dieser Staat schützt mich, meine Fam­i­lie und mein Eigen­tum. Auf diesen Staat – nicht nur auf das Land – bin ich stolz. Das ist ja genau das, was ver­loren geht. Sowohl Poli­tik als auch Wirtschaft ver­lieren kon­tinuier­lich Ver­trauen.

Richtig, wir sind in einer Abwärtsspi­rale.

Wie drehen wir die Rich­tung wieder um?

Muss ich Ihnen da Lösun­gen liefern?

Schon. Kön­nte die Europäis­che Union diese Rolle ein­nehmen?

Ach, ein macht­loses, in sich zer­strittenes, hochkom­plexes Gebilde. Der Traum unserer Grün­derväter von den Vere­inigten Staaten von Europa, das wäre es natür­lich. Aber da sind wir heute kaum weiter als 1952.

Ist die EU noch sanier­bar?

Dafür fehlt das eini­gende Moment.

Ist die Krise dafür noch nicht tief­greifend genug, noch nicht alltäglich spür­bar? Mit Aus­nahme der südeu­ropäis­chen Län­der geht es uns ver­dammt gut.

Das ist sicher­lich so. Es ist wirk­lich schlimm, was da unter dem Deck­man­tel, Europa und die EU zu ret­ten, passiert. Fün­fzig Prozent Jugen­dar­beit­slosigkeit in manchen Periph­eri­es­taaten. Das kann es doch nicht sein. Und die großen Ver­mö­gen sind freigestellt.

Sehen Sie diese als greif­bar? Viele kon­ser­v­a­tive Poli­tiker fürchten, dass die Ver­mö­gen dann sofort in Steueroasen abwan­dern.

Das ist doch alles eine Frage der Geset­zge­bung und des poli­tis­chen Wil­lens. Wenn so ein paar Kern­staaten wie Frankre­ich und Deutsch­land anfan­gen und als eine Koali­tion der Willi­gen vor­ange­hen wür­den, dann wäre das ein erster vernün­ftiger Ansatzpunkt.

Glauben Sie, dass wir auch in Zen­traleu­ropa noch den Preis für unsere eben­falls hohen Schulden und die viel zu pos­i­tive Han­dels­bi­lanz bezahlen müssen? Wird es bei uns auch noch mehr Arbeit­slose geben, steigt die Infla­tion?

Tja, wenn man das wüsste. Wir zahlen auf jeden Fall den Preis über die Infla­tion …

Die lag aber auch zuletzt immer bei etwa zwei Prozent.

Nein, die echte Infla­tion ist bei vier bis fünf Prozent bei Lebens­mit­teln, Energie, Gesund­heit. Also das, was bei kleinen Spar­ern eine Rolle spielt. Wir reden dort über ein Prozent Guthaben­zin­sen und vier Prozent Infla­tion, macht im Jahr minus drei Prozent. Rech­nen Sie das mal auf zehn Jahre hoch! Die zwei Prozent Geld­in­fla­tion, von der Sie sprechen, sind sehr schön dahinge­bastelt. Wenn ein Com­puter die Rechen­leis­tung ver­dop­pelt und der Preis sta­bil bleibt, wird das sta­tis­tisch so gew­ertet, als ob sich der Preis hal­biert hätte. Sie brauchen aber trotz­dem den ganzen Com­puter. Die Sparer wer­den schle­ichend enteignet und damit zahlen diese und die Lebensver­sicherten den Preis für die Krise.

Trifft das tat­säch­lich nur die berühmten kleinen Sparer oder auch die großen Ver­mö­gen?

Geld­ver­mö­gen ist in Europa haupt­säch­lich eine Sache der Mit­telschicht. Das große Ver­mö­gen steckt in Aktien, Immo­bilien und allen möglichen Anlage­for­men.

Sehen Sie die Infla­tion nicht auch als Ausweg aus der Schuldenkrise?

Na klar. Muss sie ja sein, und das wird von den poli­tis­chen Spitzen sicher­lich gern in Kauf genom­men.

Ist der Euro für die Sparer dabei eher eine Hilfe, dass es nicht ganz so schlimm wird, oder ver­stärkt er diese Effekte noch?

Die Gesamt­ef­fekte sind sicher neg­a­tiv. Nor­maler­weise müssen die Mit­teleu­ropäer infla­tion­ieren und je südlicher die Län­der liegen, desto eher müsste defla­tion­iert wer­den. Die bru­tale Lohn­drück­erei die nun im Süden erfolgt, ist ein Prob­lem, das durch die Ein­führung des Euro noch größer gewor­den ist. Zuerst sind die Löhne und Gehäl­ter um 50 Prozent gestiegen, damit waren diese Län­der nicht mehr wet­tbe­werb­s­fähig. Die Eurokrise ist ja keine Währungskrise, son­dern eine innereu­ropäis­che Krise der Zahlungs­bi­lanz. Der Süden importiert mehr von Mit­teleu­ropa als umgekehrt und das muss behoben oder aus­geglichen wer­den, in jedem Fall muss es finanziert wer­den. Das passiert im Moment auf Kosten der Sparer hier und auf Kosten der Arbeit­nehmer im Süden.

Für Sie ist die Euroret­tung dem­nach nicht alter­na­tiv­los. Wäre es besser, den Euro zu zer­schla­gen?

Zer­schla­gen will ich nicht sagen, aber es wäre besser gewe­sen, die Griechen draußen zu lassen. Sie müssen immer auf­passen, dass Sie da nicht die Rhetorik der Spitzen­poli­tiker übernehmen.

War der Satz von Angela Merkel »Scheit­ert der Euro, dann scheit­ert Europa!« dem­a­gogisch und gefährlich?

Das war Verängs­ti­gungsrhetorik. Auch diese Dummheit, das Schick­sal der Europäis­chen Union an Griechen­land zu kop­peln … Griechen­land ist gescheit­ert: Arbeit­slosigkeit, Ein­bruch der Wirtschaft­sleis­tung, Ver­ar­mung der Mit­telschicht. Chaos. Ital­ien ist zum Beispiel in einer viel besseren Sit­u­a­tion, es gibt viel mehr Reser­ven im Land, während Griechen­land sogar noch ver­steckt Schulden hat.

Ökonomisch gebe ich Ihnen völ­lig recht, aber ist das poli­tis­che Sig­nal, das von einem Auss­chluss Griechen­lands aus der Euro­zone aus­ginge, nicht tat­säch­lich gefährlich?

Nein, wieso? Sie bleiben in der Europäis­chen Union, kön­nen ihren eige­nen Weg wählen. Mag sein, dass ein paar Banken wack­eln, die wir dann ret­ten müssen. Aber dadurch haben zumin­d­est erst mal die Eigen­tümer die Ver­luste geschluckt. Wenn es dann für das Sys­tem schwierig wird, muss natür­lich einge­grif­fen wer­den, aber man muss ja nicht jede Bank mit Lehman Broth­ers ver­gle­ichen. Da wusste man noch nicht, wie die Akteure agieren. Diese ganze Rhetorik um den Flächen­brand halte ich für vorgeschoben.

Weiß es die Poli­tik nicht besser oder warum wird so an der beste­hen­den Euro­zone fest­ge­hal­ten?

Also für Poli­tiker ist das eine prof­itable Sit­u­a­tion, die kön­nen sich als Ret­ter posi­tion­ieren. Schäu­ble gefällt sich als Krisen­man­ager. Maria Fek­ter hat wahrschein­lich auch Spaß dran gehabt. Da gibt es starke Anreize, dieses Spiel zu spie­len. Die Finanzbranche und die Großin­dus­trie wollen das Sys­tem natür­lich auch behal­ten, aber das schadet dem Mit­tel­stand. Es wird alles gerettet und wenn das nicht mehr hilft, dann kommt Krieg. »Der Euro hat den Frieden gesichert«, ich weiß nicht, wie man die Frech­heit haben kann, solchen Quatsch zu behaupten.

Dahin­ter steckt die Idee, dass Natio­nen, die miteinan­der han­deln, nicht gegeneinan­der Krieg führen.

Der Englän­der Nor­man Angell hat 1910 »The Great Illu­sion« geschrieben und behauptet, dass Eng­land so viele Invest­ments in Deutsch­land hat und umgekehrt, dass ein Krieg völ­lig unmöglich ist. Wir wis­sen alle, welcher Krieg 1914 dann begonnen hat. Und es stimmt ja nicht. Wir haben auch ohne den Euro gehan­delt, hat­ten ein Währungssys­tem mit fest­gelegten Wech­selkursen, das im Zweifel aber anpass­bar war. Das war genau das richtige Maß an Flex­i­bil­ität.

Ich sehe den Punkt, dass das dama­lige Sys­tem gut weiter funk­tion­iert hätte. Ist aus heutiger Sicht eine Rück­kehr dazu aber noch sin­nvoll?

Den Über­gangsp­fad sehe ich derzeit nicht, aber wenn wir das Dogma aufgeben, dass auch das schwäch­ste Land drin­nen bleibt, dann gibt es Chan­cen auf ein Sys­tem, das atmet.

Sie haben die Men­schen, die von der Krise prof­i­tieren, schon ange­sprochen. Sie selbst gehören auch dazu …

Klar.

Sie treten als »der Crash-Prophet« in den Medien auf, verkaufen Ihre Bücher und machen damit für Ihren Anlage­fonds Wer­bung. Wie gehen Sie mit dieser eigentlich absur­den Sit­u­a­tion um, dass Sie von der Krise prof­i­tieren?

Erst mal ver­suche ich, die Dinge beim Namen zu nen­nen. Mit dem Titel als Crash-Prophet habe ich so meine Prob­leme, aber ich kann den Medien ja nicht vorschreiben, wie sie mich nen­nen sollen. Natür­lich freue ich mich, dass es jetzt läuft, wie es läuft. Ich habe lange mit dieser Crash-Prognose gewartet und das damals sehr genau begrün­det. Seit 1999 bin ich vor allem Finanzpub­lizist, seit 2008 haben wir den eige­nen Fonds, der im Wesentlichen auf Aktien auf­baut. Die unternehmerische Aktiv­ität wäre nicht da, wo sie ist, wenn ich von 1999 bis 2005 nicht sechs knüp­pel­harte Jahre gehabt hätte. Eine Insol­venz und mehrere harte juris­tis­che Auseinan­der­set­zun­gen. Die Crash-Prognose war natür­lich ein Turbo-Beschleuniger, aber wenn keine Sub­stanz da wäre, würde das nicht funk­tion­ieren.

Womit ver­brin­gen Sie in etwa wie viel Zeit? Sie sind ja Uni­ver­sität­spro­fes­sor, Unternehmer, und dann gibt es den Medi­enex­perten.

Zuerst kom­men meine Kinder. Das ist ganz wichtig, zwei Tage die Woche und die hal­ben Ferien. In der ganzen Zeit habe ich immer ver­sucht das durchzuhal­ten. Die Lehre ist im Moment sehr wenig, die Pro­fes­sur in Worms ist ruhend gestellt. Es ist daher wirk­lich nur noch eine Vier­tel­stelle hier in Graz, das sind im Jahr etwa zehn Tage. Dazu kom­men 60 bis 70 Vorträge. Das Fonds­man­age­ment ist gar nicht so viel. Der Fonds hat ja gut funk­tion­iert, bis vor einem Jahr hab ich das noch sel­ber gemacht, jetzt habe ich dafür ein Team. Aber auch das müssen Sie anleiten und trainieren.

Und wo kommt finanziell am meis­ten her­aus?

Das ist kom­plex. Meine Vorträge waren ein schöner Neben­ver­di­enst, da gibt es schon ordentliche Hon­o­rare. Inzwis­chen mache ich ins­ge­samt weniger Vorträge, dafür mehr ehre­namtlich, weil die Bürger ja Aufk­lärungs­be­darf haben. Ich wollte auch nicht als Sem­i­nar– und Vor­tragsreisender leben. Die finanzielle Basis bietet der Finanzver­lag. Darüber hin­aus wer­fen die Fond­stätigkeiten immer wieder etwas ab, dieses Jahr sogar recht ordentlich, aber bisher ist der Koste­nap­pa­rat par­al­lel mit den Umsätzen gewach­sen.
Max Otte

Mich hat näm­lich inter­essiert, ob Sie schon zu den­jeni­gen gehören, die aus Geld mehr Geld machen und nicht mehr pro­duk­tiv sind. Das kri­tisieren Sie ja auch sel­ber.

Dieser Scheit­elpunkt ist bei mir bald erre­icht. Die Fonds entwick­eln sich durch meine Bekan­ntheit natür­lich sehr gut. Was ich mache, ist »Value-Investing«, da habe ich moralisch über­haupt keine Prob­leme: Ich kaufe Aktien, wenn keiner sie haben will, und verkaufe sie wieder, wenn alle sie haben wollen. Ich han­dle nicht mit Derivaten, son­dern nur mit Pro­duk­tivver­mö­gen. Ich hätte nichts gegen eine Finanz­transak­tion­ss­teuer. Das würde diese volatilen Märkte etwas dämpfen, weil dann zumin­d­est der Blitzhan­del eingeschränkt wird.

Aber Sie kön­nten von Ihrem Finanzeinkom­men inzwis­chen leben?

Ja. Und ich zahle auf meine Gewinne nur 25 Prozent Kap­i­taler­tragss­teuer. Sie müssen für Ihr Arbeit­seinkom­men etwas mehr zahlen. Das ist doch total komisch. Und ich bin natür­lich sehr dafür, dass sich das ändern muss und Arbeit geringer besteuert wird.

Sie sind in kein poli­tis­ches Lager einzuord­nen, bedi­enen sich rhetorisch von allen: bei der linken Sahra Wagenknecht und bei Früh-Nazi Oswald Spen­gler …

… der sich aber den Nazis ent­zo­gen hat. Er ist natür­lich sehr kon­ser­v­a­tiv, aber als Goebbels ihn haben wollte, hat er sich ver­weigert.

Ergibt sich diese Polar­isierung von selbst oder spie­len Sie dabei mit den Medien?

Das ist ein tiefes weltan­schauliches Fun­da­ment, das ich habe. Ich würde es als kontinentaleuropäisch-deutsch-österreichisch-schweizerisches Mod­ell beze­ich­nen …

Nicht amerikanisch?

Nein, genau das Gegen­mod­ell. Das ist tief in mir drin und das ist das, was ich wieder­ent­deckt habe.

Sie wären auf­grund Ihrer beru­flichen Erfahrun­gen ein ide­aler Quere­in­steiger in die Poli­tik. Sie ken­nen die Finanzwirtschaft, die Pri­vatwirtschaft, haben an der Umstruk­turierung des deutschen Wirtschaftsmin­is­teri­ums mit­gear­beitet. Haben Sie noch poli­tis­che Ambi­tio­nen?

Nein, Poli­tiker zu wer­den ist inzwis­chen aus­geschlossen. Ich wollte das immer machen, mein Vater war ein extrem engagierter CDU-Kommunalpolitiker. Aber der Spiel­raum ist heute so klein und man wird so schnell mit Dreck bewor­fen. Da laufen so viele kleine Charak­tere herum, man hat gar keine Chance. Und in diesem Mei­n­ungsklima habe ich keine Lust, als Nonkon­formist in der Poli­tik etwas zu machen. Es ist deprim­ierend, aber ich glaube, ich kann so mehr für die Welt arbeiten, die ich mir vorstelle.

Herr Otte, vie­len Dank für das Gespräch.

Max Otte wurde 1964 in Plet­ten­berg bei Dort­mund geboren. Nach einem betriebs– und volk­swirtschaftlichen Studium in Köln fol­gte 1989 das Dok­torat an der Uni­ver­sität Prince­ton, gle­ichzeitig war er in zahlre­ichen Fir­men der Pri­vatwirtschaft tätig. 2000 ging Otte ein Joint Ven­ture mit der Freenet AG ein, das aber mit dem Platzen der »Dot-Com-Blase« 2002 scheit­erte. Par­al­lel grün­dete er eine Finanzber­atung für Pri­vatkun­den, die seit 2008 auch zwei erfol­gre­iche Fonds führt. Seit 2011 lehrt Otte in Graz Unternehmensführung. Der großen Öffentlichkeit ist er durch die 2006 in »Der Crash kommt« veröf­fentlichte Vorher­sage der Finanzkrise bekannt.