Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Kunst. Von der Freiheit, Geld zu verdienen

erschienen in Fazit Nr. 94
Mitar­beit: Lars Woremte

Kunst ohne Geld gibt es nicht. Mit ihr wird spekuliert wie mit Aktien, Kün­stler wer­den von Agen­turen ver­mit­telt, Inten­dan­ten wie Fußball­spieler verpflichtet. Immer häu­figer wird auch das Geld selbst Teil der Kunst. Sie als Wirtschaft­szweig zu klas­si­fizieren ist ein prob­lema­tis­cher Schritt, weil Kunst ja immer auch mehr sein soll als bloße Kon­sum­be­friedi­gung. Die Verbindung zwis­chen schöner Muße und schnö­dem Mam­mon ist heute aber unvermeidlich.

Die britis­che Kün­st­lerin Jus­tine Smith zum Beispiel nutzt Geld­scheine als Mate­r­ial für ihre Col­la­gen. So entste­hen Land­karten und Waf­fen. Der Schweizer Ian Anüll presste Ban­knoten in Form einer Kerze und lud so zur Geld­ver­bren­nung ein. Für 2.500 Euro hätte man sich dieses Exponat auch gle­ich kaufen kön­nen. Jota Cas­tro hängte 2009 Gal­gen­stricke aus Dol­larnoten in einem Raum auf. All das ist längst kein Aufreger mehr. Ausstel­lun­gen, die sich ganz explizit mit dem Thema Geld und Kunst befassen, finden längst in regelmäßi­gen Abstän­den wohl einge­bet­tet in den alltäglichen Kul­turbe­trieb statt. Beim steirischen herbst sind heuer 21 Kün­stler in der Ausstel­lung »Liq­uid Assets« zusam­menge­fasst, die sich mit Geld und Mark­t­mech­a­nis­men auseinan­der­set­zen will. Die Kri­tik an Markt und Geld funk­tion­iert in der Kunst meist nur in der Übertrei­bung und Per­ver­sion des Mark­tes, aber immer inner­halb des Sys­tems, das man eigentlich kri­tisieren will. Sich als Kün­stler diesem Geschehen zu ver­weigern, seine Kunst den Mark­tregeln zu entziehen funk­tion­iert kaum, ohne dafür den Preis der Nicht­beach­tung zu zahlen.

Eine der weni­gen Aus­nah­men ist Michael Mar­covici, der sich als Kün­stler und Unternehmer ver­steht. In dieser Funk­tion war er bis zur Insol­venz seines Unternehmens Qen­tis der größte eBay-Händler Europas. Als Kün­stler stellte er mit »One Bil­lion Dol­lar« ein lei­der miss­glück­tes Kunst­werk aus. Der ursprünglichen Inten­tion, eine Mil­liarde US-Dollar auszustellen, musste auf­grund der hohen Kosten, die für die Zin­sen eines solchen Betrages zu zahlen gewe­sen wären, eine Nach­bil­dung weichen. Kom­biniert hat er seine kün­st­lerische und wirtschaftliche Tätigkeit später im Pro­jekt »Rat­traders«: Rat­ten han­del­ten für ihn an der Börse mit allen möglichen Finanzpro­duk­ten. Waren sie dabei erfol­gre­ich, gab es Fut­ter, machten sie Ver­luste: Strom­schläge. Laut Berech­nung Mar­covi­cis waren die Rat­ten in ihrer Tre­f­fer­quote ähn­lich gut wie durch­schnit­tliche Fondsmanager.

Bei der Kun­stausstel­lung doc­u­menta 11 (2002) präsen­tierte Maria Eich­horn das Stammkap­i­tal einer tat­säch­lich nach deutschem Recht gegrün­de­ten »Maria Eich­horn Aktienge­sellschaft«. Inklu­sive aller For­mu­lare und Regeln, die für dieses »Unternehmen« und sein Kap­i­tal gal­ten. Statt wirtschaftlich aktiv zu wer­den übertrug Eich­horn alle Anteile der AG an die AG selbst. Das dadaistisch-kritische Werk blieb aber im Sta­dium des Kunst­werks, weit­er­en­twick­elt wurde es vor kurzem in Graz: Vor einem Jahr grün­dete sich aus dem Kun­stverein »eeza« her­aus die »dp Pro­jek­t­form AG«. Eine echte Aktienge­sellschaft und im Gegen­satz zu Eich­horns AG vor allem zum Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit. Rund um die Vor­standsvor­sitzende Bar­bara Som­merer entwick­elt die Firma Ausstel­lungskonzepte für Museen, Unternehmen und Indus­trie. Die kün­st­lerische Tätigkeit wird ganz klar als Dien­stleis­tung verstanden.

Wenn sich Kunst nor­maler­weise mit Geld auseinan­der­setzt, geschieht das bis auf diese zwei let­zt­ge­nan­nten Aus­nah­men vor allem kap­i­tal­is­muskri­tisch. Egal ob diese Kri­tik explizit oder indi­rekt ist, ob sub­til oder brachial, iro­nisch oder konkret: Mit der Ausstel­lung von Geld wird es immer auch kri­tisiert. Tat­säch­lich kreativ – im schöpferischen Sinne – sind aber nur jene gewor­den, die über diese Kri­tik hin­aus­ge­hen und sich vom kri­tisierten Objekt möglichst unab­hängig machen. Und sei es dadurch, dass sie es durch Arbeit ver­di­enen. So gelingt zumin­d­est die Befreiung von der öffentlichen Kun­st­förderung, die in den let­zten Jahren zunehmend in der Kri­tik stand und mit ihr auch jede Form geförderter Kunst. Vor einem Jahr erlebte die Debatte um die sub­ven­tion­ierte Kunst ihren vor­läu­fi­gen Höhep­unkt, als vier Autoren ein Buch unter dem Titel »Der Kul­tur­in­farkt« veröf­fentlichten. Zeit­gle­ich wurde in der Steier­mark das »Sparpaket« bekannt gegeben, das für den Kul­turbere­ich mit dem Slo­gan »Die Großen ret­ten die Kleinen« zusam­menge­fasst wurde. Während die kleineren Ini­tia­tiven und Vere­ine ihre Exis­ten­zsicherung behiel­ten, mussten Joan­neum und Büh­nen, also Oper, Schaus­piel­haus und Orpheum, teils deut­liche Einsparun­gen verkraften. Dadurch erhöhte sich ins­ge­samt der Legit­i­ma­tions­druck für alle Sub­ven­tion­sempfänger. Besucherzahlen, Spon­sor­ing und Eigen­fi­nanzierung wur­den immer wichtiger. Kunst und Kul­tur müssen automa­tisch mehr Pub­likum anziehen, sie müssen massen­tauglicher wer­den und das ver­langt einen höheren (finanziellen) Ein­satz für die soge­nan­nte Kul­turver­mit­tlung. Mit der abstrak­ten Idee von der Frei­heit der Kunst ist das nicht unbe­d­ingt zu vere­in­baren. Da ähneln sich die Ansprüche an Hochkul­tur und ORF: Beide müssen ihre öffentlichen Sub­ven­tio­nen legit­imieren. Zum einen mit gesellschaftlicher Rel­e­vanz, gemessen an Ein­schaltquote und Besucherzahlen, und zum anderen mit einem Qual­ität­sanspruch, der als »Bil­dungsauf­trag« allen Insti­tu­tio­nen eingeschrieben ist und der öffentlich immer neu ver­han­delt wird. Aus staatlichen Förderun­gen leitet sich auch eine Erwartung an Qual­ität und Quan­tität der Ergeb­nisse ab.

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Das Uni­ver­salmu­seum Joan­neum kon­nte im let­zten Jahr in bei­den Bere­ichen punk­ten – dank des neu gestal­teten Joan­neumsvier­tels und der dor­ti­gen Ausstel­lun­gen wurde man eben jenem Qual­ität­sanspruch gerecht, der einer solchen Insti­tu­tion entspricht. Gle­ichzeitig gelang trotz reduzierter Öff­nungszeiten (Spar­maß­nahme) ein neuer Besucher­rekord. Im Detail fällt aber auf, dass es vor allem der Schloss­park Eggen­berg ist, der wohl haupt­säch­lich wegen seiner Grü­nan­la­gen geschätzt wer­den dürfte. Nur die Hälfte der Besucher finden ihren Weg auch noch in die Prunk­räume, die Münzsamm­lung oder das Archäolo­giemu­seum im Schloss. Aber Achtung, die Besucher wur­den zwar mehr, die Erlöse aus Ein­trittskarten gin­gen im Ver­gle­ich zu 2011 allerd­ings um vier Prozent zurück. Dass ins­ge­samt trotz­dem mehr ein­genom­men wurde als im Vor­jahr, ver­dankt das Joan­neum vor allem den gestiege­nen Ein­nah­men aus Spon­sor­ing und Ver­anstal­tun­gen. Ins­ge­samt ergibt sich für das steirische Lan­desmu­seum fol­gen­des Bild: Den Kosten von über 21 Mil­lio­nen Euro ste­hen Eigen­er­löse von ger­ade ein­mal 2,8 Mil­lio­nen gegenüber – davon stammt nicht ein­mal eine Mil­lion Euro aus Ein­tritts­geldern. Die restlichen 18,5 Mil­lio­nen kom­men haupt­säch­lich vom Land Steiermark.

Kunst als Wer­bung
So schwer es die öffentlichen Sub­ven­tion­sempfänger des Kul­turbe­triebes haben, allen an sie herange­tra­ge­nen Ansprüchen gerecht zu wer­den, so leicht scheint es anderen zu fallen, ihr kün­st­lerisches Schaf­fen ohne Geld­sor­gen zu ver­wirk­lichen. Erfolg bringt mehr als jede Sub­ven­tion. Dabei ist Massen­tauglichkeit nicht ein­mal das wichtig­ste Kri­terium – vielmehr geht es darum, zumin­d­est bes­timmten Bedürfnis­sen des irra­tionalen Mark­tes zu entsprechen und aus­re­ichend viele Gön­ner, Inter­essierte, ja Kun­den zu finden, die bereit sind die Kun­st­pro­duk­tion zu fördern. Große Unternehmen haben längst erkannt, dass sich mit der Investi­tion in Kunst Geld ver­di­enen lässt. Und zwar auf viel­er­lei Art und Weise: Der Ver­leger Hubert Burda (Bunte, Focus, Play­boy) gilt als engagierter Kun­st­samm­ler und hat einige Werke im kaum genutzten Trep­pen­haus seines Münch­ner Ver­lags­ge­bäudes hän­gen, über die sich so manches Museum freuen würde.

Wer­bung für die Kunst
Aber auch kun­stsin­nige Lieb­haberei ist nicht notwendig: die kitschi­gen Nippes-Artikel mit dem Auf­druck der bei­den gelang­weil­ten und inzwis­chen lang­weili­gen Engel der six­tinis­chen Madonna, ein sim­pler Cit­roën, der nach Pablo Picasso benannt wurde, oder das Hotel Daniel in Wien, auf dessen Dach eine Erwin-Wurm-Skulptur steht. Mit den unter­schiedlich­sten Ansprüchen an den eige­nen Umgang mit Kunst ist diesen Beispie­len gemein­sam, dass sie von Unternehmen zur Steigerung des eigentlichen Pro­duk­twertes ver­wen­det wer­den. Das ist keine Sel­tenheit und oft ist es wie bei Schoko­laden­pro­duzent Josef Zot­ter so, dass der kün­st­lerische Ein­fluss tat­säch­lich Teil des Pro­duk­tes ist. Die Zeich­nun­gen von Andreas Gratze sind extra für die entsprechende Schoko­lade ent­standen. Streng genom­men müsste man sie als »Design« definieren und in dieser Diskus­sion ignori­eren. Aber wird Kunst dadurch schlecht, dass sie kom­merziell ver­w­ert­bar und erfol­gre­ich ist? Die antikom­merzielle Grund­hal­tung, die einige Kün­stler noch immer vertreten, ist entweder Attitüde oder das Totschla­gar­gu­ment der Erfol­glosen. Das Argu­ment »Wer Geld mit Kunst ver­di­ent, der macht keine Kunst« ist nicht mehr halt­bar. Aber die Umkehrung, daraus die Ein­stel­lung aller Sub­ven­tio­nen zu fol­gern, ist natür­lich ebenso abwegig. Kom­merzielle Erfol­glosigkeit ist eben auch kein let­zt­gültiges Kri­terium für »schlechte Kunst«. Die qual­i­ta­tiven Ein­schätzun­gen, die über das sit­u­a­tive Gefallen hin­aus­ge­hen, sind dem Urteil von Kun­sthis­torik­ern über­lassen, die meist eben­falls im sub­ven­tion­ierten Bere­ich angestellt sind.

Der einzelne Poli­tiker und seine Kul­turver­wal­ter fürchten sich davor, Entschei­dun­gen zu tre­f­fen und dafür haft­bar zu sein. Das führt zu einer großen Vielfalt an Gremien. Nie­mand unter­stützt mehr mit großer Geste, son­dern jeder nur ein bisschen.

Dieter Hasel­buch u.a in “Der Kul­tur­in­farkt” Knaus. 2012

Der Gedanke ist natür­lich reizvoll: im undurch­sichti­gen und ver­bürokratisierten Sys­tem dieses kultur-industriellen Kom­plexes ein wenig roden. »Von Allem zu viel und über­all das Gle­iche« lautet der Unter­ti­tel zum »Kul­tur­in­farkt«, dessen polemis­che Forderung darin besteht, die Kul­tur­sub­ven­tio­nen auf die Hälfte zu kürzen. Vielle­icht hat also die Steier­mark mit der ver­suchten 25-Prozent-Streichung ein gar nicht so schlechtes Ziel vorgegeben. Eine gewisse Mark­t­bere­ini­gung muss auch der Kunst nicht schaden. Denn zu oft hat es den Ein­druck, und ein solcher Ein­druck kann immer nur sub­jek­tiv sein, dass ver­meintliche kün­st­lerische Qual­ität erst das Resul­tat einer Förderung ist – nicht umgekehrt. Die Sub­ven­tion zeich­net aus und erhöht dadurch das Werk und seinen Kün­stler. Ästhetis­che Urteile wer­den so zu Fra­gen des Lob­by­ings, der Macht und der Willkür. Die kün­st­lerische Wirkung über den Dun­stkreis von Kün­stlern und Kul­tur­sub­ven­tion­ier­ern hin­aus zur Nebensache.

Der bere­its erwäh­nte Kun­stverein eeza hat immer ver­sucht, ohne öffentliche Förderun­gen auszukom­men. Auch wenn er durch Aufträge des steirischen herb­stes oder des Joan­neums davon prof­i­tiert hat. Mit der 2012 gegrün­de­ten »dp Pro­jek­t­fo­rum AG« heben sich die Kün­stler um Bar­bara Som­merer auf eine Stufe mit ihren Kun­den aus der freien Wirtschaft. Und zu denen zählte unter anderem das Lafarge-Zementwerk in Ret­znei, für das sie eine ansprechende und anspruchsvolle Werks­bege­hung ermöglicht haben, oder auch die Knill-Gruppe, die ihre mitunter schwer greif­baren Pro­dukte durch die Pro­jek­t­form in einem Besucherzen­trum hat auf­bere­iten lassen. Die kün­st­lerische Lust auf Wirtschaft geht inzwis­chen so weit, dass sich die AG seit 2013 unter dem Titel »Kunst fördert Wirtschaft« weit über das hin­aus­be­wegt, was Wer­bung, PR und Design üblicher­weise für Betriebe leisten.

Geld verän­dert Kunst
Ob es um öffentliche Förderung, ökonomis­che Ein­bindung oder pri­vate Lieb­haberei geht: Kunst wird sicht­bar gemacht und verän­dert. Wenn sich mit einer bes­timmten Art von Kunst kein Geld ver­di­enen lässt – sei es, weil dafür keine Förderun­gen bewil­ligt wer­den, sei es, weil sich dafür keine pri­vaten Käufer finden –, dann wird diese Kun­st­form ein beschei­denes Dasein fris­ten und in der Irrel­e­vanz ver­schwinden. Der Unter­schied zwis­chen dem bloßen Ausleben indi­vidu­eller Kreativ­ität und rel­e­vanz­be­ladener Kunst ist eben vor allem einer der Ver­w­er­tung und Ver­wen­dung. Über die objek­tive Qual­ität lassen sich so natür­lich keine Urteile tre­f­fen. Wenn Heimo Zobernig eine weiße Lein­wand aufhängt und diese in einen Kon­text setzt, der so überzeu­gend ist, dass er dafür auf der ganzen Welt und eben auch im Grazer Kun­sthaus eine Ausstel­lung bekommt (siehe Seite 60), dann besteht ein evi­den­ter Unter­schied zu einem Schüler, der – aus Faul­heit oder Genial­ität – im Kun­stun­ter­richt ein unberührtes Blatt abgibt und dafür ein »Nicht genü­gend« erhält. »Der Markt« – und Förderin­sti­tu­tio­nen gehören in diesem Sinne sehr wohl dazu – ist im Gegen­satz zu Kun­sthis­torik­ern eben nicht zum abstrak­ten Urteil fähig. Er beurteilt nicht, ob etwas in einem beson­deren Kon­text zu würdi­gen ist. Auf ihm wird entsch­ieden, wie viele Men­schen – Poli­tiker, Besucher, Inve­storen … – bereit sind, das ihnen zur Ver­fü­gung ste­hende Bud­get an Zeit und Geld für ein bes­timmtes Kunst­werk oder eine bes­timmte Kun­st­form auszugeben. Und so haben alle ihre Chan­cen: Wer zuerst öffentliche Aufmerk­samkeit bekommt, der wird mit­tel­fristig auch Förderun­gen dafür bekom­men, und wer öffentlich gefördert wird, der wird bei aus­re­ichen­der Bewer­bung anfan­gen aufz­u­fallen. Allerd­ings wird bei­des an jene Gren­zen der Anerken­nung stoßen, die der Kün­stler und sein Werk durch ihre Qual­ität – oder fehlende Qual­ität – provozieren.

Dabei wer­den Dummköpfe und Ahnungslose immer wieder auf Schar­la­tane here­in­fallen, so ist der Men­sch. Unge­bildete Kul­tur­poli­tiker, die ihr Ressort meist nur aus macht­poli­tis­chen Grün­den annehmen, müssen dann über Förderun­gen in der bilden­den Kunst entschei­den. Erfol­gre­iche Unternehmer auf Anraten ihrer Steuer­ber­ater in Kunst­werke investieren, deren Urhe­ber sie bis dahin nicht kan­nten. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut und die jew­eili­gen Wahrschein­lichkeiten richten sich nicht nur nach dem Kun­stsinn des Käufers, son­dern auch nach dem der restlichen Gesellschaft. Ständig wird neu ver­han­delt wer­den, wie sich der kün­st­lerische Wert eines Objekts oder gar einer Per­for­mance in Geld umrech­nen lässt. Ver­liert sich bei all dem das, was die ver­meintliche Auf­gabe der Kunst ist? Die Unab­hängigkeit, die Wider­ständigkeit und Unbe­quem­lichkeit, die immer auch Teil kün­st­lerischen Schaf­fens ist, wenn es über Handw­erk, Design und Deko­ra­tion hin­aus­ge­hen soll.

Auf dem Basar der Musen
Den Grazer Clemens J. Setz als auf­streben­den Autor zu beze­ich­nen wäre schon eine Untertrei­bung. Der Debütro­man des 30-Jährigen ist erst 2007 erschienen – seit­dem fol­gten bere­its drei weit­ere umfan­gre­iche und kom­plexe Werke. Nach einem Preis bei den Tagen der deutschsprachi­gen Lit­er­atur in Kla­gen­furt 2008 fol­gte 2011 der Leipziger Buch­preis. Aus­geze­ich­net wurde er zuletzt – und das ist für diesen Kon­text inter­es­sant – mit dem Lit­er­atur­preis des Kul­turkreises der deutschen Wirtschaft, dotiert mit stat­tlichen 20.000 Euro. Setz steht weder im Ver­dacht, beson­ders bekömm­liche oder massen­taugliche Bücher zu schreiben – im Gegen­teil. Und trotz­dem hat er Erfolg. Ebenso wenig findet sich bei ihm ein antikom­merzieller Reflex. Er ist sogar froh, dass gle­ich im Namen des Preises klar wird, wer ihn vergibt und finanziert. Mit seinen Büch­ern ist er einer der weni­gen Autoren der Steier­mark, die tat­säch­lich allein von ihrer lit­er­arischen Arbeit leben kön­nen. Obwohl sich auch er trotz des momen­ta­nen Erfolges mit der Tat­sache auseinan­der­setzt, dass diese Unab­hängigkeit in den aller­meis­ten Fällen nicht von Dauer ist: »Ich werde irgend­wann in den näch­sten Jahren von der Bild­fläche ver­schwinden, so wie die aller­meis­ten Autoren. Es kann auch anders kom­men, aber das wäre der ein­deutig sel­tenere Fall und ich wäre sehr dumm, würde ich mir das Gegen­teil einzure­den versuchen.«

Dass man von kün­st­lerischem Tun tat­säch­lich in Wohl­stand leben kann, ist nicht immer der Fall. Lässt man die pop­ulären Extrem­beispiele und Selb­st­ständige außen vor, zeigt die Sta­tis­tik ganz klar: Die 80.000 unselb­st­ständig Erwerb­stäti­gen im Kul­tursek­tor ver­di­enen im Schnitt vier Prozent weniger als der Gesamt­durch­schnitt. Wirft man einen Blick auf die Verteilung dieser Einkom­men, ist das Bild noch drastis­cher: Die zehn Prozent der kün­st­lerisch Täti­gen mit dem ger­ing­sten Einkom­men liegen damit ein Drit­tel unter den einkom­menss­chwäch­sten zehn Prozent aller Erwerb­stäti­gen. Die einkom­mensstärk­sten zehn Prozent dafür acht Prozent über ihrer Ver­gle­ichs­gruppe. Über­setzt heißt das: Wer es inner­halb der Kun­st­branche ein­mal über das prekäre Niveau hin­aus geschafft hat, der ver­di­ent am oberen Ende der Skala mehr als die Gutver­di­ener anderer Branchen. Aus­gerech­net in der als links gel­tenden Kul­turindus­trie ist also das Maß an Einkom­mensgerechtigkeit beson­ders ger­ing. Man kann also mit und durch Kunst Geld ver­di­enen, man sollte dabei nur nicht auf eine der schlecht bezahlten Pro­jek­t­stellen oder ger­ingfügi­gen Beschäf­ti­gun­gen angewiesen sein.

Das große Geld – so hofften viele – lässt sich im inter­na­tionalen Kun­sthandel ver­di­enen. Und auch nach den Preis­tur­bu­len­zen der let­zten Jahre will kaum jemand den Kun­sthandel als Investi­tions­feld abschreiben. Zwar lässt sich der Kun­st­markt nicht so sim­pel in Börsen­charts darstellen wie Gold– oder Aktien­preise – eine reizvolle Alter­na­tive zum oft unver­ständlichen Derivate­han­del ist er alle­mal. Ein Bild kann man ähn­lich wie Gold greifen und begreifen, auch das ist ein Wert, für den man das Risiko des tur­bu­len­ten Kun­st­mark­tes eingeht. In Öster­re­ich ist das Vol­u­men des Kun­sthandels aber noch rel­a­tiv über­schaubar. Im let­zten Jahr wur­den nur fünf Werke vom Auk­tion­shaus Dorotheum – dem größten des Lan­des – für mehr als eine halbe Mil­lion Euro verkauft. In Summe aller Auk­tio­nen wur­den aber immer­hin 152 Mil­lio­nen Euro umgesetzt.

Auch der Han­del mit Inten­dan­ten und Direk­toren­posten ist ein ganz eigener Markt gewor­den. Das wurde sowohl bei den Neube­set­zun­gen an den ver­schiede­nen Wiener Insti­tu­tio­nen als auch bei den Salzburger Fest­spie­len wieder deut­lich. Um die Ein­ladung zu Fes­ti­vals wird gemauschelt wie um sel­tene Panini­bilder. Die Kunst, die dort entsteht, ist oft entschei­den­des Argu­ment für die Förderun­gen und Ein­ladun­gen der näch­sten Jahre. In der Summe und Plu­ral­ität all dieser Ein­rich­tun­gen, Ver­anstal­tun­gen und Organ­i­sa­tio­nen finden sich aber dann doch auch jene Räume, in denen das entsteht, was über die Momente der Präsen­ta­tion hin­aus Wirkung ent­fal­tet und dessen Anspruch weit über die Legit­i­ma­tion der Sub­ven­tio­nen hinausgeht.

Daher ist es gut und notwendig, dass Kun­stschaf­fende ohne exis­ten­zielle Not arbeiten kön­nen und nicht gezwun­gen sind, zwis­chen Pin­sel und Brot zu entschei­den. Auf der anderen Seite ist es nicht Auf­gabe des Staates, jedem und jeder sein und ihr Hobby zu finanzieren. Vor allem wenn in der sel­te­nen Phase der Haushalt­skon­so­li­dierung eben knall­hart zwis­chen Einsparun­gen im Sozial­bere­ich oder der Kunst unter­schieden wird. Und auf die Frage, ob ein Kranken­haus oder ein Museum geschlossen wer­den soll, gibt es im Nor­mal­fall nur eine Antwort. Immer­hin geht es der Steier­mark so gut, dass solche Entschei­dun­gen trotz all der notwendi­gen Sparsamkeit nicht getrof­fen wer­den müssen. Die Kunst tut trotz­dem gut daran, sich unab­hängiger zu machen. Nur so wird die »Frei­heit der Kunst« ihren Pathos und ihren Wert behal­ten können.

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