Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Christian Felber im Fazitgespräch

Chris­t­ian Fel­ber will eine ganze Menge. Den Euro ret­ten, eine neue Wirtschaft­sor­d­nung durch­set­zen und alle Men­schen glück­lich machen. Für ihn hängt all das eng zusam­men und soll in einer Gemeinwohl-Ökonomie in Erfül­lung gehen. Dahin­ter steckt die Idee eines Wirtschaftssys­tems, in dem jene Werte, die heute schon zwis­chen­men­schliche Beziehun­gen und Ver­fas­sun­gen bes­tim­men, auch das Wirtschaft­srecht dominieren. Die Krisen der let­zten Jahre sind, so scheint es, der opti­male Nährbo­den für seine Ideen.

Das Inter­view führten Markus Zot­tler und Michael Thurm

Der tanzende Revoluzzer

Herr Fel­ber, Sie haben am Son­ntag Ihren 40. Geburt­stag gefeiert. Wie oft wurde Ihnen schon der Spruch ent­ge­genge­wor­fen, laut dem kein Herz hat, wer mit 20 nicht Sozial­ist ist, und kein Hirn, wer es mit 40 immer noch ist?
Bis jetzt noch nicht, daher kann ich noch herzhaft drüber lachen.

Wir hof­fen, dass die Ideen, die Sie in Ihren let­zten Büch­ern for­muliert haben, auch nach dieser biografis­chen Zäsur noch aktuell sind …

Sie wer­den schär­fer und klarer.

Nur in der For­mulierung oder auch inhaltlich?

Vor allem in der inhaltlichen Präzi­sion. In der For­mulierung wer­den sie san­fter und durch die Genauigkeit auch verträglicher für Lib­erale und Anhänger der Mark­twirtschaft.

Ihr Buch von der Gemeinwohl-Ökonomie ist nach der neun­ten Auflage heuer noch ein­mal in über­ar­beit­eter Fas­sung erschienen, verkauft sich also sehr gut. Gle­ichzeitig ist Ihre Bewe­gung ver­gle­ich­sweise klein.

Also für mich ist es ein Wach­s­tum, das ich in dieser Stärke und Schnel­ligkeit noch nie erlebt habe. Über 900 unter­stützende Unternehmen nach zwei Jahren kön­nen Sie als wenig beze­ich­nen, ich empfinde es als sehr viel. Auch die inter­na­tionale Aus­prä­gung ist groß, wir sind in 15 Staaten aktiv und haben alle Hände voll zu tun, das auch organ­isatorisch zu begleiten.

Bewe­gun­gen wie Occupy hat­ten viel mehr Teil­nehmer und eine größere Aufmerk­samkeit.

Wir unter­schei­den uns von diesen Massen­be­we­gun­gen, wenn man das über­haupt so nen­nen darf, weil wir uns auf die konkreten Akteure konzen­tri­eren. Also auf die Unternehmen, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, auf Gemein­den, die zu Gemeinwohl-Gemeinden wer­den, und auf Per­so­nen, die regionale Grup­pen, soge­nan­nte Energiefelder, grün­den und dauer­haft vor Ort wirken. Das ist etwas anderes, als Flashmob-artig schnell mal tausend Leute zusam­men­zutrom­meln.

Diese Unternehmen bleiben aber zumin­d­est in Öster­re­ich rel­a­tiv unsicht­bar. Das ganze Konzept ist eng mit Ihrer Per­son verknüpft, Sie wer­den nach Alp­bach und in den ORF ein­ge­laden – ste­hen Sie mit Ihrer Präsenz nicht den eige­nen Zie­len im Weg?

Wir haben inzwis­chen schon sieben Botschaf­terin­nen, die an die Öffentlichkeit gehen. Jüng­ster Zugang ist das Vorarl­berger Bau­un­ternehmen Rhomberg Bau, auch der Herr Schirn­hofer hat sich schon ein erstes Mal engagiert und ich arbeite daran, dass die Fokussierung auf meine Per­son schwächer wird.

Wie hoch schätzen Sie das Poten­zial für Ihre Bewe­gung? Zuletzt haben in Graz 20 Prozent kom­mu­nis­tisch gewählt – ist das Aus­druck einer Sehn­sucht nach einem Sys­temwech­sel?

Ich würde unsere Reich­weite nicht auf die Grazer Kom­mu­nis­ten begren­zen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wün­schen sich über 90 Prozent der Men­schen ein anderes Wirtschaftssys­tem.

Aber die sind noch nicht alle zu Ihnen gekom­men.

45.000 haben immer­hin das Buch gekauft und die Gemeinwohl-Ökonomie wird täglich bekan­nter.

Nutzt Ihnen die zum Teil auch sehr kon­tro­verse Diskus­sion um Ihre Per­son dabei sogar? In der Presse wur­den Sie von Michael Fleis­chhacker schon als »anarcho-marxistischer Enteig­nungse­uphoriker« beze­ich­net.

Ich glaube nicht, dass so etwas hilft. Solche Bilder schaf­fen Vorurteile und ich tre­ffe dann auf Men­schen, die denken, ich sei ein Kom­mu­nist, Stal­in­ist oder ein Mes­sias, das muss ich schmerzhaft erfahren.

Wenn Peer Stein­brück wie bei seiner Nominierungsrede zum SPD-Kanzlerkandidat in Deutsch­land das Wort »Gemein­wohl« über zehn Mal in seiner Ansprache ver­wen­det, sprechen er und Sie dann über das Gle­iche?

Das Wort ist das gle­iche und das hat sich in den let­zten Jahren angedeutet. Für mich ist das die völ­lig logis­che Kon­se­quenz des über­triebe­nen Zahlenkap­i­tal­is­mus, also des ständi­gen Opti­mierens von Finanzindika­toren. Inzwis­chen gibt es ein immer stärk­eres Bedürf­nis auch andere Ziele ins Blick­feld zu nehmen und zu messen: soziale Sicher­heit, Arbeit­splatzqual­ität, Gle­ich­berech­ti­gung, Nach­haltigkeit, Sinn … Und wenn man das alles zusam­men­fassen will, dann gibt es keinen tre­f­fend­eren Begriff als den des Gemein­wohls. Den habe nicht ich erfun­den, son­dern der steht in zahlre­ichen Ver­fas­sun­gen demokratis­cher Staaten und ist seit dem 13. Jahrhun­dert Teil unseres Sprach­schatzes.

Den Begriff gibt es schon lang, die Umset­zung steht noch aus. Was ist der Plan, um von eini­gen beteiligten Unternehmen zu einer nationalen Wirtschaft­sor­d­nung zu kom­men?

Der Min­destzeitraum, von dem ich aus­gehe, sind zehn Jahre, wenn nicht gar mehrere Dekaden, um über­haupt spür­bare Zeichen einer solchen Verän­derung zu haben. Dafür braucht es frei­willige Pio­nier­grup­pen von Unternehmen, die über­all Vor­bilder schaf­fen.

Irgend­wann muss aber der Zeit­punkt kom­men, wo sich die Poli­tik und die Leg­is­latur dieser Entwick­lung anpassen. Sie wollen ja mehr als nur eine möglichst große Zahl von vor­bildlichen Betrieben.

Dafür brauchen wir Gemeinwohl-Konvente und die kön­nen nur demokratisch entste­hen, indem sich die Bürg­erin­nen und Bürger auf regionaler Ebene und in weit­erer Folge auf Bun­de­sebene über die Regeln einer neuen Wirtschaftsver­fas­sung ver­ständi­gen.

Das heißt, in der Anfangsphase ver­trauen Sie auf den klas­sis­chen Markt. Darauf, dass sich eine aus­re­ichend große Zahl für Ihre Idee ein­setzt, weil sie Ihr Mod­ell für besser hält als das beste­hende.

Ja, und dabei reicht auch eine Min­der­heit. Alle großen Verän­derun­gen gehen von den Rän­dern aus. Ich sehe aber das Poten­zial, dass diese Bewe­gung tief in die Mitte der Gesellschaft hinein­wächst, weil die Wer­te­ba­sis abso­lut mehrheits­fähig ist. Das Ein­fache an der Gemeinwohl-Ökonomie ist doch, dass wir die Werte fördern wollen, die wir schon haben, weil wir wis­sen, dass es uns mit ihnen gut geht. Sie kön­nen aber in der Wirtschaft nicht gelebt wer­den, weil sie nicht belohnt wer­den. Im Moment haben wir fünf Ver­fas­sungswerte, die in vie­len Staaten schon ver­ankert sind: Men­schen­würde, Sol­i­dar­ität, Gerechtigkeit, Demokratie und zunehmend auch die Nach­haltigkeit.

Sie lassen immer die Frei­heit weg.

Die ist die Voraus­set­zung, dass es über­haupt pri­vate Unternehmen gibt, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen kön­nen.

Was passiert in der neuen Wirtschaft­sor­d­nung mit Unternehmen, die sich die Frei­heit nehmen nicht mitzu­machen?

Die haben als Erstes die Frei­heit, ihre Vorstel­lun­gen in den demokratis­chen Prozess einzubrin­gen und diese zum Gesetz zu machen. Wir fordern nicht bes­timmte Vor­gaben, son­dern einen demokratis­chen Prozess, der diese Wirtschaft­sregeln definiert.

Wenn zum Beispiel Diskri­m­inierung von dieser neuen Ver­fas­sung ver­boten wird, ein Unternehmen aber sagt, ich stelle keine Raucher bei mir ein und arbeite nicht mit Unternehmen zusam­men, in denen Raucher arbeiten – sollte das in einer freien Gesellschaft nicht zumin­d­est möglich sein? Was passiert mit diesem Betrieb?

Der würde wohl Konkurs gehen. Denn jedes Unternehmen muss die Gemeinwohl-Bilanz erstellen, das ist verpflich­t­end. Und ein Unternehmen, das ein gutes Gemeinwohl-Ergebnis hat, zahlt weniger Steuern, weniger Zölle und bekommt gün­stigere Kred­ite. Der Betrieb, der seine Frei­heit so nutzt, dass es dem Gemein­wohl wider­spricht, würde wirtschaftlich nicht so leicht über­leben.

Warum brauchen wir dafür ein aufwendi­ges Sys­tem? Warum trauen Sie diese Beloh­nung des Gemein­wohls nicht dem Markt als Summe der Kon­sumenten zu?

Also »den Markt« sel­ber gibt es nicht. Kon­sumenten bewe­gen sich immer in einem kün­stlichen, kul­turell und poli­tisch kon­stru­ierten Markt. Jeder Markt, den wir ken­nen, ist eine staatliche Ein­rich­tung, die bes­timmtes Ver­hal­ten ermöglicht, anderes belohnt und wiederum anderes bestraft. Es ist ein Mythos, dass es einen Markt ohne Staat gibt.

Moment …

Das Pri­vateigen­tum wird vom Staat geschützt, das Ver­tragsrecht macht der Staat, Unternehmenslizen­zen vergibt der Staat … Wir kön­nen zum Beispiel die demokratis­che Bank nicht ein­fach grün­den, son­dern müssen uns an die beste­hen­den Genehmi­gungsver­fahren hal­ten. Alle Entschei­dun­gen auf dem Markt sind hochgr­a­dig abhängig von der staatlichen Konzep­tion des Mark­tes. Wir wollen, dass diese Konzep­tion geän­dert wird und andere Anreize geschaf­fen wer­den, die mit den Ver­fas­sungswerten übere­in­stim­men. Wenn die Mark­twirtschaft in ihrer beste­hen­den Form in der Lage wäre, die großen Prob­leme der Gesellschaft zu lösen oder zumin­d­est zu lin­dern, dann würde nie­mand eine Gemeinwohl-Ökonomie erfinden. Aber das Gegen­teil ist der Fall und daher müssen wir die Mark­twirtschaft ändern.

Also nicht mehr Frei­heit, son­dern andere Regeln?

Richtig.

Disku­tieren wir das an einem Beispiel: Es gibt Unmen­gen an Schoko­laden­pro­duzen­ten, die ihre Tafeln für 49 Cent verkaufen, weil sie ihre Pro­duk­tions­be­din­gun­gen so aus­gerichtet haben, dass sie einen so gün­sti­gen Preis anbi­eten kön­nen. Dann gibt es Unternehmer wie Josef Zot­ter, die ihre Schoko­lade für über drei Euro die Tafel verkaufen kön­nen und trotz­dem erfol­gre­ich sind, weil es eben einen Markt gibt, der es richtig findet, dass Schoko­lade fair und biol­o­gisch gehan­delt wird – abge­se­hen davon, dass sie auch noch besser schmeckt. Trauen Sie es den Mark­t­teil­nehmern nicht zu, dass sie langfristig jene Unternehmen pleit­ege­hen lassen, die sich nicht an ihre Werte hal­ten, indem sie ihnen den Kon­sum ver­weigern?

Schon, aber die Geset­zes­lage darf es doch nicht unnötig schwer machen. Im Moment wird der unfaire Händler finanziell belohnt, weil er es leichter hat, seine Waren bil­lig anzu­bi­eten. Das ist die groteskeste Form von poli­tis­chem Ein­fluss auf einen Markt, die ich mir vorstellen kann. In den Preis fließen nicht alle Werte ein, die in unserer Ver­fas­sung ste­hen: Umweltschutz, Ressourcenscho­nung, Men­schen­würde und so weiter … Damit ist die Mark­twirtschaft hochgr­a­dig inef­fek­tiv. Der Mythos besteht darin, dass wir nur eine Finanz­bi­lanz fordern und glauben, dass ein Unternehmensgewinn automa­tisch auch einen pos­i­tiven Beitrag zur Gesellschaft leis­tet. Aber eine herkömm­liche Bilanz sagt darüber über­haupt nichts aus. Das kann in manchen Fällen zutr­e­f­fen, muss es aber nicht. Mit der zusät­zlichen Gemeinwohl-Bilanz wird diese Kop­pelung von bloßem Finanz­er­folg und gesellschaftlich pos­i­tiven Auswirkun­gen zugun­sten des Gemein­wohls geän­dert. Wer also seinen Gewinn auf Kosten anderer macht und dabei gegen Ver­fas­sungswerte ver­stößt, muss kün­ftig dafür bezahlen. Nicht wie jetzt, wo der­jenige mehr zahlt, der faire Löhne oder soziale Absicherung ermöglicht.

So in etwa wie es momen­tan mit den CO2-Zertifikaten passiert? Indus­triebe­triebe müssen dafür bezahlen, dass sie CO2 ausstoßen.

Genau, das ist ein Beispiel, wenn auch nicht das beste. Beim Woh­nungs­bau gibt es schon viele Mod­elle, wo Energieef­fizienz und Null-Emission belohnt wer­den.

Ich habe noch ein Prob­lem mit Ihrer Ablehnung des Gewinnstrebens. Wenn ich Sie richtig ver­stehe, darf ein Unternehmen Gewinn machen, aber es darf nicht das Ziel sein.

Was ist daran schwer zu ver­ste­hen?

Gewinn ist doch die Voraus­set­zung jedes länger­fristi­gen Unternehmens. Erst Gewinn macht Nach­haltigkeit, soziale Ver­ant­wor­tung und Gemein­wohl möglich.

Das stimmt, aber Voraus­set­zung ist nicht gle­ich Ziel. Der Gewinn ist nicht der Zweck, son­dern eine Bedin­gung. Manche ver­ste­hen das am besten mit einer Erk­lärung des in Wien gebore­nen Ökonomen Peter Drucker: Er hat gesagt, dass der Gewinn wie das Blut im lebendi­gen Organ­is­mus ist. Ohne Blut ist er tot, aber das Blut ist nicht der Sinn des Lebens. Ich weiß selbst nicht, wie es mir mit dieser Meta­pher geht, aber ich glaube, sie hilft ein biss­chen zu ver­ste­hen, was ich meine. In der bayrischen Ver­fas­sung steht es sogar wörtlich drin, dass der Finanzgewinn ein Mit­tel und nicht der Zweck unternehmerischer Tätigkeit ist. Das ist nicht neu, aber darin besteht meine ganze Kap­i­tal­is­muskri­tik. Im Kap­i­tal­is­mus ist die Ver­mehrung von Kap­i­tal das ober­ste Ziel des Wirtschaftens. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist über­haupt nicht kap­i­talfeindlich, aber Gewinn ist nur Mit­tel zum Zweck.

Trotz­dem wird es unternehmerische Entschei­dun­gen geben, die man entweder zugun­sten der Gemeinwohl-Bilanz oder zugun­sten der Finanzen tre­f­fen muss.

Das Ziel einer pos­i­tiven Finanz­bi­lanz und das Ziel einer guten Gemeinwohl-Bilanz ger­aten erst miteinan­der in Kon­flikt, wenn es unfairen Wet­tbe­werb gibt. Wenn ein Unternehmen finanzielle Prob­leme bekommt, weil es zum Beispiel Löhne nach Kollek­tivver­trag zahlt und der Mit­be­wer­ber nicht, dann haben wir die Prob­leme, die wir jetzt schon haben, und erst dann müsste man sich für eine der bei­den Bilanzen entschei­den. Wir wollen, dass der Staat den­jeni­gen belohnt, der nach Kollek­tivver­trag zahlt und damit einen besseren Beitrag zum Gemein­wohl leis­tet als der Dumping-Unternehmer. Der darf nicht die Möglichkeit bekom­men, durch tiefe Löhne auch noch gün­stigere Preise anzu­bi­eten.

Wie begeg­nen Sie der Trans­parenz, die haben Sie bisher nicht erwähnt? Antworten Sie, wenn man Ihnen die Steinbrück-Frage nach Ihren Vor­tragshon­o­raren stellt?

Gerne, ich werde das in meiner Bilanz für 2012 sogar offen­siv veröf­fentlichen. Wer promi­nent an der Front einer Bewe­gung steht, tut gut daran, offen­siv trans­par­ent zu sein und nicht erst auf Nach­frage. So viel habe ich in der let­zten Zeit gel­ernt.

Warum sollte ein steirisches Unternehmen heute schon eine Gemeinwohl-Bilanz schreiben?

Das fra­gen wir die Unternehmen auch immer und meist kom­men da sehr ähn­liche Antworten. Die häu­fig­ste ist Sinn.

Für das Unternehmen selbst?

Viele sagen: »Endlich weiß ich wieder, wo wir uns verorten.« Der zweite große Vorteil, von dem wir so erfahren haben, besteht darin, dass viele Unternehmen neue Entwick­lungschan­cen ent­decken. Sie wer­den sich ihrer Aktiv­itäten aus einem neuen Blick­winkel bewusst und ent­decken, wo es Poten­ziale gibt. Dann eröff­nen sich auf diesem Weg viele Möglichkeiten für Koop­er­a­tio­nen, weil es eine Plat­tform für Gle­ichgewil­lte gibt, die sich gegen­seitig unter­stützen.

Was ist der Unter­schied zu den klas­sis­chen Corporate-Social-Responsibility-Berichten, die in viel größerer Zahl geschrieben wer­den?

Auch das fra­gen uns die Unternehmen immer wieder. Wir haben acht Kri­te­rien definiert, die unserer Mei­n­ung nach eine gut durch­dachte Rechen­schafts­bi­lanz erfüllen sollte. Dazu gehören die Merk­male ganzheitlich, mess­bar, ver­gle­ich­bar, rechtsverbindlich und dann auch mit pos­i­tiven Rechts­fol­gen für jene, die mehr leis­ten als andere.

Das klingt nach klas­sis­cher Konkur­renz.

Mer­i­tokratie würde ich sagen, also die Beloh­nung des Erwün­schten. Es kön­nen alle gle­ich viel bekom­men und das schließt sich nicht gegen­seitig aus. Konkur­renz ist immer dadurch gekennze­ich­net, dass sich die Ziele gegen­seitig auss­chließen.

In Ihrer per­sön­lichen Gemeinwohl-Bilanz von 2011 steht, dass Sie viel lieber haupt­beru­flich Tänzer, Masseur oder Biogärt­ner wären. Warum sind Sie es dann nicht?

Diese Berufe wür­den mir mehr Spaß machen. Die poli­tis­che Arbeit gibt mir mehr Sinn und dann ist es eine Abwä­gung von Sinn und Spaß. Und da ist mir im Moment der Sinn wichtiger.

Spielt es nicht auch eine große Rolle, dass Sie für Ihre poli­tis­che Arbeit, Ihre Vorträge und Bücher mehr Geld bekom­men, als Sie für das Tanzen bekom­men wür­den?

Die glück­lich­ste Zeit meines Lebens, rein von der Leben­squal­ität, war die, als ich Staatsstipen­diat für Lit­er­atur war und den Tag mit einem dreistündi­gen Mor­genspazier­gang in der Natur begonnen habe. Da war mein Monat­seinkom­men so, dass ich nur durch selbst Kochen in einer winzi­gen GarçonnieÌ€re über die Run­den kam. Und es war wun­der­voll.

Aber eine Gesellschaft funk­tion­iert nicht, wenn alle nur von Staatsstipen­dien leben.

Das ist auch nicht das Ziel, aber ich finde es schön, dass Kunst gefördert wird und wenig­stens ein Teil der Gesellschaft die Möglichkeit bekommt, die kün­st­lerischen Tal­ente zu ent­fal­ten. Was war die Frage?

Gehört es nicht auch zum Gemein­wohl, dass jeder Einzelne und jedes Unternehmen den Ehrgeiz haben muss, ohne Steuergelder und Sub­ven­tio­nen auszukom­men?

Grund­sät­zlich habe ich selbst diesen Ehrgeiz und will meine Exis­tenz nicht auf den Leis­tun­gen anderer grün­den. Aber ich finde es total sin­nvoll, dass jeder Men­sch immer mal wieder Auszeiten zuge­s­tanden bekommt. Deshalb schla­gen wir ein Frei­jahr vor, in dem jeder die Möglichkeit hat, das zu tun, was er will. Kreativ zu sein, dem Müßig­gang nachzuge­hen. Die besten Ideen kom­men genau in diesen Momenten, nicht in der Konkur­ren­zsi­t­u­a­tion.

Bedeutet das nicht, dass man in den Jahren vor dem Frei­jahr so viel mehr arbeiten muss, dass man sich dieses Jahr finanziell erar­beitet?

Das wäre natür­lich keine sin­nvolle Kon­stel­la­tion und das wäre bei der Pro­duk­tiv­ität, die wir schon erre­icht haben, auch nicht nötig.

Ist all das möglich, wenn wir das nur in einem nationalen oder europäis­chen Rah­men umset­zen? Die Pro­dukte wer­den ten­den­ziell immer teurer sein als Pro­dukte, die aus Nicht-Gemeinwohl-Nationen kom­men.

Mit dem Frei­han­del schnei­den wir uns tat­säch­lich ins eigene Fleisch, weil unsere Annehm­lichkeiten durch Dumping-Konkurrenz verun­möglicht wer­den. Wenn wir das nicht wollen, weil uns Leben­squal­ität, Zeit­wohl­stand und eine intakte Umwelt wichtiger sind als das aller­bil­lig­ste Pro­dukt, müssen wir den Frei­han­del ein­schränken.

Also Pro­tek­tion­is­mus?

Da sind wir dage­gen. Das ist genauso schädlich wie offene Gren­zen. Unser Vorschlag ist ein dif­feren­zierter Han­del. Wir han­deln fair mit den Staaten und Unternehmen, die den demokratisch bes­timmten Werten entsprechen, und wir beschränken den Han­del mit denen, die es nicht tun.

Ste­hen Sie sich eigentlich manch­mal selbst im Weg? Ihre Attac-Vergangenheit, der Tanz und auch die zum Teil eso­ter­ische Sprache – die regionalen Grup­pen heißen Energiefelder – das klingt nicht so, als hät­ten Sie viele Gemein­samkeiten mit dem klas­sis­chen, Golf spie­len­den Unternehmer.

Also das halte ich für eine Belei­di­gung des klas­sis­chen Unternehmers. Den Tänzer hat mir noch nie­mand vorge­wor­fen, im Gegen­teil, ich werde meist bestärkt auch bei mir selbst auf Aus­ge­wogen­heit zu achten. Attac ist tat­säch­lich für viele eine Hemm­schwelle, ander­er­seits ist es ein his­torischer Fakt, dass die ersten 15 Unternehmen, die ihre Impulse zur Gemeinwohl-Ökonomie gegeben haben, in Attac organ­isiert waren. Jetzt zu Beginn ist es unver­mei­d­bar, dass eine Bewe­gung auch mit ein paar Front­fig­uren iden­ti­fiziert wird, aber wir arbeiten alle gemein­sam am Ver­schwinden meines Namens und meines Pro­tag­o­nis­mus.

Herr Fel­ber, vie­len Dank für das Gespräch.

4 Kommentare

    […] Fel­ber im Faz­it­ge­spräch. Das Inter­view hier zum […]

  • Sehr auf­schlussre­ich.

  • Immer mehr AkteurIn­nen erken­nen, dass das Sys­tem falsch gepolt ist und auf destruk­tiven Spiel­regeln beruht: Unternehmen konkur­ri­eren um den höch­sten Finanzgewinn. Das ist absurd, weil ein höherer Finanzgewinn nichts darüber aus­sagt, was eine Gesellschaft zusam­men­hält und weiter bringt. Bessere Finanz­ergeb­nisse kön­nen mit weniger Arbeit­splätzen, zer­störter Umwelt, steigen­der Armut, zunehmender Krankheit und Krim­i­nal­ität ein­herge­hen, denn: Gewinnstreben und Konkur­renz fördern ten­den­ziell die gegen­teili­gen Ver­hal­tensweisen und Werte, die unserer Beziehun­gen gelin­gen lassen: Nicht Ver­trauens­bil­dung, Ver­ant­wor­tung, gegen­seit­ige Hilfe, Mit­ge­fühl und Koop­er­a­tion; son­dern Ego­is­mus, Gier, Geiz, Ver­ant­wor­tungs– und Rück­sicht­slosigkeit. Das ist der „Sys­tem­fehler” in der gegen­wär­ti­gen Wirtschaftsordnung.

  • Ganz easy:Wir haben in der Gemeinwohl-Bilanz die in Öko­bi­lanzen, Sozial­bi­lanzen, Score­cards u. ä. Instru­menten bere­its vorhan­de­nen Kri­te­rien zusam­menge­fasst und ergänzt — mit dem Unter­schied, dass der Fokus nicht ein­seitig auf Umwelt– oder Sozial– oder Mitbes­tim­mungs– oder Gender-Aspekte gelegt wird son­dern ein aus­ge­wo­gener Mix aus allen wichti­gen Dimen­sio­nen. Die “Endauswahl” soll dann der erwäh­nte Kon­vent machen. Mit Straßen­bau hat das nur insofern zu tun, als auch das eine demokratis­che Entschei­dung ist. Ohne Entschei­dun­gen gibt es keine Gesetze und keine Demokratie. Bevor wir den Kon­vent vorschla­gen, wer­den wir noch viele Unternehmen ein­binden: der Prozess ist ergebenisof­fen und partizipativ.Der Vorteil unseres Ansatzes: Der Wun­sch, dass Unternehmen für sozial ver­ant­wortliches, ökol­o­gis­ches und demokratis­ches Ver­hal­ten belohnt wer­den (was nur möglich ist, nach­dem dies gemesssen wurde), ist breit mehrheitsfähig.