Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Erwin Wurm im Fazitgespräch

Das Gespräch führte ich gemein­sam mit Katja Lan­ge­land.

Erwin Wurm ist ein großer Kün­stler. Seine Skulp­turen sind meist riesig, sein Erfolg über­wälti­gend. Groß ist auch das schwere Eisen­tor vor seinem Grund­stück im niederöster­re­ichis­chen Lim­berg. Groß ist die Über­raschung, als es sich nach kurzem Hupen wie von Geis­ter­hand öffnet. Groß ist der Garten rund um das Haus. Groß sind die Hallen, in denen Wurm seine Werk– und Lager­stät­ten unterge­bracht hat. Groß sind die Räume, in denen er mit seiner Fam­i­lie lebt. Groß ist auch das Selb­st­be­wusst­sein des Kün­stlers Erwin Wurm, der seine Größe zu Beginn der Kar­riere aus winzi­gen Staub­skulp­turen gezo­gen hat. Heute kennt man ihn für aufge­blasene und überdi­men­sion­ierte Autos, für »One Minute Sculp­tures«, in denen absurde Kör­per­hal­tun­gen zur Skulp­tur wer­den, und für ein Segel­boot, das sich auf dem Dach des Wiener Hotel Daniel krümmt. Es ist große Kunst eines großen Kün­stlers. Ihre physis­che Dimen­sion erschließt sich auf den ersten Blick, ihr mitunter zynis­ches Wesen meist erst auf den zweiten und drit­ten. Erwin Wurm gehört zu den ganz großen Kün­stlern dieses kleinen Lan­des. Vielle­icht ist das der Grund für das Prob­lem, das Erwin Wurm mit Öster­re­ich hat.

Erwin, der Große

Herr Wurm, Sie kom­men aus der Steier­mark, stellen Ihre Kunst­werke inzwis­chen in der ganzen Welt aus. Was hat Sie hier in dieses niederöster­re­ichis­che Dorf ver­schla­gen?
Aus der Steier­mark bin ich schon mit Anfang 20 wegge­gan­gen, weil man damals in Graz nicht Kar­riere machen kon­nte. Ich hab dann in Salzburg, Berlin und Wien studiert und hier bin ich jetzt schon ziem­lich lang. Nach­dem ich eine große Lager­halle für meine Skulp­turen gesucht habe, in Wien war das wahnsin­nig teuer und in einer schlechten Gegend, hab ich einen großen Bauern­hof hier im Nach­barort gefun­den und umge­baut. Dann bin ich immer wieder an Lim­berg vor­beige­fahren und das ist opti­mal für die Arbeit. Inzwis­chen sind wir sieben Monate im Jahr hier.

Dieser Rück­zug aus den Großstädten in ein Dorf mit 300 Ein­wohn­ern und einer Würstel­bude …

… und das ist schon zu viel.

Ist das diese klis­chee­hafte Flucht des Kün­stlers ins Exil?

Vielle­icht. Ich brauche die Großs­tadt beim Arbeiten nicht, da stört sie nur, weil ständig etwas los ist. Hier habe ich meine Fam­i­lie, Fre­unde und Helfer. Ich genieße ja nicht nur die Arbeit, son­dern auch die Freizeit. Wir haben einen großen Garten mit Tieren, das ist sehr angenehm.

Und trotz­dem brauchen Sie immer wieder andere Men­schen und Gesellschaft. Sei es als Teil Ihrer Skulp­turen, sei es für das Hotel Daniel in Wien, für das Sie zuletzt eine Dachskulp­tur gefer­tigt haben. Ist Gesellschaft für Sie eine Last?

Nein, das kommt von selbst und hat sich auch etwas automa­tisiert. Ich ver­reise viel für Ausstel­lun­gen und Aufträge und das mache ich auch gern. Wir haben jetzt erst eine Skulp­tur in New York aufgestellt, wir machen ger­ade eine für Lille in Frankre­ich und für Lon­don bere­iten wir einen großen, gebo­ge­nen Truck für einen Bahn­hof vor.

Funk­tion­ieren so viele Ausstel­lun­gen und Aufträge gle­ichzeitig? Sie haben einige Mitar­beiter, aber der Entste­hung­sprozess bleibt ja bei Ihnen.

Selb­stver­ständlich. Und so viel ist es dann auch nicht, weil wir für Ausstel­lun­gen viel mit Edi­tio­nen arbeiten, es gibt also ein Stück dann dreimal. Bei den großen gegosse­nen Skulp­turen habe ich »nur« die kreative Arbeit, für die Aus­führung miete ich mir Fir­men an, das kann ich gar nicht selbst leis­ten. Ich hab das im Laufe meiner Entwick­lung alles ein­mal gemacht und kann mit fast allen Mate­ri­alien umge­hen. Das ist auch ganz wichtig, damit ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte mich auch schon langsam zu jeman­dem entwick­elt, der viel delegiert und wenig sel­ber macht. Das hab ich wieder kor­rigiert und mache wieder mehr selbst.

Stimmt Ihre Ide­alvorstel­lung von den Werken dann mit den Ergeb­nis­sen überein? Sobald man mit anderen Men­schen zusam­me­nar­beitet, muss man doch Kom­pro­misse schließen.

Es nähert sich an. Zwis­chen dem Ide­al­bild in meinem Kopf und der Real­ität besteht immer eine Diskrepanz. Aber man kann da ver­suchen, die Idee stur umzuset­zen, oder man lässt beim Tun und beim Machen zu, dass dieser Prozess auch kreativ ist und das Werk verän­dert. Ger­hard Richter hat ein­mal gesagt, dass seine Bilder intel­li­gen­ter seien als er. Und ich bilde mir ein zu wis­sen, was er damit meint. Als Kün­stler wird man auch vom Zufall, vom Mate­r­ial und seinen Bedin­gun­gen geführt und wenn man dem nachgibt, dann kann es sogar besser wer­den, als wenn man die ursprüngliche Idee stur ver­folgt hätte.

Wenn Sie die Mate­ri­alien schon ansprechen: Täuscht der Ein­druck oder kehren Sie mit Ihren aktuellen Arbeiten zurück zum Plas­tis­chen? Sie hat­ten ja den Skulptur-Begriff weit geöffnet, in Rich­tung Per­for­mance und bis hin zu Ihrer sozialen Skulp­tur »44 Vorschläge«, einer Text-Arbeit für das deutsche Zeit-Feuilleton.

Ich hab mit einem sehr weiten Spek­trum an Grun­dele­menten in meiner Arbeit begonnen. Das waren drei­di­men­sion­ale Plas­tiken, Zeich­nun­gen, Fotografie und Aktio­nen als Skulp­turen. Film habe ich auch genutzt und ich habe sicher noch einiges vergessen.

Ursprünglich woll­ten Sie Maler wer­den, wur­den auf der Kun­sthochschule aber in die Klasse der Bild­hauer gesteckt. Hätte es etwas geän­dert, wenn Sie Ihre Kar­riere anders begonnen hät­ten?

Am Anfang hat das sehr viel geän­dert, weil das eine vol­lkom­men andere Vorge­hensweise ist. Das war sehr viel Frust und irgend­wann habe ich ein­fach ver­sucht zu erfassen, was das ist, eine Skulp­tur.

Sie sprechen in der Ver­gan­gen­heits­form. Ihre Arbeit hat immer auch den Ein­druck erweckt, als woll­ten Sie mit jedem neuen Werk den Begriff der Skulp­tur bear­beiten. Ist Ihre Suche nach dem, was eine Skulp­tur ist, inzwis­chen abgeschlossen?

Jetzt arbeite ich schon so lang, dass sich das schon alles ver­loren hat. Man macht etwas, es passiert etwas und man wird von einer kün­st­lerischen Ide­alvorstel­lung getrieben, der man sich zu näh­ern ver­sucht. Ich gehe ja nicht von einer The­o­rie aus, nach der ich dann meine Arbeit auf­baue. Nach ein paar Jahren inten­siver Arbeit sieht man etwas und kann darüber reflek­tieren, was das eigentlich ist, was man da macht. Und dann kann man entschei­den, wie man weit­er­ma­cht. Ich möchte meine Ideen nicht immer wieder­holen, auch wenn mir das regelmäßig passiert ist.

Wie hat das alles begonnen? Wann war Ihnen klar, dass Sie Kün­stler wer­den?

Ich war rel­a­tiv früh fasziniert von Din­gen, die andere nicht inter­essiert haben. Ich weiß nicht warum. Mich haben Kerzen­stän­der inter­essiert. Nicht weil ich irgendwelche Kerzen anzün­den wollte, son­dern wie sie gear­beitet waren. Und die standen halt im Eltern­haus rum. Mich haben Krip­pen­fig­uren maß­los fasziniert und mein Vater dachte schon, ich werde Pfar­rer. Diese kleinen, geschnitzten Fig­uren haben mich ange­zo­gen. Und durch die Schule bin ich dann sehr schnell mit Malerei, Kunst, Lit­er­atur, Philoso­phie und The­ater in Berührung gekom­men.

Das hat Schule damals noch geleis­tet?

Wir hat­ten einen Lehrer, der das kon­nte. Ich war auch an einem musikalisch-pädagogischen Gym­na­sium und da gab es recht guten Kunstunterricht.

Eine Ihrer ersten »großen« Aus­sagen, die aus Ihren Werken zu lesen ist, lautet: »Jeder ist ein Kunst­werk.« Bei Ihren »One Minute Sculp­tures« spielt es ja keine Rolle, wer sich in eine bes­timmte Pose beg­ibt.
Er oder sie musste für mich leicht ver­füg­bar sein und willig. Das waren Fre­unde und Bekan­nte und einige hab ich auch durch Inser­ate gesucht. Damals kon­nte ich halt noch nichts zahlen, das waren alles Frei­willige.

Ihre Staub­skulp­turen waren dann der Gipfel des Nihilis­mus. Alles und Nichts war Skulp­tur.

Die Staub­skulp­turen waren ja früher. Die waren der Schlusspunkt einer ersten Entwick­lung. Als Stu­dent hatte ich mal gele­sen, dass man sich von seinen Vätern abwen­den muss, wenn man Erfolg haben will, und die Lehrer sind in gewisser Weise auch Väter. In der Zeit, wo Pop-Art, Min­i­mal Art und so etwas auf dem Pro­gramm stand, hab ich mich etwas anderem zuge­wandt. Fig­u­ra­tive Skulp­turen waren damals alt­modisch und völ­lig verblödet. Aber ich hab es bewusst gemacht, weil ich dachte, dass sich damit etwas pro­gres­siv erneuern lässt. Damit kon­nte man irgend­wie ner­ven. Und das hat gut funk­tion­iert. Ich war dann in so einer kleinen Schiene drin und hatte ein biss­chen Erfolg und habe aber gemerkt, dass es noch nicht das ist, was ich will. Erst dann hab ich begonnen, das alles zu reflek­tieren, mich abzuwen­den.

Ist dieses »Alles kann Skulp­tur sein« die Antithese oder die Ergänzung zu Beuys\’ vielz­i­tiertem Satz: »Jeder Men­sch ist ein Kün­stler«?

Ich war ein großer Beuys-Fan während des Studi­ums und das war am Anfang ganz wichtig, aber irgend­wann rel­a­tiviert sich das.

In der Kunst rel­a­tiviert sich ja immer alles. Auch wenn momen­tan das Poli­tis­che wieder in den Vorder­grund rückt: Auf der aktuellen Weltkun­stschau »Doc­u­menta« in Kas­sel kon­nte man das sehen, der »Steirische Herbst« steht heuer unter einem sehr poli­tis­chen Motto …

Das inter­essiert mich über­haupt nicht. Das ist eine Dok­trin der Kura­toren, so wie man im 19. Jahrhun­dert für irgendwelche Herrscher oder die Kirche arbeiten musste. Heute sind es halt die Kura­toren. Ich glaube an die Frei­heit der Kunst und an einen Begriff von der Frei­heit des Einzel­nen.

Warum machen Sie dann auch immer wieder Auf­tragsar­beiten, wie zuletzt für das Hotel Daniel?

Ganz so läuft das nicht. Ich wurde gefragt, ob ich etwas für das Hotel machen möchte, dann hab ich dieses Schiff vorgeschla­gen und sie haben es genom­men. Ich setze mich da nicht hin und ver­suche vorgegebene The­men umzuset­zen. Das kann ich nicht, das steht mir dann total quer im Kopf. Bei großen Auss­chrei­bun­gen bin ich meist gescheit­ert, jetzt werde ich immer mal ein­ge­laden. Für den neuen Berliner Flughafen hatte man mich zum Beispiel ange­fragt wegen einer riesi­gen Skulp­tur. Da habe ich einen Entwurf gemacht mit Architek­ten und allem. Das war ein Mega-Aufwand, aber ich dachte, pro­bieren wir es mal. Wir haben einen Anzug gemacht, der in der Flughafen­halle schweben sollte. Und sie haben es mit der Begrün­dung abgelehnt, dass ein Mann mit Anzug nicht repräsen­ta­tiv für einen Flughafen sei. Dann kann man das halt vergessen.

Sie kön­nen sich das leis­ten.

Gott sei Dank.

Aber wenn junge Kün­stler in das Geschäft ein­steigen …

Die haben es ver­dammt schwer. Die sind ja abhängig und das ist nicht lustig.

Bis vor zwei Jahren haben Sie an der Kun­stu­ni­ver­sität unter­richtet. Was kon­nten Sie Ihren Stu­den­ten dann über­haupt mit auf den Weg geben?

Mir war es wichtig, Türen aufzu­machen und zu zeigen, wie die Real­ität funk­tion­iert. Die haben fast alle die Vorstel­lung, dass sie ihre per­sön­lichen Befind­lichkeiten in Kunst umset­zen und damit dann Mil­lio­nen ver­di­enen, und das ist natür­lich Käse. Ich selbst hab bei Bazon Brock studiert und der hat zu den Leuten gesagt: »Am besten du ver­heizt den ganzen Krem­pel.« Mir hat das gut­ge­tan, aber andere haben wirk­lich aufge­hört. Heute kann man mit Stu­den­ten nicht mehr so reden.

Schauen Sie noch andere Ausstel­lun­gen an?

Hin und wieder. Aber ich bin zum Beispiel nicht zur »Doc­u­menta« gefahren, weil ich arbeiten musste. Das ver­schiebt sich mit der Zeit. Als junger Kün­stler rennt man über­all hin und schaut sich alles an. Man muss den Geschmack bilden, sich einord­nen und Resul­tate aus dem ziehen. Aber irgend­wann inter­essiert das nicht mehr, da ist es rel­a­tiv wurscht, was andere machen. Es gibt nach wie vor wun­der­bare Kün­stler, und das beobachte und schätze ich sehr, aber ich muss nicht mehr auf jede Ausstel­lung. Vielle­icht hat das auch etwas mit dem Äl­ter­w­er­den zu tun. Ich fokussiere meine The­men und meine Arbeit und da fühle ich mich wohl. Der tägliche Kampf, den ich da habe, ist mir Kampf genug.

Sie fechten aber auch immer Kämpfe mit der Welt und der Gesellschaft aus. Das beste Beispiel ist sicher Ihre soziale Skulp­tur »44 Vorschläge.« Geht es Ihnen bei Ihren Werken darum, Welt zu verän­dern, oder ums Darstellen?

Es ist ein Aufzeigen, wie es läuft. Über­spitzt, natür­lich, weil ich will, dass es sich ändert. Ich bin ja ein poli­tisch denk­ender Men­sch.

Ist es dann nicht ernüchternd, wenn Sie trotz Ihrer rel­a­tiv großen Reich­weite und Bekan­ntheit keinen wirk­lichen Ein­fluss auf den Ver­lauf der Dinge haben?

Ja, aber das war schon immer so. Alles andere ist auch Illu­sion. In den 70ern hieß es mal: Kün­stler in die Poli­tik. Das ist doch Non­sens. Die wür­den die gle­ichen Fehler machen, wären genauso kor­rup­tion­san­fäl­lig wie alle anderen. Ich glaube nicht an das Gute im Kün­stler. Ich glaube auch nicht an das Gute im Men­schen. Das Gute kann nur durch Geset­zge­bung und Kor­rek­tive wie die Presse, die kaum noch funk­tion­iert, einge­fordert wer­den. Sonst leben wir in einem chao­tis­chen Zus­tand und darin sehe ich mich täglich bestätigt.

Trotz Ihrer Abgeschieden­heit hier in Lim­berg?

Da, in der Ecke, steht der Fernse­her, das Inter­net gibt es auch noch. Ich lese täglich Zeitun­gen …

Öster­re­ichis­che?

Ja, natür­lich. Das sind zwar nicht die besten, aber ich lebe ja hier, wenn auch nicht beson­ders gern.

Warum sind Sie nie wegge­gan­gen?

Ich kön­nte noch immer wegge­hen, aber jetzt bin ich schon ein biss­chen älter. Jetzt inter­essiert es mich nicht mehr so. Ich würde es aus ver­schiede­nen Grün­den gern machen. Wegen des Kli­mas, der Enge, der Kleingeistigkeit und dem Neid. Aber ich hab hier meine Fre­unde und ich hab hier ein angenehmes Leben – man mag es Bequem­lichkeit nen­nen. Mein Steuer­ber­ater sagt immer »Geh nach Lon­don«, aber was soll ich in Lon­don? Meine Fre­unde sind hier, mein Hund ist hier und meine Schafe sind hier. Was soll ich da in Lon­don? Ich lebe jetzt in diesem Land, das ich nicht beson­ders liebe – das Land schon, aber nicht bes­timmte Leute und das ist okay.

Ihnen geht es da wie den meis­ten öster­re­ichis­chen Kün­stlern.

Und ich kenne nie­man­den, der wirk­lich wegge­gan­gen ist. Oder sie kom­men wieder zurück, weil man eben gern in einem Land lebt, in dem man sozial­isiert wurde – zumin­d­est wenn eine bes­timmte Schmerz­grenze nicht über­schrit­ten wird.

Woraus ziehen Sie bei all der Unzufrieden­heit Ihre Anerken­nung und Bestä­ti­gung?

Die Kunst­welt an sich ist ein schwieriges Pflaster, weil jeder ans Licht will, aber dort nicht so viel Platz ist. Und deshalb gibt es da einen unglaublichen Kampf um Erfolg und Aufmerk­samkeit …

Und um Geld?

Das Geld ist zweitrangig, eine angenehme Begleit­er­schei­n­ung, wenn man Glück hat. Aber es geht um Anerken­nung und die will jeder. Die wenig­sten sind wirk­lich fähig auf Anerken­nung zu verzichten, egal auf welchem Gebiet. Daher ziehe ich auch meine Befriedi­gung aus den vie­len Ausstel­lun­gen weltweit.

Lachen Sie eigentlich, wenn Sie arbeiten?

Nein, nein. Seh ich so aus?

Über­haupt nicht, Sie sehen oft sehr ernst aus.

Ich leide und quäle mich die ganze Zeit.

Schopen­hauer wäre stolz.

Darum liebe ich ihn auch so. Es geht nicht ums Witze machen oder Pointen tre­f­fen, das wäre vol­lkom­men ver­fehlt. Ich arbeite mit einem speziellen Real­itäts­be­griff und Leute erken­nen das recht schnell. Meine Kunst hat eine sehr niedrige Ein­gangss­chwelle: Ein dickes Haus, ein aufge­blasenes Auto, haha, jeder findet\‘s witzig. Aber das schmerzt mich, es ist ja nicht als Witz gemeint, son­dern als Aus­sage über eine bes­timmte Gesellschaft und ihren Zus­tand und die Objekte, mit denen wir uns wichtig machen. Das ist eigentlich für die meis­ten über­haupt nicht lustig, auch wenn es manch­mal so abge­tan wurde.

Ist Ihnen diese Gefahr schon beim Arbeiten bewusst?

Das ist ambiva­lent. Ich bin dafür auch immer belohnt wor­den. Meine Ausstel­lun­gen hat­ten über 100.000 Besucher, hier im Mumok, in Gent oder vor ein paar Jahren in Ham­burg, das ist doch toll. Aber ich hab auch Ausstel­lun­gen gemacht, zu denen wir 600 Kat­a­loge pro­duziert haben und verkauft wur­den nur 45. Man kann ja nichts dafür. Plöt­zlich haben wir diesen Kat­a­log mit den »One Minute Sculp­tures« gemacht und siehe da, nach drei Monaten ausverkauft. Zweite und dritte Auflage – ausverkauft. Ich war echt über­rascht, weil es nichts anderes war als das, was ich früher gemacht habe.

Und es gibt heute noch Inter­net­foren, in denen diese Skulp­turen imi­tiert, um– und nachgestellt wer­den. Ist das auch eine Form von Anerken­nung?

Ich schau mir das nie an. Ich weiß, dass ich immer wieder kopiert werde. Das hat etwas Ärg­er­liches, aber auch etwas Gutes. Mich freut es, wenn ich sehe, dass Architek­ten von mir etwas nehmen und das auch zugeben. Aber wenn die bel­gis­che Regierung gegen Energiev­er­schwen­dung mit einem fet­ten Auto wirbt, das eins zu eins nachgemacht wurde, dann ist das sehr ärg­er­lich.

Haben Sie jemals geklagt?

Ja klar, da bin ich mit dem Recht­san­walt drauf los­ge­gan­gen, aber da hat man keine Chance. Geistiges Eigen­tum gibt es zwar, aber die Def­i­n­i­tion ist so all­ge­mein gehal­ten, dass es kaum greift. Ich wollte jetzt auch nicht zum »Jäger des ver­lore­nen Schatzes« wer­den. Die deutsche Band Echt hatte mal für ein Video ange­fragt und während ich darüber noch nachgedacht habe, ist auf MTV ein Video von denen mit meinen »One Minute Sculp­tures« erschienen. Natür­lich habe ich die geklagt und die mussten auch sofort zahlen. Die Red Hot Chili Pep­pers hat­ten vorher total pro­fes­sionell ange­fragt und dann ist dieses »Can\‘t stop«-Video ent­standen.

Ist »The artist who swal­lowed the world« – der Kün­stler, der die Welt ver­schluckte – auch ein Selb­st­porträt?

Selb­stver­ständlich, das hat ja etwas mit dem Kün­stler­sein zu tun: Welt aufnehmen, Welt wiederkäuen und Welt wiedergeben.

Die Welt ist in Ihrer Skulp­tur in einem Zus­tand, in dem sie noch nicht ver­daut ist. Hat sich das inzwis­chen geän­dert?

Die Welt ver­daut? Nein. Es ist auch wichtig, dass sie schwer im Magen liegt, sonst wird man so abgek­lärt und es wird einem alles wurscht. Andy Warhol hat gesagt »All is pretty«, aber das bezwei­fle ich. Und ich glaube, es ist wichtig, dass man da etwas macht. Ich glaube das wirk­lich. Wenn man sich ansieht, wie die Poli­tik bei uns funk­tion­iert, kön­nte einem übel wer­den.

»Etwas machen …«?

Ich kann nur immer wieder etwas sagen und mich vor nie­man­dem fürchten. Aber das ist es dann auch. Ich will keine Partei grün­den wie Joseph Beuys, oder bei den Grü­nen mit­machen, weil ich die schreck­lich finde. Die anderen Parteien auch. Und ich bin auch sicher keiner, der zu Bomben greift. Ich kann es nur immer wieder sagen. Es sind ja nicht nur die Poli­tiker kor­rupt, son­dern die Bevölkerung all­ge­mein. Es gibt wahnsin­nig viele Früh­pen­sion­is­ten, Leute, die in unvorstell­barem Aus­maß die Invali­den­rente in Anspruch nehmen, ohne invalid zu sein. Das hab ich alles auch in anderen Inter­views kund­getan und da steht dann in irgendwelchen Foren, dass ich der größte Sub­ven­tion­sempfänger sei. Das ist vol­lkommener Unsinn, ich hab seit 30 Jahren keine Sub­ven­tio­nen bekom­men und will sie auch nicht.

Wie sehen Sie Ini­tia­tiven wie jene von Frank Stronach? Er »macht etwas« – bei aller Kri­tik, die man daran üben kann.

Grund­sät­zlich finde ich das gut. Aber sehen Sie, wie der ange­grif­fen und niedergemacht wird. Dass er sich das gibt, ist eh unglaublich. Nach einiger Zeit ist so etwas näm­lich nicht mehr lustig.

Ist es auch ein Stück Zufrieden­heit, dass Sie darauf nicht angewiesen sind, son­dern Ihre Kunst machen dür­fen?

Natür­lich, es ist ein riesiges Priv­i­leg und ein großes Glück. Ich lebe von meinen Unsin­nigkeiten, und das auch noch ganz gut. Mit dem Rest muss ich mich eigentlich nicht beschäfti­gen. Ich mache es, weil mir diese Prob­leme bren­nend nahe sind und ich den Zus­tand der Welt sehe. Ich habe drei Kinder und das ist die Zukunft, die wir ihnen hin­ter­lassen. Meinen Söh­nen ist es effek­tiv wurscht. Die sehen die Bedin­gun­gen und ver­suchen daraus etwas zu machen.

Ihre bei­den Söhne wer­den keine Kün­stler?

Der eine hat sogar ein Jahr in Berlin studiert, der wollte Mod­e­fo­tograf wer­den. Aber er hat entsch­ieden, dass es nichts für ihn ist und jetzt macht er Wirtschaft. Schauen wir mal wie lang.

Herr Wurm, vie­len Dank für das Gespräch.

Ein Kommentar

    […] bere­i­thielt, für Jed­er­mann zugänglich waren und sich in den meis­ten Haushal­ten ohne­hin befan­den. Anfangs ver­fol­gte Wurm viele der Nach­stel­lun­gen strafrechtlich. Etwa, als die Band „Echt“ in ihrem Musikvideo „Ste­henge­blieben“ einige seiner Anweisungen […]