Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Gottfried Haber im Fazitgespräch

Krisen­erk­lärung

Herr Haber, die Fußball-EM hat ger­ade begonnen. Was ist für Sie schw­erer vorherse­hbar, der Ver­lauf des Fußball­turniers oder die Entwick­lung der soge­nan­nten Eurokrise in dieser Zeit?
Für mich per­sön­lich der Fußball, weil ich da nicht beson­ders kom­pe­tent bin und das nur aus der Ferne ver­folge. Grund­sät­zlich glaube ich aber auch, dass sich Fußbal­lergeb­nisse schw­erer vorherse­hen lassen. Da ist jedes Spiel ein Einzel­ereig­nis, die Bedin­gun­gen vari­ieren immer ganz stark. In der Wirtschaft ist es nicht viel besser. Aber wir ken­nen zumin­d­est gewisse Mech­a­nis­men und wir kön­nen aus der Ver­trauen­skrise, die wir im Moment erken­nen, auf die Zukunft schließen.

Mir fiel auf, dass sich in bei­den Diszi­plinen sehr gewin­nträchtig wet­ten lässt und dass es in bei­den Bere­ichen zahlre­iche Experten gibt, die analysieren und Prog­nosen abgeben. Und in bei­den Fällen liegen diese häu­fig daneben. Wieso ist da die Wirtschaft besser zu ver­ste­hen?

Wenn wir uns die Wet­tquoten anschauen, das ist ja eine große Par­al­lele zu den Ratin­ga­gen­turen, haben wir in der Wirtschaft sogar eine schlechtere Sit­u­a­tion. Denn die Wet­tquoten im Fußball bee­in­flussen den Aus­gang des Spiels nicht.

Im Nor­mal­fall …
Gottfried Haber
Wenn aber alle darauf wet­ten, dass die spanis­chen Banken vor dem Konkurs ste­hen, bekom­men diese kein Geld mehr und ste­hen dann tat­säch­lich vor dem Konkurs. Diese selb­ster­fül­len­den Prophezeiun­gen passieren in der Wirtschaft viel eher als im Sport.

Das spricht natür­lich für die Vorherse­hbarkeit der Wirtschaft. Aber gut ist das nicht.

Nein, aber so ist das Sys­tem organ­isiert. Und ich denke, der Akteur, der am meis­ten tun kann und der die größte Ver­ant­wor­tung hat, ist der öffentliche Sek­tor. Wir haben aus meiner Sicht näm­lich keine Eurokrise, die ihre Ursache in der gemein­samen Währung hätte, ich sehe auch keine exis­ten­zielle Krise des Finanzsys­tems, sie äußert sich nur auf diesen Märk­ten. Wir haben eine Krise auf­grund zu hoher Schulden und dieses Prob­lem ist seit zwanzig Jahren zu erken­nen. Durch den Euro sind die Fehler unserer Sys­teme nur schneller sicht­bar gewor­den.

Viele sehen die Immo­bilien­blase in Amerika und jetzt jene in Spanien als Aus­löser und Ursache dafür, dass die Ver­schul­dung der Staaten über­haupt zum Prob­lem wurde.

Genau, die amerikanis­che Immo­bilienkrise hat zu einer Finanzkrise geführt und diese wiederum zu einer Wirtschaft­skrise, die wir auch hier in Europa zu spüren bekom­men haben. Wir haben bei all diesen Speku­la­tio­nen auch mit­ge­spielt

Aber was heißt »wir in Europa«? Es waren doch haupt­säch­lich große Pri­vat­banken, die sich an den Speku­la­tio­nen beteiligt haben – auch wenn in vie­len dieser Banken längst staatliches Geld geflossen ist.

Ja, klar. Der pri­vate Sek­tor ist immer involviert und bei einer Dimen­sion wie jener, mit der wir es zu tun haben, eben auch die Staaten. Und diese haben in der Wirtschaft­skrise genau das Richtige getan, näm­lich in schlechten Zeiten die Wirtschaft zu unter­stützen. Deshalb haben wir in Öster­re­ich auch sehr wenig von der schw­er­sten Wirtschaft­skrise aller Zeiten gespürt. Was aber aus so einer Unter­stützung immer resul­tiert, ist ein Anwach­sen der Schulden bis hin zur Schuldenkrise. Denn irgendwo muss der Staat ja das Mate­r­ial her­bekom­men, mit dem er die Delle der Kon­junk­tur aus­gle­icht.

Das Mate­r­ial in diesem Fall ist Geld …

Geld und Wirtschaft­sleis­tung. Die The­o­rie sagt: Spare in guten Zeiten und nutze das Ges­parte, um es in schlechten Zeiten zu investieren. Das ist allerd­ings nir­gendwo passiert und wir haben auf Pump investiert. Die Schuldenkrise ist also vorherse­hbar, wenn man so will notwendig, weil wir die Kon­junk­tur nicht aus dem Nichts her­aus stützen kön­nen, son­dern dafür Geld brauchen.

Besteht über diese The­o­rie des deficit spend­ing, die auf John May­nard Keynes zurück­geht, Einigkeit unter den Wirtschafts­forsch­ern?

Die meis­ten Ökonomen, die sich mit Wirtschaft­spoli­tik befassen, sind bei den zen­tralen Posi­tio­nen nicht so weit auseinan­der. Dass Wirtschaft gewisse Frei­heiten zur Ent­fal­tung braucht, ist all­ge­mein anerkannt. Sie wer­den keinen ern­sthaften Ökonomen finden, der für eine zen­tral gelenkte Plan­wirtschaft plädiert, ebenso wenig wer­den Sie einen Ökonomen finden, der für eine vol­lkom­men unreg­ulierte Mark­twirtschaft ein­tritt.

Aber im Detail, zum Beispiel bei der Bew­er­tung des Fiskalpakts, gehen die Mei­n­un­gen schon weiter auseinan­der.

Die Frage ist immer, wie man den Kon­sens, der momen­tan wohl am ehesten in der ökosozialen Mark­twirtschaft besteht, am besten umsetzt und wie viel staatlicher und poli­tis­cher Ein­fluss in den einzel­nen Bere­ichen vorhan­den sein soll.

Momen­tan scheint sich das im Schlag­wort »Wach­s­tum« zu konzen­tri­eren.

Nicht ein­mal da sind sich die Wirtschaftswis­senschaftler einig. Einige, dazu gehöre auch ich, sind der Mei­n­ung, dass der Wach­s­tum­seifer der let­zten Jahre, das Wirtschaften auf Pump, auch ein Grund dafür ist, dass wir in der Krise sind. Wir hat­ten in guten Zeiten ein mas­sives Wirtschaftswach­s­tum bei gle­ichzeit­igem Anstieg der Schulden. Das war immer ein Vor­griff auf die Zukunft, um im Heute schon mehr zu wach­sen. Wir wer­den uns damit abfinden müssen, dass wir nur ganz niedrige Wach­s­tum­sraten haben wer­den, ich denke zwis­chen null und einem Prozent.

Die Prog­nose der Öster­re­ichis­chen Nation­al­bank von Anfang Juni, die ein Wach­s­tum für die näch­sten Jahre von jew­eils rund zwei Prozent erwartet, ist also schon wieder ein Alarm­sig­nal?

Wir haben in Öster­re­ich das Glück, dass es uns besser geht als dem Durch­schnitt der Eurolän­der. Trotz­dem wer­den auch bei uns solche Wach­s­tum­sraten kün­ftig nicht möglich sein, wenn wir nach­haltiges Wach­s­tum wollen. Das heißt ja nicht, dass es nicht manch­mal bessere und mal schlechtere Jahre gibt, aber das reine Pro­duk­tion­swach­s­tum kann nicht so weit über dem tech­nol­o­gis­chen Wach­s­tum sein.

Der Chef des Wirtschafts­forschungsin­sti­tutes Karl Aigin­ger hat mehrfach behauptet, dass wir ein Wach­s­tum von min­destens zwei Prozent brauchen, um die Arbeit­slosigkeit sta­bil zu hal­ten.

Das ist eine sehr the­o­retis­che Frage. Ob tat­säch­lich ein sta­biler Zusam­men­hang von Wirtschaftswach­s­tum und Arbeit­slosigkeit besteht, hängt davon ab, ob die Nach­frage der lim­i­tierende Fak­tor ist. Wenn aber Ange­botss­chocks vorherrschen, dann ist dieser Zusam­men­hang nicht als sta­bil zu erken­nen. Ich würde mich nicht darauf ver­lassen – im pos­i­tiven wie im neg­a­tiven Sinn.

Wie ger­ing darf das Wach­s­tum aus­fallen? Es gibt ja auch einige Vertreter der Nullwachstums-These. Dem­nach müssen wir unsere Sys­teme sogar so ein­richten, dass sie ohne Wach­s­tum funk­tion­ieren.

Ich bin schon der Mei­n­ung, dass ein solides und nach­haltiges Wach­s­tum ein­facher ist, weil man dann etwas hat, was man verteilen kann. Nur dann kann ein Staat auch für Verteilungs­gerechtigkeit sor­gen. Und das wird es immer geben müssen und das kann es auch geben. Auf der einen Seite dank des tech­nol­o­gis­chen Fortschritts, auf der anderen Seite durch die wach­sende Welt­bevölkerung. Aber alles, was in der Ver­gan­gen­heit über einem Prozent lag, war haupt­säch­lich kred­it­fi­nanziert und das fällt uns aktuell auf die Füße.

Aber in den let­zten sechzig Jahren ging diese poli­tis­che Verteilungs­freude ein­deutig übers Ziel hin­aus. Wäre die Grun­dan­nahme aus­bleiben­den Wach­s­tums nicht besser für das nach­haltige öffentliche Haushal­ten?

Das glaube ich nicht. Das Prob­lem ist das Auseinan­derk­laf­fen von Wach­s­tum und öffentlichen Aus­gaben. Ob sich der öffentliche Sek­tor bei weniger Wach­s­tum selbst eingeschränkt hätte, bezwei­fle ich. Es wurde immer geglaubt, dass sich ein Staat unbe­grenzt ver­schulden kann. Deshalb haben Finanzmärkte und Ratin­ga­gen­turen diese Schulden auch mit Best­noten verse­hen und sie rel­a­tiv bil­lig gemacht.

Da schließt sich die gesellschaftlich wohl entschei­dende Frage an, ob wir mit einem Wirtschaftswach­s­tum von rund einem Prozent unseren Sozial­staat noch finanzieren kön­nen.

Die Gegen­frage ist: Was bringt es uns, um jeden Preis an Wach­s­tum zu glauben, wenn der Sozial­staat in seiner Verteilungswirkung und in seiner Bilanz nicht finanzier­bar ist? Ist es nicht wichtiger einzuse­hen, dass Wach­s­tum eben beschränkt sein wird und alle Fra­gen, die sich daraus ergeben, bis hin zur Gestal­tung des Pen­sion­ssys­tems, einer nach­halti­gen Lösung zuge­führt wer­den müssen?

Und Ihre Antwort?

Ich plädiere immer für eine Tren­nung von Steuer­sys­tem und Sozialver­sicherung. Also auch die Pen­sion müsste wie eine Ver­sicherung gestal­tet sein und dort, wo das zu sozialen Unaus­ge­wogen­heiten führt, müsste dann trans­par­ent umverteilt wer­den. Aber eben nicht zwis­chen den Sys­te­men.

Also nicht mit der Einkom­menss­teuer die Rente finanzieren?

Genau. Solange wir ein Ver­sicherung­sprinzip ein­hal­ten, ist es im Prinzip auch egal, ob mein eingezahltes Geld für mich anges­part wird oder ob die aktuell aktiven Beitragszahler für die Pen­sion­is­ten zahlen. Im Moment haben wir aber das wesentliche Prob­lem, dass über­all in Europa mehr aus­geschüt­tet wird, als die Ver­sicherten eingezahlt haben.

Und auch das ist ein demografis­ches Prob­lem. Wäre das von Ihnen angedachte Ver­sicherungssys­tem da besser?

Ja, weil jeder nur so viel aus­geschüt­tet bekom­men würde, wie er ein­zahlt. Alles andere ist nur eine Frage der Liq­uid­ität: Das Geld, das eingezahlt wurde, muss auch ver­füg­bar gehal­ten wer­den.
Die Trans­fer­zahlun­gen zwis­chen den Sozial– und Steuer­sys­te­men sind zu teuer gewor­den und gehen am Ende nicht mehr auf. Weil per­ma­nent ein Vor­griff auf die Wirtschaft­sleis­tung der Zukunft erfolgt. Die Gegen­leis­tung der heuti­gen Pen­sio­nen in ganz Europa wurde noch nicht erbracht und anges­part. Aber wir tun ein­fach so, als würde sie kom­men, auch wenn wir wis­sen, dass immer weniger junge Men­schen da sind, die in das Sys­tem ein­zahlen.

Haben die Chi­ne­sen da einen Vorteil, weil sie ohne Rück­sicht auf die Demokratie viel effizien­tere Sys­teme gestal­ten kön­nen?

Ich glaube schon, dass die Demokratie ein wesentlicher Grundpfeiler für eine funk­tion­ierende Wirtschaft ist. Das ändert aber nichts daran, dass wir auch in der Demokratie offen sagen müssen, dass die Sys­teme so nicht weiter funk­tion­ieren wer­den. Wir kön­nen natür­lich so tun, als wäre der Euro daran schuld, dass den spanis­chen Banken Geld fehlt. Aber wenn wir immer mehr aus­geben, als wir kurzfristig ein­nehmen, und nur darauf hof­fen, dass die nach­fol­gende Gen­er­a­tion das alles erwirtschaften wird, funk­tion­iert das nicht.

Aber warum hat ein Staat wie Spanien mit einer absoluten Ver­schul­dung von 70 Prozent des Brut­toin­land­spro­duk­tes (BIP) mehr Prob­leme als Deutsch­land oder Großbri­tan­nien mit jew­eils über 80 Prozent Ver­schul­dung? Oder nehmen wir das Extrem­beispiel Japan, wo die Staatsver­schul­dung bere­its dop­pelt so hoch ist wie das BIP.

Das ist ökonomisch tat­säch­lich schwer zu erk­lären. Aber es liegt daran, dass diesen Län­dern noch immer ver­traut wird und wir, wir alle, diesen Län­dern noch immer Geld bor­gen. Das Prob­lem sind ja nicht irgendwelche komis­chen Finanzmärkte. Das Prob­lem sind wir, die kein Ver­trauen mehr haben, dass zum Beispiel die Spanier ihre Prob­leme in den Griff bekom­men.
Gottfried Haber
Aber das sind doch nicht wir drei hier am Tisch …

Doch!

Also ich hab nichts zu ver­an­la­gen.

Ich auch nicht, aber sei es nur eine pri­vate Pen­sionsvor­sorge: Wir wer­den nicht jene wählen, die in griechis­che, spanis­che oder irische Staat­san­lei­hen investiert.

Aber diese Entschei­dung trifft doch im Nor­mal­fall der Banker bzw. der dor­tige Fonds­man­ager. Als Kunde oder Angestell­ter am Schal­ter ist man in solche Entschei­dun­gen kaum einge­bun­den.

Aber die Banken bieten an, was nachge­fragt wird. Und die wis­sen, dass sie uns nicht ein­mal mehr mit sechs oder sieben Prozent Ren­dite locken, wenn das Geld dafür in spanis­che Staat­san­lei­hen investiert wird. Ger­ade diese Woche haben die Spanier um mehr als sechs Prozent Staat­san­lei­hen emit­tiert. Das ist an sich ein Geschenk für Anleger, wenn sie überzeugt sind, dass sie ihr Geld zurück­bekom­men. Stattdessen investieren viele kleine Anleger lieber in deutsche Bun­de­san­lei­hen, die mit 1,4 Prozent unter der Infla­tion­srate verzinst sind.

Sie haben die Ratin­ga­gen­turen und deren Fehler ange­sprochen. Was haben eigentlich die Wirtschaftswis­senschaftler aus den let­zten Jahren gel­ernt?

Wir sind noch dabei zu ler­nen. Ich denke, es ist noch nicht ganz angekom­men, dass wir im Kern ein Liq­uid­itäts– und Ver­trauen­sprob­lem haben und dass dies tat­säch­lich die tra­gen­den Ele­mente unserer Wirtschaftssys­teme bet­rifft. Vor allem die Ökonomen in den USA sagen noch immer, dass die Europäer Geld drucken sollen und damit die Prob­leme lösen müssten. Aber durch das Drucken von Geld wird keine Wirtschaft­sleis­tung erbracht. Die gle­ichen Ökonomen kri­tisieren auch, dass wir Voodoo-Ökonomie betreiben, weil wir die Banken mit staatlichem Geld ret­ten und dann hof­fen, dass die Banken wiederum den Staat finanzieren. Diese Kri­tik stimmt allerd­ings. Aber wenn man das schon ver­standen hat, muss man doch erken­nen, dass es nichts bringt Geld zu drucken.

Für einige ist Infla­tion eine cle­vere Lösung, um Ver­schul­dung zu reduzieren.

Das stimmt insofern, als dass dadurch die Gegen­leis­tung für die Schulden reduziert wird. Aber sie ver­ringert auch das Ver­mö­gen, vor allem das Geld­ver­mö­gen.

Was eine Reichen­s­teuer kann, kann die Infla­tion schon lange?

Das stimmt schon, aber ob das tre­ff­sicher ist, wenn es um die Verteilung von arm und reich geht, bezwei­fle ich. Wir merken zwar die Preis­steigerung, aber wir merken nicht, wie sehr diese durchs Geld­drucken ange­heizt wurde. Es mag sein, dass die Infla­tion der poli­tisch ein­fachere Weg ist, aber ich halte sie für den schlechteren, weil die Verteilungswirkung intrans­par­ent ist und wenn man aktiv umverteilen will, dann hat man dafür ein Steuer­sys­tem. Weil man sich aber scheut, darüber eine Diskus­sion zu führen, will man lieber die Noten­presse anwer­fen. Die USA machen das ganz mas­siv und drucken jede Menge Geld.

Warum wird das in Europa bis jetzt nicht gemacht?

Wenn wir uns das Wach­s­tum der Geld­menge »M3« anschauen, also der Summe von Bargeld, Sicht-, Spar– und Ter­minein­la­gen, dann hat­ten wir dort sogar ein stärk­eres Wach­s­tum als die Amerikaner.

Das lag aber nicht daran, dass die Europäis­che Zen­tral­bank (EZB) so viel Geld gedruckt hätte?

Das gedruckte Geld und die Zin­spoli­tik spie­len schon eine große Rolle. Ebenso wie die Kred­itver­gabe der Banken, die von Regel­w­erken wie Basel II und Basel III bee­in­flusst wer­den. Wir hat­ten in guten Zeiten Kred­itwach­s­tum­sraten von 15 Prozent pro Jahr und selbst in der soge­nan­nten Kred­itk­lemme ist das Vol­u­men der jährlich aufgenomme­nen Kred­ite kaum zurück­ge­gan­gen. Und wenn das BIP-Wachstum ger­ade ein­mal zwei Prozent beträgt, ist das eine Dif­ferenz, die vor allem in einer Infla­tion spür­bar wird. Also hat auch die Ver­schul­dung selbst ihren Beitrag zur Infla­tion geleis­tet.

Warum ist diese dann trotz­dem im Rah­men geblieben, wir lagen ja immer im Bere­ich von zwei Prozent Infla­tion?

Weil das Geld zum Teil wieder zurück­ge­gan­gen ist, also niemals physisch am Markt war.

Oder haben wir nicht das Prob­lem, dass der Warenkorb, mit dem die Infla­tion gemessen wird, sehr unge­nau ist?

Eigentlich nicht. Die gefühlte Infla­tion ist sicher höher, weil wir schneller steigende Preise bei den Din­gen des täglichen Lebens haben. Aber dafür sind Anschaf­fun­gen wie Autos oder Fernse­her erhe­blich bil­liger gewor­den. Das spürt man halt nicht jeden Tag. Üblicher­weise ist die tat­säch­liche Infla­tion­srate sogar etwas niedriger als die offizielle, weil der Warenkorb in der Regel fünf Jahre lang gilt. In diesen fünf Jahren gibt es eine Qual­ität­sen­twick­lung bei den Pro­duk­ten, die nicht ein­gerech­net wird, aber so wird halt sta­tis­tis­cher Preisanstieg sug­geriert, den es nicht gibt.

Wie kön­nte man die Infla­tion begren­zen, falls diese doch noch kom­men sollte?
Grund­sät­zlich wird das gemacht, indem die EZB Geld aus dem Sys­tem her­aus­nimmt. Das ist im Moment schwierig, weil einige wichtige Banken in Europa dafür nicht liq­uide genug sind und Basel III eine zusät­zliche Belas­tung für diese Banken darstellt. Momen­tan sind die Banken bei der Kred­itver­gabe auch sehr zurück­hal­tend – so bleibt das Geld inner­halb des Finanzsys­tems. Zur Infla­tion kön­nte es aber kom­men, wenn die Wirtschaft wieder wächst und mehr Kred­ite, also Geld nach­fragt, das dann plöt­zlich in Umlauf kommt.

Sind die aktuellen poli­tis­chen Maß­nah­men zur Krisen­be­wäl­ti­gung, also die Ver­suche eine Banken– und Fiskalu­nion zu errichten, aus ihrer Sicht sin­nvoll?

Ich glaube, das kann dur­chaus etwas brin­gen. Allerd­ings ist das vor dem Hin­ter­grund der aktuellen Euro– und Europaskep­sis nicht so ein­fach. Alle hal­ten Griechen­land für ein Fass ohne Boden und das ist für ein weit­eres Zusam­men­rücken natür­lich nicht förder­lich. Da spielt es auch keine Rolle, dass Griechen­land im Grunde kein Prob­lem mehr ist, weil es mit den Geldern der ersten bei­den Finanzhil­fen finanziert ist. Das kann schon der Startschuss für eine Fiskalu­nion sein und die Diskus­sion darüber zeigt, dass man langsam das Prob­lem erkannt hat.

Bedeutet eine solche Fiskalu­nion dann auch tat­säch­lich die Ent­mach­tung der Nation­al­staaten?

Wohl schon. Denn die ersten bei­den Wege haben ja nicht funk­tion­iert. Die Staaten haben sich selbst nicht an ihre eige­nen Vor­gaben gehal­ten und die Kon­trolle durch die EU, so wie in Griechen­land, funk­tion­iert auch nicht, ohne dass es mas­sive poli­tis­che Prob­leme gibt. Die Fiskalu­nion bedeutet, dass auf europäis­cher Ebene ein aus­geglich­enes Bud­get erzwun­gen wird. Es muss darum gehen, verbindliche Spiel­regeln zur Sta­bil­isierung der Staats­fi­nanzen zu definieren – nicht darum, dass die EU bis auf Ebene der Gemein­den jede einzelne Bud­get­po­si­tion genehmi­gen muss.

Wie kom­men Sie als Wirtschaftswis­senschaftler eigentlich zu all Ihren Analy­sen und The­sen? Wir Jour­nal­is­ten zitieren ja meist nur mit Beru­fung auf akademis­che Titel und Zitier­fähigkeit.
Die meis­ten Ökonomen arbeiten mit math­e­ma­tis­chen Mod­ellen und mit diesen wer­den Sim­u­la­tio­nen und Berech­nun­gen durchge­führt. Und dann kön­nen einzelne Par­tial­analy­sen gemacht wer­den, mit denen wir zu erken­nen ver­suchen, wie zum Beispiel Wech­selkurs und Wirtschaftswach­s­tum zusam­men­hän­gen. Ger­ade jetzt
ler­nen wir auch viel aus der Ver­gan­gen­heit. Die Iren haben in den 80er-Jahren ihr Bud­get zum Beispiel über Steuer­erhöhun­gen kon­so­li­diert – ein paar Jahre später ging es ihnen schlechter als vorher. Ende der 80er-Jahre haben sie dann ihre Aus­gaben reformiert und bis 2008 war die irische Entwick­lung eine Erfol­gsstory. Daraus ver­suchen wir dann Schlüsse zu ziehen.

Wie wichtig und zuver­läs­sig sind sta­tis­tis­che Daten?

Die sind sehr wichtig, aber wir haben immer das Prob­lem, dass die Daten hin­ter­her­hinken und unge­nau sind. Wenn man ehrlich ist, kön­nen wir nicht ein­mal unter­schei­den, ob wir ein leichtes Schrumpfen oder ein leichtes Wach­sen der Wirtschaft haben. Ich glaube nicht, dass ein Ökonom ser­iös sagen kann, ob das BIP nun »wirk­lich« um 0,1 Prozent schrumpft oder um 0,2 Prozent steigt.

Wie kommt es dazu, dass die Schlüsse aus diesen Vor­gaben so unter­schiedlich sind?
Weil die Wirtschaft extrem kom­plex ist und noch dazu von Men­schen und Erwartun­gen geprägt wird. Jeder Ein­flussfak­tor führt zu einer Vielzahl von Effek­ten und häu­fig ist die auss­chlaggebende Frage, welcher Effekt über­wiegt.

Und das zu bew­erten ist eine Frage der Hal­tung und Ide­olo­gie?

Im Nor­mal­fall sollte das unab­hängig davon sein. Wis­senschaft lebt ja davon, dass der Stand­punkt eben nicht den Blick­winkel bes­timmt.

Herr Haber, vie­len Dank für das Gespräch.