Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Dosen, Brot und Spiele

Die Wirtin schaut drein, als hätte sie die gäh­nende Leere ihres Gasthauses schon mit dem einen oder anderen Bier betäubt. Nur zwei Karten­spieler haben sich in das geräu­mige Wirtshaus nahe dem Seck­auer Stift verirrt. Werk­tags kom­men sich weder die Fam­i­lien vom Aus­flug stärken noch die Touris­ten von der Besich­ti­gung. Aber die Schnitzel sind groß und gut, und es sind die einzi­gen, weil rund­herum kein Lokal geÖffnet hat. Doch die trügerische Ruhe soll bald vor­bei sein, denn auch in Seckau will man von den großzügi­gen Investi­tio­nen des Diet­rich Mateschitz prof­i­tieren: »Des is schon gut, was der macht.« murmelt die Wirtin. Der Red-Bull-Ring, dessen ErÖff­nung let­ztes Jahr gefeiert wurde, liegt zwar zwÖlf Kilo­me­ter ent­fernt, aber auch hier ist bekannt, was sich ger­ade alles ändert. Der alte Hofwirt am anderen Ende der Straße ist derzeit wegen Umbauar­beiten geschlossen. Ein weit­eres Hotel soll dort entste­hen, ein weit­eres neben den zahlre­ichen Hotels, die schon jetzt in der Nähe der Rennstrecke und in den umliegen­den Gemein­den stehen.

Seckau ist nur einer von vie­len kleinen Orten, die von den großen Struk­tur­maß­nah­men prof­i­tieren sollen. Zeltweg, Knit­telfeld, Fohns­dorf – die alte Eisen­bah­n­erre­gion kann neue Pro­jekte und Arbeit­splätze gut gebrauchen. Mit viel Geld wird in den schrumpfenden Regio­nen wieder etwas aufge­baut und keiner kann so recht wis­sen, ob sich die Land­flucht mit großen Investi­tio­nen aufhal­ten lässt. 70 Mil­lio­nen sind es bei »Spiel­berg Neu« in der Ober­steier­mark und der Glaube daran, dass sich all das wirk­lich lohnt, soll durch wis­senschaftliche Stu­dien gestärkt werden.

Die schwere Wiederge­burt einer Rennstrecke
Die neuen Hotels sind nicht das einzige Zeichen der Verän­derun­gen, die das Pro­jekt »Spiel­berg Neu« mit sich bringt, brin­gen soll und brin­gen wird. Wie kÖn­nte es auch anders sein bei einem Pro­jekt, das so viel Vor­laufzeit gebraucht hat? Der ursprüngliche Plan, einen 750 Mil­lio­nen schw­eren Indus­tri­e­s­tandort rund um den abgeris­se­nen Österreich-Ring zu etablieren, ist nach einer Umweltverträglichkeit­sprü­fung (UVP) und laut­starken Anwohn­er­protesten wieder gekippt wor­den. Damals woll­ten noch große Player wie Magna, Volk­swa­gen und KTM mit an Bord sein. Den zweiten Anlauf im Jahr 2005 wagte dann allein Diet­rich Mateschitz mit seiner Stiftung und dem Red-Bull-Imperium im Hin­ter­grund. Und er fand im damals neu gekürten Wirtschaft­s­lan­desrat Chris­t­ian Buch­mann einen fre­undlich gesin­nten Unter­stützer in der Poli­tik. Alles wurde eine Num­mer kleiner geplant, aber das Pro­jekt »Spiel­berg Neu« ist immer noch ganze 70 Mil­lio­nen schwer. Davon zahlte das Land bisher immer­hin neun Mil­lio­nen und schÖpfte damit den geset­zlichen Rah­men für solche FÖrderun­gen voll aus. Die entsprechende EU-Richtlinie sieht vor, dass die ersten 50 Mil­lio­nen mit 15 Prozent gefÖrdert wer­den kÖn­nen, was darüber hin­aus aus­gegeben wird nur noch mit max­i­mal 7,5 Prozent.

Viel Lärm um den Lärm
Doch damit war es nicht genug. Weil einige der unmit­tel­baren Anrainer bere­its genug vom Lärm des nahen Mil­itär­flug­platzes in Zeltweg hat­ten und weil vor allem Karl Arbesser vor seinem Schloss nicht auch noch eine Rennstrecke hÖren wollte, musste das Land (und damit der Steuerzahler) eine weit­ere UVP für 4,5 Mil­lio­nen Euro finanzieren. In deren Folge wur­den laut Zahlen von ORF und Kleiner Zeitung Entschädi­gun­gen in HÖhe von 2,9 Mil­lio­nen Euro an betrof­fene Anlieger gezahlt und der heftig­ste Pro­jek­t­geg­ner bekam eine Stelle als Ombuds­mann, die mit jährlich 45.000 Euro dotiert ist. In dieser Funk­tion misst Arbesser die Lärm­be­las­tung, die durch Flug­platz und Rennstrecke entsteht und dafür hat er sich anfangs eine eigene Messsta­tion gekauft, weil jene der Red-Bull-Gesellschaft keine direk­ten Rückschlüsse auf die Lär­mquelle zulässt. Jetzt betreibt das Land selbst eine solche Anlage etwa 200 Meter neben der Rennstrecke. Für das Jahr 2011 sind zwar von Seiten des Lan­des keine Über­schre­itun­gen gemessen wor­den, aber die Zahlen von Karl Arbesser sagen etwas anderes. Dem­nach lag die Durch­schnittslaut­stärke um 0,9 Dez­i­bel über dem geset­zlich zuläs­si­gen Jahres­durch­schnitt von 61 Dez­i­bel. Schuld daran waren aber nicht etwa die Bauar­beiten am Ring oder etwaige Ren­nen, son­dern die Ver­anstal­tung der Air­power auf dem Flug­platz in Zeltweg. Ins­ge­samt darf der Ring natür­lich Lärm machen. Und zwar an max­i­mal 85 Tagen pro Jahr. Geplant waren aber ursprünglich 105 Ren­ntage, um eine entsprechende Aus­las­tung des Rings zu gewährleis­ten. Jetzt muss man sich an die Vor­gabe der UVP hal­ten, denn jeder zusät­zliche Tag, an dem der Lär­mmesser Alarm schlägt, kostet die steirische Lan­deskasse 15.000 Euro.

Doch der Lärm ist inzwis­chen zum kleinen Übel gewor­den, die Lan­des­ge­sellschaft »Spiel­berg Neu« ver­sucht die Inter­essen von Anrain­ern und Betreibern auf einen Nen­ner zu brin­gen und tut dies auch mit zunehmen­dem Erfolg. So wurde neben der dop­pel­ten Lär­mmes­sung, durch den Betreiber Red Bull ein­er­seits und den Ombuds­mann ander­er­seits, auch eine Geschwindigkeits­be­gren­zung für den Zubringer zum Ring durchge­setzt und ein Tag der offe­nen Tür für unmit­tel­bare Anlieger ver­anstal­tet. Damit scheinen sich die akustis­chen Prob­leme der meis­ten Anwohner zu ver­flüchti­gen. Die poli­tisch und wirtschaftlich rel­e­van­tere Frage ist, ob sich die Investi­tio­nen des Lan­des lohnen und auch finanziell auszahlen. Das erste Jahr kann darüber noch keinen wirk­lichen Auf­schluss geben, ebenso wie die leeren Gasthäuser und Hotels im Moment darüber hin­wegtäuschen, ob und wie sich das Pro­jekt in der Region rentiert.

Zahlen sich die Investi­tio­nen aus? Und für wen?
Die FÖrder­summe des Lan­des beläuft sich offiziell auf neun Mil­lio­nen – das ist alles, was geset­zlich mÖglich war. Dazu kom­men die etwa 7,5 Mil­lio­nen für UVP und Anrainer­entschädi­gun­gen. Laut eige­nen Schätzun­gen ver­spricht sich das Land Steier­mark dafür annäh­ernd 780 zusät­zliche Arbeit­splätze und eine jährliche WertschÖp­fung von 41 Mil­lio­nen Euro. Diese Zahlen stam­men aus einer Unter­suchung des Inter­na­tional Cen­tral Euro­pean Insti­tute (icei) aus Wien, dessen Leiter Flo­rian Schwill­insky diese Studie im Auf­trag von Lan­desrat Buch­mann durchge­führt hat.

In dieser geht Schwill­insky von 70 Mil­lio­nen Euro Investi­tion beim Red-Bull-Ring und noch ein­mal 70 Mil­lio­nen für Touris­mus­pro­jekte wie unter anderem die Hotels SchÖn­berghof, Enzinger­hof, Steir­erschlÖssl und Schloss Thal­heim aus. Allein die Bauin­vesti­tio­nen sollen kurzfristig über 1.000 Arbeit­splätze und eine Nach­frage im Rah­men von 140 Mil­lio­nen Euro gebracht haben. Langfristig ver­spricht die Studie eine jährliche WertschÖp­fung von 41 Mil­lio­nen Euro und 800 Arbeit­splätze. GrÖßter Prof­i­teur neben den Unter­hal­tungs– und Sport­be­trieben soll der umliegende Touris­mus sein. Dass Mateschitz dabei selbst einige Hotels betreibt, gehÖrt zur Win-Win-Rechnung des gebür­ti­gen Mürz­talers dazu – er ver­spricht sich davon offen­bar so viel, dass er für die Investi­tio­nen im touris­tis­chen Bere­ich nicht ein­mal FÖrdergelder beantragt hat.

Das Land darf nach der erfol­gre­ichen Inbe­trieb­nahme auf hÖhere Steuere­in­nah­men hof­fen: 10,5 Mil­lio­nen Euro wer­den laut Studie jährlich erwartet. Da Mehrw­ert­s­teuer und Umsatzs­teuer direkt an den Bund gehen, ist dieser aber der Haupt­prof­i­teur, für Land und Gemein­den sollen immer­hin noch 1,9 Mil­lio­nen Euro jährlich bleiben. Ein­deutig über­prüf­bar sind solche Zahlen kaum. Wer kann sagen, ob das Schnitzel in Seckau nun von Besuch­ern des Red-Bull-Rings oder des Klosters gegessen wurde?

Und auch sonst kann sich das Land nicht auf den Gewinn ver­lassen. Soll­ten näm­lich Kosten für die Instand­hal­tung der Asphalt­strecke oder Lär­müber­schre­itun­gen fäl­lig wer­den, sind diese Ein­nah­men schnell wieder aufge­braucht. Denn aus der alten Ver­tragsklausel, nach der bei nicht stat­tfind­en­den Formel-1-Rennen 1,45 Mil­lio­nen Euro vom Land an die Red-Bull-Betreibergesellschaft fließen, wurde eine andere Klausel, die auch weit­er­hin Lan­des­fÖrderun­gen mÖglich machen soll: Weil die Asphalt­strecke des Rings im Gegen­satz zum Grund­stück, auf dem sie liegt, dem Land gehÖrt, soll dieses auch für deren Instand­hal­tung aufkom­men. Gegen Rech­nungsle­gung kÖn­nen so Kosten bis zu max­i­mal 1,45 Mil­lio­nen Euro gel­tend gemacht wer­den. Im let­zten Jahr sollen diese Gelder aber laut dem Büro von Lan­desrat Buch­mann nicht genutzt wor­den sein. Ein erfol­gre­iches Pro­jekt scheint es also vor allem für Diet­rich Mateschitz und seinen Red-Bull-Konzern zu wer­den. Denn die Dose mit dem Ener­gy­drink hat nicht nur ermÖglicht, dass eine solche Investi­tion in Mateschitz\’ alter Heimat mÖglich ist, son­dern der Konz­ern soll davon auch prof­i­tieren. Und dazu gehÖrt auch der nicht zu unter­schätzende Mar­keting­ef­fekt. Dem kann man sich an keiner Stelle des Rings entziehen. Nicht ein­mal bei den zahlre­ichen kleinen Ver­anstal­tun­gen, die regelmäßig auf dem Gelände der Rennstrecke stat­tfinden. Zum Beispiel hat der steirische Auto­clus­ter heuer seine alljährliche Tagung in den Räu­men ver­anstal­tet, in denen sonst die VIP-Zuschauer der Auto– und Motor­ra­dren­nen den Start ver­fol­gen. Mit Red Bull hat diese Ver­anstal­tung nichts zu tun, aber während draußen ein kleines Old­timer­ren­nen stat­tfindet, wer­den drin­nen Getränke verteilt: »Wasser, Carpe Diem oder aus dem eige­nen Haus: ein Red Bull«, erk­lärt die fre­undliche Service-Dame. Dabei ist nicht ganz klar, ob sie es nur nicht sagen will oder ob sie gar nicht weiß, dass auch Carpe Diem zum Mateschitz-Konzern gehÖrt und selbst das stille Min­er­al­wasser mit dem Logo der zwei Bullen verse­hen ist.

Worst Prac­tice: Nür­bur­gring

Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten bleibt es auch nur, wenn alles gut geht. Erfol­gsver­sprechende Stu­dien gab es näm­lich auch immer wieder für den berühmten Nür­bur­gring in Deutsch­land. Doch dort fliegt der Eigen­tümerge­sellschaft und dem Land ger­ade alles um die Ohren, was 1927 als ambi­tion­iertes Pro­jekt begann. Trotz kon­tinuier­licher Besuche durch die Formel 1, zuletzt im jährlichen Wech­sel mit dem Hock­en­heim­ring, blieb der erhoffte Gewinn aus. 2004 und 2005 sollen die Formel-1-Rennen jew­eils Ver­luste von rund neun Mil­lio­nen Euro verur­sacht haben. Auch die alter­na­tiven Nutzungsver­suche als Erleb­nis­park blieben bis jetzt erfol­g­los und kosteten sowohl den Haupt­geschäfts­führer als auch den Finanzmin­is­ter des Lan­des Rheinland-Pfalz ihre Posten. Die Betreiber zahlten in den let­zten Jahren ihre Pacht nicht mehr an die Lan­des­ge­sellschaft und von den geschaf­fe­nen Arbeit­splätzen müssen knapp 100 Stellen gestrichen wer­den. Ein Mil­lio­nen­grab, über das viele nur noch den Kopf schütteln.

All das sollte den Betreibern des Red-Bull-Rings und den Ver­ant­wortlichen des Lan­des eine Mah­nung sein. Auch wenn die Unter­schiede zwis­chen Nür­bur­gring und Spiel­berg deut­lich sind. Denn während in Deutsch­land vor allem das Land ver­sucht hat, dieses Pro­jekt zu etablieren, ist es in der Steier­mark vor allem ein Pri­vatun­ternehmen, das im Rah­men der geset­zlichen MÖglichkeiten vom Steuerzahler gefÖrdert wird. Ein lebendi­ges Warnsignal ist außer­dem Wal­ter Kafitz, der ehe­ma­lige Geschäfts­führer der Nür­bur­gring GmbH. Er ist jetzt am Red-Bull-Ring in ähn­lich entschei­den­der Funk­tion als »Head of Mar­ket­ing & Sales« tätig. Bis­lang zumin­d­est scheint die »beschei­denere« Rennstrecke Spiel­berg prof­ita­bel wirtschaften zu kÖn­nen. Der Stan­dort ist vor allem auf kleinere Events aus­gerichtet und schaffte es so, durch Kon­ti­nu­ität zu überzeu­gen. Ein klären­der Ein­blick in die Bilanzen des Betreibers ist nicht zu bekom­men, aber im ersten Jahr seines Betriebs kon­nte der regionale Touris­musver­band über 40 Prozent mehr Näch­ti­gun­gen zählen. Mit der DTM im Juni und Hubert von Gois­ern im Juli kom­men heuer auch wieder einige Großereignisse in die Region und es wird sich zeigen, wie viele Gäste diese Events dies­mal in die Steier­mark locken kÖn­nen. Für den ganz großen und ganz geheimen Traum von der Formel 1 ist die Rennstrecke aber noch nicht tauglich. Sowohl Mar­ket­ingchef Kafitz als auch Mateschitz leug­nen alle Ambi­tio­nen, in naher Zukunft ein Formel-1-Rennen in Öster­re­ich ver­anstal­ten zu wollen. Dafür müsste zumin­d­est ein­mal die Start-Ziel-Gerade aufgerüstet wer­den, die bis dato noch keine durchge­hende Zuschauer­tribüne hat.

Doch schon daran kÖn­nte das ganze Vorhaben scheit­ern, denn durch den Bescheid der UVP ist die Besucherzahl des Rings lim­i­tiert. Das Prob­lem sind also nicht die fehlen­den Sitze, die sich ange­blich inner­halb einer Woche nachrüsten lassen, son­dern die nÖtige Neu­ver­hand­lung der max­i­malen Besucherzahlen. Auch aus diesem Grund setzt der Ring wohl vor allem auf Kon­ti­nu­ität mit nur eini­gen weni­gen großen Ereignis­sen. Denn was ein Event wie das DTM-Rennen für Diskus­sio­nen mit sich bringt, kann man aktuell ver­fol­gen. Während Lan­desrat Buch­mann den Mil­itär­flughafen Zeltweg dafür gern auch zivilen Flugzeu­gen Öff­nen mÖchte, lehnt der zuständige Vertei­di­gungsmin­is­ter Nor­bert Dara­bos dieses Anliegen ab. Und so sor­gen solche Kleinigkeiten wohl auch kün­ftig für Sand im Getriebe des sonst gut geÖl­ten Spielberg-Betriebs.