Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Nach dem Euro ist vor dem Euro

Das Ende der europäis­chen Währung­sunion ist kein Tabu mehr. Ein britis­cher Lord hat sogar ein Preis­geld von 250.000 Pfund für das beste Konzept zum Ende des Euro aus­geschrieben. Doch trotz aller Abgesänge auf das grÖßte Wirtschaft­spro­jekt der let­zten 60 Jahre laufen die Alter­na­tiven dazu wieder auf eine neue Währung­sunion hin­aus. Eine Rück­kehr zu den nationalen Währun­gen hält kaum ein Ökonom oder Poli­tiker für sin­nvoll. Aus gutem Grund.

Ein Ende naht, aber wir wis­sen nicht welches. Seit vier Jahren scheinen die währungspoli­tis­chen Gefüge des Euro­raumes nun schon gestört. So gestört, dass sie von den Stammtis­chen, den meis­ten Jour­nal­is­ten und zahlre­ichen Unternehmern für irrepara­bel gehal­ten wer­den. Und mit jedem Krisen­gipfel fes­tigt sich dieser Ein­druck. Dabei sind Wirtschaft­skrisen und die Müh­sal bei deren Über­win­dung grund­sät­zlich keine Anom­alien, sie gehören zum Zyk­lus aus Rezes­sion und Auf­schwung. Nach guten Jahren fol­gen schlechte Jahre und irgend­wann geht es immer wieder bergauf. Zumin­d­est auf diese Regelmäßigkeiten lässt sich die Weltwirtschafts­geschichte reduzieren. Von einer \“nor­malen Wirtschaft­skrise\” spricht allerd­ings seit 2010 kaum noch jemand, denn diese ist, betra­chtet man Börse­nen­twick­lung, Wirtschaftswach­s­tum und Beschäf­ti­gung, nur noch bed­ingt zu erken­nen. Die Wirtschaft­sleis­tung (BIP) in Öster­re­ich liegt längst um 5.000 Euro pro Kopf über dem Niveau von 2006 und 2007, wir sind also bere­its in den \“guten Jahren\”. 2011 wurde für Öster­re­ich sogar zum Reko­rd­jahr bei Importen und Exporten. Der deutsche Aktienin­dex liegt ober­halb von 7.000 Punk­ten und damit nur noch etwa 1.000 Punkte unter dem Allzei­thoch von 2007.

Die aktuelle \“Krise\” findet in einer Par­al­lel­welt statt, die aber so nah ist, dass sie immer wieder chao­tis­che Auswirkun­gen auf die Preisen­twick­lung, den Zinssatz und vor allem auf die öffentliche Diskus­sion hat. Durchge­setzt hat sich dafür das ein­gren­zende Schlag­wort \“Schuldenkrise\”. Dieses lokalisiert die Prob­leme allerd­ings etwas zu selb­stver­ständlich an jenem Ort, an dem sie momen­tan am deut­lich­sten wer­den: in den Bilanzen der Nation­al­staaten. Zwar sind die Schulden­stände, die sich dort seit über 60 Jahren ange­sam­melt haben, längst jen­seits aller Maastricht-Kriterien und damit jen­seits von allem, was als gesun­der Staat­shaushalt beze­ich­net wer­den kann, aber diese Schulden waren und sind \“sys­tem­rel­e­vant\” für unseren Wohl­stand und unser Wirtschaftswach­s­tum. Und sie wer­den deren Ende sein, wenn die Schulden so sehr über­hand nehmen, dass sie das Kred­it­sys­tem der Real­wirtschaft – die Basis eben dieses Wohl­standes – zum Still­stand bringen.

Noch bleibt alles, was seit zwei Jahren unter dem Schlag­wort \“Krise\” passiert, ohne wesentliche Fol­gen für die pro­duzierende Wirtschaft und damit für die Beschäf­ti­gungszahlen. Trotz­dem sorgt es für große und nachvol­lziehbare Unsicher­heiten. Die zen­trale Frage von Unternehmen, Medien und über 325 Mil­lio­nen Ein­wohn­ern der Euro­zone ist, wie und ob es mit dem Euro weit­ergeht. Und – wie auch immer es laufen wird – mit welchen spür­baren Auswirkun­gen auf das tägliche Leben zu rech­nen ist.

Zusam­men­bruch? Vielle­icht beim näch­sten Mal

Auch wenn die gefühlte und medial ver­mit­telte Gefahr größer ist als je zuvor, kön­nte sich ein jeder mit etwas Igno­ranz für die Struk­tur­prob­leme der europäis­chen Staaten ruhi­gen Gewis­sens auf den näch­sten Auf­schwung ver­lassen. Doch von dieser Sicher­heit sind wir zu Recht noch weit ent­fernt. Auf­grund der starken wirtschaft­spoli­tis­chen Abhängigkeiten, die inner­halb der Euro­zone beste­hen und die durch das Engage­ment der Europäis­chen Zen­tral­bank und der Europäis­chen Ret­tungsmech­a­nis­men (ESFS und ESM) ver­stärkt wer­den, sind die ekla­tan­ten Prob­leme einzel­ner Nation­al­staaten zum Prob­lem aller beteiligten und eben­falls mit prob­lema­tis­chen Haushal­ten belasteten Staaten gewor­den. Muster­schüler gibt es keine. Daher ist die Schuldenkrise in Griechen­land, die dort längst eine Wirtschaft­skrise mit bru­talen Fol­gen für die Bevölkerung ist, auch ein Prob­lem für die poli­tis­chen Part­ner inner­halb der Europäis­chen Union. Dazu gehört nun ein­mal Öster­re­ich, das Kred­ite im Rah­men von geschätzten vier bis fünf Mil­liar­den an griechis­che Banken und Unternehmen vergeben hat, über die EZB indi­rekt 2,87 Mil­liar­den Euro und über den dauer­haften Ret­tungss­chirm ESM noch ein­mal weit­ere 2,39 Mil­liar­den Euro investiert hat. Nicht mit­gerech­net sind Garantien und Bürgschaften für den Fall der totalen Zahlung­sun­fähigkeit im Umfang von über 20 Mil­liar­den Euro.

Wie Öster­re­ich vom Euro profitiert

Allerd­ings sind diese Investi­tio­nen bis jetzt kein schlechtes Geschäft für Öster­re­ich: Bis zum Schulden­schnitt Anfang März flossen aus Griechen­land 62 Mil­lio­nen Euro an Zin­sen in die öster­re­ichis­che Staatskasse. Und von diesem Schulden­schnitt blieben zumin­d­est die staatlichen Verbindlichkeiten ver­schont. Bisher. Getrof­fen hat es die pri­vaten Gläu­biger. Diese erließen dem griechis­chen Staat 600 Mil­lio­nen Euro an Schulden.

Doch nicht erst seit den gut verzin­sten Ret­tung­spro­gram­men prof­i­tiert Öster­re­ich von der Euro-Mitgliedschaft. Die viel beschworene Leg­ende vom Euro als Teuro wird nicht richtig, wenn sie auf­grund ihrer phonetis­chen Qual­ität ständig wieder­holt wird. Nein, durch den Euro ist das Leben nicht teurer gewor­den. Dem wider­spricht sowohl die Sta­tis­tik als auch die gründlich über­prüfte All­t­agser­fahrung. Zwar sind die Kosten für Dinge des täglichen Bedarfs gestiegen – vor allem für Lebens­mit­tel und Energie –, dafür sind aber die Kosten für langfristige Anschaf­fun­gen und Dien­stleis­tun­gen gesunken, also für Frisörbe­suche, Miete, Autos und Com­puter. Und das bei gle­ichzeitig expo­nen­tieller Entwick­lung der Leis­tungs­fähigkeit. Ein Lap­top im Jahr 2005 – der Autor dieses Textes kann sich gut erin­nern – hat über ein­tausend Euro gekostet und lieferte nur ein Drit­tel jener Leis­tung, die heutige Mod­elle um die Hälfte des Preises bieten. Solche Anschaf­fun­gen sind zwar sel­tener, aber die Preisän­derun­gen in diesen Sek­toren reichen laut Sta­tis­tik aus, um den Anstieg bei den Lebens­mit­teln auszu­gle­ichen. Der Anstieg des Ver­braucher­preisin­dex von 1992 bis 2001, also in den let­zten zehn Jahren des Schillings, betrug je nach Berech­nung 2,1 Prozent (EU-Standard) bzw. 2,3 Prozent (öster­re­ichis­che Berech­nung). In den zehn Jahren seit Ein­führung des Euro waren es nur 1,9 bzw. 2,0 Prozent.

Wohl­stand heißt Verantwortung

Aus dieser ein­deuti­gen Gewin­ner­po­si­tion her­aus fol­gen zwei Schlüsse für Öster­re­ich: Zum Ersten ist der Verbleib in einem möglichst großen Währungsraum wün­schenswert, solange die mit­tel­fristi­gen Kosten dafür nicht größer als die rel­a­tiven Gewinne sind. Und zum Zweiten: Ein Gewinn, der aus einer struk­turellen Benachteili­gung eines anderen Lan­des entsteht, muss zumin­d­est kom­pen­siert, wenn nicht aus­geglichen wer­den. Diese Sol­i­dar­ität ken­nen die meis­ten Staaten als Län­der­fi­nan­zaus­gle­ich und dieser hat in der größeren Dimen­sion der Währung­sunion auch seine Berech­ti­gung. Dabei muss man keineswegs so weit gehen, jede Sparanstren­gung im Keim zu ersticken, denn das führt auf Geberund Nehmer­seite zu weniger Wirtschaft­sleis­tung. Aber wenn Öster­re­ich weiter vom gemein­samen europäis­chen Bin­nen­markt prof­i­tieren will, muss es bereit sein, jenen Län­dern Anreize zu bieten, die einen Vorteil durch eine eige­nen Währung hät­ten – und davon kann Griechen­land im Moment ausgehen.

Ein weit­eres Indiz für die pos­i­tiven Effekte der Euro-Einführung veröf­fentlichte vor kurzem das amerikanis­che McKinsey-Institut. Laut dessen Studie ist Öster­re­ich sogar jenes Land, das am meis­ten von der Ein­führung des Euro prof­i­tiert habe: 22 Mil­liar­den Euro, das sind fast acht Prozent der heimis­chen Wirtschaft­sleis­tung, habe die öster­re­ichis­che Wirtschaft dank der Währung­sunion und den damit ver­bun­den Vorteilen gewon­nen. Laut Berech­nun­gen der Europäis­chen Kom­mis­sion und nah­este­hen­der Organ­i­sa­tio­nen, die sicher­lich mit Vor­sicht zu genießen sind, habe jeder Öster­re­icher durch EUund Euro-Mitgliedschaft 800 Euro im Jahr gewon­nen. Die Gren­zöff­nung erspart jährlich geschätzte vier Mil­liar­den Euro auf­grund weg­fal­l­en­der Transak­tion­skosten wie Zoll oder Wartezeiten an der Grenze. Auch die Absicherun­gen gegen Währungsab­w­er­tun­gen in den wichtig­sten Part­ner­län­dern sind nicht mehr nötig.
Vor allem aber schützt der Euro die ten­den­ziell höher­w­er­tige Pro­duk­tion in Öster­re­ich vor dem Preis­dump­ing europäis­cher Mit­be­wer­ber. Diese müssen seit Beste­hen der Währung­sunion ihre Qual­itäts­stan­dards auf das Niveau von Deutsch­land und Öster­re­ich brin­gen, um am Markt beste­hen zu kön­nen. Län­der wie Griechen­land und Ital­ien kön­nen ihre Pro­dukte nicht mehr allein durch Währungsen­twer­tung und damit ver­bun­dene Gewinne bei der Preis­bil­dung wettmachen. Das ist vor allem ein Vorteil für Öster­re­ich, aber auch einer der Gründe, warum Griechen­land kaum noch funk­tion­ierende Wirtschaft­szweige hat.

Schließlich gewin­nen die starken Volk­swirtschaften durch die Währung­sunion über­pro­por­tional mehr als schwache Volk­swirtschaften. Auch dies ist ein Ergeb­nis der McKinsey-Studie. Daraus ergibt sich ein wirtschaftliches Gefälle, das aus tra­di­tionellen, moralis­chen und ökonomis­chen Grün­den zur Aufteilung Europas in Geberund Nehmer­län­der geführt hat. Das hat nichts damit zu tun, dass wir \“für die Griechen\” zahlen, son­dern ist in unserem eige­nen Inter­esse. Denn nur wenn diese Län­der Wirtschaftswach­s­tum haben und die dor­tige Bevölkerung und Wirtschaft aus­re­ichend Geld ver­di­ent, um die Güter der starken Wirtschaft­slän­der zu importieren, bleibt der Kreis­lauf aufrecht, der auch hier Arbeit­splätze und Wohl­stand schafft. Ebenso wenig, wie die Steier­mark oder Tirol allein vom Touris­mus leben kön­nten, kann es Griechen­land. Dabei sollen die Abhängigkeiten von solchen Zahlun­gen selb­stver­ständlich nicht zu groß wer­den, aber sie vol­lkom­men auszuschließen würde einen gemein­samen Wirtschaft­sund Währungsraum verun­möglichen und jegliche Ret­tungsanstren­gun­gen, die aktuell unter­nom­men wer­den, ad absur­dum führen.
Denn eines ist klar: Griechen­land ist nicht Öster­re­ichs Haup­tkonkur­rent auf dem Welt­markt. Nein, die wirtschaftlichen Kämpfe um zahlende Abnehmer wer­den vor allem mit und in China, Indien, Brasilien und der Türkei aus­ge­tra­gen. Dort gibt es viele Men­schen mit einem Bedürf­nis nach Wohl­stand. Dort gibt es aber auch einen harten Kampf um Preise, Leis­tun­gen und um den zu erzie­len­den Gewinn. Denn diese Län­der haben zum einen genug Kap­i­tal und Köpfchen im Land, um wirtschaftlich erfol­gre­ich zu sein. Zum anderen besteht bei ihnen weiter die Möglichkeit, wirtschaftliche Schwächen durch Währungsab­w­er­tung auszugleichen.

Ist noch etwas zu retten?

So wün­schenswert der Verbleib Öster­re­ichs inner­halb einer Währung­sunion ist, so kann er weder um jeden Preis noch mit allen Mit­teln gelin­gen. Trotz aller Vorteile des Euro war er nicht gut genug, die Fehler, die seit fün­fzig Jahren in fast allen Staaten gemacht wer­den, zu kom­pen­sieren. Die Ver­ant­wor­tung für die Staatsver­schul­dung jetzt dem Euro zu geben, wäre ein plumper Kurz­schluss – durch den Euro haben sich nur die Abhängigkeiten und Ver­ant­wortlichkeiten von den einzel­nen Staaten auf alle Teil­nehmer der Währung­sunion ver­lagert. Die Zurück­hal­tung von Tschechien und dem Vere­inigten Kön­i­gre­ich hat gezeigt, was die wichtig­sten Player der Europäis­chen Union ohne den Euro von den Bemühun­gen halten.

Und wir ste­hen nun vor der Sit­u­a­tion, dass der Erhalt des Euro ohne Währungsre­form oder mas­sive Infla­tion – die sich nie­mand wün­schen kann – eine schwierige und vor allem sehr langfristige Auf­gabe wird. Wenn es denn über­haupt möglich ist. Denn die ange­häuften Staatss­chulden wer­den sich, wenn über­haupt ohne radikale Schritte, nur sehr müh­sam reduzieren lassen. Die Sparpakete der einzel­nen Nation­al­staaten sind der Ver­such, genau dies zu tun – gle­ichzeitig sind sich zahlre­iche Nicht-Politiker einig, dass dies der falsche Weg ist. Anhänger der The­o­rie von John May­nard Keynes und Wirtschafts­forscher wie Stephan Schul­meis­ter treten bei ihren regelmäßi­gen Besuchen in Talk­shows oder in diversen Gastkom­mentaren in den Zeitun­gen vehe­ment dafür ein, dass jetzt der völ­lig falsche Zeit­punkt zum Sparen sei und stattdessen mit Investi­tio­nen für Wirtschaftswach­s­tum gesorgt wer­den müsse.

Viele, wie zum Beispiel die Frank­furter All­ge­meine Son­ntagszeitung, erin­nern mah­nend an den ehe­ma­li­gen deutschen Reich­skan­zler Hein­rich Brün­ing, der mit seinen Spar­maß­nah­men von 1930 bis 1932 auch nichts erre­icht hat, außer dass er einer der let­zten friedlichen Kan­zler vor Adolf Hitler war: Dieser erst hat dann mit seinen Kriegsvor­bere­itun­gen jene wirtschaftlichen Impulse gesetzt, für die ihn einige Irregeleit­ete noch heute glorifizieren.

Doch die Volk­swirtschaften im 21. Jahrhun­dert haben mehr Möglichkeiten als Rüs­tung­spro­duk­tion oder Auto­bahn­bau. Mit dem Umstieg zur erneuer­baren Energie liegt nicht nur ein poli­tisch beliebtes Thema, son­dern auch ein wirtschaftlich vielver­sprechen­des Pro­jekt offen da. Die Investi­tio­nen, die heute dort getätigt wer­den, brin­gen Beschäf­ti­gung und Wirtschaftswach­s­tum und kön­nten es auf­grund der dadurch steigen­den Energie­un­ab­hängigkeit mit­tel­fristig möglich machen, Schulden abzubauen. Zumin­d­est wenn die Investi­tio­nen jetzt hoch genug aus­fallen, die Wirtschaft gut läuft und die Sub­ven­tio­nen rechtzeitig wieder eingestellt wer­den kön­nen. So sieht es zumin­d­est die key­ne­sian­is­che Wirtschaft­s­the­o­rie vor. Für Deutsch­land und Öster­re­ich gilt das schon jetzt. Hier haben die Kon­junk­tur­maß­nah­men von 2008 und 2009 zumin­d­est so gut funk­tion­iert, dass wir seit 2010 wieder ein Wirtschaftswach­s­tum von über zwei Prozent haben.

Aber die Bedenken an diesem Mod­ell sind ebenso groß wie berechtigt. Denn die Erfahrung lehrt auch, dass es kaum einer Regierung gelingt, in guten Zeiten die notwendige Kon­se­quenz für Spar­maß­nah­men aufzubrin­gen. Ob es über­haupt möglich ist, aus den schulden­fi­nanzierten Staatsin­vesti­tio­nen mehr Steuergewinne zu lukri­eren, als durch die Kon­junk­tur­pro­gramme aus­gegeben wurde, hat noch keine Volk­swirtschaft bele­gen kön­nen. Die notwendi­gen Hartz-IV-Reformen in Deutsch­land sind das beste Beispiel für die Schwierigkeiten von Struk­tur­refor­men in guten Zeiten: Sie haben Ger­hard Schröder und die SPD nicht nur die Kan­zler­schaft gekostet, son­dern bis heute das Ver­trauen zahlre­icher Wäh­ler. Die noch heute umstrit­te­nen Refor­men, die jetzt in unter­schiedlicher Weise über­all disku­tiert wer­den, brachten nur im Aus­land Lob ein. In Deutsch­land selbst dis­tanzieren sich die Parteifre­unde Schröders noch immer und Angela Merkel prof­i­tiert mit ihrer Regierung von einem rel­a­tiv schlank gehal­te­nen Sozial­sys­tem. Dabei ist Deutsch­land ja der harm­los­este aller denkbaren Fälle.

Schwierig steht es um jene Staaten, deren Ver­schul­dung zum gesam­teu­ropäis­chen Prob­lem gewor­den ist und deren Wirtschaft eben nicht solche Wach­s­tum­sraten hat wie jene in Öster­re­ich und Deutsch­land. Noch dazu ste­hen sie mit ihrer Wirtschaft­sleis­tung ins­ge­samt hin­te­nan. Auf­grund der gerin­gen Pro­duk­tion fehlen auf der Ein­nah­men­seite die entsprechen­den Beschäftigten (und damit Steuerzahler) und gle­ichzeitig haben diese Län­der wegen der hohen Arbeit­slosigkeit ungle­ich mehr Men­schen mit Sozialleis­tun­gen zu ver­sor­gen. Bevor dort ges­part wer­den kann, muss erst ein­mal Wirtschaftswach­s­tum entste­hen. So para­dox es klin­gen mag: Die Europäer (und damit auch die Öster­re­icher) soll­ten in Griechen­land investieren, trotz der dor­ti­gen Schulden. Und sie soll­ten im eige­nen Land sparen. Trotz der ver­gle­ich­sweise guten Sit­u­a­tion. Zumin­d­est wenn die oben ange­führten Vorteile der Währung­sunion weiter beste­hen bleiben sollen, ohne dass Län­der wie Griechen­land langfristig in Abhängigkeit gehal­ten wer­den. Diese Investi­tio­nen dür­fen aber nicht mit jenen Maß­nah­men ver­wech­selt wer­den, die jetzt in Form von Sta­bil­itätsmech­a­nis­men und Ret­tungss­chir­men beschlossen wur­den, um die Inhaber griechis­cher Staat­san­lei­hen abzu­sich­ern und auszubezahlen. Erst der aktuelle Schulden­schnitt kön­nte Griechen­land wieder hand­lungs­fähiger machen.

Der halbe Staats­bankrott ist vol­l­zo­gen, aber keiner kann wis­sen, ob das genü­gen wird, um wieder genug liq­uide Mit­tel zur Kred­itver­gabe zu finden. Wie dieses Geld investiert wird, näm­lich in Wirtschaftswach­s­tum, soll, muss und darf selb­stver­ständlich von der Europäis­chen Kom­mis­sion und dem Par­la­ment überwacht wer­den. Der Europäis­che Rat, beste­hend aus den Regierungschefs, tut es so oder so. Kurz gesagt: Die griechis­che Zin­sund Schulden­last muss so sehr reduziert wer­den, dass neue Schulden für Kon­junk­tur­pro­gramme genutzt wer­den kön­nen, um durch Wirtschaftswach­s­tum jene Steuern über­haupt erst möglich zu machen, die eine wirtschaftliche Selb­st­ständigkeit Griechen­lands erlauben. Das alles kann unter großem Engage­ment von Deutsch­land, der EZB und den anderen starken Volk­swirtschaften auch mit dem Euro gelin­gen – immer unter der Voraus­set­zung, dass eine gute Kon­junk­tur auch Über­schüsse in den Bud­gets der Nation­al­staaten bewirkt und Poli­tiker diese zur Schuldenre­duk­tion ver­wen­den. Und zwar mit einem Zei­tho­r­i­zont, der weit über eine Leg­is­laturpe­ri­ode hin­aus­geht. Aber es gibt weder Garantie noch Sicher­heit, dass die Kon­se­quenz der Beteiligten und die Bestä­ti­gung von wirtschaft­s­the­o­retis­chen Prog­nosen zu dem gewün­schten Ende führen. Ebenso wenig gibt es diese Sicher­heit für die Alter­na­tiven zur Euro­zone, die immer häu­figer, ern­sthafter und ser­iöser disku­tiert wer­den. Auch diese bergen Risiken, aber das Mantra von Angela Merkel »Scheit­ert der Euro, dann scheit­ert Europa« hat min­destens an Glaub­würdigkeit ver­loren, wenn es nicht längst zur Floskel verkom­men ist.

Die Alter­na­tiven. So funk­tion­iert die Umstellung

Mitar­beit Johannes Tandl Nordeuro nach Henkel
Gehen wir für einen Moment davon aus, dass nichts mehr zu ret­ten ist. Denn auch das gehört zur Auf­gabe und Freude von Jour­nal­is­ten und Wirtschafts­forsch­ern: das Gedanken­spiel mit dem Zusam­men­bruch. Denn dieser muss keineswegs chao­tisch erfol­gen, son­dern er kön­nte ganz geord­net an einem ver­längerten Woch­enende stat­tfinden. Zahlre­iche Unternehmer, aber auch einige Poli­tiker ver­suchen ern­sthafte Szenar­ien zu entwer­fen und lassen sich dies zum Teil auch etwas kosten. Der englis­che Lord Simon Wolf­son ist nicht nur Mit­glied des britis­chen Ober­hauses, son­dern hat auch einen Wet­tbe­werb über 250.000 Pfund aus­geschrieben: Wer hat das beste Konzept zum Ausstieg aus dem Euro? Ein Gewin­ner wurde bis zum Redak­tion­ss­chluss noch nicht bekannt gegeben, aber es soll zahlre­iche ern­sthafte Ein­sendun­gen gegeben haben.

Der ehe­ma­lige Präsi­dent des Bun­des der Deutschen Indus­trie Hans-Olaf Henkel hat mit seiner Idee des \“Nordeuro\” nicht nur in Deutsch­land für großes Auf­se­hen gesorgt. Und nach­dem der Volk­swirt Dirk Meyer diesen Ansatz in ein Konzept zur Währungsre­form gefasst hat, liegt bere­its eine gereifte Option auf dem Tisch, wie sich die unter­schiedlichen Ziele der Eurolän­der durch die Schaf­fung von zwei Währungsräu­men umset­zen lassen. Henkel will, dass jew­eils nur Län­der mit ähn­lich homo­ge­nen Volk­swirtschaften in einen Währungsraum zusam­menge­fasst wer­den. Für den \“Nordeuro\” seien Deutsch­land, die Benelux-Staaten, Finn­land und Öster­re­ich prädes­tiniert. Außer­dem sollen Tschechien und Däne­mark Beitrittsop­tio­nen erhal­ten, weil auch diese Volk­swirtschaften vor allem Währungssta­bil­ität benöti­gen, um erfol­gre­ich bleiben zu kön­nen. Län­der wie Frankre­ich, Ital­ien, Spanien, Por­tu­gal und Griechen­land, die ihre Wirtschaft vor der Euro-Einführung tra­di­tionell über eine kon­tinuier­liche Abw­er­tung wet­tbe­werb­s­fähig gehal­ten haben und sich dadurch neben­bei auch per­ma­nent entschulden kon­nten, soll durch einen weicheren \“Südeuro\” die Möglichkeit geboten wer­den, zu ihrem tra­di­tionellen Geschäftsmod­ell zurückzukehren.

Für die tech­nis­che Umstel­lung hat Dirk Meyer fol­gen­des Szenario entwick­elt: Am Beginn steht die Ankündi­gung, den \“Nordeuro\” einzuführen. Danach haben die Bürger ein bis zwei Tage lang Zeit, ihr Bargeld bei den Banken mit fälschungssicherer mag­netis­cher Tinte abstem­peln zu lassen und somit als \“Nordeuro\” zu deklar­i­eren. Dieses gestem­pelte Geld soll bis zur Ein­führung neuer Ban­knoten in Umlauf bleiben. Mit der kurzen Frist zum Abstem­peln soll ver­mieden wer­den, dass auch Bewohner anderer Eurolän­der ihr Geld in den neuen, höher bew­erteten \“Nordeuro\” umtauschen kön­nen. Nach dieser heißen Phase beginnt die eigentliche Umstel­lung, die etwa ein Jahr lang dauern soll. Jene Län­der, die für den \“Nordeuro\” nicht in Frage kom­men, verbleiben im Euro, der dadurch automa­tisch zum \“Südeuro\” mutiert. Meyer schätzt die Kosten für die Währung­sum­stel­lung für Deutsch­land auf etwa 20 Mil­liar­den Euro, was unge­fähr einem Prozent des deutschen BIP entspricht. Die volk­swirtschaftlichen Kosten der Reform bew­ertet er ein­ma­lig mit ins­ge­samt 250 bis 340 Mil­liar­den Euro. Demge­genüber stün­den Kosten von jährlich 80 Mil­liar­den Euro, die Deutsch­land laut Meyer für die Aufrechter­hal­tung des derzeit­i­gen Euro­raumes zahlen müsste. Die Umstel­lung würde sich daher bere­its nach etwa fünf bis zehn Jahren rechnen.

Trotz­dem ist auch dieses Szenario nicht frei von Unsicher­heiten. Die Benelux-Staaten sind jene Län­der, bei denen Griechen­land die meis­ten Schulden tilgen muss. Und ob das eben­falls höchst defiz­itäre Bel­gien einen eventuellen Schulden­schnitt verkraften würde, wenn Griechen­land diesen benötigt, kann nie­mand vorher­sagen. Weder das Ende der bish­eri­gen Währung­sunion noch das Fortbeste­hen des Euro ist alter­na­tiv­los. Allein die Unsicher­heit ist und bleibt es.