Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Eva Glawischnig im Fazitgespräch

Es geht heiß her in den Tagen zwis­chen dem Ball des Wiener Kor­po­ra­tionsrings und dem Warten auf das Sparpaket der Regierung. Heinz-Christian Stra­che, missver­standen als \“neuer Jude\”, fühlt sich ver­folgt, die Regierung zu Unrecht kri­tisiert. Von Berufs wegen ist Eva Glaw­is­chnig dafür zuständig die Regierung zu kri­tisieren und die recht­sna­tionalen Ten­den­zen in der FPÖ zu bekämpfen. Die grüne Parte­ichefin über poli­tis­che Hygiene und den Sinn und Zweck von Rücktrittsforderungen.

Infla­tionäre EmpÖrung

Frau Glaw­is­chnig, wie viele Poli­tiker haben Sie in Ihrer Lauf­bahn schon zum Rück­tritt aufge­fordert?
Das ist eine schwierige Frage, die Zahl kann ich nicht mehr nen­nen, es waren näm­lich sehr viele

Wie viele dieser Rück­tritts­forderun­gen waren erfol­gre­ich?

Keine einzige. Auch die Mis­strauen­santräge im Par­la­ment hat­ten keinen Erfolg.

Was sagt das über Ihre Forderun­gen aus? Haben Sie die falschen Poli­tiker zum Rück­tritt aufge­fordert?

Das glaube ich nicht, da läuft etwas in der Öster­re­ichis­chen Poli­tik falsch. Ich kann mich an über­haupt keinen Rück­tritt auf Bundes-ebene erin­nern und ich bin nun doch schon seit 1999 in der Poli­tik.

Wolf­gang Schüs­sel trat 2011 als Nation­al­ratsab­ge­ord­neter zurück.

Das war ja kein wirk­licher Rück­tritt, son­dern eher ein Rück­zug.

Ihre let­zte Rück­tritts­forderung richtete sich an Mar­tin Graf, den Sie am Tag des WKR-Balls vom Helden­platz aus zum Rück­tritt aufge­fordert haben. War das die Emo­tion des Moments oder hal­ten Sie diese Forderung aufrecht?

Also ich finde das nach wie vor legitim. Zu 100 Prozent. Jemand, der eines der hÖch­sten Ämter dieser Repub­lik bek­lei­det und so ein ungek­lärtes Ver­hält­nis zur Öster­re­ichis­chen Ver­gan­gen­heit und zum Recht­sex­trem­is­mus hat, ist für dieses Amt ein­fach nicht trag­bar. Ich werde das immer so sehen und diese Forderung aufrechter­hal­ten. Er wird da wahrschein­lich anderer Auf­fas­sung sein.

Sie haben diesen Rück­tritt bei einer kurzen Ansprache gefordert, dann gab es kurz Applaus und dann haben Sie den Ball im fol­gen­den Satz als Tre­ff­punkt von »MÖrdern und Ter­ror­is­ten« beze­ich­net. Damit haben Sie auf die vor eini­gen Monaten bekannt gewor­de­nen Ver­brechen von Recht­sex­trem­is­ten in Deutsch­land hingewiesen. Finden Sie es nicht über­zo­gen, diese unmit­tel­bare Nähe zu Gewaltver­brechen zu unter­stellen?

Wir wis­sen ja nie genau, wer auf dem Ball tat­säch­lich erscheint und da sind sicher auch Leute aus Deutsch­land gewe­sen, die mÖglicher­weise eine Nähe zu MÖrdern und Ter­ror­is­ten haben. So habe ich es gesagt und ich finde es falsch, dass die dort ver­sam­melte Gemein­schaft ein Prob­lem damit hat, sich von solchen Leuten abzu­gren­zen.

Ver­bal dis­tanziert sich Mar­tin Graf regelmäßig, noch häu­figer sein Parte­ichef Heinz-Christian Stra­che. Keinen der bei­den will ich hier vertei­di­gen – aber beide verurteilen die Ver­brechen der Nazis immer wieder Öffentlich. Muss man das nicht irgend­wann zumin­d­est zur Ken­nt­nis nehmen, auch wenn es nicht der bewusste und mah­nende Umgang mit der Ver­gan­gen­heit ist, wie ihn die Grü­nen pfle­gen?

Haben Sie den Ein­druck, dass die sich abgren­zen? Ich sehe häu­fig das Muster: »Meinetwe­gen entschuldige ich mich halt«, und im näch­sten Halb­satz machen sie mit ihren Dop­pel­botschaften weiter. Deshalb reicht es nicht, sich pro forma abzu­gren­zen und im näch­sten Inter­view zu sagen, dass der Präsi­dent der Israelitis­chen Kul­tus­ge­meinde der »Drahtzieher des antifaschis­tis­chen Linkster­ror­is­mus« sei und im »feinen Anzug in der Zib 2 auftritt« – das ist eine bewusste Anspielung auf das Klis­chee vom »Jud\’ im feinen Zwirn«, das wir aus der Ver­gan­gen­heit ken­nen. Da wird mir schon ganz anders. Und es geht mir nicht in den Kopf, dass diese Leute keine Unter­schiede mehr erken­nen und sich jetzt in eine Opfer­rolle begeben. Ja, es gab Leute, die Dro­hun­gen vor der Hof­burg gerufen haben, aber dafür gab es eine Polizei vor Ort, die die Ballbe­sucher beschützt hat und solche Leute auch aus­findig macht. Und es gibt eine Jus­tiz, die darüber urteilt.

Und es gibt eine Jus­tiz, die darüber urteilt, ob jemand das Ver­bots­ge­setz oder andere Gesetze über­tritt. Und wenn jemand MÖrder oder Ter­ror­ist ist, schützt ihn auch keine par­la­men­tarische Immu­nität. Deshalb nochmal die Frage: Warum diese halt­losen und schw­er­wiegen­den Vor­würfe?

Die zitierten Aus­sagen, die in einem poli­tis­chen Zusam­men­hang geäußert wur­den, sind von der Immu­nität geschützt. Bei Aus­sagen von Ariel Muz­i­cant gel­ten andere Maßstäbe als bei Mar­tin Graf.

Haben Sie je die Aufhe­bung der Immu­nität beantragt, damit eine unab­hängige Jus­tiz diese Vor­würfe prüfen kann?

Das ist juris­tisch gar nicht mÖglich. Ich glaube, das Prob­lem der FPÖ besteht darin, dass sie ständig Dop­pel­botschaften auss­chickt. Der let­zte Auftritt von Heinz-Christian Stra­che in der Zeit im Bild hat das deut­lich gezeigt. Erst hat er sein tiefes Mit­ge­fühl mit den Opfern des Nation­al­sozial­is­mus aus­ge­drückt und anschließend hat er sich wieder mit ihnen ver­glichen. Ich habe auch nicht in allen Details die richtige Sprache gefun­den. Im Rah­men einer Sozialde­batte habe ich mal die For­mulierung »durch den Rost fallen« ver­wen­det. Ein Über­leben­der hat damals zuge­hÖrt und mich gebeten, mich dafür zu entschuldigen. Ich habe das aus Unwis­senheit getan, aber mir ist da klar gewor­den, wie viel man anrichten kann und das gilt natür­lich vielmehr, wenn jemand wie die FPÖ bewusst mit solchen Dop­pel­botschaften spielt.

Aber es ist ein Unter­schied, jeman­den per­sÖn­lich auf Fehler hinzuweisen oder, wie im Fall der FPÖ, die EmpÖrung Öffentlich zu artikulieren, pauschal zu verurteilen und damit Aufmerk­samkeit zu gener­ieren. Das nützt am Ende nur Heinz-Christian Stra­che. Die FPÖ liegt bun­desweit sicher unter den ersten drei Parteien mit über 20 Prozent und das sind ja nicht alles Nation­al­sozial­is­ten.

Da geht es mir ja über­haupt nicht um die Wäh­lerin­nen und Wäh­ler, son­dern um einen Großteil der Funk­tionäre, ins­beson­dere die schla­gen­den Burschen­schaften. Das Prob­lem bei Mar­tin Graf war und ist, dass er sich nicht von der Olympia dis­tanziert, obwohl auf dem Weg dor­thin Holo­caustleugner ver­haftet wer­den oder recht­sex­treme Lie­der­ma­cher auf der Bude sin­gen.

Aber das ist nach Ver­bots­ge­setz alles ver­boten und die Burschen­schaft Olympia ist es noch nicht.

Das nicht, aber es dis­tanzieren sich ja sogar andere Burschen­schaften von der Olympia, weil diese so weit rechts steht.

Ist Heinz-Christian Stra­che für Sie ein Nation­al­sozial­ist?

Er schickt auf jeden Fall Dop­pel­botschaften aus und ich bin mir nicht sicher, was er für ein Ver­hält­nis zur Öster­re­ichis­chen Ver­gan­gen­heit hat.

Wie wichtig ist das Ver­hält­nis zur Ver­gan­gen­heit im Ver­gle­ich zum Ver­hält­nis zur Gegen­wart?

Uns Grü­nen ist das sehr wichtig. Wir haben da in den let­zten Jahren auch viel gear­beitet, um die Wehrma­chts­de­ser­teure zu reha­bil­i­tieren oder eine ordentliche Aufar­beitung der NS-Urteile zu bewirken. Man kann Gegen­wart­spoli­tik nicht ordentlich gestal­ten, wenn man die Ver­gan­gen­heit aus­blendet. Ich komme aus Kärn­ten, da gibt es noch immer viele Geschichten, die nicht aufgear­beitet sind.

Sie waren auf der­sel­ben Schule wie FPÖ-Generalsekretär Her­bert Kickl, sogar in der­sel­ben Klasse. KÖn­nen Sie aus dieser per­sÖn­lichen Erfahrung nicht ableiten, dass es dur­chaus eine nationale Hal­tung geben kann, ohne dass es gle­ich eine nation­al­sozial­is­tis­che ist?

Ja natür­lich, das ist ja über­haupt kein Thema. Ich will mich zum Hin­ter­grund von Her­bert Kickl nicht äußern. […]

Liegt der Grund dafür, dass die FPÖ solche Sprüche eben nicht unter­lässt, nicht auch darin, Aufmerk­samkeit zu erre­gen? Und machen Sie sich mit der affek­tierten EmpÖrung und den infla­tionären Rück­tritts­forderun­gen nicht zur Gehil­fin dieser Erre­gungspoli­tik?

Es wäre hun­dert­prozentig gegen meine poli­tis­che Überzeu­gung zu solchen Ent­gleisun­gen zu schweigen. In Vorarl­berg hat der FPÖ-Spitzenkandidat Dieter Egger gesagt, dass der Direk­tor des jüdis­chen Muse­ums ein »Exiljude aus Amerika« sei und zurück an die Ostküste gehen soll. Dabei ist Hanno Loewy in Frank­furt am Main geboren. Zu so etwas zu schweigen ist aus meiner Sicht nicht mÖglich. Wenn ein drit­ter Nation­al­rat­spräsi­dent in einem Land, in dem 65.000 Juden ermordet wur­den, gegen den Präsi­den­ten der Israelitis­chen Kul­tus­ge­meinde hetzt, also gegen den Vertreter der Juden, dann ist das keine über­triebene EmpÖrung. Es gab ja im Par­la­ment auch eine sehr bre­ite Mehrheit, die AbwahlmÖglichkeiten für den drit­ten Nation­al­rat­spräsi­den­ten wollte. Gescheit­ert ist es an einer kleinen Gruppe in der ÖVP.

Und Mar­tin Graf ist nach wie vor durch Wahl legit­imiert.

Nein, das ist falsch. Es ist lediglich eine par­la­men­tarische Usance, dass die drittstärk­ste Frak­tion einen Vorschlag für den drit­ten Präsi­den­ten des Nation­al­rates macht und die anderen Parteien diesen bestäti­gen. Das steht in keiner Geschäft­sor­d­nung und die Mehrheit im Haus kann ohne Weit­eres einen anderen Präsi­den­ten wählen.

Das hat sie aber nicht gemacht.

Richtig, weil sich vor allem die ÖVP auf diese Usance berufen hat. Ich war immer der Mei­n­ung, dass diese Wahl nicht nach Usan­cen entsch­ieden wer­den sollte, son­dern tat­säch­lich durch eine Wahl. Es wur­den ja auch schon dritte Nation­al­rat­spräsi­den­ten vorgeschla­gen, die nicht gewählt wur­den. 1996 zum Beispiel Her­bert Haupt.

Aber die per­ma­nente Forderung nach poli­tis­chem Rück­tritt zwingt ja den Her­aus­ge­forderten auch in seinem Amt zu bleiben. Das ist ein Automa­tismus jedes poli­tis­chen Egos. Und ich hatte nicht den Ein­druck, dass es noch viele Men­schen inter­essiert, wenn Sie als Parte­ichefin der zweit­grÖßten Oppo­si­tion­spartei den fün­ften Mann im Staate zum Rück­tritt auf­fordern. Das ist for­mal betra­chtet ja ein riesiger Staat­sakt, aber er ver­pufft im Strudel der alltäglichen Presseaussendun­gen.
Viele dieser Rück­trittsauf­forderun­gen, die ich in meiner poli­tis­chen Lauf­bahn geäußert habe, richteten sich an einen Finanzmin­is­ter Grasser und einen Min­is­ter Gor­bach. Die wer­den jetzt nach zehn Jahren das erste Mal von einem Unter­suchungsauss­chuss geprüft. Da wird noch viel ans Licht kom­men, wie Gesetze gekauft wer­den, wie Parteien indi­rekt über Agen­turen mit Spenden ver­sorgt wer­den. Das ist in Deutsch­land alles ver­boten, in Öster­re­ich ist das grund­sät­zlich erlaubt. Und mit einer gewis­sen poli­tis­chen Kul­tur hätte es damals schon genü­gend Gründe gegeben, das ernst zu nehmen. Jetzt muss es durch den Unter­suchungsauss­chuss passieren und daraus wer­den dann sicher auch Ver­schär­fun­gen bei den Antiko­r­rup­tions­bes­tim­mungen fol­gen.

Sie haben in anderen Inter­views mehrfach davon gesprochen, dass die Schüssel-Regierung eine ganze Schar von Kor­rup­tion­san­wäl­ten beschäftigt. Bis heute. Beim let­zten Bun­deskongress haben Sie eine Parteifre­undin zus­tim­mend zitiert, die meinte, dass \“alle anderen Poli­tiker kor­rupt sind\”. So pauschal kÖn­nen Sie doch Ihre Konkur­renz gar nicht ern­sthaft verurteilen.

Fast alle Ver­fahren, die die Jus­tiz begonnen hat, haben mit Anfra­gen im Par­la­ment oder Anzeigen bei der Staat­san­waltschaft durch grüne Abge­ord­nete begonnen. Peter Pilz, Gabi Moser und Ralf Holub. Buwog, Hypo Alpe Adria, Telekom – es gäbe in keinem einzi­gen dieser Fälle ein Ver­fahren ohne grüne Aufdeck­er­ar­beit. Und ohne Präzi­sion wäre das nie gelun­gen, denn mit Pauschalurteilen hätte man die Jus­tiz nicht in Bewe­gung set­zen kÖn­nen.

Aber inzwis­chen sind Sie bei einem sehr pauschalen Mis­strauensgrund­satz ange­langt und ich habe den Ein­druck, dass sich dieser auch in der BevÖlkerung breit macht. Poli­tiker sind kor­rupt, dieser These stim­men inzwis­chen über 70 Prozent der BevÖlkerung zu. Ist das auch Ihre Grun­dan­nahme in der par­la­men­tarischen Arbeit?

Wir haben zahlre­iche Kor­rup­tions­fälle bei ÖVP, FPÖ, BZÖ und der SPÖ, die jetzt im Kor­rup­tion­sauss­chuss aufgear­beitet wer­den.

Bis jetzt aber ohne Verurteilun­gen auf dieser Ebene.

Ja, aber man muss das auch poli­tisch bew­erten, wenn eine Medi­en­land­schaft durch Anzeigen und Inser­ate verz­errt wird. Und mit Franz Olah, Bruno Kreisky, Fred Sinowatz und Hannes Androsch gab es sowohl Kan­zler als auch Min­is­ter, die verurteilt wur­den. Olah wegen wid­mungswidrig ver­wen­de­ter Gew­erkschafts­gelder, Kreisky, weil er Simon Wiesen­thal als Nazi-Kollaborateur belei­digt hat, Sinowatz und Androsch wegen Falschaus­sagen.

Aber daraus kann man doch nicht ableiten, dass \“alle\” Poli­tiker Ver­brecher sind. Die von Ihnen ins Lächer­liche gezo­gene Unschuldsver­mu­tung ist doch ein wesentlicher Bestandteil dieses Rechtsstaats. Wir müssen doch erst ein­mal davon aus­ge­hen, dass jeder, der im Nation­al­rat sitzt, das Beste für dieses Land will und ordentlich arbeitet.

Da haben Sie vol­lkom­men recht, aber Sie dür­fen nicht vergessen, dass es in diesem Bere­ich keine stren­gen Gesetze gibt. Viele Dinge, die in Deutsch­land unter Strafe ver­boten sind, sind hier legal. Der Unter­suchungsauss­chuss wird auch nicht wahnsin­nig viele Ergeb­nisse liefern, die zu strafrechtlichen Kon­se­quen­zen führen. Es gibt hier kein Strafrecht, das greift. Was Hubert Gor­bach gemacht hat, ist erlaubt. Also zumin­d­est das, was bis heute bekannt ist.

Besteht der grÖßere Skan­dal dann nicht darin, dass die Gesetze zu viel erlauben?

Ja, natür­lich. Auch der Fall Strasser wäre in Öster­re­ich erlaubt. Es darf jemand Geld dafür erhal­ten, dass er einen Geset­ze­santrag so schreibt, wie es der Geldge­ber will. Und das ist der Grund, warum wir von der Greco (Staaten­gruppe des Europarates gegen Kor­rup­tion) und anderen Antiko­r­rup­tion­srank­ings als Entwick­lungs­land geführt wer­den. Der Auss­chuss muss also min­destens die Kon­se­quenz haben, dass die Gesetze angepasst wer­den. Spenden­wäsche muss ver­boten wer­den, Parteis­penden ab einer gewis­sen GrÖße müssen offen­gelegt wer­den.

Bei bei­den The­men, der Kor­rup­tions­bekämp­fung und dem Antifaschis­mus, erscheinen die Grü­nen als Partei weit links im gesellschaftlichen Spek­trum. Ist das der Platz, wo sich die Grü­nen 25 Jahre nach ihrem ersten Einzug ins Par­la­ment sehen?

So leicht lassen wir uns in dieses Spek­trum nicht einord­nen. Der Grün­dungsmythos der Grü­nen als Wider­stand gegen die Umweltzer­stÖrung hat ja auch einen sehr bürg­er­lichen Hin­ter­grund. Dazu kam dann eine gesellschaftlich sehr bre­ite Friedens­be­we­gung.

Für wen machen Sie Poli­tik?

Unser stärk­ster Auf­trag ist es ein Wirtschaftssys­tem zu gestal­ten, das die Lebens­grund­lage nicht mit­tel­fristig zer­stÖrt. Dazu gehÖren Kli­maschutzpoli­tik, Anti-Atom-Politik und Green Econ­omy …

Das ist sehr inhaltlich, aber für wen machen Sie diese Poli­tik? Man muss ja auch wis­sen, wem diese pro­gram­ma­tis­chen Richtlin­ien nützen sollen?

Das hängt schon sehr eng zusam­men. Für uns sind immer die Men­schen in Aus­bil­dung wichtig – ange­fan­gen vom Kinder­garten bis zum freien Hochschulzu­gang. Das sind zwei Mil­lio­nen Men­schen, auch wenn die noch nicht alle wählen dür­fen. Das ist aus meiner Sicht keine Klien­telpoli­tik, son­dern ein Auf­trag, dass bei aller Spar­diskus­sion in diesem Bere­ich nicht gekürzt wer­den darf, son­dern investiert wer­den muss.

Es ist ja nicht neg­a­tiv, als Partei eine Klien­tel zu haben. Im Gegen­teil, ich würde gern wis­sen, welche Klien­tel die Grü­nen vertreten.

Wir ver­suchen auch weiter ein vernün­ftiges Konzept für Europa zu entwick­eln. Da ist es momen­tan beson­ders schwierig die Gerechtigkeits­frage zu beant­worten.

Mit diesen drei The­men kÖn­nen Sie auch ohne Prob­leme den Sozialdemokraten beitreten.

Das glaube ich nicht. Wie kom­men Sie darauf, dass die SPÖ eine pro-europäische Partei ist?

Die SPÖ in Öster­re­ich ist da sicher ein schw­erer Fall, aber Hannes Swo­boda sorgt im Europa­parla­ment für mehr Wirkung als Ulrike Lunacek und Eva Licht­en­berger.

Den Kotau, den Werner Fay­mann vor dem ver­stor­be­nen Her­aus­ge­ber der Krone gemacht hat, muss man da aber schon mitbe­denken. Und in Bil­dungs­fra­gen kann man als SPÖ eh sagen, dass man für frühkindliche FÖrderun­gen, gegen Stu­di­enge­bühren und für die Neue Mit­telschule ist. Aber das war es dann auch …

Das sind doch die zen­tral­ten Forderun­gen.

Aber es hat keine poli­tis­che Pri­or­ität. Wir reden ja nicht über eine Oppo­si­tion­spartei, son­dern über die Kan­zler­partei. Und es mag Über­schnei­dun­gen von Grü­nen und anderen Parteien geben, das werfe ich ja nie­man­dem vor.

Das ist ja auch nicht meine Kri­tik. Aber mir ist nicht klar, wer Sie warum wählen soll. Nehmen wir Ihr Kern­thema, die Umwelt­poli­tik: Da sind die Grü­nen manch­mal pro­gres­siv und bürg­er­lich wie Rudi Anschober in OberÖster­re­ich und manch­mal hantieren sie mit gut gemein­ten Ver­boten wie Lisa Rücker in Graz.

Lisa Rücker hat doch in ihrem Ressort mit der Mag­is­trat­sre­form dur­chaus pos­i­tive Akzente gesetzt und ich glaube, dass das auch hon­ori­ert wird. Und ich finde, dass man bei Grü­nen über­all zuerken­nen kann, dass sie auch unpop­uläre Maß­nah­men ergreifen und Klar­text reden. Und Lisa Rücker hat Werte, die sie nicht an der Garder­obe abgegeben hat. Graz ist eine Stadt mit einer sehr bürg­er­lichen Tra­di­tion, Wien ist geprägt von einer sehr macht­be­wussten SPÖ. Das bee­in­flusst auch die MÖglichkeiten, die man als Grüne hat. Die Rich­tung, in die wir ziehen, die ist aber bei den Wäh­lern bekannt. Wir Grüne haben auch gesagt, dass wir uns um die Ein-Personen-Unternehmen küm­mern, denn die wer­den von SPÖ und ÖVP vergessen. Da wird vol­lkom­men ignori­ert, dass es 450.000 Men­schen gibt, die ihren eige­nen Arbeit­splatz organ­isieren und vol­lkom­men andere Wirtschaft­sregeln brauchen als andere Unternehmen.

Der junge Tiroler Abge­ord­nete Gebi Mair hat vor weni­gen Wochen Ihren Rück­tritt gefordert, weil er »klare Kon­turen« ver­misse. Er hat das sofort wieder zurückgenom­men und sich entschuldigt. Wie sehr hat Sie das in diesem Moment beschäftigt?

Ich hab sofort ver­sucht ihn zu erre­ichen, aber das hat lei­der nicht geklappt, weil er nicht an sein Handy gegan­gen ist. Aber natür­lich nehme ich Kri­tik immer ernst.

Wenn man so oft Rück­tritte fordert, wie Sie es getan haben, legt man sich dann auch selbst ein Konzept zurecht, wie man sich ein­mal stil­voll von der poli­tis­chen Bühne ver­ab­schiedet?

Also ich glaube, ich ver­di­ene zumin­d­est die Chance, dass ich bei der näch­sten Wahl als Spitzenkan­di­datin für die Grü­nen wahlkämpfen darf. Alles andere sehen wir dann später.

Haben Sie sich dafür schon ein Ziel gesetzt?

Ja, das wird Sie freuen: 15 Prozent.

Frau Glaw­is­chnig, vie­len Dank für das Gespräch.

3 Kommentare

    Ich würde mir wirk­lich mal wün­schen, dass jemand Glaw­is­chnigs Beziehung zu einem Sport­mod­er­a­tor the­ma­tisiert. Wozu? Weil ich mir nicht erk­lären kann, weshalb ein intellek­tueller Men­sch, und in meiner naiven Vorstel­lung ist eine Poli­tik­erin ein solcher, mit einem Sport­mod­er­a­tor, also mit jeman­dem vom anderen Ende des Spek­trums, sein Leben teilen möchte. In wie weit ist die Penis­gröuße auss­chlaggebend bei der Entste­hung einer solchen Beziehung?

  • Ich bewun­dere Ihre pauschale Über­schätzung von Poli­tik­ern ebenso wie die Unter­schätzung von Sport­mod­er­a­toren. Im übri­gen geht mich das im konkreten Fall nichts an. Vielle­icht kön­nen Sie aber die Frau von der Kro­nen­zeitung, die immer diese Inter­views voller men­schlicher Wärme führt, dazu überre­den ;)

    • […] Ich bewun­dere Ihre pauschale Über­schätzung von Poli­tik­ern ebenso wie die Unter­schätzung von Sportmoderatoren […]”

      Ich folge in meinen Über­legun­gen dem Gesetz der groußen Zahl. Aus­nah­men mag es geben, aber es wird einen Grund haben, warum Kant, Schopen­hauer oder Niet­zsche nie Teil der Deutschen Fuußball­na­tional­mannschaft waren (und es auch heute nicht wären, sollte es die damals noch nicht gegeben haben. Sollte es die damals tat­säch­lich noch nicht gegeben haben, kön­nte man Über­legun­gen anstellen, ob es einen Zusam­men­hang zwis­chen dem Unter­gang der Abendländis­chen Philoso­phie und dem Aufkom­men des Fuußballs gibt), und was meine Über­schätzung von Poli­tik­ern bet­rifft, so räumte ich bere­its ein, dass meine Vorstel­lung in dieser Beziehung eher naiv ist. Zugegeben: reich­lich naiv, wenn man lebende Poli­tiker mit den Licht­gestal­ten der Philoso­phie ver­gle­icht, aber ich gehe ja – da ich keinen Poli­tiker Per­sön­lich kenne – vom Ideal aus… der Ide­alzu­s­tand sähe Philosophie-Lichtgestalten in der Poli­tik vor…

      […]Im Übri­gen geht mich das im konkreten Fall nichts an […]“ – Aha, das hört man eher sel­ten von Jour­nal­is­ten ;-) …mich würde es den­noch inter­essieren… es geht dabei nicht um die einzel­nen Per­so­nen, welche mir VOLLKOMMEN egal sind, mir ginge es dabei mehr um das Rät­sel „Men­sch“… eben um die Frage, warum die Leute die Dinge tun, die sie tun… und in meiner naiven Vorstel­lung, passt die Kon­stel­la­tion Politiker-Sportmoderator nicht zusam­men… wenn Sie aber einem Mitar­beiter bzw. einer Mitar­bei­t­erin der Kro­nen­zeitung das Tal­ent zutrauen, dieses Rät­sel zu lösen, so werde ich dieses Blatt (welches mir lei­der fremd ist) gerne kontaktieren…