Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Mit dem Essen spielt man nicht.

Wenn die Angst vor der Infla­tion steigt, wer­den Gold, Sil­ber und andere Rohstoffe teurer, weil sie im Ver­gle­ich zu Spar­büch­ern und Aktien als krisen­sicher gel­ten. Doch zur klas­sis­chen Wer­tan­lage ins glänzende Edel­met­all sind längst weit­ere Rohstoffe gekom­men, deren Preise in den let­zten fünf Jahren enorm gestiegen sind. Nicht ohne Grund war­nen inzwis­chen zahlre­iche Ana­lysten vor einer dro­hen­den \“Rohstoffblase\”.Spekulant

Die Gefahr einer Rohstoff­blase ist vor allem deshalb ent­standen, weil die Mark­t­preise für Met­alle, Energie und Lebens­mit­tel zunehmend vom tat­säch­lichen Ange­bot und der gegenüber­ste­hen­den Nach­frage entkop­pelt sind. Während Gold seit jeher ein Han­del­sund Investi­tion­sgut ist, das für kein­er­lei Pro­duk­tion­s­güter in grÖßeren Men­gen gebraucht wird, ist die Indus­trie auf Met­alle und Energie angewiesen. Preis­bes­tim­mend für diese Güter sind aber längst nicht mehr die Pro­duk­tion­sund FÖr­der­menge, son­dern vielmehr die Erwartun­gen jener Derivate­händler (vulgo \“Speku­lanten\”), die in ungle­ich hÖherem Vol­u­men als die ver­ar­bei­t­en­den Indus­trien mit Rohstof­fen han­deln. Eine Foodwatch-Studie (Sep­tem­ber 2011) schätzt den Anteil des rein speku­la­tiven Han­dels mit Rohstof­fen inzwis­chen auf über 80 Prozent. Die allein dadurch entste­hende Preis­steigerung bez­if­fern dort zitierte Ökonomen auf bis zu 25 Prozent. Doch wie funk­tion­iert das Geschäft mit Kupfer, Kobalt und Kakao?

Der Preis ist heiß

Dass Rohstof­fliefer­an­ten und ver­ar­bei­t­en­des Gewerbe miteinan­der han­deln, ist essen­ziell. Dass es bei diesen glob­al­isierten Geschäften auch Zwis­chen­händler gibt, die den Pro­duzen­ten ihre Güter abkaufen, wenn ger­ade kein anderer Käufer da ist, und diese zu späteren Zeit­punk­ten weit­er­verkaufen, ist eben­falls erwün­scht. Das stellt sowohl die Liq­uid­ität als auch eine gewisse Preis­sta­bil­ität für Käufer und Verkäufer sicher. Dank solcher Geschäfte kÖn­nen Bauern – denn für diese waren die soge­nan­nten Ter­mingeschäfte vor 300 Jahren ein­mal gedacht – ihre Ernte verkaufen, während sie noch auf dem Feld steht. Das wiederum ermÖglicht ihnen mit grÖßerer Sicher­heit für das näch­ste Jahr zu pla­nen. Auch die Indus­trie ist zufrieden, sie kann sich der Liefer­ung benÖtigter Rohstoffe sicher sein. Gehan­delt wer­den die Rohstoffe inzwis­chen auf zwei Märk­ten, die eng zusam­men­hän­gen: Zum einen der Spot­markt, auf dem die tat­säch­lichen Rohstoffe den Besitzer wech­seln, und zum anderen der Future­markt. Auf diesem wer­den Ter­mingeschäfte getätigt, das heißt, sowohl die Liefer­ung als auch die Zahlung einer Ware wird in die Zukunft ver­legt, der Preis aber \“heute\” definiert.

Diese bei­den Märkte hän­gen eng zusam­men, denn nie­mand, der in naher Zukunft gün­stig einkaufen kann, wird heute einen hÖheren Preis bezahlen und jeder, der seine Waren heute teurer verkaufen kann als mor­gen, wird dies tun. Deshalb sind die Preisun­ter­schiede zwis­chen dem Future­markt und dem Spot­markt rel­a­tiv ger­ing, sie ver­sprechen keine großen Gewinne und das ist ja auch der grundle­gende Gedanke, der solche Geschäfts­for­men ein­mal hat entste­hen lassen: Weder Käufer noch Verkäufer sollen exis­ten­zielle Ver­luste erlei­den, wenn sich der Mark­t­preis wegen Krieg, Dürre, Unwet­ter oder Ähn­lichem schla­gar­tig ändert. Das war die »gute alte Welt« und in dieser war der Han­del mit Rohstof­fen nur für die beteiligten Gewerbe von Bedeu­tung. Denn diese waren tat­säch­lich an den Rohstof­fen inter­essiert und nicht am Spekulationsgewinn.

Der Boom beim Rohstoffhandel

Das änderte sich etwa ab 2003, als die Reg­ulierun­gen für diese Märkte nahezu abgeschafft wur­den. Allein die Investi­tio­nen in die bei­den grÖßten Rohstoff­fonds stiegen in der Zeit bis 2008 von 13 Mil­liar­den US-Dollar (USD) auf 317 Mil­liar­den USD. Es wer­den inzwis­chen unvorstell­bar große Men­gen von Rohstoffderivaten gehan­delt, die über­haupt keinen Bezug mehr zum tat­säch­lichen Rohstoff haben. Diese Käufer und Verkäufer haben kein Inter­esse daran, was mit den Pro­duk­ten passiert, son­dern nur daran, einen riesi­gen Stapel Besitzurkun­den für einige Cent mehr zu verkaufen, als sie ihn ursprünglich eingekauft haben. Dass solche Entschei­dun­gen inzwis­chen längst von Com­put­ern und nicht mehr von Men­schen getrof­fen wer­den, ist dabei das gerin­gere Prob­lem. Und auch für jene, die nicht auf den schnellen speku­la­tiven Gewinn aus sind, ist der Rohstoff­markt inter­es­sant gewor­den. Vor allem Met­alle, sel­tene Erden und Nahrungsmit­tel gel­ten auch langfristig als rentable Kap­i­ta­lan­lage.
Allein an der Chica­goer Rohstoff­bÖrse wur­den im Mai 2011 Kon­trakte im Umfang von 358 Mil­lio­nen Ton­nen Weizen im Wert von 90 Mil­liar­den USD gehan­delt. Das entspricht der Hälfte der weltweiten Weizen­pro­duk­tion aus dem Jahr 2009. Anhand solcher Beispiele unter­stellt Dirk Müller, bekannt als »Mr. Dax«, in einer für das Hil­f­swerk Mis­ereor ange­fer­tigten Studie, dass »lediglich zwei Prozent aller Ter­minkon­trakte eine tat­säch­liche Liefer­ung nach sich ziehen«. Denn das, was sich an BÖrsen wie jener in Chicago abspielt, ist auch nur ein kleiner Teil des glob­alen Derivate­han­dels. Im direk­ten Han­del, den soge­nan­nten Over-the-Counter-Geschäften (OTC), wer­den ins­ge­samt geschätzte 600 Bil­lio­nen USD umge­setzt, ohne dass diese meldepflichtig und damit sta­tis­tisch fass­bar wären. Eine unvorstell­bare Menge, die ohne jede Regel und Kon­trolle den Besitzer wechselt.

 

Denn sie wis­sen nicht, was sie tun

Weil ein Ende der Finanz­mark­tkrise noch immer nicht in Sicht ist, wech­seln immer mehr Anleger von reinen Finanzpro­duk­ten zu Rohstoffderivaten. Die Preise für Met­alle und Min­erale haben sich in den let­zten zehn Jahren mehr als ver­dop­pelt. Die Indus­triel­len­vere­ini­gung spricht sogar von 300 Prozent Preisanstieg in den let­zten 20 Jahren. Das hat zum Teil damit zu tun, dass die rohstof­fre­ichen Staaten, allen voran China, inzwis­chen sel­ber einen wach­senden Bedarf nach ihren Rohstof­fen haben. Aber die Kurss­chwankun­gen, die in den let­zten fünf Jahren sicht­bar wur­den, lassen sich nicht mehr mit solch langfristi­gen Entwick­lun­gen erk­lären. Daher war­nen inzwis­chen immer mehr Experten wie Müller vor dem Ein­fluss der Speku­la­tion auf die Preis­bil­dung und damit auf unsere Kon­sumkosten. Zucker, Schoko­lade und Mehl, so kündigten einige Her­steller in den let­zten Monaten an, kÖn­nten bald empfind­lich teurer werden.

Grafik Rohstoffe

Und die Inve­storen ken­nen kaum Gren­zen: Laut Müller wer­den inzwis­chen sogar Lager­hallen angemietet, um die physisch vorhan­de­nen Rohstoffe einzu­lagern. Im Moment sind es vor allem Met­alle, die so dem Markt ent­zo­gen wer­den. Das steigert die Nach­frage kün­stlich und treibt den Preis in die HÖhe. Das gefährdet aber vor allem die Pro­duk­tion, die dort ver­ankerten Arbeit­splätze und damit die Sta­bil­ität der Wirtschaft. Genau genom­men kommt es zu der Per­ver­sion, dass bei diesen Geschäften nicht die Speku­la­tion das Prob­lem ist, son­dern die Investi­tion. Denn wenn beteiligte Indus­trien damit spekulieren, wann sie ihre Waren gün­stig kaufen bzw. teuer verkaufen kÖn­nen, ist das legitim und nicht mark­tschädi­gend. Gefährlich sind Mark­t­teil­nehmer, die Geld \“investieren\”, um eine hohe Ren­dite zu erhal­ten – nicht aus der indus­triellen WertschÖp­fung, son­dern allein durch die natür­liche Preisen­twick­lung der Rohstoffe, die durch ihre Investi­tion um ein Vielfaches ver­stärkt wird und erst bei aus­re­ichend großen Han­delsvo­lu­mina entsprechende Gewinne bringt.

Bekan­ntester Schau­platz für solche Geschäfte dürfte neben der BÖrse in Chicago jene in Lon­don sein. Im Herbst 2010 kaufte ein einzel­ner Händler nach und nach über 175.000 Ton­nen Kupfer an der Lon­doner Met­all­bÖrse. Ins­ge­samt investierte er dafür etwa 1,5 Mil­liar­den Dol­lar und besaß im Dezem­ber über 50 Prozent des in Lon­don gehan­del­ten Kupfer­vol­u­mens. Eben­falls in Lon­don kaufte bere­its im Som­mer 2010 ein Händler für den Hedge­fonds des Han­delshauses Arma­jaro ganze 241.000 Ton­nen Kakao und hielt damit fast sieben Prozent der weltweiten Kakao­ernte in seinem Port­fo­lio. Nahezu der gesamte in Europa lagernde Kakao war fak­tisch in seinem Besitz. Der Preis lag, weil Kakao damit schein­bar zur Man­gel­ware wurde, bei über 3.000 Euro je Tonne. Das merkte sogar der steirische Schoko­laden­pro­duzent Josef Zot­ter. Denn obwohl dieser auf­grund der Fairtrade-Zertifizierung und eines Qual­ität­sauf­schlages Preise zahlt, die weit über dem Mark­t­preis liegen, und obwohl er sich von Ter­mingeschäften fern­hält, wird auch der Preis, den er an die südamerikanis­chen Koop­er­a­tiven zahlt, am Welt­mark­t­preis bemessen. »Keinen Kakao unter 4.300 Euro« habe er in let­zter Zeit gekauft. Und das ganz ohne Verträge: »Bei uns läuft das per Hand­schlag, die Bauern sind immer froh, wenn ich komme, und ich freue mich über einen guten Kakao.« Der Preis für den wichtig­sten Rohstoff in Zot­ters Unternehmen befand sich in den let­zten Jahren auf einer Bergund Tal­fahrt, die sich aber nicht mit den Ern­te­men­gen erk­lären lässt. Inzwis­chen ist der Kakao­preis wieder gefallen und pen­delt zwis­chen 1.500 und 2.000 Euro pro Tonne. Ein Reg­u­la­tiv, welches sich­er­stellt, dass solche verz­er­ren­den Investi­tio­nen nicht mehr stat­tfinden, gibt es bis heute nicht. Und Händler wie Zot­ter, die frei­willig und zuver­läs­sig über dem Mark­t­preis zahlen, sind die große Ausnahme.

Nun ist Kakao noch immer ein Luxu­sgut und kein Grund­nahrungsmit­tel. Der Mech­a­nis­mus der Speku­la­tion ist aber längst auch dort zu erken­nen. Mais, Weizen, Zucker und sogar Orangen­saftkonzen­trat wer­den über Derivate verkauft, zwis­chenge­han­delt und weit­er­verkauft. Wie groß der Anteil dieser speku­la­tiven Investi­tio­nen an der Preis­steigerung genau ist, bleibt schwer zu berech­nen. Denn als Grund für den Anstieg der Preise wer­den, zum Beispiel bei Kakao, vor allem die poli­tis­chen Unruhen im Kakaoland Elfen­beinküste genannt. In anderen Fällen kÖn­nen es schlechte Ern­ten oder eine rasch ansteigende Bin­nen­nach­frage sein. Der dadurch ohne­hin auftre­tende Preisanstieg wird durch Inve­storen um ein Vielfaches ver­stärkt, ohne dass jemand eine genau Berech­nung anstellen kÖn­nte, welcher Fak­tor nun tat­säch­lich wie großen Ein­fluss hätte. Weil das Vol­u­men der Investi­tio­nen aber deut­lich über dem des Spothandels liegt, wird auch sein Ein­fluss auf den schlussendlichen Verkauf­spreis entsprechend groß sein.

Beim Zucker stieg der Preis in den let­zten fünf Jahren eben­falls deut­lich stärker als die Nach­frage. In Brasilien, dem wichtig­sten Rohrzuck­er­erzeuger mit 40 Prozent Mark­tan­teil, führte die Finanzkrise dazu, dass es an Kap­i­tal fehlte und damit an Geld für die Neupflanzun­gen des Zuck­er­rohrs. Das Ange­bot sank, die Nach­frage stieg weiter kon­tinuier­lich und der Zuck­er­preis explodierte von 200 Euro auf 500 Euro pro Tonne. Der Finanz­markt war hier also zuerst Aus­lÖser der Verk­nap­pung, weil er seinen eigentlichen Zweck, näm­lich Kap­i­tal zur Ver­fü­gung zu stellen, nicht erfüllt hatte, und ver­stärkte anschließend durch Speku­la­tion den Effekt der Preis­steigerung. Dass Zucker auf­grund seines hohen Anteils an Kalo­rien ein wichtiges Grund­nahrungsmit­tel ist, zeigt, dass auch in diesem Fall rück­sicht­s­los spekuliert wird. Denn vor allem der Wert von Nahrungsmit­teln geht über ihren Mark­t­preis hin­aus. Während die Inve­storen ein Pro­dukt auss­chließlich danach bew­erten, was es für einen mon­etären Preis an der BÖrse erzielt, sind Lebens­mit­tel viel wertvoller: sie kÖn­nen Hunger bekämpfen, Krankheiten ver­hin­dern und Leben ret­ten. 40 Cent kostet das Kilo Zucker auf dem Welt­markt, aber statt diesen niedri­gen Preis zu nutzen, um eine vernün­ftige Ernährung­shilfe sicherzustellen, wird er zum Spiel­ball der Speku­lanten, die jede Preis­be­we­gung zu einem Mil­lio­nengeschäft machen.
Die neg­a­tiven Fol­gen der Investition

Ein Platzen dieser Blasen been­det allerd­ings nicht das Grundü­bel, son­dern trifft am Ende die Falschen. Neben den Hungern­den sind es auch, wen­ngle­ich mit weniger exis­ten­ziellen Fol­gen, die Pro­duzen­ten und die ver­ar­bei­t­en­den Betriebe in Indus­tri­es­taaten wie Öster­re­ich. Also jene Unternehmen, die tat­säch­lich auf die Rohstoffe und deren sin­nvolle Bew­er­tung angewiesen sind. Denn während die Akteure auf dem Finanz­markt ihre Ver­luste über die bre­ite Streu­ung ihrer Port­fo­lios aus­gle­ichen kÖn­nen, muss die Indus­trie vor allem die Nach­frage befriedi­gen, Liq­uid­ität sich­er­stellen und ihre Mitar­beiter bezahlen. Und wenn ein Finanzspeku­lant ent­deckt, dass er eine Blase (über­be­w­ertete Papiere) in seiner Bilanz hat, ver­sucht er sie zu verkaufen und bei einem anderen platzen zu lassen (wun­der­bar illus­tri­ert im aktuellen Film »Der große Crash« mit Kevin Spacey).

Auch Öster­re­ichis­che Fir­men wie die NÖm-Molkereien, die Agrana-Zuckerwerke oder große Getrei­demühlen kla­gen über Schwankun­gen bei den Rohstoff­preisen von bis zu 100 Prozent, also eine nicht nachvol­lziehbare Ver­dopplung und Hal­bierung der Preise in kurzen Abstän­den. Weil die Unternehmen aber meist kein Port­fo­lio haben, das ihnen einen flot­ten Aus­gle­ich der Bilanz ermÖglicht, bleiben ihnen nur Preis­er­hÖhun­gen und die Hoff­nung, dass die Konkur­renz ähn­lich reagieren muss. Ein Ein­stieg der Raif­feisen­bank in Rohstoff­speku­la­tio­nen wurde bisher kat­e­gorisch aus­geschlossen. Die große Land­wirtschafts­bank, zu der die Agrana und NÖm gehÖren, kri­tisiert eben­falls das unreg­ulierte Spiel mit den Lebensmittelpreisen.

Und bei diesen hat die über­mäßige und undurch­sichtige Speku­la­tion auch die übel­sten Fol­gen. Die Preis­ral­lye bei Lebens­mit­teln wie Weizen, Zucker und Mais führt zu steigen­den Ver­braucher­preisen bei uns und Hunger bei denen, die ohne­hin schon 80 Prozent ihres beschei­de­nen Einkom­mens für Grund­nahrungsmit­tel aus­geben müssen. Dabei sind die steigen­den Lebens­mit­tel­preise im Prinzip zu begrüßen: Sie wür­den den Entwick­lungslän­dern endlich erlauben, selb­st­ständige Indus­trien aufzubauen. Denn auf­grund der sub­ven­tion­ierten Exporte nach Afrika ist es dort noch immer nicht mÖglich, gewinnbrin­gende Wirtschaft entste­hen zu lassen. Wegen der hier in Europa vorhan­de­nen Infra­struk­tur und den pro­duzierten Men­gen ist es teurer, vor Ort zu pro­duzieren. Deshalb wer­den immer noch europäis­che Bil­lig­waren nach Afrika geliefert und dort verkauft. HÖhere Preise wären da ein guter Schutz, aber eben nur wenn sie nach­haltig, langsam und mit dem Auf­bau lokaler Wirtschaftsstruk­turen ein­herge­hen. Doch nicht nur die Selb­st­ständigkeit wird verhindert.

Laut Schätzun­gen der Welt­bank kostete die Preis­steigerung der Lebens­mit­tel im let­zten Jahr (05/2010–04/2011) über 40 Mil­lio­nen Men­schen das Leben. Die sprÖde For­mulierung von Dirk Müller, es gebe »keinen einzi­gen volk­swirtschaftlichen oder gar human­itären Grund, warum es Finanz­in­ve­storen erlaubt sein sollte in Grund­nahrungsmit­tel zu investieren«, erscheint angesichts dessen deut­lich unter­trieben. Die These, dass der Welthunger sich nicht mehr aus einem Man­gel an Nahrung her­aus begrün­den lässt, wird ein­mal mehr unter­strichen. Und diese Tat­sache sorgt inzwis­chen für das Kurio­sum, dass sich eine uner­wartete moralis­che Allianz aus dem amtieren­den Papst, der Raif­feisen­bank, der Uno, ver­schiede­nen NGOs und einem BÖrsen­händler ergibt. Alle fordern ein­dringlich und gut begrün­det ein Ver­bot von Investi­tio­nen in Lebens­mit­tel und Beschränkun­gen bei der Speku­la­tion mit anderen Rohstof­fen. Ihr direk­ter Ein­fluss darauf, mit Aus­nahme der Raif­feisen­bank, ist jedoch ger­ing. Gefordert ist ein­mal mehr die Poli­tik. Sie allein kann Gesetze und Strafen definieren, die unsere Lebens­mit­tel davor schützen zum Spiel­ball der Finanzjon­gleure zu werden.

Eine Öffentliche Ver­wal­tung, die momen­tan aber haupt­säch­lich mit der Umset­zung von Spar­maß­nah­men beschäftigt ist, wird da kein guter Part­ner sein. Von Finanz­ex­perten, die rechtzeitig Prob­leme erken­nen, ist in den Dien­sten des Staates zu wenig zu sehen. Von den entsprechen­den LÖsungsvorschlä­gen oder gar deren Umset­zung ganz abge­se­hen. Denn wer das Sys­tem durch­schaut hat, prof­i­tiert lieber davon, als dass er sich im kürzungs­bedro­hten Sek­tor der staatlichen Mark­tüberwachung sein Salär ver­di­ent. Auch dies gehÖrt zu jenen Wahrheiten, die in der ober­fläch­lichen Diskus­sion um das »Sparpakete schnüren« und »Finanzmärkte reg­ulieren« gern vergessen werden.

Illus­tra­tion: Johanna Kom­pacher
Grafik: noah­grafics
Bild: michaelthurm

Die Creative-Comonse-Lizenz beschränkt sich in diesem Fall auf den bloßen Text. Alle Grafiken und Illus­tra­tio­nen sind urhe­ber­rechtlich geschützt.

Ein Kommentar

    Kein Profit auf Kosten der Ärm­sten
    Banken prof­i­tieren vom Han­del mit Nahrungsrohstof­fen und treiben damit die Ärm­sten dieser Welt in noch gröußere Hunger­snöte! Die Ini­tia­tive http://www.handle-fair.de klärt auf und sagt NEIN dazu!