Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Florian Weitzer im Fazitgespräch

Das Kaf­fee Weitzer wird langsam, aber sicher zum let­zten Kaf­fee­haus alter Schule in Graz. Dabei ist das Lokal in der Bel­gier­gasse nur ein kleiner Teil von Flo­rian Weitzers Unternehmen, den Weitzer Hotels. Fast täglich sitzt der 38-Jährige auf den roten Pol­stern, die schon dort waren, als Hotel und Kaf­fee noch seinem Urgroß­vater gehört haben. Und das ist ein Jahrhun­dert her. Damals gehörte nur das Hotel Flo­rian, das heutige Weitzer, der Fam­i­lie. Es fol­gte 1974 der Kauf des Hotel Daniel am Haupt­bahn­hof und 1999 die Über­nahme des Grand Hotel Wiesler. Dies allein ist schon beein­druck­end, viel mehr aber, wie sich die einzel­nen Hotels in den let­zten Jahren entwick­elt haben. 2010 fand der radikalste Bruch statt: Die fünf Sterne des Wiesler – bis dato einziges Fünf-Sterne-Hotel in Graz – wur­den abgeschossen. Es fol­gte ein gelun­gener Spa­gat zwis­chen Jugend­stil und Mod­erne, Graf­fiti und Stuck. Seinen türkischen Kaf­fee trinkt der Hotelchef am lieb­stem im alten Kaf­fee­haus. Dieses, das hat uns Flo­rian Weitzer ver­sprochen, bleibt, wie es ist. Bis die Sitzbänke auseinan­der­fallen … (PDF zum Down­load)

Hotelrevolte


Herr Weitzer, wann haben Sie eigentlich das let­zte Mal in Ihrem eige­nen Hotel über­nachtet?

Ich wollte let­zten Sam­stag im Hotel über­nachten, aber da war schon alles belegt, da ging es also nicht. Im Hotel Weitzer hab ich wohl das let­zte Mal im Okto­ber über­nachtet.

Ich frage mich näm­lich, woher Ihr tre­ff­sicheres Gefühl dafür kommt, was Hotel­gäste in Zukunft wollen kÖn­nten.

Ein Hote­lier ist nicht das, was ich mir unter einem Unternehmer vorstelle. Ein Unternehmer ist jemand, der das Gesamte über­sieht. Wir brauchen und haben auch Ahnung von Finanzen, der Küche, ein wenig weiß ich auch über Architek­tur. Und so entsteht eine Gesamt­sicht. Ich bin ein Men­sch, der von vie­len Din­gen etwas beherrscht, aber nie die gesamte Tiefe. Ein Uni­ver­sal­ist, wenn man so will. Deshalb bin ich auch nicht zufrieden, wenn man mich als Hote­lier beze­ich­net, denn das bin ich nicht. Ich habe nie die Hotelier-Ausbildung gemacht, mein Vater auch nicht.

Aber Sie sind bei ihm in die Schule gegan­gen, er hat das Hotel vor Ihnen lange Zeit geführt.

Vierzig Jahre lang! Und bei ihm war es genauso wie bei mir. Nur die Zeiten waren andere.

Sie haben mit der Umgestal­tung der Hotels auch eine deut­liche Reduk­tion der Preise vorgenom­men. Ein lokaler Konkur­rent hat gesagt, dass so ein Schritt nur getan wird, wenn die Aus­las­tung zu niedrig ist.

Das kann er ja gern sagen, aber die Zahlen schau ich mir jeden Tag hier im Kaf­fee an und die sprechen eine deut­liche Sprache.

Sind die Umsätze jetzt so gut, weil Sie die Preise gesenkt haben?

Nein, nein. Ich verkaufe ja nicht nur einen Preis, son­dern das hängt immer alles zusam­men. Und ich selbst will in Graz nicht um 150 Euro über­nachten.

Was man bei Ihnen auch kann.

Ja, ich gebe auch die MÖglichkeit dafür. Aber 59 Euro im Daniel sind ein Preis, wo jemand auch mal eine Nacht länger bleiben kann. Ich hab ein­fach ver­sucht, die Preise auf ein Niveau zu brin­gen, das mir auch angenehm ist. Da braucht es keine große Mark­t­forschung, da kann ich meine Fre­unde fra­gen.

Haben Sie den Ein­druck, dass sich durch die Verän­derun­gen an Ihren Hotels auch die Konkur­renz verän­dert?

Das weiß ich nicht. Wir ver­suchen uns immer stärker auf uns selbst zu konzen­tri­eren. Ich habe auch die Grazer Hote­liervere­ini­gung aufgegeben, bei der ich ja der Vor­stand war …

Das klingt, als schämten Sie sich dafür.

Ich schäme mich dafür, dass ich gle­ichzeitig Vor­stand war und das eingeschlafen ist. Wir haben gesagt, dass wir diese ganze Mark­t­beobach­tung nicht mehr wollen und uns nur noch auf das konzen­tri­eren, was wir hier machen. Deshalb kon­nten wir auch mit den Preisen run­terge­hen. In der Hotel­lerie haben wir ein biss­chen das Prob­lem, dass es schlecht ange­se­hen ist, wenn du mit den Preisen run­tergehst. Wenn du bei einem Jeans­geschäft die Preise senkst, schreibst du es groß an die Fen­ster. Das Beson­dere bei uns ist, dass wir gle­ichzeitig mit der Qual­ität raufge­gan­gen sind. Aber unser Konzept ist abso­lut richtig. Wir machen mehr Umsätze und haben mehr Nächtigungen.

Die Aus­las­tung eines Hotels ist die entschei­dende Kenn­zahl. In den Jahren nach dem Kul­turhaupt­stadt­jahr 2003 sank die Aus­las­tung in den Grazer Hotels auf niedrige 60 Prozent. Jetzt zeigt Flo­rian Weitzer stolz die Zahlen für den Monat Dezem­ber. Fast immer sind die 107 Zim­mer im Hotel Daniel zur Gänze belegt, den anderen Häusern geht es ähn­lich. Der Hote­lier – und das ist er, ob er will oder nicht – erzählt gern von seinen Hotels, von den Zim­mern, von dem Konzept, das dahin­ter­steckt. Man merkt, dass hier jemand ein Hotel gestal­tet hat, in dem er selbst gern Gast wäre. Weitzer erzählt von Gästen, die wegen des Hotels nach Graz kom­men und nicht wie früher wegen eines Stadtbe­suches ein Hotel brauchen. Vor allem das Wiesler ist sein Lieblingskind – mit dem fast schon berühmten Zim­mer 209, dessen Gestal­tung inzwis­chen auf zwanzig weit­ere Zim­mer aus­gedehnt wurde.


Sie haben schon einige Indizien für Ihren Erfolg ange­sprochen, aber woran messen Sie ihn? Sind es die nack­ten Zahlen, oder ist es der Umstand, dass ein Arnold Schwarzeneg­ger vor und nach der Ren­ovierung des Hauses im Wiesler über­nachtet?

Ich weiß nicht, woher dieses Gerücht kam, dass Schwarzeneg­ger nicht bei uns über­nachten würde.

Sie haben sogar extra eine Zeitungsanzeige geschal­tet, weil Schwarzeneg­ger wieder da ist und bei Ihnen über­nachtet. Wie wichtig ist promi­nen­ter Besuch für ihr Hotel?

Das Inserat war haupt­säch­lich für die Konkur­renz gedacht. Wir woll­ten denen zeigen, dass sie sich beruhi­gen kÖn­nen, weil Schwarzeneg­ger hier wohnt und das ist keine große Sache. Aber viel wichtiger ist, dass ich in den Steirer gehen kann und dort erkenne, oder zu erken­nen glaube, dass es gut läuft und den Leuten gut geht. Der zweite Punkt ist: Wer sitzt drin? Bei uns sitzen junge Leute, Pro­fes­soren, alte Leute und Arbeiter. Das ist eine gesunde Mis­chung, die ver­hin­dert hat, dass wir ein In-Lokal wer­den. Gott sei Dank. Der Steirer ist im fün­ften Geschäft­s­jahr und nahezu immer voll.

Hät­ten Sie auch noch Platz für die hohe Poli­tik? Vor vier Jahren waren gle­ichzeitig neun europäis­che Bun­de­spräsi­den­ten zu Gast im Wiesler, das damals noch fünf Sterne hatte.

Na, wenn sie sich früh genug anmelden und ihnen das Hotel gefällt, dann haben wir natür­lich Platz.

Ich frage das auch, weil Sie mit mehreren Plakaten wer­ben, auf denen freche Sprüche gegen die Poli­tik zu lesen sind. Jüng­stes Beispiel: »Der Zus­tand der Poli­tik zeigt, dass zu wenig Wein getrunken wird.«

Das müssen die Poli­tiker aushal­ten. Wer deshalb nicht zu uns kommt, kann es bleiben lassen.
Man spürt bei Ihnen eine gewisse Unzufrieden­heit mit der Poli­tik, die Sie aber nur dosiert äußern. Ja, aber das ist nicht anders als in Wien oder Tri­est. Wir haben über­all die Poli­tiker, die wir halt haben und die schauen über­all nicht weiter als bis zur näch­sten Wahl.

Klingt da noch Ihre Frus­tra­tion durch, dass Sie Ihren Plan über eine Mur-Terrasse nicht umset­zen kon­nten? Sie hat­ten damals die Zusage des Bürg­er­meis­ters und durften am Ende doch nicht bauen.

Das ist nur ein weit­erer Beweis. Aber die Ter­rasse wäre nur ein kleines Pro­jekt gewe­sen, da gibt es andere Dinge, in die das Herzblut investiert wird. Da ist keine Zeit für so etwas. Über­haupt darf für Ärger eigentlich keine Zeit sein. Wenn ich mich damit zu viel beschäftige, engt das den Blick ein. Die Welt dreht sich immer ändern uns so schnell, weil es nÖtig ist. Dreißig Jahre lang war alles klar. Von fünf Ster­nen ging es hin­unter bis zu einem Stern, die großen Vor­bilder aus Amerika waren auch klar. Und das bricht alles kom­plett auf und ver­stärkt wurde es noch durch die Krise 2008.

Sie ver­stärkt das Tempo oder die Art der Verän­derung?

Die Krise ver­stärkt vor allem den Druck sich zu verän­dern. Aber sie ist nicht der Grund, son­dern der besteht darin, dass sich die Men­schen ändern. Nie­mand zahlt mehr 150 Euro für irgen­dein Zim­mer.
[…]

Sie haben ein­mal gesagt, dass Sie nie auf die Idee kom­men wür­den, selbst in die Poli­tik zu gehen. Was hal­ten Sie von Ini­tia­tiven wie jener von Frank Stronach, der gesagt hat, dass er eine neue und wirtschafts­fre­undliche Partei finanziell unter­stützen würde?

Das hat dur­chaus seinen Grund. Nie­mand ist mehr bereit eine Autorität zu akzep­tieren. Nicht in der Kirche – der Priester ist ja nur noch eine Witz­figur …

Außer für die Katho­liken.

Nein. Das ist de facto so. Einem Fam­i­lien­vater tanzen seine 16jährigen TÖchter auf der Nase herum …

Sie haben ein unheim­lich neg­a­tives Welt­bild. Warum denn das?

Mein Welt­bild ist neg­a­tiv, aber meine Aus­sichten sind pos­i­tiv. Gut, das ist viel Zweck­op­ti­mis­mus. Aber was ist in den let­zten fün­fzig Jahren passiert? Da war es leicht Poli­tiker zu sein. Da saß der an den Schalthe­beln der Macht und kon­nte den steigen­den Wohl­stand verteilen. In Wahrheit hat er aber alles von uns genom­men, weil wir Steuern gezahlt haben. Jetzt sind wir aber an einem Wen­depunkt angekom­men, wo eben nicht mehr das große Füll­horn aus­geschüt­tet wird. Und da brauchen wir einen anderen Typ des Poli­tik­ers. Ein Bürg­er­licher müsste sagen: »Das, das und das tra­gen wir als Bürg­er­liche zur Sanierung des Staat­shaushaltes bei.« Und er muss erwarten kÖn­nen, dass die Roten oder die Grü­nen auch herkom­men und sagen, was sie beitra­gen kÖn­nen. Solange aber alle nur vom jew­eils anderen etwas fordern, solange die Schwarzen sagen, dass die Lehrer etwas hergeben sollen und die Roten etwas von den Reichen wollen, ist das vol­lkom­men wit­z­los.

Aber wür­den Sie so jeman­den auch finanziell unter­stützen – so wie es Frank Stronach vorhat?

Das weiß ich nicht, darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich hab schon die Hote­liervere­ini­gung abgeschoben und gesagt: Wir müssen uns auf uns konzen­tri­eren. Man kann mir dur­chaus vor­w­er­fen, dass ich von den anderen nichts wis­sen will.

Wenn Sie schon selbst nicht wollen, ken­nen Sie jeman­den, den Sie gern in der Poli­tik sehen wür­den?

Ich habe eigentlich nur andere Vor­bilder. Niko­laus Harnon­court hat eine unheim­lich tiefe Ein­sicht in die Welt. Erwin Wurm hat tiefe Ein­sicht. Und das sind Leute, die etwas ändern wollen. Aber Typen wie Neuge­bauer und Kon­sorten wollen ein­fach alles fes­thal­ten. Die vertei­di­gen mit Zäh­nen und Klauen Dinge, die eigentlich nicht mehr zu vertei­di­gen wären, wenn die Poli­tik vernün­ftig arbeiten würde. Aber kein Wun­der, denn wer sitzt im Nation­al­rat?

Beamte, Lehrer, …

… Gew­erkschafter und Bauern­vertreter. Genau. Aber das bildet doch nicht die Gesellschaft ab.
Was wäre das richtige Umfeld, um mutig zu sein? Ist es wie bei Ihnen die Fam­i­lie? Sie haben das Hotel Daniel gegen den Willen Ihrer Fam­i­lie umgestal­tet. Dafür bin ich meiner Fam­i­lie auch sehr dankbar. Und da unter­scheide ich mich von denen, die immer fordern und nie zufrieden sind.

Sie sind doch auch nicht zufrieden, selbst bei 100 Prozent Aus­las­tung!

Gut, das stimmt auch wieder. Aber ich bin trotz­dem dankbar. Und die Kirche kann das Gefühl von Dankbarkeit nicht mehr ver­mit­teln. In Fam­i­lien sehe ich es nicht und in der Poli­tik schon gar nicht. Es funk­tion­iert nur noch in Unternehmen, bei denen einer sagt, wo es langgeht und wenn es funk­tion­iert, ist es gut.

Kommt daher Ihr Verän­derungs­drang? Sie brauchen eine Her­aus­forderung, damit Sie mit dem zufrieden sind, was Sie haben?

Ja, dur­chaus. Seit dem Jahr 2000 haben wir eine Zeit­en­wende, weil es eben nicht mehr immer weiter bergauf geht. Wir brauchen andere Poli­tiker, andere Lehrer und andere Hotels und da ver­suche ich meinen Teil beizu­tra­gen.

Ihre per­sÖn­liche Zeit­en­wende – und ich hoffe, Sie erlauben die Frage – war etwas später. 2005 hat­ten Sie einen Unfall und in dessen Folge einen Schla­gan­fall. Die radikalen Änderun­gen kamen alle erst danach.

Das stimmt nicht ganz. Das Daniel hab ich vorher gemacht und das ist auch fer­tig gewor­den. Ein Viertel­jahr später hatte ich den Unfall und war weg. Dadurch hat sich sicher vieles beschle­u­nigt. Ich weiß sel­ber nicht genau, wie ich mich verän­dere. Ich hÖre nur, dass nach­her und vorher … wurscht.

Sie wollen nicht darüber reden? Woran liegt das?

Das liegt daran, dass ich das Neg­a­tive immer ver­suche wegzustecken. Aber es war auch nicht neg­a­tiv, dass ich diesen Unfall hatte. Ich habe meinem Vater gesagt, dass es das pos­i­tivste war, was mir passieren kon­nte. Das hat er nicht ver­standen.

Ich ver­stehe es auch nicht.

Da wurde ein­fach ein­mal die Zeit ange­hal­ten. Während ich krank war, hatte ich nur die Konzen­tra­tion auf mich, keine unternehmerischen Gedanken. Ich hab zwar noch gewusst, wie ich heiße, aber nicht, wie ich dieses Handy bedi­ene. Ich kann es nicht begrün­den, aber es ist gut.

Dann lassen wir dieses Thema da, wo es ist, in der Ver­gan­gen­heit, und blicken in die Zukunft: Sie haben ger­ade erst das Daniel in Wien erÖffnet und pla­nen schon wieder München, Lon­don und Budapest. Wie konkret sind diese Pläne?

Wir haben noch keine Gebäude, deshalb gibt es noch keine genauen Pläne. Der Wun­sch ist konkret und ich weiß nicht, was das Jahr 2012 bringt. Wir wer­den sicher wieder einige Zim­mer hier in Graz umbauen. Warum woll­ten Sie unbe­d­ingt nach Wien? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es finanziell nÖtig ist. Wir woll­ten ein­fach in der Bun­de­shaupt­stadt vertreten sein. In Öster­re­ich wird man immer ein biss­chen belächelt, wenn man irgend­was in Graz macht. Und das hat mich immer angezipft.

Herr Weitzer, vie­len Dank für das Gespräch.