Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Stephan Schulmeister im Fazitgespräch

Noch ist es angenehm, über die Krise zu philoso­phieren; ihre Auswirkun­gen in Öster­re­ich hal­ten sich in Gren­zen. Der Kaf­fee im Wiener Rüdi­ger­hof ist gut und die Preise hier sind sta­bil. Doch die alltägliche Evi­denz ist trügerisch und führt dazu, jene Prob­leme zu überse­hen, die der Wirtschafts­forscher Stephan Schul­meis­ter zum Anlass nimmt, ein neues Wirtschaftssys­tem zu fordern.

Der Uner­hörte

Herr Schul­meis­ter, Sie gehören seit den let­zten drei Jahren der Finanzkrise zu einem der meistz­i­tierten Wirtschafts­forscher in Öster­re­ich. Was unter­schei­det Sie und Ihre Äußerun­gen über die Krise von einem Poli­tiker?
Diese Frage über­rascht mich ein wenig, weil ein Poli­tiker zuerst ein­mal Lead­er­ship zeigen muss, also er muss han­deln. Die Auf­gabe eines Wirtschafts­forsch­ers ist es, Diag­nosen zu erstellen, also ana­lytis­che Arbeit zu machen und Ursachen für Prob­leme her­auszufinden. Gegebe­nen­falls muss er dann Vorschläge an die Poli­tik richten, diese aber nicht selbst ausführen.

Ich hatte den Ein­druck, dass Ihre Aus­sagen immer mehr jenen der Poli­tiker ähneln. Zuletzt wur­den Sie im Wirtschafts­blatt im Zusam­men­hang mit der eventuellen Nicht-Rettung Griechen­lands zitiert: “Dann zer­fällt die Union.” So recht­fer­ti­gen auch viele Poli­tiker ihre Vorschläge und Entschei­dun­gen.
Inner­halb der Beruf­s­gruppe der Ökonomen bin ich ein absoluter Außen­seiter und auch von der Poli­tik in keiner Weise akzep­tiert. Das ist ja auch ver­ständlich, weil ich genau jene Weltan­schau­ung kri­tisiere, an der sich das Han­deln der Poli­tik seit über zwanzig Jahren orientiert.

Den Neo-Liberalismus …?
… die Auf­fas­sung, dass Märkte im Zweifels­fall das bessere Steuerungssys­tem sind und dass sie sich selbst sta­bil­isieren. Das Sys­tem Poli­tik soll sich als Steuerungsmech­a­nis­mus mÖglichst weit zurückziehen. Das ist in ganz weni­gen Worten das Fun­da­ment dieser neo-liberalen Weltan­schau­ung und diese kri­tisiere ich seit min­destens 25 Jahren.

Warum?
Weil sie den Men­schen nur in seiner Eigen­schaft als Indi­viduum wahrn­immt, der ver­sucht, seinen indi­vidu­ellen Nutzen zu max­imieren. Als Unternehmer ist der Nutzen in erster Linie der Gewinn, als Haushalt ist es der Nutzen, den man aus dem Kon­sum von irgendwelchen Güter­bün­deln zieht. Meine Grund­hal­tung ist aber jene, dass der Men­sch ein wider­sprüch­liches Wesen ist, näm­lich ein soziales und ein indi­vidu­elles Wesen, bei­des zugle­ich. Und die Inte­gra­tion dieser bei­den Pole macht die Kunst des geglück­ten Lebens aus. Seit zwanzig Jahren hält sich die Poli­tik in Europa aber an die Empfehlun­gen des Neo-Liberalismus: Befreie die Märkte und binde die Poli­tik an Regeln. Die Maastricht-Kriterien, das Statut der Europäis­chen Zen­tral­bank (EZB), das sind Beispiele dafür, wie die Poli­tik ihren eige­nen Hand­lungsspiel­raum frei­willig eingeschränkt hat, während gle­ichzeitig die Finanzmärkte
dereg­uliert wurden.

Es fällt auf, dass sich bei Ihnen die Analyse der gegen­wär­ti­gen Prob­leme mit der Kri­tik an den Regierun­gen ver­mis­cht. Was hebt Sie nun aus dem tage­spoli­tis­chen Schlagab­tausch her­aus, wie er von einem poli­tis­chen Autor wie Robert Misik (FG 2008) oder Oppo­si­tion­spoli­tik­ern geführt wird?
Das kann schon sein, dass sich die Schlussfol­gerun­gen von mir und Poli­tik­ern ähneln, aber der Weg, wie ich dazu gelange, ist ein anderer. Und dieser Weg beginnt mit ganz konkreter Ökonomis­cher Forschung. Als vor fast dreißig Jahren die Finanzkrise in Lateinamerika aus­brach und als Erk­lärung dieser Krise ange­führt wurde, dass diese Län­der schlecht ver­wal­tet seien, dass dort Kor­rup­tion herrsche et cetera, da wurde ich hell­hÖrig. Denn jene Län­der, die am stärk­sten von der Krise getrof­fen waren, gal­ten Jahre vorher als Muster­län­der, und ich kon­nte nicht glauben, dass die Ursache in der Kor­rup­tion liegt.
So habe ich mit einer detek­tivis­chen Wirtschafts­forschung begonnen, also die Beobach­tun­gen gesam­melt und diese verknüpft. Diese Forschung führte mich dann zu den Devisen­händlern in den Trading-Rooms, wo der Wech­selkurs entstand.

Wie muss man sich diese Forschung vorstellen?
Das begann mit einem Besuch in Frank­furt. Dort haben zwei Tage mein ganzes Leben verän­dert, weil ich gese­hen habe, dass die Devisen­händler das Gegen­teil von dem machen, was die Ökonomis­che The­o­rie erwartet.
Ich ver­suche dabei von einem konkreten Prob­lem aus­ge­hend, mÖgliche Ursachen zu iden­ti­fizieren und dann schrit­tweise ins All­ge­meine zu abstrahieren. Der Main­stream der Wis­senschaft macht es umgekehrt.

Ich würde das gern noch mal auf Ihre These “Dann zer­fällt die Union” zurück­führen. Wie kom­men Sie zu einer solch radikalen Aus­sage? Wer­den Sie von Medien dazu genötigt?
Ach, so radikal ist das gar nicht. Ich for­muliere das über­haupt nicht aus dem Inter­esse her­aus, Aufmerk­samkeit zu erre­gen. Ich bin ja kein Poli­tiker. Ich analysiere ein­fach ein konkretes Spiel und das führte mich bei der Währung­sunion des Euro zu diesem Befund: Das Schulden­prob­lem ist in Wahrheit das Prob­lem eines exor­bi­tan­ten Anstieges der Zin­sen, die Griechen­land für Kred­ite zahlen muss. Wenn es stattdessen gelun­gen wäre, wie in Amerika, einen niedri­gen Anlei­hen­zins zu sta­bil­isieren, dann wäre über­haupt keine Krise ent­standen. Dann hätte Griechen­land weiter Kred­ite bekom­men und Anlei­hen an Unternehmen vergeben kÖn­nen. Und es hätte seinen Haushalt, der natür­lich zu hoch ver­schuldet ist, sanieren müssen – unter dem Druck der Europäis­chen Kommission.

Aber was macht ger­ade Griechen­land zu dem Land, das Sie und andere zu der These ver­an­lasst, dass an Griechen­lands Ret­tung das Schick­sal der Union hängt?
Das habe ich nicht gesagt. Ich sage, dass diese Krise irrtüm­lich als Griechen­land­krise beze­ich­net wird. Griechen­land ist der Spiel­ball, und wie es sich für einen Spiel­ball gehÖrt, wird auf ihn einge­droschen. Aber der Spiel­ball ist erset­zbar, durch Irland, Por­tu­gal, Spanien oder Ital­ien. Und genau dieses Spie­len von mehreren Bällen sehen wir ja seit Monaten. Es gibt Akteure auf den Finanzmärk­ten, die Sys­tem­schwächen aus­nutzen. Und die europäis­che Währung­sunion hat eine fun­da­men­tale Schwäche: Sie muss aus fol­gen­dem Grund insta­bil sein: Das eine Bein der Wirtschaft­spoli­tik, die Währungspoli­tik, ist zentralisiert …

In Form des Euro und der EZB.
… und das andere Bein, die Steuer­poli­tik und die Staat­saus­gaben, ist Kom­pe­tenz der Nation­al­staaten. Diese Kon­struk­tion führt dazu, dass große Banken und Hedge­fonds in Erwartung einer weit­eren Ver­schlechterung der griechis­chen Sit­u­a­tion eine MÖglichkeit für guten Profit sehen. Und dann entsteht ein dialek­tis­ches Prob­lem: Ein­er­seits sind die steigen­den Zin­sen für Kred­ite Griechen­lands durch das hÖhere Risiko gerecht­fer­tigt, ander­er­seits erhÖhen diese gestiege­nen Zin­sen auch das Risiko selbst. Wir sind also in einem Teufel­skreis der Zin­sen. Wäre das Ganze auf Griechen­land begrenzt, dann hätte ich weder meine These aufgestellt, noch würde ich sagen, dass die Krise eine Sys­temkrise ist. Aber nach­dem wir den gle­ichen Mech­a­nis­mus auch noch in Irland, Por­tu­gal, Spanien und jetzt in Ital­ien sehen, muss es ein Sys­tem­fehler sein.

Weil die Schulden so teuer sind, dass sich die Staaten keine Investi­tio­nen mehr leis­ten kön­nen, geht es zwangsläu­fig weiter bergab?
Wenn die Analyse richtig ist, dass im Zen­trum der Schulden­dy­namik das Ver­hält­nis von Zinssatz zu Wach­s­tum­srate steht, also wenn Anlei­hen­zin­sen auf dem Finanz­markt bes­timmt wer­den, die weit über den Erwartun­gen des Wirtschaftswach­s­tums liegen, dann ist eine Eindäm­mung des Schuldenwach­s­tums nicht mÖglich.
Das ist eine math­e­ma­tis­che Beziehung zwis­chen Schulden– und Wirtschaftswach­s­tum. Und wenn die Wach­s­tum­srate unter­halb der Zin­srate liegt, dann wächst die Schulden­quote immer weiter, durch Zins und Zins­eszins, und das muss zwangsläu­fig zum Kol­laps führen. Vielle­icht kann ein Staat 300 Prozent seines BIP an Schulden haben, aber irgend­wann kol­la­biert er, so wie wir das schon oft gese­hen haben.
Das Grund­prob­lem besteht jetzt darin, dass es in der Mark­twirtschaft einen Sek­tor gibt, der wichtiger ist als der Staat. Und das sind die Unternehmen. Aber wenn die Zin­sen so deut­lich über der Wach­s­tum­srate liegen, dann reduziert der Unternehmer seine Kred­ite, weil er nicht will, dass seine Ver­schul­dung steigt. Damit hat er ja vÖl­lig recht. In einer solchen Sit­u­a­tion haben die Unternehmen und Haushalte einen Primärüber­schuss, und dann kann der Staat nur ein Defizit haben, weil die Summe aller Primär­salden null ist.
Nur wenn ein Staat hohe Über­schüsse durch Exporte erzielt, hilft das diesem Land, wie zum Beispiel Deutsch­land. Für die Part­ner­län­der ist es dann aber umso schwieriger; es ist unlÖs­bar, weil diese noch ein zusät­zliches Defizit in der Han­dels­bi­lanz haben. Das ist ein sys­temis­ches Prob­lem, dass sich nicht mit gutem Willen und der Bere­itschaft zum Sparen lösen lässt. Und wenn ich beobachte, dass ein Prozess logisch nicht funk­tion­ieren kann, dann ist die Schlussfol­gerung fol­gende: Wenn die Poli­tik in Europa das Zin­sniveau nicht unter Kon­trolle bekommt, dann ist der Zer­fall der Union eine logis­che Kon­se­quenz und keine radikale These. Was soll man machen?

Also ist die Krise das Ende des Kap­i­tal­is­mus?
Es ist der Beginn einer langsamen Implo­sion, eines Kol­la­bierens dieser finanzkap­i­tal­is­tis­chen Spielart, die ihrem Wesen nach nicht funk­tion­ieren kann, weil das Gewinnstreben auf unpro­duk­tive Tätigkeiten gelenkt wurde, näm­lich auf Finanzver­an­la­gung und Speku­la­tion. Das kann zwar für einen Einzel­nen hoch­prof­ita­bel sein, aber wenn dann alle ver­suchen, durch den Tausch von Geld gegen Geld reicher zu wer­den, dann entste­hen Span­nun­gen und Wider­sprüche im Gesamt­sys­tem, die sich nicht aushal­ten lassen. Ein Beispiel dafür waren die Hypothekenkred­ite, deren Blase ganz zu Beginn der Krise geplatzt ist.

Warum genügt die Vor­gabe des europäis­chen Leitzins nicht? Der wird durch die Regierun­gen bes­timmt und soll eigentlich vorgeben, wie teuer ein Kredit ist.
Bis Novem­ber 2009 war es tat­säch­lich so, dass auf den Märk­ten, wo der Anlei­hen­zins gebildet wird, ein ähn­liches Niveau herrschte wie beim Leitzins. Dann haben aber die Finan­zal­chemis­ten ent­deckt, dass sie statt der Währungsspeku­la­tio­nen, die auf­grund des Euro nicht mehr möglich waren, mit Zin­sen spekulieren kÖn­nen.
Darauf ist man eben erst nach elf Jahren gekom­men. Mglich wurde das, weil die Defizite aller Län­der durch die Hil­f­s­pakete in die Höhe kat­a­pul­tiert wur­den. Dadurch wur­den die Unter­schiede zwis­chen den Län­dern deut­licher. Manche Län­der, wie eben Griechen­land, hat­ten plÖt­zlich ein Defizit von über zehn Prozent. Und damit begann die Speku­la­tion auf die Zahlung­sun­fähigkeit von Staaten und es ent­stand dieses Wech­sel­spiel aus steigen­den Zin­sen und hÖherem Risiko, befeuert von den Urteilen der Rating-Agenturen.
Diesen Prozess unter Kon­trolle zu bekom­men, ist ein kleines Mosaik­steinchen in der Änderung des Gesamt­sys­tems. Aber jede sys­temis­che Ther­a­pie hat die Eigen­schaft, dass die gesamten Anreizstruk­turen verän­dert wer­den müssen, und zwar dahin, dass unternehmerisches Han­deln in der Pri­vatwirtschaft besser gestellt wer­den muss als die Finan­zal­chemie, bei der durch Geld mehr Geld gemacht wer­den soll.


Warum ist die Real­wirtschaft auch aus gesamtÖkonomis­cher Sicht wichtiger als die Finanzwirtschaft?

Wenn ich als Unternehmer ver­suche, durch ein neues Pro­dukt, durch besseren Ser­vice, was auch immer, mehr Gewinn zu machen, dann leiste ich einen Beitrag zur Verbesserung des Gesamt­sys­tems. Das ist ja die Logik der “unsicht­baren Hand” von Adam Smith. Diese Logik gilt aber nicht für das Gewinnstreben der Finan­za­kro­baten, weil das Gewinnstreben in der Real­wirtschaft ja nur durch die Schaf­fung von etwas Neuem real­isiert wer­den kann, während bei der Speku­la­tion mit einem Finanzderivat nichts geschaf­fen, son­dern nur umverteilt wird. Nehmen wir das Beispiel Casino: Da gehen alle mit ihren unter­schiedlich dicken Brief­taschen hinein, und am Ende gehen sie mit einer Verän­derung her­aus. Der Staat hat etwas bekom­men, das Casino und einige Spieler, aber geschaf­fen wurde nichts.

Aber die Finanzwirtschaft ermöglicht durch ihr Han­deln doch erst jene gün­sti­gen Kred­ite, die in der Real­wirtschaft zu Investi­tio­nen führen kÖn­nen.
Ja natür­lich, aber Sie müssen mir genau zuhÖren: Ich unter­scheide zwis­chen dem Finanzsek­tor, der ein Service-Sektor für die Real­wirtschaft ist, und den Finan­zal­chemis­ten. Das sind ganz bes­timmte Akteure, nicht der Finanzsek­tor generell. In einem Fall lÖst der Finanzsek­tor das Ver­mit­tlung­sprob­lem zwis­chen den pri­vaten Haushal­ten, die ihr Ges­partes auf die Bank brin­gen, und den Unternehmen, die dann bei dieser Bank einen Kredit bekom­men. Das ist unab­d­ing­bar für die Mark­twirtschaft. Aber wir leben mit­tler­weile in einer anderen Welt. Es gibt Banken, wie die Deutsche Bank, Gold­mann Sachs und, und, und … ich nenne sie immer nur die Finan­zal­chemis­ten, die sich davon “emanzip­iert” haben und ihre Gewinne nur noch über das soge­nan­nte Trad­ing erzie­len, über Derivate …

… die früher zur Absicherung von Ern­teaus­fällen und Ähn­lichem gedacht waren.

Ja, aber davon hat sich die Finan­zal­chemie längst ent­fernt, weil ein Derivat auch aus Speku­la­tion­s­grün­den ver­wen­det wer­den kann. Diese soge­nan­nten “Credit Default Swaps” (CDS) wer­den von Leuten gehan­delt, die nichts mit dem Pro­dukt zu tun haben, auf welches sie spekulieren.
Das sind reine Wet­ten, die als “naked CDS” beze­ich­net wer­den. Und diese Han­del­sak­tio­nen desta­bil­isieren die wichtig­sten Preise in der Weltwirtschaft. Es ist ja grotesk, wenn man die heutige Sit­u­a­tion mit den 50er-Jahren ver­gle­icht. Damals waren die Sit­u­a­tio­nen so sta­bil, dass wir ein Wirtschaftswun­der erlebt haben.
Ich nenne das den Real-Kapitalismus und eine ähn­liche Spielanord­nung haben wir in China. Das ist ja ein höchst kap­i­tal­is­tis­ches Land, aber die wür­den nie akzep­tieren, dass der Wech­selkurs oder der Zinssatz vom Markt bes­timmt wird. Auch die BRICS-Staaten (Brasilien, Rus­s­land, Indien, China und Südafrika) haben das kapiert, die gehen alle einen anderen Weg als wir.

Sind autokratis­che Herrscher ein Vorteil für diese Spielanord­nung?
Wenn es “aufgek­lärte” Dik­ta­toren sind, wäre es vielle­icht ein Vorteil, aber das kann ich nicht beurteilen. Es gibt allerd­ings Indizien dafür, dass die chi­ne­sis­che Reak­tion auf die Finanzkrise die bisher beste ist. Die haben mit einer raschen Steigerung der Öffentlichen Investi­tio­nen dafür gesorgt, dass die Bin­nen­wirtschaft weiter wächst, obwohl ihre Exporte natür­lich auch einge­brochen sind. Und das ist eine tolle Leis­tung. Da spielt das poli­tis­che Sys­tem natür­lich schon eine Rolle, weil die sich nicht ein­mal eine Umweltverträglichkeit­sprü­fung antun und ein­fach die Arbeiter von einer Branche in andere umschichten, aber das ist nicht so wesentlich. Wesentlich ist, wie wir das Gewinnstreben mit dem unternehmerischen Han­deln verbinden.

Radikale Neo-Liberale sind der Mei­n­ung, dass die gän­zlich freie Mark­twirtschaft dur­chaus funk­tion­iert hätte, wenn man in der Krise nicht inter­ve­niert hätte, son­dern dem Markt in dieser tur­bu­len­ten Sit­u­a­tion freien Lauf gelassen hätte: Also man hätte zum Beispiel Opel pleit­ege­hen lassen, oder jetzt Griechen­land.

Aber was soll ich damit? Ich bin kein The­ologe. Es gibt his­torische Erfahrun­gen und ich sehe keinen Grund, die Weltwirtschaft­skrise von 1930 noch mal durchzu­machen. Da hat man bis 1932 nichts gemacht und es ging über­all bergab, bis auf wenige Aus­nah­men. Und was ist dann passiert: Zwei Akteure haben gesagt, dass der Staat etwas machen muss. Der eine hieß Roo­sevelt, der andere war Hitler. Und beide waren, Ökonomisch betra­chtet, sehr erfol­gre­ich. Lei­der, im Fall von Hitler. Aber es ist ja kein Geheim­nis, dass 1936 fak­tisch keine Arbeit­slosigkeit mehr existierte.

Allerd­ings ein Erfolg, der aus der Vor­bere­itung auf einen Weltkrieg resul­tierte …
… natür­lich, das ist keine Frage. Deshalb habe ich ja auch in Anlehnung an Roo­sevelt ein Büch­lein über die Notwendigkeit eines neuen “New Deal” geschrieben.
Aber es geht um das Funk­tion­ieren von Ökonomis­chen Sys­te­men und darum, dass die ein­fache Wahrheit, dass, wenn jeder dem indi­vidu­ellen Eigen­nutz folgt, alles gut wird, eine Reli­gion ist. Wir haben jetzt 40 Jahre empirische Evi­denz über die Preis­bil­dung auf den freiesten Märk­ten. Das sind die Finanzmärkte, weil es dort kaum Transak­tion­skosten und Reg­ulierun­gen gibt. Und trotz­dem unter­liegt dieser “ide­ale Markt” mas­siven Schwankun­gen und daraus muss man Schlussfol­gerun­gen ziehen.

Warum, wenn die Sys­tem­fehler so offen­sichtlich sind, wie Sie sagen, warum hält sich dann die Evi­denz der Krise in Öster­re­ich im Rah­men? Die Börse ist sta­bil, der befürchtete Anstieg der Arbeit­slosen­zahlen ist aus­ge­blieben, die Teilzeitar­beit deut­lich im Rück­gang. Woran kann man die Sys­temkrise bei uns erken­nen?
Na ja, ich kann in einer glob­al­isierten Wirtschaft nicht die Symp­tome eines kleinen Lan­des über einen kleinen Zeitraum her­anziehen. Wenn es Deutsch­land oder Öster­re­ich im Moment gut geht, beruht das meiner Mei­n­ung nach auf einer Illu­sion. Wenn wir den Blick ein biss­chen erweit­ern, kann nie­mand bezweifeln, dass wir in einer Krise sind. Da genügt schon der Blick auf die Europäis­che Union, denn dort finden die Krisen­gipfel inzwis­chen im Wochen­rhyth­mus statt.

Aber das kann ja nicht der einzige Indika­tor sein.
Also in Spanien haben wir eine Jugen­dar­beit­slosigkeit von 45 Prozent, in Griechen­land sackt die Wirtschaft weiter ab und die Lage in Län­dern wie Rumänien und Bul­gar­ien ist alles andere als rosig.

Kann diese “evi­dente Krise” auf Öster­re­ich über­greifen?

Ja natür­lich. Sobald Län­der wie Spanien und Ital­ien auch nur halb so stark von der Zinsspeku­la­tion erfasst wer­den, sind wir in der Rezes­sion. Wohin sollen wir und die Deutschen noch exportieren? Uns geht es nur noch gut, weil Chi­nas Wirtschaft boomt und wir alle an seinem Tropf hängen.

Also ist der deutsche Vorschlag zur Steuersenkung nicht so verkehrt, weil das die Bin­nen­nach­frage steigern kön­nte?
Ich glaube, wir missver­ste­hen uns. Wir kÖn­nen die Krise ja nicht an den Indika­toren von ein paar Monaten fest­machen. Die wirk­liche Krise besteht darin, dass unser beste­hen­des Sys­tem in seiner Gesamtheit eine immer schlechtere Per­for­mance liefert.

Also ist die Debatte über Einzel­maß­nah­men irreführend?

Das ist doch klar. Betra­chten wir die Schuldenkrise, dann sehen wir, dass die Poli­tik nur noch Feuer­wehr spielt. Für jedes Land gab es einen Ret­tungss­chirm. Aber jetzt kam der Schock: Ital­ien. So lange hat die Poli­tik gebraucht, um zu merken, dass die Erweiterung der Feuer­wehrflotte das Prob­lem der Brand­s­tifterei nicht lösen kann. Es ist schon gut, wenn erst ein­mal gelöscht wird, aber es ist notwendig, zu erforschen, warum diese Brände so häu­fig sind. Und genau das ist das krisen­hafte Ele­ment: Die neg­a­tiven Erschei­n­un­gen sind nicht als grÖbere Unfälle zu erk­lären, son­dern als Pro­dukt der Dys­funk­tion­al­ität des Sys­tems ins­ge­samt. Der Zus­tand der Ver­wirrung ist inzwis­chen so groß, dass sich alle in ihrer Verzwei­flung an den alten Hal­te­grif­fen fes­thal­ten. Seit 20 Jahren sagen wir: Man muss sparen, sparen, sparen. Eine solche Igno­ranz gegenüber Erken­nt­nis­sen gibt es nur in den Wirtschaftswissenschaften.

Ist es ein grund­sät­zliches Prob­lem, dass Poli­tiker entweder keine Experten anhÖren, oder nur jene, von denen sie genau das zu hören bekom­men, was sie wollen?
Auf die Mainstream-Wissenschaftler wird schon gehÖrt, Hans-Werner Sinn und wie die alle heißen. Das Prob­lem bei mir ist, dass ich mich nicht in die Schublade der Linken oder der neo-liberalen Key­ne­sianer stecken lasse. Alle Linken haben den Grundgedanken, dass man eine bessere Gesellschaft irgend­wie kon­stru­ieren kann. Da bin ich ganz anderer Mei­n­ung, weil das alles evo­lu­tionäre Prozesse sind. Außer­dem bin ich ein großer Unter­stützer unternehmerischen Han­delns, was ja auch keine linke Posi­tion ist.

Das bringt uns wieder zum Beginn des Gesprächs. Sie haben gesagt, dass Sie von Poli­tik­ern nicht ernst genom­men wer­den …
… natür­lich nicht. Ich bin ja ganz unwichtig, ein völ­lig unbe­deu­ten­der Öster­re­ichis­cher Wirtschaftsforscher.

Herr Schul­meis­ter, vie­len Dank für das Gespräch.

Das Inter­view fand am 19. Juli statt, also vor den jüng­sten Beschlüssen der Euro-Länder.

Stephan Schul­meis­ter, 1947 geboren, studierte zwis­chen 1965 und 1972 Recht und Wirtschaft an der Uni­ver­sität Wien. Seit 1972 ist er Mitar­beiter des Öster­re­ichis­chen Insti­tuts für Wirtschafts­forschung (WIFO) mit Forschungsaufen­thal­ten in Berlin und New York. Zuletzt veröf­fentlichte er das Buch »Mit­ten in der großen Krise. Ein “New Deal” für Europa«.