Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Demografie – denn wir sind viele

Die Zukunft dieses Lan­des entschei­det sich in seinen Bet­ten. Denn nur dort entste­hen Kinder. Nun mag man ein­wen­den, dass Autorück­sitze, Waldlich­tun­gen und die kün­stliche Befruch­tung inzwis­chen gang­bare Alter­na­tiven sind, aber die Masse, und die ist in diesem Fall entschei­dend, macht’s im Bett. Die Masse, das sind wir alle. Junge und Alte. Bum­mel­stu­den­ten, Frührent­ner und Worka­holics. Topver­di­ener, Bezieher von Min­dest­sicherung und der berühmte kleine Mann von nebe­nan. Die ganze Gesellschaft, der ganze Staat. Und eine Gesellschaft bleibt beste­hen, wenn jede Frau dieser Gesellschaft in ihrem Leben zwei Kinder auf die Welt bringt.

Ganz so ein­fach ist es lei­der nicht, denn zum Fortbe­stand einer Gesellschaft braucht es noch eine ganze Menge mehr, als eine math­e­ma­tisch exakte Fer­til­ität­srate (durch­schnit­tliche Anzahl von Kindern pro Frau). Aber um den Bogen von der indi­vidu­ellen Eltern­schaft zum großen The­menkom­plex der Demografie zu span­nen, müssen wir an eini­gen Stellen auf das let­zte Quentchen Genauigkeit verzichten. Zum Beispiel darauf, dass genau genom­men 2,1 Kinder pro Frau geboren wer­den müssten, durchschnittlich.

Quelle: OECD

Doch schon seit 1973 liegt die Geburten­rate pro Öster­re­icherin unter zwei Kindern. Im ver­gan­genen Jahr lag die Fer­til­ität nur noch bei 1,39. Das ist eine kleine Zahl, die aber ein großes Prob­lem darstellt. Denn wenn weniger Kinder auf die Welt kom­men, steigt dadurch das Durch­schnittsalter, ebenso der Anteil an Pen­sion­is­ten in der BevÖlkerung und noch langfristiger wird die Gesamt­bevÖlkerungszahl zu sinken begin­nen. Ohne Zuwan­derung nach Öster­re­ich würde die Ein­wohn­erzahl bere­its jetzt zurück­ge­hen, aber dank der Migra­tion ver­schiebt sich dieser Wen­depunkt immer weiter nach hin­ten. Im Jahr 2002 prog­nos­tizierte die Sta­tis­tik Aus­tria den Wen­depunkt vom BevÖlkerungswach­s­tum zu einem Schrumpfen, noch auf das Jahr 2028. Inzwis­chen geht die Sta­tis­tik­be­hÖrde davon aus, dass es noch bis 2050 ein BevÖlkerungswach­s­tum gibt und Öster­re­ich dabei auch die Neun-Millionen-Grenze über­schre­iten wird.

Nun muss man nicht gle­ich Unter­gang­sprog­nosen à la \“Öster­re­ich stirbt aus\” auf­stellen, aber schon jetzt wer­den die Fol­gen der sink­enden Geburte­nen­twick­lung immer deut­licher. In diesem Artikel wollen wir uns mit den ratio­nalen und irra­tionalen Grün­den für die niedrige Zahl an Neuge­bore­nen befassen, mit den nack­ten Fak­ten, an denen sich die Fol­gen messen lassen, und mit den Prob­le­men, die das schon jetzt für jene Gen­er­a­tion mit sich bringt, die aufs Kinderkriegen verzichtet hat. Fol­gen wir dabei dem Lebenszyklus:

\“Es ist am Mor­gen vier­füßig, am Mit­tag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen GeschÖpfen wech­selt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meis­ten Füße bewegt, sind Kraft und Schnel­ligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.\”

So leicht das Rät­sel zu lÖsen ist, so schwer sind die darin ange­sproch­enen Prob­leme zu lÖsen. Denn der Leben­szyk­lus hat, wiederum vere­in­facht betra­chtet, zwei wesentliche Merk­male: Man braucht am Anfang Hilfe (um vom brabbel­nden Baby zum Erwach­sen zu wer­den) und man braucht sie zum Ende hin (Altenpflege).

Der Men­sch auf vier Beinen

Es ist ein lÖblicher Vorschlag, den die Grazer Gemein­derätin Sissi Potzinger zuletzt einge­bracht hat: Es mÖge ver­boten wer­den, dass Kindergeschrei als Ruh­estÖrung klag­bar ist. Genau dies ist die Rich­tung, in die eine Poli­tik gehen sollte, die Eltern das Leben leichter machen will. Denn bisher besteht Öster­re­ichis­che Fam­i­lien­poli­tik haupt­säch­lich aus finanziellen Leis­tun­gen: Die Zahlun­gen für Kinder-, Jugend– und Fam­i­lien­fÖrderung liegen 50 Prozent über dem Durch­schnitt der OECD-Länder (OECD: Organ­i­sa­tion für wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit und Entwick­lung). Doch bis jetzt kon­nte die finanzielle Unter­stützung von Eltern nicht dazu beitra­gen, dass die Geburten­rate wieder steigt. Ein Kri­tikpunkt der OECD und mÖglicher Grund dafür ist, dass 40 Prozent der Gelder direkt an die Eltern gezahlt wer­den. In Däne­mark und Schwe­den, so deprim­ierend das ständige Vorhal­ten skan­di­navis­cher Vor­bilder sein mag, sind dies ger­ade ein­mal 20 Prozent. Der Rest fließt unter anderem in Kindergärten, die auch eine Betreu­ung für unter 3-Jährige anbi­eten, um so eine bessere Vere­in­barkeit von Fam­i­lie und Beruf zu ermÖglichen.

Und das scheint noch immer ein Kern­prob­lem der Fam­i­lien­poli­tik zu sein. Über 42 Prozent der Frauen im gebär­fähi­gen Alter entschei­den sich gegen eige­nen Nach­wuchs. Bei den Akademik­erin­nen sind es fast die Hälfte. Laut Fam­i­lien­bericht sind die Gründe dafür Selb­stver­wirk­lichungs­bedürfnisse, die erwartete finanzielle Belas­tung einer Eltern­schaft und die sink­ende Zahl an sta­bilen Part­ner­schaften und Ehen. Die Ham­burger Stiftung für Zukun­fts­fra­gen hatte eine ähn­liche Studie für Öster­re­ich durchge­führt, bei der 54 Prozent angeben, \“frei und unab­hängig\” sein zu wollen, statt eine Fam­i­lie zu grün­den. Die finanzielle Belas­tung nan­nten 44 Prozent als hinderlich.

Angesichts solcher Zahlen kann man schnell zu jenem zynis­chen Schluss kom­men, den Elfriede Ham­merl zuletzt im Pro­fil zog: \“Statt sich über unsere niedrige Geburten­rate zu wun­dern, soll­ten wir lieber staunen, dass die Öster­re­icherIn (sic!) sta­tis­tisch immer noch 1,4 Kinder zur Welt bringt.\” Aber weder staunen noch wun­dern wird daran etwas ändern …

Denn Kinder soll­ten keines­falls, weder in unserer Gesellschaft noch in diesem Artikel, als Belas­tung ver­standen wer­den. Aber um zu ver­ste­hen, warum sich Erwach­sene gegen Nach­wuchs entschei­den, sollen an dieser Stelle jene Fak­toren skizziert und disku­tiert wer­den, die eben für viele eine Belas­tung darstellen. Ungeachtet dessen, das Kinder á pri­ori eine Bere­icherung für den Einzel­nen und uns alle sind.

So sehr die MÖglichkeiten zugenom­men haben, aus der indi­vidu­ellen Frei­heit das Beste zu machen, so sehr hat die gefühlte Sicher­heit abgenom­men: Kann ich meinem Kind genü­gend Wohl­stand bieten? Worauf muss ich verzichten, wenn ich Vater oder Mut­ter werde? Mit wem gehe ich dieses Wag­nis ein, für die näch­sten 18 Jahre gemein­sam Ver­ant­wor­tung für ein Kind zu übernehmen. Ver­ant­wor­tung in einer Welt, in der es genü­gend Gründe gibt, mit ihr zu hadern. Wie wer­den die Schulen ausse­hen, in die wir unsere Kinder schicken? Und wer­den sie später eine Arbeit finden, von der sie ein­mal leben kÖn­nen. Das sind Fra­gen, mit denen sich poten­zielle Eltern beschäfti­gen. Zumin­d­est jene, die sich Gedanken machen, und unter diesen ist die Geburten­rate beson­ders niedrig und gle­ichzeitig beson­ders \“erwün­scht\” – zumin­d­est legt das die Tat­sache nahe, dass gern zwis­chen akademis­chen Eltern und Nicht-Akademikern unter­schieden wird. 
Es ist natür­lich eine gefährliche These, wenn man Kinder in erwün­schte und weniger erwün­schte unter­schei­det, denn eigentlich sind es die Eltern, die unter­schieden wer­den. Aber auch das ist immer noch dünnes Eis, denn nie­man­dem kann auf­grund seiner sozialen Sit­u­a­tion ver­wehrt wer­den, ein Kind zu bekom­men und jedem Kind gehÖrt genau die gle­iche Zuwen­dung (der Eltern und durch den Staat) geschenkt. Das ist es, was in den Son­ntagsre­den unter Chan­cen­gle­ich­heit und Gerechtigkeit ver­standen wird. 
Gleichzeitig darf sich eine selbst lenk­ende Gesellschaft mit einer Poli­tik, die ver­sucht, durch ein zusät­zliches und abstrak­tes Maß an Ver­nunft zu lenken, die darf sich trotz­dem mit der Frage beschäfti­gen, warum Akademiker weniger Kinder bekom­men als schlechter (Aus-)Gebildete.

Quelle: OECD

Und wenn wir mod­ell­haft ein­mal davon aus­ge­hen, dass Akademiker sich mehr Gedanken über ihre Zukunft machen (und die ihrer Kinder), ist schlüs­sig, warum bei ihnen die ratio­nalen Gründe für die Entschei­dung einer Schwanger­schaft eine grÖßere Rolle spie­len. Neben allen irra­tionalen Sor­gen fragt sich der wache Geist auch eher, ob ihr und ihm eine Kinder­be­treu­ung an der Uni geboten wird und ob der Arbeit­ge­ber erlaubt, auch in den ersten Jahren Mut­ter– bzw. Vater­schaft­surlaub zu nehmen. Noch immer sind die Schwierigkeiten nicht beseitig, Kind und Kar­riere zu bal­ancieren. Aber sie ver­schieben sich langsam, auch weil immer mehr Män­ner ihren Anteil zur Betreu­ung beitra­gen und ihrer Part­nerin damit gle­ichzeitig ermÖglichen, ihren Job fortzuset­zen. Allerd­ings kom­men auch Akademiker nicht an dem Para­doxon vor­bei, dass sie trotz einer hÖheren Sicher­heit des eige­nen Einkom­mens weniger bereit sind, Kinder zu bekommen.

Aber all zu logisch kann es in der Frage um den Nach­wuchs auch gar nicht zuge­hen. Mann schwängert und Frau lässt sich ja nicht aus ratio­nalen Grün­den schwängern. Nie­mand lässt im Bewusst­sein der demografis­chen Entwick­lung Öster­re­ichs die Hosen runter und den Samen ihren Lauf. Im Gegen­teil: Frau lässt sich aus vernün­fti­gen Grün­den nicht schwängern. Also muss es Ziel einer Gesellschaft sein, die Gründe gegen das Kinderkriegen zu reduzieren.
Denn der Wun­sch, Kinder zu bekom­men, ist weitaus stärker vorhan­den, als tat­säch­lich Kinder geboren wer­den: Durch­schnit­tlich will jede Frau zwei Kinder haben. Dem steht aber in rund 60 Prozent der Fälle die Real­ität eines Einzelkinds gegenüber – for­mulieren wir es hier lieber ein­mal so, als immer von 1,4 Kindern pro Frau zu sprechen.

Aber dieses Missver­hält­nis ist zu ver­ste­hen, aus den bisher erwäh­n­ten Grün­den und auch weil wir in den let­zten fün­fzig Jahren zu einer gesellschaftlichen Hal­tung gefun­den haben, die Frauen die Entschei­dung zwis­chen Kind oder Kar­riere erlaubt. Jetzt müssen wir es nur noch schaf­fen, dass auch bei­des gle­ichzeitig mÖglich wird. Kind und Kar­riere. Dazu braucht es eine ideelle Unter­stützung und Anerken­nung erfol­gre­icher Müt­ter und Väter, ohne diese als kar­ri­eregeile Rabenel­tern ein­er­seits oder Super­mamis ander­er­seits zu stil­isieren. Und es braucht Unternehmen mit einer fam­i­lien­fre­undlichen Umge­bung, die das Nebeneinan­der von Kar­riere und Eltern­schaft zulassen, ohne dass eines von bei­den lei­det.
Vor­bilder gibt es genü­gend, allein die drei let­zten Part­ner in den Faz­it­ge­sprächen, Bet­tina Vol­lath, Josef Zot­ter und Veron­ica Kaup-Hasler haben erfol­gre­ich Kar­riere gemacht. Und das jew­eils mit drei, bzw. zwei Kindern.

Der Men­sch auf zwei Beine.

Noch sind sie Aus­nah­men, denn die Mehrheit der 20– bis 45-Jährigen, die Kinder bekom­men kÖn­nten, sieht sich im Moment einer dop­pel­ten demografis­chen Belas­tung aus­ge­setzt, die eher zu– als abnehmen wird. Frauen und Män­ner dieser Gen­er­a­tion müssen die Beiträge für eine steigende Anzahl von Pen­sion­sempfängern auf­brin­gen und gle­ichzeitig für ihre eigene, pri­vate oder betriebliche, Rente vor­sor­gen. Und das mit­ten in einer Zeit von Wirtschaft­skrise und Budgetkonsolidierung.

Die Entschei­dung, sich zu dieser dop­pel­ten finanziellen Belas­tung noch einen drit­ten Kosten­punkt zu \“organ­isieren\”, fällt oft schwer. Noch wird diese Entschei­dung von über 70.000 Müt­tern getrof­fen, aber anders als uns TV-Formate wie \“Teenager wer­den Müt­ter\” vor­gaukeln, steigt das Durch­schnittsalter von wer­den­den Müt­tern. Ver­ständlich, denn erst zwis­chen dem 30. und 40. Leben­s­jahr lässt sich abse­hen, ob die eigene Kar­riere zur Zufrieden­heit ver­laufen ist, ob vom ver­di­en­ten Einkom­men genü­gend Rück­la­gen gebildet wur­den und ob der jew­eilige Lebenspart­ner auch ohne die roman­tis­che Verk­lärung der Jugend \“taugt\”. Oder man trifft in dieser Zeit die ebenso respek­table Entschei­dung, auf eine weit­ere Kar­riere zu verzichten und sich den Kinder­wun­sch zu erfüllen.

Was für die und den Einzel­nen abso­lut ver­ständlich ist, wird aber zu einem gesellschaftlichen Prob­lem: 2008 war das let­zte Jahr, in dem das Durch­schnittsalter von Müt­tern in Öster­re­ich unter 30 Jahren lag. Damit ist die Alters­gruppe der 30– bis 40-Jährigen, also die Jahrgänge des Geburten­rück­gangs von 1970 bis 1980, inzwis­chen für alles ver­ant­wortlich: Sie müssen durch Arbeit und Kon­sum den grÖßten Teil der Steuern auf­brin­gen, sie müssen direkt (Pflegeregress) und indi­rekt (Kassen­beiträge, Steuern) die Gen­er­a­tion 65+ finanzieren und sie müssen, mit ideellen, zeitlichen und finanziellen Zuwen­dun­gen, den Nach­wuchs großziehen.

Aber obwohl allen Poli­tik­ern bekannt ist, dass wir von einem Ver­hält­nis von drei werk­täti­gen Beitragszahlern auf einen pen­sion­ierten Empfänger bald zu einem Ver­hält­nis von 1,4 Ein­zahlen­den auf einen Empfänger gelan­gen, wurde es ver­säumt, sys­tem­a­tis­che LÖsun­gen vorzunehmen und die Kosten der demografis­chen Entwick­lung auf mehrere Gen­er­a­tio­nen zu verteilen. Noch trägt uns ein rel­a­tiv bre­iter Sockel der 40– bis 60-Jährigen, aber in zehn bis zwanzig Jahren sind auch diese let­zten geburten­starken Jahrgänge in einem Alter, in dem sie Anspruch auf ihre Pen­sion erheben wer­den.
Das let­zte Zeit­fen­ster ist also geÖffnet, in dem noch ein poli­tis­cher Spiel­raum vorhan­den ist. Aber von Pen­sion­skürzung traute sich bis jetzt kein Poli­tiker zu sprechen, angesichts eines steigen­den Anteils von Betrof­fe­nen, die gle­ichzeitig Wäh­ler sind.

Dabei ist die Rech­nung für die Bal­ance der Pen­sion­skosten rel­a­tiv ein­fach:
Anzahl der Ein­zahler mal Beitrag + eventuell nÖtige Staatver­schul­dung = Anzahl der Empfänger mal Pen­sion.

Nun kann man Para­me­ter für Para­me­ter analysieren, wo sich poli­tisch etwas verän­dern lässt bzw. wo Änderun­gen zu erwarten sind:

Für die näch­sten 20 Jahre steht fest, dass keine geburten­starken Jahrgänge nachkom­men. Die Anzahl der Ein­zahlen­den kann also nur durch einen früheren Beruf­se­in­stieg erhÖht wer­den, wenn auch das Poten­zial dort ger­ing ist. Oder durch Migra­tion. Seit 2001 schwankt die Migra­tion nach Öster­re­ich sehr stark, aber mit einem Zuwan­derungssaldo von 20.000 bis 50.000 Per­so­nen wird die Lücke, die der Geburten­rück­gang verur­sacht hat, bis auf Weit­eres gefüllt. Und bis jetzt kon­nte Öster­re­ich trotz der Öff­nung nach Osteu­ropa und trotz einer hohen Ein­wan­der­erquote seinen Stand als Hochlohn-Land vertei­di­gen. Der jet­zige ÖVP-Chef Michael Spin­de­leg­ger hatte, zu Zeiten als sich seine Ver­ant­wor­tung noch darauf beschränkte Außen­min­is­ter zu sein, schon erkannt: \“Wir brauchen Ein­wan­derung\”. Und noch bietet Öster­re­ich eine attrak­tive Per­spek­tive für viele Zuwan­derer. In Deutsch­land wird aber bere­its heute sicht­bar, dass zum Beispiel gut aus­ge­bildete Migranten aus der Türkei nach Istan­bul gehen, weil dort inzwis­chen zahlre­iche Jobs vorhan­den sind, die den mit­teleu­ropäis­chen Ange­boten weder in Bezahlung noch in Qual­ität nach­ste­hen. Beim aktuellen innen­poli­tis­chen Klima kÖn­nte das auch in Öster­re­ich dro­hen. Und die Freude die sich bei dem ein oder anderen darüber ein­stel­let, wird kurz sein.

Schon jetzt wird der dro­hende Man­gel an Arbeit­skräften (und Beitragszahlern) näm­lich sicht­bar. Und zwar in der Abwan­derung vom Land in die Stadt (Bin­nen­mi­gra­tion) – beson­ders in der Steier­mark. Weil die Auswahl und Anzahl an Jobs in Bal­lungszen­tren wie Graz deut­lich hÖher ist, als in den ehe­ma­li­gen Indus­tri­ere­gio­nen, wo es nur eine Hand­voll Arbeit­ge­ber gibt, zieht es die mobilen Arbeit­nehmer in Rich­tung Stadt – und mit ihnen ihre Fam­i­lien. Der ver­meintliche Gegen­trend, auch wieder ver­stärkt aufs Land zu ziehen, trifft nur insofern zu, dass die Umge­bung der Städte gemein­hin als Land gezählt wird. Die Migra­tion, also Wan­derung inner­halb Öster­re­ichs ins­ge­samt geht nur in eine Rich­tung. Und zwar in Rich­tung Stadt. So ver­lagert sich das Prob­lem nur von der Stadt aufs Land – auf Kosten einer immer ver­wais­teren ländlichen Region.

Dabei ist die sink­ende Zahl von Berufs­fähi­gen nicht nur ein Prob­lem für die Steuerkasse, son­dern vor allem für viele Betriebe. In Deutsch­land bleiben schon jetzt jährlich mehr Lehrstellen unbe­setzt, weil es nicht genü­gend (qual­i­fizierte) Lehrlinge gibt. In Öster­re­ich ist die Sit­u­a­tion, mit Aus­nahme von Wien, noch rel­a­tiv gut. Aber auch hierzu­lande nahm die Zahl der Lehrlinge im let­zten Jahr ins­ge­samt um 1,3 Prozent ab. In Branchen wie dem Frem­den­verkehr gibt es sogar schon jetzt drei Mal so viele Lehrstellen wie Lehrlinge.

Zurück zu unserer volk­swirtschaftlichen Gle­ichung:
Anzahl der Ein­zahler mal Beitrag + eventuell nÖtige Staatsver­schul­dung = Anzahl der Empfänger mal Pen­sion.

Der ein­fach­ste Para­me­ter inner­halb dieser Rech­nung ist sicher­lich der Beitrag zur Pflege– und Pen­sionsver­sicherung, denn er lässt sich durch par­la­men­tarische Beschlüsse verän­dern. Alles, was dafür in Kauf genom­men wer­den muss, scheinen im Moment friedliche Demon­stra­tio­nen zu sein, eine sink­ende Wahlbeteili­gung und Ver­luste von Wäh­ler­stim­men, die aber nie direkt auf konkrete poli­tis­che Maß­nah­men zurück­ge­führt wer­den kÖn­nen. Doch auch die Anhebung der Sozial­ab­gaben hat irgend­wann ein Ende. Vor allem für Öster­re­ich, das schon jetzt eine ver­gle­ich­sweise hohe Abgaben­quote hat.

Ebenso wie bei der bisher beliebten LÖsung: der Belas­tung des Staat­shaushaltes durch neue Schulden. Aber in Anbe­tra­cht der Bud­getkrise, aus der noch kein Ausweg zu sehen ist, wird diese Vari­ante kün­ftig nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen. Außer wir wollen sehen­den Auges in den Staats­bankrott ren­nen, Griechen­land lässt grüßen.

Bleibt also jene Weisheit, die uns allen bekannt ist: Wir müssen länger arbeiten. Dadurch sinkt die Anzahl der Empfänger und gle­ichzeitig steigt die Anzahl der Ein­zahler. Jeder Pen­sion­ist, der arbeitet, verbessert damit beide Seiten der Gle­ichung. So ein­fach, so schwierig.
Denn eine Anhebung des Rentenein­trittsalters lässt sich nicht allein durch die flotte Pri­vatisierung der ÖBB erre­ichen (die dazu natür­lich auch einen Beitrag leis­ten kann und soll und muss), son­dern indem alle Unternehmer begin­nen, ganz nach dem Vor­bild einer noch kleinen Anzahl von Vorzeige­be­trieben, sich einer Gen­er­a­tion von älteren Arbeit­ern zu Öff­nen und Bedin­gun­gen zu schaf­fen, unter denen auch ein 70-Jähriger noch pro­duk­tiv tätig sein kann.

Drei Beine – Gehen am Stock

Da ver­langt es jede Menge Dif­feren­zierun­gen, denn nie­mand wird den Hack­lern, die täglich Güter­wag­gons ver­schieben, Straßen asphaltieren oder auf Knien Heizun­gen mon­tieren, den frühen und ver­di­en­ten Ein­tritt in die Pen­sion ver­weigern. Schwierig wird es, das ist schon jetzt abzuse­hen, bei Beruf­s­grup­pen wie Lehrern, aber auch dort gelan­gen wir hof­fentlich zu der Ein­sicht, dass es für alle Beteiligten, Schüler, Lehrer, Eltern, das beste ist, wenn sie nach 30 Jahren in einem Klassen­z­im­mer voll energiege­ladener und mitunter anstren­gen­der Schüler in den Ruh­e­s­tand dür­fen. Dür­fen heißt nicht müssen, denn flex­i­ble Rentenein­tritte kÖn­nen für einen sonst so reg­ulierungs­freudi­gen Staat kein Prob­lem sein.
Aber warum wir im 21. Jahrhun­dert, wo das Gros der Arbeit­splätze längst im Dien­stleis­tungssek­tor zu finden ist, noch immer jenen Pen­sions­be­ginn nÖtig haben, der vor 40 Jahren üblich war, kon­nte bis jetzt nie­mand plau­si­bel erklären.

Natür­lich, wenn man der Sta­tis­tik folgt, muss man sich Öster­re­ich als Land von langsam schlur­fenden Pen­sion­is­ten vorstellen, die die let­zten 20 Jahre ihres Lebens damit ver­brin­gen, nichts zu tun, außer Kosten zu verur­sachen. Schuld an einer solchen Polemik ist die Rech­nung, dass die Altenquote aus dem Ver­hält­nis der über 65-Jährigen zu den 14– bis 64-Jährigen gebildet wird. Damit soll deut­lich gemacht wer­den, wie eine Gesellschaft altert. Das ist ohne Zweifel ein wichtiger Indika­tor, aber im Jahr 2011 sollte sich langsam die Ein­sicht durch­set­zen, dass mit der hÖheren Lebenser­wartung auch ein län­gere Leis­tungs– und Arbeits­fähigkeit gegeben ist. Die heute 65-jährigen sind ja kaum mit jenen der 60er Jahre zu vergleichen.

Quelle: OECD

Mit ger­ade ein­mal 35 Prozent Beschäf­ti­gung von Arbeit­nehmern über 65 Jahren gehÖren wir zur Schlussgruppe in Europa. Wenn es um die Dauer geht, die ein Öster­re­icher nach seinem tat­säch­lichen Rentenein­tritt noch zu leben hat, liegen wir laut OECD-Statistik auf einem, je nach Blick­winkel, trau­ri­gen oder glück­lichen, ersten Platz. Män­ner ver­brin­gen durch­schnit­tlich 18 Jahren, Frauen 26 Jahre in Pen­sion. Diese Glan­zleis­tung wird kom­biniert mit einem hohen staatlichen Anteil der Pen­sion­skosten und führt uns Jahr für Jahr näher an einen angekündigten Kol­laps des Staatshaushaltes.

Quelle: OECD

Und das ist keineswegs nÖtig, denn erst bei den über 80-Jährigen ist ein sig­nifikan­ter Anteil (10 Prozent) auf \“Anstaltswoh­nun­gen\”, also betreutes Wohnen, Alten– oder Pflege­heime, angewiesen. 90 Prozent kÖn­nen also zumin­d­est ihr eigenes Leben ohne Betreu­ung meis­tern. Wie viele von ihnen darüber hin­aus noch etwas leis­ten kÖn­nen und wollen, sollte eruiert und schle­u­nigst genutzt wer­den. Erste Ini­tia­tiven zur Inte­gra­tion von Älteren ins Arbeit­sleben entwick­eln langsam Mod­ellcharak­ter, zum Beispiel wur­den in Salzburg und OberÖster­re­ich bere­its einige Lehrer aus ihrer Pen­sion zurück­ge­holt, um den zunehmenden Lehrerman­gel auszu­gle­ichen. Neben dem offen­sichtlichen volk­swirtschaftlichen Nutzen solcher Maß­nah­men, darf auch ein kurzer Gedanke daran ver­schwen­det wer­den, was dieses Gefühl des Gebraucht-werdens auch für die Gen­er­a­tion bedeutet, die sich mit ihrer Rolle als \“Beitragsempfänger\” vielle­icht gar nicht so wohl fühlt.

Ödi­pus: \“Du meinst den Men­schen, der am Mor­gen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Hän­den kriecht. Ist er stark gewor­den, geht er am Mit­tag seines Lebens auf zwei Füßen, am Lebens­abend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als drit­ten Fuß zu Hilfe.\”

Am deut­lich­sten lassen sich all die skizzierten Entwick­lun­gen mith­ilfe der BevÖlkerungsstruk­tur zusam­men­fassen. Während 2001 noch ein recht aus­ge­wo­genes Ver­hält­nis von 21 Prozent Alten (über 60 Jahre) und 17 Prozent Jugend (unter 14 Jahren) bestand, wird dieses nach allen Prog­nosen für 2050 weit auseinan­der­reißen: Dann wer­den in Öster­re­ich etwa 36 Prozent der BevÖlkerung über 60 Jahre alt sein, und nur 12 Prozent unter 15. Der Anteil der 15– bis 59-Jährigen sinkt von 62 Prozent auf knapp über 50 Prozent.

Wir wer­den also damit begin­nen müssen, unsere Unternehmen darauf ein– und umzustellen, dass sie gute Arbeits­be­din­gun­gen für die Gen­er­a­tion 60+ bieten, ebenso für poten­zielle und bere­its aktive Eltern. Im Ide­al­fall nebeneinan­der. Denn warum soll sich nicht eine Abteilung rüstiger Oldies den Betrieb­skinder­garten betreuen, während die Eltern auf Außen­di­enst sind?
Wir müssen unsere eigene Hal­tung über­denken und uns fra­gen, ob wir, jeder für sich, wirk­lich mit 60 Jahren in Pen­sion gehen müssen oder ob wir den Zahlen ver­trauen und mit Blick auf Griechen­land erken­nen, wozu eine frühe Ver­ren­tung (neben eini­gen anderen Din­gen, die in Griechen­land schieflaufen) führen kann.
Und wir soll­ten uns von der Illu­sion ver­ab­schieden, dass wir uns eine hÖhere Kinderzahl durch finanzielle Zuwen­dung kaufen kÖn­nen. Damit Frauen und Män­ner zu Eltern wer­den, braucht es neben einer ganzen Menge indi­vidu­ell gün­stiger Bedin­gun­gen ein kinder­fre­undliches Klima am Arbeit­splatz (Betrieb­skindergärten, Gleitzeit etc.) und ein paar mehr inte­gri­erende Rah­menbe­din­gun­gen, für die der Staat sor­gen kann: Betreu­ung für unter 3-Jährige, Kinderkrip­pen und –gärten, die auch an die Bedürfnisse von Studieren­den und Auszu­bilden­den angepasst sind. Dazu muss man nur nach Frankre­ich oder Skan­di­navien schauen, wo trotz der gle­ichen glob­alen Sor­gen (Eurokrise, Kli­mawan­del etc.) die Geburten­rate sehr eng mit der Kinder­wun­schrate kor­re­liert. Und zwar ober­halb von zwei Kindern pro Frau.

Quellen:
OECD
Sta­tis­tik Aus­tria
Fam­i­lien­bericht der Bun­desregierung
LE MONDE diplo­ma­tique vom 10.6.2011
KrÖh­n­ert, Stef­fen u.a.: Die demografis­che Zukunft von Europa. Wie sich die Regio­nen verän­dern. dtv.
u.a.