Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Josef Zotter im Fazitgespräch

Eigentlich macht Josef Zot­ter nur Schoko­lade. Seine 70-Gramm-Tafeln mit den absur­desten Fül­lun­gen und den kun­stvollen Ver­pack­un­gen sind seit Jahren ein Lieb­haber­pro­dukt. Doch Zot­ter wollte schon immer mehr, als nur Schoko­lade verkaufen; er will Vor­bild sein für eine Ökol­o­gis­che Gesellschaft. Seinem Ide­al­is­mus hat er jetzt mit einem \“Ess­baren Tier­garten\” Aus­druck ver­liehen. Durch diesen führt ein über zwei Kilo­me­ter langer Weg und ein inten­sives Gespräch mit dem gel­ern­ten Koch. Am Ende wird man sich fra­gen, wer eigentlich der Real­ist ist. Wir unbe­darften Ver­braucher oder

Der gute Men­sch von Bergl

Das Inter­view beginnt nicht mit einer Frage, son­dern mit einer guten Nachricht aus dem Tier­garten: Zwei Zick­lein wur­den vor einer hal­ben Stunde geboren. Ihnen klebt noch der Schleim aus dem Mut­ter­bauch im Gesicht, gelbe Schlieren und ein nasses Fell sind der Aus­druck des Natür­lich­sten über­haupt: der Geburt. Jetzt machen die Zick­lein ihre ersten unbe­darften Schritte im Gras. Direkt unter­halb der bekan­nten Schoko­laden­fab­rik und Zot­ters Büro.

Das sind schon heilige Momente.

Aber so heilig dieser Moment ist, wenn die Ziegen groß sind, wer­den sie geschlachtet.
Ja, deshalb ist dieser Tier­garten trotz aller Ver­spieltheit etwas sehr Ern­sthaftes. Die Tiere, so lieb die alle sind, die wer­den kein nettes Ableben haben. Die wer­den von uns ver­speist. Aber wenn die Leute hier emo­tional ver­ste­hen, dass ein Tier auch ein Lebe­we­sen ist, wenn sie dann bewusster und weniger kon­sum­ieren und dafür vielle­icht nicht mehr auf jeden Cent schauen, dann hab ich erre­icht, was ich wollte.

Sie hat­ten mit viel Protest gegen das Pro­jekt gerech­net. Warum ist der aus­ge­blieben?

Also in den Medien wird es recht gut aufgenom­men, die Kri­tik kommt vor allem aus dem Inter­net. Der \“Ess­bare Tier­garten\” sug­geriert ja vie­len, dass man reingeht und sich ein Viech sucht und sagt: \“Das legst mir jetzt auf den Tisch.\” Aber das ist ja Blödsinn, wir schlachten nicht öffentlich. Kri­tisieren kann man natür­lich immer etwas. Ein Tier­garten hat Abgren­zun­gen, da ist ein Tier ein Leben lang drin, das finde ich ja auch kri­tisch. Deshalb set­zen wir die Tier regelmäßig um. Und viele sagen halt: \“Ja, wenn ich den Tieren erst in die Augen schau, weiß ich nicht, ob ich die noch essen kann.\”

Aber das ist es, was Sie erre­ichen wollen?
Genau, also wenn wir die Tiere essen, dann ins Auge schauen und dazu ste­hen. Und dann sollen die Leute lieber sehen, dass es vorher ein art­gerechtes Leben gab. Ich will ja nicht sagen, dass die Men­schen das über­ge­ord­nete Wesen sind, das ist Blödsinn, aber in Wahrheit ist es so. Wir haben uns die Welt irgend­wie herg­erichtet, dass es funk­tion­iert, aber so wie es jetzt funk­tion­iert, wird es nicht mehr lang gehen. Im Moment wer­den 25 Prozent der Lebens­mit­tel weggeschmis­sen. Wir reden nur noch über den Preis und denken nicht mehr darüber nach, wie das pro­duziert wird. Nehmen wir die Schweinezucht, mein Nach­bar da drüben, der hat 2.000 Schweine und bekommt 1,23 Euro für das Kilo Lebend­schwein, da wis­sen Sie, was der für Emo­tio­nen gegenüber seinen Tieren hat.

Sie fallen kaum auf, die bei­den Fut­tertürme, auf die Josef Zot­ter deutet. Ihre graue Hülle fügt sich in das monot­one Ocker der umliegen­den Felder. Die diesige Luft legt einen zusät­zlichen Schleier. Man sieht nicht, was dort passiert. Ein biss­chen regionale Land­wirtschaft im Osten der Steier­mark. Aber in den Tür­men lagern Mais, der in Monokul­tur ange­baut wird, und Soja aus Brasilien. Bil­liger Eiweiß­fut­ter­stoff, für dessen Pro­duk­tion in Südamerika der Regen­wald abge­holzt wird.

Sie ver­suchen, mit ihrem \“Ess­baren Tier­garten\” zum Fleis­chverzicht zu ver­führen?
Nicht zum Verzicht! Zum weniger Essen – das ist der Ansatz. Ich bin ja sel­ber kein Veg­e­tarier, auch wenn ich rel­a­tiv wenig Fleisch esse. Ich brauch es auch nicht und gesün­der ist es auch. Für den Einzel­nen und für die Welt: Um eine Kalo­rie Fleisch zu pro­duzieren, braucht es acht bis zehn Kalo­rien Fut­ter. Jetzt wis­sen wir, dass wir in Zukunft die Welt nicht mehr ernähren kön­nen. Wenn wir aber nur noch die Hälfte Fleisch essen wür­den, dann wäre dieser Teil fünf­fach als Getreide übrig. Und es gibt über­all arme Zonen, wo die Leute zu wenig zum Essen haben. Das hängt alles zusam­men: Wenn wir hier das Soja ver­brauchen, dann fressen wir mit den bil­li­gen Hüh­n­ern und Schweinen den Armen das Essen weg.

Wirkt der päd­a­gogis­che Wert des Gartens, oder kom­men die Gäste aus Graz und Wien nur her, um sich eine Art Ablass zu holen und in der Stadt wieder in gewohn­ter Manier zu essen?
Da gibt es sicher einige, die herkom­men und dann denken, ist eh alles eitel Wonne. Den Tieren geht’s gut, die Welt ist in Ord­nung. Aber so hab ich es nicht gemeint.

Mit Schock­bildern als Kon­trast, wie die Tier­schutzvere­ine, wollen Sie nicht arbeiten?

Nein, ich glaube, da wen­den sich die Leute ab, weil das so graus­lich ist, und dann leben sie erst recht so weiter wie bisher. Es ist besser, die Leute kom­men hier rein und sehen, dass es auch so funk­tion­ieren könnte.

Es ist eine skur­rile Kulisse, die man als Besucher erst ein­mal iden­ti­fizieren muss. Eine san­fte Hügel­land­schaft, idyl­lisch erhebt sich die Riegers­burg auf der anderen Seite des Tals und auf dem Nach­bar­grund­stück grasen ein paar Kühe, die für den ungeschul­ten Blick gesund ausse­hen. Bis Josef Zot­ter einen auf die angeschwol­lenen Euter und die abgeschnit­te­nen Hörner hin­weist. Erst dann ist der trau­rige Blick der Kühe zu ver­ste­hen. Gle­ichzeit drehen sich nur wenige Meter daneben die großen Solarpan­e­len ein paar Zen­time­ter weiter in Rich­tung Sonne.

Pro­duzieren Sie damit aus­re­ichend Energie für den Tier­garten?
Ja, hier sind wir autark. Aber schön ist das nicht. Roman­tisch auch nicht. Ein Atom­kraftwerk ist immer ganz gut ver­steckt, aber wenn dann was schiefgeht, sind immer gle­ich alle betrof­fen. Ich glaube, wir kom­men nicht an dieser Art der Energiepro­duk­tion vor­bei. Deshalb haben wir die Solar­mod­ule hinge­setzt, da kön­nen die Viecher auch im Schat­ten liegen, ich hätte ja auch Bäume pflanzen können.

Ist es möglich, eine Stadt wie Graz ökol­o­gisch zu ernähren?
Aber ganz sicher. Ich höre oft, dass die Welt nicht mehr ökol­o­gisch zu ernähren ist, aber wenn das stimmt, dann Gnade uns Gott, denn dann leben wir nicht mehr lang. Seit ger­ade ein­mal hun­dert Jahren arbeiten wir mit Kun­st­düngern und Chemikalien und die Welt ist schon fast kaputt. Wenn wir so weit­er­ma­chen, sind wir in 200 Jahren sicher tot.

Übertreiben Sie da nicht?
Es wird so sein. Schauen Sie sich die Schä­den an, auch hier in der Steier­mark. Diese Monokul­turen, wo seit zwanzig Jahren nur Kuku­ruz wächst. Die kön­nen nur immer mehr Dünger reinkip­pen und immer tiefer umgraben. Die fahren mit Panz­ern dort rein, da wird jedes Lebe­we­sen, jede Kul­tur zer­stört. Das ist im ersten Moment gut, aber im zweiten Moment rächt sich die Natur. Das führt nur zur Verwüstung.

Inzwis­chen ist es immer ein­facher ein Bio-Label zu bekom­men, und jeder ver­sucht sich damit zu schmücken.
Das ist natür­lich ein Prob­lem. Deshalb gibt es für mich nicht nur \“a bissl Bio\”. Es gibt ja Betriebe, die haben zur Hälfte ökol­o­gis­che Flächen und dazu noch kon­ven­tionelle Land­wirtschaft. Da geht es nur ums Geschäft. Natür­lich gibt es Kri­te­rien und Über­prü­fun­gen, aber beim Biofleisch fragt nie­mand, ob die Tiere art­gerecht gehal­ten wer­den oder ob denen die Hörner abgesägt wer­den. Die Lösung ist weniger Fleis­chkon­sum, dann kön­nen wir prob­lem­los die Welt ernähren, und zwar ökol­o­gisch.

Aber lassen sich die Preise dann noch hal­ten?

Also ein Schwein­ska­ree um 3,99 Euro … Das ist ja unglaublich. Bei uns im Unternehmen kostet der Stun­den­lohn 35 Euro. Also sechs Minuten Arbeit für ein Kilo Fleisch, das ist krank.

Aber auch da klebt fast über­all etwas von Bio, Natur oder Öko drauf.

Ja, da kennt sich dann nie­mand mehr aus. Und das ist über­all so. Wenn man zum H&M geht und ein Bio-Gewand haben will, wird mir über­all was von \“green cot­ton\” gezeigt. Und wenn ich dann rein­schaue, sehe ich: 50 Prozent Bio-Cotton. Der Rest: nichts. Die investieren 15 Cent in Bio-Baumwolle, damit sie das Label draufk­leben kön­nen. Aber das soll nicht heißen, dass alle so sind.

Ich hoffe es, aber Ihnen nimmt man das Bio-Label halt ab, weil Sie der Josef Zot­ter sind. Über-prüfen kann es am Ende nie­mand, oder?
Ja, mir nimmt man das ab, das ist schon mal o.k. Und natür­lich kann man sagen, der Zot­ter schreibt das nur drauf. Aber wenn ich einen zer­ti­fizierten Kakao kaufe, dann muss da alles stim­men. Das wird eh ständig über­prüft. Aber wie willst du bei einem Kakaobauern im tief­sten Nicaragua kon­trol­lieren, dass er wirk­lich kein Kind beschäftigt. Da gibt es zweimal im Jahr Kon­trollbe­suche und wenn man da was findet, ist er eh dran.

Das heißt, die kön­nen auch nur auf die Kon­trollen ver­trauen.
Nein, es geht ja auch darum, dass der Kakaobauer einen vernün­fti­gen Preis bekommt. Und wenn er den hat, wie von uns, dann kann er arbeiten und kann auch jeman­den anstellen. Denn es ist keiner so dep­pert, dass Eltern ihre Kinder beschäfti­gen, nur weil sie bil­liger sind. Das machen sie nur in der äußer­sten Not.

Aber es geht ja nicht immer um die eige­nen Kinder.

Dass es Kinder­sklaverei gibt, keine Frage. So wie in Mali schmutzige Schoko­lade pro­duziert wird. Aber deshalb haben wir Schoko­lade um einen Euro. Jeder, der rech­nen kann, weiß, dass es das über­haupt nicht geben kann. Genauso wie es ein Hendl nicht um drei Euro gibt. Das kann es alles nicht geben. Ich muss mich auf die Kon­trollen ver­lassen und mehr als dass ich vier, fünf Mal vor Ort bin kann ich auch nicht machen. Ich muss ja hier auch arbeiten.

Wie kann der Käufer unter­schei­den, welchen Zer­ti­fizierun­gen zu glauben ist? Wir kön­nen den Ver­braucher ja nicht von seiner Ver­ant­wor­tung ent­binden.
Ich tue mir da auch schwer, bei mir kön­nen Sie die ganze Pro­duk­tion durch­leuchten. Natür­lich kann der Zot­ter auch krim­inell sein. Es gibt nur eins: hinge­hen, hin­schauen, Fra­gen stellen. Wirk­lich kon­trol­lieren kann der Kon­sument nicht. Aber ich hab oft das Gefühl, dass es eine Ausrede für viele ist, sich dann über­haupt nicht damit zu beschäfti­gen. Die wollen dann ein­fach nicht mehr zahlen, weil sie denken, sie kön­nen sich eh nicht sicher sein. Das spült dann solche Pseudo-Labels wie \“Zurück zum Ursprung\” nach oben. Das ist ja inzwis­chen genauso teuer wie das kon­ven­tionelle Essen.

Was wäre der Ausweg?
Es dürfte keine teilz­er­ti­fizierten Betriebe geben. Entweder stimmt alles oder er darf das Label nicht tra­gen. Im Hofer und im Lidl wer­den ein paar Fair-Trade-Bananen verkauft und daneben ste­hen vierzig Pro­dukte, die nichts mit Bio am Hut haben. Aber die Bana­nen wer­den dann promi­nent bewor­ben und die Leute glauben, dass dort alles super ist. Entweder ganzheitlich oder gar nicht.

Ihre Schoko­lade wird trotz des rel­a­tiv hohen Preises gekauft. Ist das bei Grund­nahrungsmit­teln auch denkbar? Selb­stver­ständlich.

Aber Schoko­lade gönnt man sich nur gele­gentlich. Ein Essen braucht man dreimal am Tag.
Aber warum soll man sich denn kein gutes Essen gön­nen? Wozu arbeiten wir denn, wenn nicht, um uns ein vernün­ftiges Essen zu gön­nen. Meine Mitar­beit­ern bekom­men hier ein Mit­tagessen im Wert von acht Euro. Das ist doch kein Preis für das, was sie leisten.

Aber ihr Unternehmen ist sicher eine Aus­nahme. Bei vie­len ist Essen kein zen­trales Thema im All­tag.
Da kann man nicht helfen. Was soll ich da sagen? Bei wem Essen kein Thema ist, mit dem kann man nicht darüber reden. Das muss ich akzep­tieren. Aber es soll sich keiner aufs Geld rausre­den. Auch jemand mit Min­dest­sicherung kann sich Bio leis­ten. Das Erste, was er nicht braucht, ist ein Handy. Das Zweite ist wahrschein­lich der Fernse­her. Und dann kommt das Auto.

Für viele stellt es aber einen sozialen Anschluss dar. Es steht doch jedem frei, wie er sein Geld aus­gibt …

… und so steht es auch jedem frei, nicht nach­haltige Pro­dukte zu kaufen. Das wird eh viel zu oft so entsch­ieden. Aber es geht um die Pri­or­itäten im Leben. Wofür leben wir eigentlich. Wenn wir sagen, dass alles bil­lig sein muss, radieren wir uns aus. Da kann man mich gern hernehmen. Ich hab hier fünf Mil­lio­nen in einen \“Ess­baren Tier­garten\” investiert. Ich hätte mir auch ein Häusl auf Mal­lorca kaufen kön­nen. Bevor jemand sagt \“Bio kann ich mir nicht leis­ten\”, muss er nur schauen, wofür er sein Geld ausgibt.

Wenn es kein finanzielles Prob­lem ist, ist es eines der Bil­dung?
Ganz genau. Wir kön­nen Rechen­beispiele rech­nen, dass der Sau graust. Wir kön­nen 16-eckige Kör­per kon­stru­ieren, aber wir haben in der Schule nicht mehr Leben­skunde. Keiner erfährt mehr, wofür wir eigentlich leben. Wie kom­men wir zum Essen, wo kommt es her und wie wird er zubere­itet. Es muss einen verpflich­t­en­den Gegen­stand \“Kochen\” geben. Erst wenn man sich mal selbst ein Mit­tagessen kocht, weiß man, dass es keine Ham­burger um einen Euro geben kann.
Es gibt genü­gend alter­na­tive Fam­i­lien, die hier­herkom­men. Die sind sicher nicht reich, aber die suchen sich die Sachen, mit denen sie leben, so bewusst aus und kön­nen super über­leben. Die haben sicher,
und darum geht es, ein besseres Leben als viele andere, die ständig nur het­zen und jedes neue Handy haben wollen. Ich übertreib das jetzt. Und wenn sie eine neue Fre­undin haben, suchen sie eine neue Woh­nung und stopfen die mit neuen Möbeln voll und nach zwei Jahren sind sie geschieden, weil sie das alles nicht dapacken.

Kann es sein, dass Sie eine große Sehn­sucht nach kon­ser­v­a­tiven Werten haben?
Das klingt jetzt so, aber wenn Sie mich anschauen, sehen Sie ja, dass ich Sachen mache, die alles andere als kon­ser­v­a­tiv sind.

Aber vielle­icht ist das nur das Gegengewicht zu dieser Sehn­sucht.
Vielle­icht. Ich habe keine kirch­lichen Werte, ich bin in der Land­wirtschaft groß gewor­den. Ich weiß, was es heißt, hier umzu­graben. Heute kann ich sagen, dass ich mit meinem Unternehmen Glück hatte. Die Marke \“Zot­ter\” macht mir das hier alles erst möglich. Das braucht ja in Wahrheit keiner.

Woher kommt diese Begeis­terung für das Ursprüngliche, das Natür­liche?
Wahrschein­lich bin ich religiöser, als viele meinen. Also ich geh nicht in die Kirche und sitze da jeden Son­ntag brav da. Aber man bekommt natür­lich Ehrfurcht, wenn man hier schaut, wie das alles funk­tion­iert. Die Wurzeln dafür liegen sicher in meiner Kind­heit. Wir hat­ten hier drei Hek­tar Grund und kon­nten davon als Fam­i­lie leben. Wir haben nie gehungert, hat­ten auch keinen Luxus, aber es ging uns nie schlecht.

Es ist ja eigentlich ein sehr weites Span­nungsver­hält­nis zwis­chen Ihrem Ursprungskon­ser­v­a­tivis­mus und der Kreativ­ität ihrer Schoko­laden. Wer­den Sie dafür belächelt?
Die Bauern hier aus der Nach­barschaft sehen mich alle als Fremd­kör­per. Aber zur Eröff­nung sind die da gewe­sen, alle. Da kön­nte man ein Kabarett machen, wie sie ganz ver­schroben geschaut haben, was denn hier passiert.

Hat das keine Vor­bild­wirkung?
Na ja, das kommt jetzt langsam. Von vorn­herein ver­muten die, dass ich bei der Mafia bin oder irgend­was gedreht hab. Die Bauern ken­nen nur den Raif­feisen­ver­band und der sagt, was passiert. Wer einen Trak­tor will, erhält einen Leas­ingver­trag und bekommt gesagt: Wenn du mehr pro­duzierst, dann hast du auch mehr raus. Und die machen das ja alle: ein Kun­st­dünger rein, noch mal gespritzt, und jetzt sind sie an dem Punkt, wo es nicht mehr weiter geht. Cäsium kön­nen sie noch rein­spritzen, da wach­sen dann die Pilze von allein raus.

Sie müssen doch verzweifeln, wenn Sie sehen, dass alle um Sie herum diesem Wahn ver­fallen. 95 Prozent der Öster­re­icher ist noch immer egal, woher ihre Schoko­lade kommt.
Ich verzwei­fle über­haupt nicht. Ich bin inzwis­chen so weit, dass ich sage: fünf Prozent Mark­tan­teil sind genial. Ich kön­nte auch ein Prozent haben, dann würde es das hier alles nicht geben. Mir geht es so auch gut genug und in diesen großen Struk­turen, diesen share­hold­erge­führten Unternehmen, zählt nur noch das Quar­talsergeb­nis, weil davon das Gehalt abhängt. Und in der Wirtschaft­skrise haben wir gese­hen, was das im Zweifel bedeutet: näm­lich Mitar­beiter reduzieren. Und das kann es ja nicht sein.

Jetzt klin­gen Sie wieder wie ein Kom­mu­nist, obwohl Sie das schon ein­mal abgestrit­ten haben.
Ja, ich ver­steh auch nicht, wie man darauf kommt. Ich hab damit nichts am Hut. Ich hab natür­lich einen unheim­lichen Gerechtigkeitssinn. Mir geht es auf die Ner­ven, wenn Leute die Basis nicht sehen, weil genau dort passiert alles, was entschei­dend ist.

Das entspricht doch recht genau dem kom­mu­nis­tis­chen Konzept von Unter– und Über­bau.

Da kenn ich mich nicht aus. Aber ich weiß: Der Staat ist kein Unternehmer. Von daher bin ich eher ein Lib­eraler. Denn es braucht einen, der Entschei­dun­gen trifft. Und hier bin ich das. Wenn ich eine Idee habe, dann lass ich da nicht mehr los und mach das. Das kostet viel Energie, vor allem diejeni­gen, die mit mir arbeiten müssen.

In der Mitte des Tier­gartens gibt es neben dem kleinen Restau­rant, der Bäck­erei und dem Hüh­n­er­stall auch ein Kün­stler­ate­lier; der Betrieb­skinder­garten nebe­nan ist noch in der Entste­hung. Keine hun­dert Meter unter­halb liegt ein weit­eres Neuge­borenes im Schat­ten eines Baumes. Ein braunes Käl­bchen, das von seiner Mut­ter bewacht wird, der noch die Nachge­burt hin­aushängt. Wiener Schnitzel gibt es hier nicht, nur die aus­gewach­se­nen Tiere wer­den geschlachtet.


Man blendet schon wieder aus, dass die Käl­ber und Schweine geschlachtet wer­den, wenn sie groß sind.
Ja, aber wie ist es besser? Wenn sie so auf die Welt kom­men, wie wir es hier sehen, oder so, dass man es am besten gar nicht sieht. Gut ist das nicht, dass wir Tiere töten. Ich hab da auch keine Freud’ damit und wenn ich mich entschei­den müsste, ob ich das Fleisch essen will, wenn ich sel­ber schlachten müsste, dann wäre ich Vegetarier.

Sie wür­den kein Fleisch essen, wenn Sie sel­ber schlachten müssten?
Nein, das würde ich nicht machen. Ich kann einen Fisch schlachten, aber ich kann kein Tier töten. Als Kind musste ich immer helfen, aber jetzt kön­nte ich das nicht. Dann wäre ich lieber Veg­e­tarier. Zum Glück nimmt mir das jemand ab und so bin ich eigentlich auch ein Heuchler.

Drei Schweine wer­den in der näch­ste Woche dran glauben müssen. Jetzt wer­den sie noch ein­mal gefüt­tert und quieken und schreien wie blöde, als der Chef per­sön­lich eine Hand­voll Fut­ter ver­streut. Während sich die Schweine aufs Fut­ter stürzen, galop­pieren die Hirsche aufgeschreckt davon, Platz genug haben sie hier. Gle­ichzeitig tönt Bach-Musik aus kleinen Laut­sprech­ern, die in die Erde ein­ge­lassen sind und die Idylle bis zum Kitsch steigern. Nur eine hinge­wor­fene Plas­tik­flasche sorgt für das nötige Quäntchen, um die Per­fek­tion zu trüben und nicht ganz zu vergessen, in welcher Welt wir noch immer leben.

Sind die Kinder über­fordert, wenn sie aus der Stadt in eine Natur kom­men, für die sie kein Ver­hal­ten erlernt haben?

Das ist schon ein Prob­lem, da müssen wir uns noch was ein­fallen lassen. Denn den­jeni­gen, der hier den Müll fallen lässt, den würd ich gern mal fra­gen, was er sich dabei denkt. Ich selbst war ja auch kein Muster­schüler, aber eine gewisse Acht­samkeit gegenüber der Natur sollte schon da sein.

Sind die Schweine eigentlich eine Par­o­die auf uns Men­schen, wenn sie sich so aufs Fressen stürzen?

Na ja, sie sind tierisch: Die haben nur Fressen und Sex im Schädel. Aber im Gegen­satz zu uns fressen die nur so viel, wie sie brauchen. Wir nehmen immer noch mehr und mehr, selbst wenn wir schon genug haben. Kein Hase würde auf die Idee kom­men, sich neben seiner Höhle noch eine zweite zu bauen. Da kön­nen wir schon etwas von den Tieren ler­nen.

Ist diese latente Anspielung auf den Garten Eden, mit der Musik und den Apfel­bäu­men am Weges­rand, Absicht?

Na klar ist das kein nor­maler Bauern­hof. Wenn die Kun­den kom­men, soll es denen hier gut gehen. Und wenn sie dann noch über unsere Ernährung nach­denken, freu ich mich. Wenn nicht, ist es auch gut, ich will ja nicht mit dem Zeigefin­ger schimpfen. Das hier war meine Vision. Und warum sollen wir uns nicht von Musik berieseln lassen? Das kann man kitschig finden, aber der Bauer soll es sich auch so schön wie möglich machen. Ich kön­nte auch Werbespots machen oder irgendwelche Sportereignisse unter­stützen, aber ich hab mich halt für den Tier­garten entschieden.

Das ist auch eine Form der Wer­bung?
Natür­lich, ich hab das größte Wer­be­bud­get, das man sich vorstellen kann. Das rech­net sich ja hier nicht, aber die Leute haben was davon und reden darüber.

Und mit dieser Wer­bung haben Sie sich Ihr Paradies erschaf­fen …
Ja sicher.

Was haben Sie noch für ein Ziel. Man muss ja ein Ziel haben, um zu leben.
Das muss nicht sein. Kann man nicht sagen: Ein Ziel hat man erre­icht und jetzt leb ich damit? Ich muss nichts Großes mehr machen. Das ist schon mehr, als man nor­mal erre­ichen kann. Natür­lich machen wir weiter, als Näch­stes bauen wir einen Ver­trieb in Eng­land auf, aber wenn das nicht funk­tion­iert, dann halt nicht.

Herr Zot­ter, vie­len Dank für das Gespräch.

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