Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Verwirrte Jugend – ÖH Wahl Uni-Graz 2011/Teil 2

Der zweite Teil der Inter­views zur ÖH-Wahl an der Karl-Franzens-Universität Graz 2011 beginnt mit dem Spitzenkan­di­daten der Aktion­s­ge­mein­schaft, Phillip Maunz (24 Jahre). Die AG war in den let­zten bei­den Jahren Nach der der Koali­tions– oder Dul­dungspart­ner von VSStÖ und Gras.

Phillip Maunz — AG

Phillip, wie warst du bisher inner­halb der ÖH aktiv?
Ich bin seit 1,5 Jahren Vor­sitzen­der der FV Rechtswis­senschaft und in der Zeit ist viel passiert: Wir haben durch sehr viel Aktion­is­mus ver­hin­dert, dass man nur noch mit einem Bakkalau­reat das Studium absolvieren kann. Das war wichtig, weil die Vorschriften für viele juris­tis­chen Berufe ein vier­jähriges Studium ver­lan­gen und ein drei­jähriger Bakk. hätte da nicht viel Sinn. Im Dezem­ber gab es dann das Bud­get­be­gleit­ge­setz, gegen das ich als FV-Vorsitzender auch mas­siv protestiert habe, weil man das Gericht­s­jahr kürzen und fer­tige Akademiker nur mit 1.014 € bezahlen wollte. Damit drängt man Recht­sprak­tikan­ten an den Rand des Existenzminimus.

An diesen Rand fühlen sich viele durch die Maß­nah­men deiner Mut­ter­partei ÖVP gedrängt. Sowohl die Kürzung der Fam­i­lien­bei­hilfe, als auch die Reduk­tion der Wohn­bei­hilfe wurde von der ÖVP zu Las­ten vieler Stu­den­ten beschlossen.
Also ich bin kein ÖVP-Mitglied und wir sind auch keine Partei­ju­gend. Es gibt natür­lich in der Aktion­s­ge­mein­schaft ÖVP– Mit­glieder, aber ich bin keines und hab auch nicht vor eines zu wer­den. Die Rot-Schwarze Regierung ist bis heute säu­mig, die zwei Prozent des BIP in die ter­tiäre Bil­dung zu investieren. Das fordern wir, egal ob der Wis­senschaftsmin­is­ter nun Hahn heißt, oder ob es eine Min­is­terin Karl oder ein Min­is­ter Töchterle ist.

Lässt sich diese Dis­tanz zur ÖVP ver­mit­teln?
Ich glaube schon. Wir haben in den let­zten bei­den Jahren gezeigt, dass wir nicht der ver­längerte Arm der ÖVP sind. Dass wir für eine mas­sive Ausweitung des Stipen­di­en­sys­tems ein­treten, dass wir die Stu­di­en­beitragsregelung, also Stu­di­enge­bühren, ablehnen, das ist doch klar zum Aus­druck gekommen.

Ihr habt euch bis zum Herbst auch den Studieren­den­protesten angeschlossen. Jetzt tretet ihr als AG für Zugangs­beschränkun­gen ein, seid also auf ÖVP-Linie.
Wir haben uns am Anfang an den Protesten beteiligt, weil wir den Protest für notwendig hal­ten. Wie das Ganze aber dann in Sachbeschädi­gun­gen aus­geartet ist, haben wir uns abgewen­det, weil das nicht unsere Art von Protest ist. Und wir sind nicht für Stu­di­enge­bühren und Zugangs­beschränkun­gen, son­dern für ein Zugangs­man­age­ment.

Das klingt nach einem Euphemis­mus.

Es gibt eine Vielzahl von Fäch­ern, die von Massen von Studieren­den belegt wer­den. Dort sollte es unserer Mei­n­ung nach didak­tisch sin­nvolle Auswahlkri­te­rien geben, um den Studieren­den auch früh genug aufzuzeigen, ob ein bes­timmtes Studium für sie passt, oder doch eher ein anderes. Das würde die über­füll­ten Stu­di­engänge ent­las­ten – ungeachtet der Tat­sache, dass wir mehr Geld brauchen.

Also Zugangs­beschränkun­gen.
Ich würde es nicht unbe­d­ingt so neg­a­tiv benen­nen. Es geht um faires Zugangsmanagement.

Entspringt diese Begriff­sumdeu­tung schon einer gewis­sen poli­tis­chen Schu­lung?
Ich ver­steh die Frage nicht. Das Zugangs­man­age­ment ist eine Forderung der AG, die kommt nicht von der ÖVP oder sonst woher.

Aber euer Vorschlag entspricht unge­fähr jenen STEPs (Stu­di­enein­gangsphase), die von ÖVP-Ministerin Karl vorgeschla­gen wur­den?

Eben nicht. Wir wollen keine Ori­en­tierungsphase, die sich über zwei Semes­ter zieht. Ein ein­ma­liger Test ist viel sin­nvoller. Sonst kommt jemand erst nach einem Jahr drauf, dass er im falschen Studium ist.

Also ähn­lich den Fach­hochschulen, die mit Auf­nah­meprü­fun­gen arbeiten?
Das kann man sicher vergleichen.

Wie soll so die Koali­tion mit GRAS und VSSTÖ fort­ge­setzt wer­den?
Also wir sind in keiner Koali­tion, das sind nur Rot und Grün. Wir als AG stützen diese Koali­tion und wichtige Refer­ate, wo wir das Know-How haben, sind von AG-Funktionären besetzt. Das war ein Teil der Zusam­me­nar­beit. Finanzreferat, Sozial­referat, Arbeit­sreferat, Referat für Inter­na­tionales, da haben wir uns über­all einge­bracht.

Im Finanzreferat habt ihr doch zwei Funk­tionäre gehabt, die abgelöst wur­den. Zum Teil müssen heute noch Fehler aufgear­beitet wer­den.

Da weißt du mehr als ich. Der erste Finanzref­er­ent hatte zwei Jobs und die Auf­gabe deshalb abgegeben und der zweite ist ins Aus­land gegan­gen. Aktuell erfüllen wir die Auf­gabe tadel­los. Es muss nicht immer Kon­ti­nu­ität beste­hen, manch­mal ist so ein Wech­sel sin­nvoll. Unab­hängig von dieser fehlen­den Kon­ti­nu­ität, haben wir aber gut gearbeitet.

Das zeugt nicht ger­ade davon, dass sich die ehre­namtliche ÖH-Arbeit neben dem Studium aus­geht. Wie ist das bei dir?
Also ich bin in den let­zten zwei Jahren sehr gut voran gekom­men und stehe jetzt kurz vor meiner Diplo­mar­beit. Man muss vielle­icht sein Pri­vatleben etwas ein­schränken, aber das Studium ist dur­chaus vere­in­bar mit der ÖH-Arbeit.

Liegt das auch an der Art der Arbeit? Bis zum Jahreswech­sel kon­nte man bei der AG ein aktives Poli­tisieren fest­stellen. Seit­dem wer­den fast nur noch Party– Aktiv­itäten bekannt gegeben. Woran liegt das?

Wir als AG sehen uns in erster Linie als Service-Fraktion. Wir sind poli­tisch, wenn es notwendig ist, und wir sind nicht die einzi­gen, die Par­tys machen. Das Wahl­pro­gramm ist ab Mon­tag online, wenn man sich das anschaut, kann man nicht davon sprechen, dass wir poli­tisch nicht kri­tisch sind. Da wer­den alle wichti­gen The­men angesprochen.

Darin werdet ihr auch einen gün­sti­gen Park­platz für Studierende fordern. Ist das nicht Klientel-Politik? Wer ein Auto hat, gehört doch nicht unmit­tel­bar zu den bedürfti­gen Studieren­den.
Also der Park­platz ist ein Teil unseres Verkehrskonzeptes, zu dem auch ein Fahrrad­ver­leih gehört. Wir hal­ten nichts davon, wenn die ÖH-Gelder in der Schublade liegen, son­dern wir über­legen, wie wir sie ein­set­zen kön­nen. Lieber ein Pro­jekt mehr, als ein Über­schuss in der ÖH-Kasse. Und es gibt hun­derte Stu­den­ten, die zwis­chen der Ost– und West­steier­mark und der Uni pen­deln. Die kom­men nicht in den Genuss des Mobil­itätss­checks und sollen deshalb über das Park-and-Study– Konzept ent­lastet wer­den. Ich seh\’ das nicht als Problem.

Der RFS

Der Ring der frei­heitlichen Stu­den­ten hat seine ganz eigene Wahltak­tik: Jeder mÖglicher­weiße kri­tis­chen Diskus­sion zu der man ein­ge­laden wird, fern zu bleiben, ist die eine Seite – Weder für den FALTER, das GeWit­ter, FM4 noch für das FRONTAL war der RFS-Kandidat zu erre­ichen. Auf der anderen Seite wer­den 20-seitige Farb­drucke an alle Studieren­den ver­sandt, zu deren Adressen man inzwis­chen Zugang erhal­ten hat.
Das scheint neben einer Bat­terie von Bier­dosen (“Prost, wenn dir die Linken stinken”) wichtig­ste Wahlwer­bung zu sein. So ist wohl auch zu ver­ste­hen, dass sich der RFS über die späte Anerken­nung als wahlwer­bende Gruppe (und dem damit ver­bun­den Zugang zum Wäh­lerverze­ich­nis) ereifert hat. Im Mag­a­zin “Der Ring”, dass kurz vor der Wahl dann doch noch ver­schickt wurde, ist Beat­rix Karl immer noch Wis­senschaftsmin­is­terin, obwohl diesen Regierun­sposten seit 21. April Karl­heinz TÖchterle inne hat. Ich hätte trotz­dem ein paar Fra­gen gehabt:

Warum beklagt ihr euch immer, dass ihr von den linken Frak­tio­nen aus­geschlossen werdet, geht dann aber auch nicht den Ein­ladun­gen nach, die ihr bekommt?

Für das Gewit­ter seid ihr ebenso ein­ge­laden wor­den, wie für das FRONTAL.

Warum ver­wen­det ihr Wahlplakate, die nicht der Norm des Rek­torats entsprechen?

Aber ihr habt euch durch eure Unter­schrift dazu verpflichtet.

Euch wird immer eine große Schnittmenge mit Burschen­schaften nachge­sagt, wie groß ist der Anteil von RFS-Vertretern, die auch in einer Burschen­schaft sind?

Darüber hin­aus wurde ein bekan­ter Neo-Nazi an eurem Wahlkampf­s­tand gesehen.

Ver­tra­gen sich die Ansichten vieler deutsch-nationaler Grup­pen mit den Grund­sätzen einer lib­eralen Universität?

Wo sieht sich der RFS eher, bei den deutsch-nationalen oder bei den Liberalen?

Bist du Mit­glied einer Burschenschaft?

Euer Wahlkampf folgt haupt­säch­lich dem Motiv gegen die linken Frak­tio­nen zu schießen. Was sind darüber hin­aus eure Anliegen?

Die kön­nte man aber auch ohne diese plumpe Rhetorik fordern.

Naja, was soll’s.

Marie Fleis­chhacker – GRAS

Sie sprangen vom drit­ten Platz aus auf den Vorsitz-Stuhl. Die Grü­nen & Alter­na­tiven Student_innen (GRAS) stell­ten nach acht Jahren, in denen die FLUG die ÖH prägte, erst­mals einen Vor­sitzen­den. Und Cen­giz Kulac wurde schnell zum Gesicht der Studieren­den­proteste 2009 und 2010. Immer mit dem Megaphon in der Hand, an der Spitze des Demo-Zuges. Dabei stand der ÖH-Vorsitzende nur auf Lis­ten­platz vier der GRAS – und dort steht er auch diesmal.

Marie, wie glaub­würdig bist du als Spitzenkan­di­datin, wenn der aktuelle Vor­sitzende Cen­giz Kulac, wie bei der let­zten Wahl, auf dem vierten Lis­ten­platz der GRAS wartet?
Also das kann ich ganz sicher garantieren: Cen­giz Kulac wird nicht wieder ÖH-Vorsitzender, der hat andere Pläne. Solche Entschei­dun­gen wer­den halt immer getrof­fen, wenn die Wahl entsch­ieden ist. Ich stehe bereit für diese Auf­gabe, aber die Entschei­dung muss am Ende die GRAS treffen.

Für jeman­den, der die let­zte Wahl nicht erlebt hat, ist es unver­ständlich, dass die drittstärk­ste Frak­tion den ÖH-Vorsitzenden stellt. Das erin­nert etwas an Wolf­gang Schüs­sel und seine Blau-Schwarze Koali­tion.
Es ist doch absurd, dass eine Frak­tion, die sich als basis­demokratisch ver­steht, vom drit­ten Platz aus den Vor­sitz stellt.

Ja, das ist vielle­icht so, aber es geht nicht nur darum, wer die Wahlen gewinnt, son­dern wer ein Konzept für die näch­sten zwei Jahre stellen kann.

Das behaupten alle Frak­tio­nen von sich.
Natür­lich behaupten das alle, sonst wären sie auch unglaub­würdig. Aber es kommt darauf an, wer eine Mehrheit zusam­men bekommt.

Was spielt da eine größere Rolle: Die gesellschaft­spoli­tis­chen Ansichten oder konkrete Pro­jekte? Eure Mehrheit bestand ja aus GRAS, VSSTÖ und AG. Die ist ja weiter von euren Posi­tio­nen ent­fernt als die FLUG.
Ja, das stimmt. Aber es hat sehr gut funk­tion­iert, weil es uns die Aktion­s­ge­mein­schaft wahnsin­nig ein­fach gemacht hat. Wir hat­ten den Vor­sitz und dort sind sehr viele Entschei­dun­gen getrof­fen wor­den. Die AG hat von sich aus nicht sehr viel Mit­sprache eingefordert.

Und deren Posi­tio­nen zu Zugangs­beschränkun­gen stellen kein Prob­lem dar?
Natür­lich gibt es große Diver­gen­zen, aber die gibt es bei der FLUG auch. Dort weißt du nie, woran du bist, weil es sehr von den Per­so­nen abhängt. Es gibt Leute, die sehr nah bei den Posi­tio­nen der GRAS sind, aber er gibt auch genü­gend Leute, die näher bei der AG oder noch weiter rechts sind. Sie waren in den let­zten bei­den Jahren auch eine lästige Oppo­si­tion, aber es sind auch immer wieder sin­nvolle Anre­gun­gen gekom­men.

Solche Koali­tion­sspiele tra­gen sicher auch zur niedri­gen Wahlbeteili­gung bei. Was tut ihr, um die Wahlbeteili­gung von zuletzt 27 Prozent wieder zu heben?

Wir ver­suchen mit möglichst vie­len Studis in Gespräche zu kom­men. Die ÖH ist ja ein sehr geschlossener Zirkel, wo alle in wahnsin­nig tollen Abkürzun­gen reden. Unser Ziel ist es, auf die Prob­leme hinzuweisen und zu zeigen, welche Möglichkeiten wir haben, sie zu lösen.

Gibt es Ideen die Struk­tur der ÖH zu ändern? Die leis­tet ja auch ihren Beitrag dazu, dass sich so wenige dafür inter­essieren. Als Grüne müsstet ihr doch eure aktuelle Macht­po­si­tion nutzen, um mehr Basis­demokratie in der ÖH durchzuset­zen. Direk­t­wahl zum Beispiel …
Solche Vorschläge gibt es vor allem auf Bun­de­sebene. Grund­sät­zlich schreiben die Gesetze sehr hier­ar­chis­che Struk­turen vor, aber wir haben das in Graz ein Stück weit abgemildert, indem wir ein regelmä– ßiges Tre­f­fen der Refer­ate ein­gerichtet haben, in dem dann Entschei­dun­gen getrof­fen wur­den.

Einer eurer Ver­suche war auch, die Studieren­den per Post­sendung zur Wahl aufzu­rufen. Diese Briefe gin­gen aber zu spät raus. Was ist da schief gelaufen?

Die Post hat uns damals einen zu späten Ter­min genannt, deshalb ist diese Aussendung zu spät erfolgt. Jetzt ver­han­deln wir mit der Post, dass wir möglichst nicht voll­ständig auf den Kosten sitzen bleiben.

Auf Bun­de­sebene hat auch die GRAS den Vor­sitz inne, dort gibt es eine dezi­dierte Nicht-Wählerkampagne, warum wird die nicht in Graz ver­wen­det?

Wir kön­nten das hier machen, aber wir haben uns für eine eigene Kam­pagne entschieden.

Und warum traut ihr den Stu­den­ten nicht selbst zu, sich gegen den Ring Frei­heitlicher Stu­den­ten (RFS) zu entschei­den? Ent­ge­gen dem Usus habt ihr den RFS, der als wahlwer­bende Gruppe anerkannt ist, nicht zu Podi­ums­diskus­sion ein­ge­laden oder ihm Platz in der ÖH-Zeitschrift Libelle eingeräumt.
Wir haben diese Entschei­dung in der Uni­ver­sitätsvertre­tung (UV) getrof­fen und jede Zeitschrift darf selbst entschei­den, ob sie alle wahlwer­bende Grup­pen berück­sichtigt, oder nur jene, die bere­its in der UV vertreten sind. Ich kann die Entschei­dung der Libelle dur­chaus ver­ste­hen, weil der RFS mit dem, was er macht und wofür er steht, eine demokratis­che Grenze übertritt.

Aber es ist eine Entschei­dung von Funk­tionären und damit eine Bevor­mundung der Studieren­den, die sich selbst informieren wollen.
Das sehe ich nicht so. Wir haben nur eine bes­timmte Zahl von Seiten in der Libelle und wollen die nicht nur mit Wahlwer­bung voll­stopfen. Das war eine redak­tionelle Entscheidung.

Aber liefert ihr dem RFS damit nicht sein beliebtes Wahlargu­ment, dass er immer aus­geschlossen wird?
Dann würde ich gern vom RFS wis­sen, warum er sich nicht an die Richtlin­ien des Rek­torats hält und Plakate ver­wen­det, die nicht zuge­lassen sind.

Noch eine per­sön­liche Frage: Befürcht­est du, dass du wegen deiner dun­klen Haut­farbe im Wahlkampf benachteiligt wer­den kön­ntest?
Ich kann mir dur­chaus vorstellen, dass bes­timmte Frak­tion das zum Thema machen. Für die GRAS ist das über­haupt kein Thema, da spie­len weder Haut­farbe, noch Geschlecht noch Herkunft eine Rolle. Bis jetzt gab es noch keine Angriffe, aber der Wahlkampf ist ja noch nicht losgegangen.

Viele Vertreter der GRAS haben ihre Arbeit während der Vor­sitztätigkeit wieder been­det, noch nie gab es so viele Rück­tritte. Warum sagen sich so viele: \“Das tu ich mir nicht mehr an\”?
Das ist es glaube ich gar nicht. Die Gründe, die einige zum Aufhören gezwun­gen haben, haben viel mit dem Studium zu tun: Irgend­wann musst du einen Leis­tungsnach­weis brin­gen. So ein ÖH-Job kostet wahnsin­nig viel Zeit, Energie und Geld, weil du ja nicht neben­bei auch noch arbeiten kannst.

Was wäre der Punkt für dich, wo du sagst: Jetzt nicht mehr? Wenn die per­sön­lichen Angriffe kom­men, oder wären das auch eher ökonomis­che Zwänge?

Also, wenn es so weit kommt, dass ich es mir nicht mehr leis­ten kann, müsste ich irgend­wann aufhören. Die Aufwand­sentschädi­gung der ÖH deckt ja nur einen Bruchteil der Leben­skosten ab.

Lukas Ler­ch­ner – Veritas

Eigentlich gibt es die Lib­eralen gar nicht. Zumin­d­est nicht in Öster­re­ich. Wo sie auch antreten, kom­men sie nicht über die Stärke einer Split­ter­gruppe hin­aus, und auch bei der let­zten ÖH-Wahl ver­fehlten sie den Einzug. Trotz­dem gibt es immer wieder lib­erale Kan­di­daten, die Hoff­nung haben, in diverse Vertre­tung­sor­gane zu kom­men. Lukas Ler­ch­ner war zuletzt Vor­sitzen­der der FV GeWi und ist jetzt Spitzenkan­di­dat für die Liste Ver­i­tas. Das Inter­view mit ihm beginnt im sel­ben Moment wie der Glock­en­schlag der Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit.

Jetzt hat meine let­ztes Stunde geschla­gen. So wie für die kanadis­chen und britis­chen Liberalen.

Lukas, die Lib­eralen an der Grazer Uni wer­den, im Gegen­satz zu den bei­den inter­na­tionalen Parteien, nicht 20% ihrer Stim­men ver­lieren kön­nen, oder?
Wenn man in absoluten Zahlen rech­net nicht, das stimmt. Die Luft nach unten ist dünn, aber 20 Prozent nach oben sind möglich. Hat das Inter­view schon begonnen?

Ja, klar. Das Auf­nah­megerät läuft. Du hast dir diese Inter­views mit den Spitzenkan­di­daten für das GeWit­ter gewün­scht, im Wis­sen, dass du sel­ber für die Ver­i­tas antrittst. Ist das nicht ganz schön frech?

Frech ist es vielle­icht, aber ich geh davon aus, dass es besser ist, wenn jemand außer­halb des Sys­tems diese Inter­views macht. Und ich halte das schon für wichtig in einer Wahlaus­gabe. Sonst wäre das nur ein aneinan­der Heften von Frak­tion­s­mei­n­un­gen gewor­den, und das würde ich selbst auch nicht lesen wollen.

Erwartest du also, dass sich dadurch irgend­was an der niedri­gen Wahlbeteili­gung ändert?
Nein. Ich glaube nicht, dass sich die Wahlbeteili­gung bei der ÖH-Wahl effek­tiv steigern lässt. Ich lasse mich allerd­ings gern eines Besseren belehren. Zur Ehren­ret­tung der ÖH muss man aber erwäh­nen, dass die Beteili­gung bei Inter­essen­vertre­tun­gen immer niedriger ist. Selbst bei ein­flussre­ichen Grup­pen wie der Arbeiterkammer …

An der Montan-Uni, um eine ver­gle­ich­bare Ebene zu nehmen, liegt die Beteili­gung deut­lich höher als an der KFU.
Prinzip­iell gibt es eine Ten­denz, dass an kleineren Unis die Wahlbeteili­gung größer ist. Das liegt sicher daran, dass sich die Leute dort eher per­sön­lich ken­nen. Bei den größeren Unis kennt man vielle­icht den Vor­sitz, die Stu­dien– und im besten Fall auch die Fakultätsvertre­tung. Es ist ja auch klar, dass eine Uni mit 27.000 Studieren­den anders funk­tion­iert, als eine Uni mit 3.000.

Als Philoso­phi­es­tu­dent müsstest du dem franzö­sis­chen Philosophen Jacques Ranciere Recht geben, der die Demokratie nicht für eine Gesellschaft mit steigen­der Mit­gliederzahl geeignet hält. Was ist die Alter­na­tive zum repräsen­ta­tiven Sys­tem der ÖH?
So hab ich das nicht gemeint. Ich wollte nur deut­lich machen, dass die Art der Kom­mu­nika­tion in kleineren Grup­pen anders funk­tion­iert. Die repräsen­ta­tive Demokratie ist sicher das effizien­teste Sys­tem der Par­tizipa­tion, das wir ken­nen. Und die großteili­gen Struk­turen funk­tion­ieren ja trotz­dem. Eine niedrige Wahlbeteili­gung ist per se kein Dele­git­i­ma­tion­s­grund.

Aber als Lib­eraler muss dich doch die große Verzwei­flung über­fallen, wenn der mündige Bürger, und damit der mündige Stu­dent, wenn der zu über 70 Prozent kein Inter­esse daran hat, seiner Mündigkeit in einer Wahl Aus­druck zu ver­lei­hen.

Sowohl als Lib­eraler, als auch als ÖH– Vertreter ist man falsch am Platz, wenn man leicht zu deprim­ieren ist. Natür­lich ist es absurd, das rund um das Mit­telmeer Men­schen für ihr Wahlrecht ster­ben und die Studieren­den, die eigentlich die Auf­gabe haben, eine Elite der Gesellschaft zu sein, davon keinen Gebrauch machen. Das ist natür­lich schlecht. Aber daraus eine Dele­git­imierung der ÖH zu fol­gern, das will ich so nicht ste­hen lassen.

Ist nicht das Sys­tem der ÖH selbst daran Schuld, dass nie­mand mehr zur Wahl geht? Der aktuelle Vor­sitzende kommt aus der drittstärk­sten Frak­tion von Lis­ten­platz vier.
Also, wenn Leute diesen Ein­blick haben, dann haben wir als ÖH einen sehr guten Job gemacht. Dann würde sich ja Inter­esse an unserer Arbeit zeigen. Aber soweit sind wir offen­sichtlich noch nicht. Ich bin der Mei­n­ung, dass jeder das Recht hat, nicht zu wählen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: \“Scheiß auf alles, ich vertrete mich selbst\” oder man ist so ver­messen und ver­rückt, dass man ohne Geld und Partei ver­sucht, das Sys­tem zu verän­dern. Das ist der Weg, für den ich mich entsch­ieden habe.

Jetzt hat die Liste Ver­i­tas, wie alle anderen, mit einer niedri­gen Wahlbeteili­gung zu kämpfen, aber ihr seid inner­halb aller Frak­tio­nen auch jene mit den wenig­sten Stim­men. Eigentlich müsste doch inner­halb des akademis­chen Umfeldes lib­erales Poten­tial vorhan­den sein.
Wenn es das nicht gäbe, würde ich nicht antreten. Bei der Wahl 2009 haben wir 118 Stim­men bekom­men. Da sind sicher noch viele Fehler gemacht wor­den, aber daraus lernt man. Inner­halb dieses akademis­chen Milieus ist die indi­vidu­elle Frei­heit ja beson­ders wichtig. Alle wollen frei entschei­den, was sie Studieren und wie sie ihre Schw­er­punkte setzen.

Aber das haben alle Frak­tion in ihren Grund­sätzen. Krankt die Ver­i­tas daran, dass eure lib­eralen Kernziele inzwis­chen zu selb­stver­ständlichen Zie­len gewor­den sind?
Also es gibt schon noch einen Unter­schied zwis­chen einem lib­eralen Frei­heits­be­griff und einem linken Frei­heits­be­griff. Das kann man daran fest­machen, dass wir an die freie Entschei­dung durch Infor­ma­tion glauben. Die grün-rote Exeku­tive hat dage­gen mit dem Usus gebrochen, dass alle wahlwer­ben­den Frak­tio­nen Platz in der ÖH-Zeitschrift bekom­men und zu Podi­ums­diskus­sio­nen ein­ge­laden wer­den. Der Vor­sitz hat sich entsch­ieden, nur die bere­its in der Uni­ver­sitätsvertre­tung (UV) vertre­tenden Frak­tio­nen einzu­laden, um so den RFS draußen zu hal­ten. Da wird viel Schind­luder mit der Frei­heit des Ander­s­denk­enden getrieben.

Jetzt reduzierst du den Frei­heits­be­griff etwas zu sehr auf den Wahlkampf. Bleiben wir noch bei der Frei­heit des Studieren­den. Die linken Frak­tio­nen fordern viel stärker einen freien Hochschulzu­gang als ihr es als Lib­erale tut. Das ist doch ein Wider­spruch.

Wir müssen uns diesen freien Hochschulzu­gang ern­sthaft anschauen. Auf der einen Seite kann jeder alles studieren, auf der anderen Seite verän­dern sich dadurch die Stu­di­enbe­din­gun­gen so, dass die Studieren­den ganze Semes­ter ver­lieren, weil sie in bes­timmte Kurse nicht hinein kom­men. Das ist nicht nur ein Prob­lem der mas­siven Unter­fi­nanzierung und hat natür­lich zur Folge, dass wir ein sozial ungerechtes Sys­tem bekom­men, weil diejeni­gen deren Eltern es sich leis­ten kön­nen, länger studieren. Deshalb bin ich dafür zu Beginn des Studi­ums zu selek­tieren. Dafür haben dann alle würdige Studienbedingungen.

Ist das aus deiner Per­spek­tive, du bist als Ärzte-Kind auch einer der priv­i­legierten Stu­den­ten, glaub­würdig?
Ich bin ja auch ein klas­sis­cher Bum­mel­stu­dent, ich bin 24 und kön­nte schon fer­tig sein. Worum es aber geht ist, dass ich zumin­d­est die Möglichkeit haben will, dass jeder zügig fer­tig studieren kann, der es will. Das wird gegen­wär­tig durch den freien Hochschulzu­gang verun­möglicht, der von der SPÖ vertei­digt wird. Auf der anderen Seite hätte die ÖVP gern Zugangs­beschränkun­gen mit einem leis­tungs­be­zo­ge­nen Stipen­di­en­sys­tem. Die Wahrheit wird wie so oft in der Mitte liegen.

Die ihr beset­zen wollt, oder was ist das für eine Floskel?

Ich glaube, dann würde sich eine höhere soziale Durch­läs­sigkeit erre­ichen lassen. Das sieht man an den Fach­hochschulen. Wir schla­gen aber auch als einzige Frak­tion nachge­lagerte Stu­di­enge­bühren vor. Also das man zu Beginn des Studi­ums ein zinsloses Dar­lehen aufn­immt, was man dann möglichst langfristig zurück zahlt. Das ist ähn­lich dem deutschen BAföG. Die meis­ten akademis­chen Lebensen­twür­fen beste­hen ja aus einer finanziell eher knap­pen Stu­dien­zeit und einem dann umso höheren Einkommen.

Hat ein solch kom­plexes Sys­tem eine Chance gegenüber der sim­plen und klaren Forderung nach dem freien Hochschulzu­gang?
Ich glaube, ich kann schon ver­mit­teln, dass es ungerecht ist, wenn mir die Billa– Verkäuferin über das Steuer­sys­tem das Studium finanziert. Das hat auch etwas mit dem linken Wert der Sol­i­dar­ität zu tun, aber natür­lich auch mit Eigen­ver­ant­wor­tung. Und ein ange­hen­der Akademiker sollte in der Lage sein, mit einem Kredit, wie ihn jeder Häusle­bauer hat, umzuge­hen. Ja, ich halte Studierende für intel­li­gent genug, das zu verstehen.

Das war ‘s. Geht wählen. Und zwar richtig