Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Verwirrte Jugend – ÖH Wahl Uni-Graz 2011/Teil 1

Das ist nun der zweite Artikel zur ÖH-Wahl an der Karl-Franzens-Universität (KFU). Als FH-Student kann man da mit angenehmer Dis­tanz drüber schreiben. Oder reden. So wie mit allen Spitzenkan­di­daten, die auf die Ein­ladung reagiert haben, sich für das GeWit­ter inter­viewen zu lassen. Das GeWit­ter ist die Fakultät­szeitschrift der Geis­teswis­senschaftlichen Fakultät an der KFU und hat mich gebeten diese Inter­views für die Wahlaus­gabe zu führen. Hab ich gern gemacht. Umsonst, aber hof­fentlich nicht vergeblich.

Prog­nosen sind schwierig, beson­ders wenn sie die Zukunft betr­e­f­fen. Kein Men­sch weiß, wie es mit den Uni­ver­sitäten weit­ergeht, wenn sie bis 2015 nicht mehr Geld bekom­men. Kein Stu­dent weiß, was sein Bach­e­lor wert sein wird und viele wis­sen nicht mehr, wie sie ihr Studium finanzieren sollen. Irgend­wie sind wir alle betrof­fen, das macht betrof­fen und motiviert alle zwei Jahre wieder eine kleine Gruppe von Studieren­den, sich inner­halb der ÖH zu engagieren. Aus unter­schiedlichen Motiven und mit den unter­schiedlichen Zie­len ver­suchen sie zwis­chen gesellschaft­spoli­tis­chen Grund­satzde­bat­ten und konkreten Ser­viceleis­tun­gen eine bessere Uni­ver­sität zu gestalten.

Da hören die Gemein­samkeiten im aktuellen ÖH-Wahlkampf aber auch auf. In den Inter­views mit den Spitzenkan­di­daten der wahlwer­ben­den Grup­pierun­gen zeigt sich, dass die alte Lagere­in­teilung in links und rechts noch längst nicht obso­let ist – auch wenn sich diese Hal­tun­gen nicht immer in konkrete Posi­tio­nen umset­zen lassen.

Und auch das ekla­tante Prob­lem der niedri­gen Wahlbeteili­gung scheint für die meis­ten Kan­di­daten und Kan­di­datin­nen, die zur Wahl antreten, kein großes Prob­lem zu sein. Und vielle­icht besteht genau darin die Gefahr: Das nicht ein­mal in der stu­den­tis­chen Vertre­tung noch genü­gend Ver­trauen in die repräsen­ta­tiven Organe der ÖH besteht – Oder hat sich durch die Studieren­den­proteste der bei­den let­zten Jahre etwas geän­dert? Wir wer­den es wis­sen. Nach der Wahl.

Ste­fan Thum – FLUG

Als erstes tre­ffe ich Ste­fan Thum, den Spitzenkan­di­daten der Fach­schaft­sliste (FLUG). Der 24-jährige ist stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der FV Natur­wis­senschaften und studiert im 8. Semes­ter Psychologie.

Ste­fan, die Fach­schaft­sliste (FLUG) hatte vier mal in Folge den ÖH-Vorsitz auf der KFU inne. Jetzt seid ihr trotz eures let­zten Wahlsieges das erste Mal in der Oppo­si­tion gewe­sen. Wie schwierig ist es aus dieser Posi­tion her­aus Wahlkampf zu machen? Früher habt ihr immer damit gewor­ben, was ihr in der ÖH erre­icht habt. Das wird dies­mal nicht funk­tion­ieren.
Es ist ja ein ziem­licher Irrglaube, dass man auf der ÖH nur etwas erre­ichen kann, wenn man in der Exeku­tive ist. Das mag für andere Frak­tio­nen zutr­e­f­fen, aber bei uns hat jeder in einer Stu­di­en­vertre­tung ange­fan­gen. Ich bin zum Beispiel stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der Fakultätsvertre­tung Natur­wis­senschaft (FV NaWi). Außer­dem sitzen wir mit drei Studieren­den im Senat und sitzen in den Curricula-Kommissionen, da kann man über­all sehr viel erreichen.

Glaubst du, dass ihr mit dieser zum Teil sehr anony­men Arbeit wahrgenom­men werdet?
Das ist schwer zu beant­worten. Wir hat­ten in Graz noch nie einen Vor­sitzen­den, der medial so präsent war wie Cen­giz Kulac. Ich weiß nicht, wie viel das bringt. Aber ich mache für die Psy­cholo­gie immer noch jede Woche eine Sprech­stunde. Dort bekommt jeder konkrete Hilfe und kennt dann mein Gesicht und meinen Namen. Viele wis­sen meist nicht, wer dieser Cen­giz Kulac ist, von dem sie immer E-Mails bekom­men. Und für die Studieren­den ist diese konkrete Hilfe wichtiger, als medi­en­wirk­same Aktionen.

Gehen diese Studierende dann auch zur Wahl?
Das kommt drauf an. Wenn sich ein Prob­lem in fünf Minuten lösen lässt, wird man den­jeni­gen vielle­icht nicht sofort zur Wahl motivieren, aber jemand der ein kom­plex­eres Prob­lem hat und mit dem man dann über zwei Wochen immer wieder in Kon­takt steht, der fragt automa­tisch irgend­wann: \“Warum tust du dir das an?\”

Und was antwortest du?
Mir macht das Spaß. Im Studium geht mir recht oft die Gestal­tungsmöglichkeit ab, die ich inner­halb der ÖH habe. Ich kann meinen Stu­di­en­plan mit gestal­ten. Ich kann ändern, was mich stört und das will ich nutzen.

Span­nen wir damit den Bogen ins Konkrete: Einer eurer Vorschläge ist die Busverbindung zwis­chen KF und TU Graz. Wie willst du das umset­zen?
Das geht sicher nur inner­halb der Exeku­tive …

Ich glaube, nicht ein­mal dort. Das ist doch die Entschei­dung der Stadt und der \“Grazer Linien\”.
… aber wir kön­nen den Bedarf zeigen.

Ist es nicht unlauter mit etwas Wahlkampf zu machen, auf das ihr im End­ef­fekt wenig Ein­fluss habt?
Also das ist schon konkreter als das, was andere Frak­tio­nen so anbi­eten. Und wenn der Bedarf besteht, wird sich auch die Stadt nicht quer stellen.

Hat eine Frak­tion wie die Aktion­s­ge­mein­schaft (AG) oder die GRAS, deren Mut­ter­parteien ÖVP und Grüne in der Stadtregierung sitzen, nicht bessere Chan­cen so etwas umzuset­zen?
Also ich glaube nicht, das die aktuellen Verbindun­gen zwis­chen ÖH und Stadt besser sind, als unsere in den Jahren zuvor. Wenn GRAS und AG so gute Verbindun­gen hät­ten, hät­ten sie ja ihre Forderun­gen nach einer Straßen­bahn­linie zur Uni und Freifahrten umset­zen kön­nen. Unser let­zter Vor­sitzen­der Flo­rian Ort­ner hat den Mobil­itätss­check mit der Stadt ver­han­delt, nicht die GRAS oder die AG. Die kön­nen sich den Erfolg aber auf die Fah­nen heften, weil er unter deren ÖH-Vorsitz schla­gend gewor­den ist.

Es gibt zwar keine Wahlum­fra­gen, aber in der Kon­ti­nu­ität der let­zten Jahren habt ihr gute Chan­cen die Wahl wieder zu gewin­nen. Heißt das, du bist der näch­ste ÖH-Vorsitzende?
Das ist natür­lich unser Ziel. Wir wer­den aber mit Sicher­heit in eine Koali­tion gehen müssen, weil sich die absolute Mehrheit nicht aus­ge­hen wird. Aber es ist real­is­tisch, dass wir in eine Koali­tion kom­men, nach­dem wir mit den meis­ten Frak­tio­nen zusam­me­nar­beiten kön­nten. Wir sind ja weltan­schaulich nicht gebunden.

Wieso hat das dann beim let­zten Mal nicht funk­tion­iert? Da haben sich AG, VSSTÖ und GRAS zu einer eher ungewöhn­lichen Koali­tion zusam­men geschlossen. Was macht dich so sicher, das es dies­mal nicht ähn­lich läuft?
Sicher bin ich mir nicht, aber die anderen Frak­tio­nen haben in den let­zten bei­den Jahren gese­hen, was es bedeutet den Vor­sitz der ÖH zu stellen. Sie haben sich am Anfang auch schwer getan mit dieser Ver­ant­wor­tung, das hat man an den ganzen Per­son­al­wech­seln gese­hen. Wir ken­nen die Arbeit aus früheren Jahren, wo wir den ÖH-Vorsitz hat­ten und wis­sen worauf wir uns einlassen.

Erwartest du, dass du während einer eventuellen Tätigkeit im Vor­sitz dein Studium weit­er­führen kannst?
Nein, nicht ern­sthaft. Vielle­icht drei oder vier Prüfungen.

Welche Frak­tio­nen, von denen die du als über­fordert beschrieben hast, wäre dir der lieb­ste Koali­tion­spart­ner?
Also mit Gras und AG wird sich die Koali­tion rech­ner­isch sicher aus­ge­hen. Was ist mir das lieb­ste? Ich stehe sicher den linken Frak­tio­nen näher, als den Kon­ser­v­a­tiven. Aber die Frage ist ja, mit welchen Leuten man zusam­me­nar­beiten muss. Und da ich in erster Linie an der Uni Graz die Studieren­den vertreten will, ist mir der poli­tis­che Hin­ter­grund – inner­halb bes­timmter Gren­zen – rel­a­tiv egal. Und da ziehen im Großen und Ganzen alle an einem Strang. Das Prob­lem bei AG und der Liste Ver­i­tas ist nur, dass sie offen Zugangs­beschränkun­gen fordern.

Aber bevor du dir die Per­so­nen aus­suchen kannst, mit denen du zusam­me­nar­beiten müsstest, muss doch eine gewisse gesellschaft­spoli­tis­che Schnittmenge vorhan­den sein. Da weiß man bei der FLUG nie genau, woran man ist.
Wir ver­ste­hen uns als Frak­tion, die an der Uni Graz arbeiten möchte. Das heißt, wir haben eigentlich keine Forderun­gen, die über Graz hin­aus gehen. Dafür gibt es die Fach­schaft­sliste auf Bun­de­sebene. Da fordern wir eine Min­dest­sicherung für Studierende und die Rück­nahme der Kürzun­gen bei der Fam­i­lien­bei­hilfe. Wir fordern eine vernün­ftige Finanzierung der Unis, denn die reine Drittmit­tel­fi­nanzierung ist für uns keine Alternative.

Das verortet euch rel­a­tiv nah bei GRAS und KSV. Ist bei dieser Nähe über­haupt noch jene Unab­hängigkeit möglich, mit der ihr euch posi­tion­iert?
Wir haben nie behauptet, dass wir unpoli­tisch sind. Aber wir sind an nie­man­den gebun­den und insofern unab­hängig, dass wir von nie­man­dem finanziert wer­den. Uns pfeift auch nie­mand zurück, so wie man das bei der AG gese­hen hat. Die war am Anfang an den Protesten in Graz beteiligt und auf ein­mal waren sie weg. So etwas gibt es bei uns nicht.

Robert Krotzer – KSV

Von der größten Frak­tion zur kle­in­sten, die aktuell in der ÖH vertreten ist. Noch immer ist die Steier­mark ein gutes Pflaster für Kom­mu­nis­ten, aber was heißt es im 21. Jahrhun­dert Kom­mu­nist zu sein? Zumin­d­est darf man inzwis­chen Coca­Cola trinken, so wie der aktuelle KSV-Kandidat Robert Krotzer (23 Jahre) während des Interviews.

Als \“Kom­mu­nis­tis­cher Stu­dentIn­nen­ver­band\” tragt ihr die gesellschaftlicheUtopiedesKom­mu­nis­mus in eurem Namen. Ist euer Wahlkampf deshalb gle­ichzeitig ein Klassenkampf?
Das kann man dur­chaus so sagen. Und zwar in dem Sinne, dass die klassen­lose Gesellschaft keine Utopie ist, son­dern ein Fernziel. Das wird unsere Gen­er­a­tion in der Form wohl nicht erleben, aber unser Ziel ist es, den Kap­i­tal­is­mus zu beseit­i­gen. Davon sind wir heute sehr weit ent­fernt, wir sind ja in einer Etappe, wo der Kap­i­tal­is­mus sogar immer aggres­siver wird. Die sozialen Rechte wer­den immer weiter beschnit­ten: Die Kürzung der Fam­i­lien­bei­hilfe und der Wohn­bei­hilfe…

Das sind alles sehr gesellschaft­spoli­tis­che Fra­gen. Was bedeutet Kom­mu­nis­mus in der Hochschulpoli­tik?

Das bedeutet, dass wir gegen die Ökonomisierung des Bil­dungswe­sens Wider­stand leis­ten. Die Uni­ver­sitäten sind immer abhängiger von Drittmit­teln aus der Pri­vatwirtschaft und das gefährdet die Frei­heit von Lehre und Forschung. Wis­senschaftliche Tätigkeiten sollen sich ja nicht daran ori­en­tieren, ob sie Prof­ite bringen.

Aber es ist doch erfreulich, dass der Kap­i­tal­is­mus einige Unternehmen befähigt, uni­ver­sitäre Forschung zu unter­stützen. Das passiert ja zusät­zlich zur immer noch vorhan­den staatlichen Finanzierung.
Das sehe ich nicht so. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Gesellschaft, und die spiegelt sich im Staat wieder, eine freie Forschung leis­ten muss. Und sobald dort pri­vate Prof­it­in­ter­essen hinzukom­men, geht die Nüt­zlichkeit für die Gesamt­ge­sellschaft ver­loren. Man sieht das schon, wenn man die Drittmit­tel zwis­chen der Tech­nis­chen Uni­ver­sität und der eher geis­teswis­senschaftlichen KFU ver­gle­icht. Das ist auch für die TU von Nachteil, weil die Leis­tun­gen, die dort erbracht wer­den, nicht der Gesellschaft zu Gute kom­men, son­dern sofort paten­tiert wer­den und damit nur den Unternehmen, die damit Gewinne machen, etwas bringt.

Das Inter­esse der Stu­den­ten an einer solchen \“kom­mu­nis­tis­chen Uni­ver­sität\” scheint sich in Gren­zen zu hal­ten. Wie erk­lärst du dir das?
Also es geht bei den ÖH-Wahlen nicht darum, eine kom­mu­nis­tis­che Uni­ver­sität zu errichten. Wir wollen gemein­sam mit den Studieren­den gegen die Ver­schlechterun­gen vorge­hen. Das ist während der Beset­zun­gen in den let­zten bei­den Jahren auch immer wieder passiert. Für uns ist es ein zen­trales Anliegen, die Men­schen zu organ­isieren und ihren Protest zu unterstützen.

Trotz­dem gelang es der FLUG zuletzt mit ganz ähn­lichen Anliegen, aber ohne kom­mu­nis­tis­che Utopie, zur stärk­sten Frak­tion zu wer­den. Ihr habt nur ein Man­dat.
Es gibt sehr viel, was wir auch an der Arbeit der FLUG schätzen, keine Frage. Aber was uns unter­schei­det: Die FLUG wirbt mit dem Spruch: \“Die Welt kön­nen wir nicht ret­ten, die Uni alle mal\”. Wir sind aber der Mei­n­ung, dass man über den Cam­pus hin­aus blicken muss und all jene zu einem Schul­ter­schluss zu brin­gen, die unter diesem neolib­eralen Sys­tem leiden.

Ihr beruft euch in eurem aktuellen Wahlkampf auf Ein­stein und seinen Text: \“Warum Sozial­is­mus\”. Der gle­iche Ein­stein spricht sich auch für eine bedarf­sori­en­tierten Plan­wirtschaft aus. Würde das nicht bedeuten, dass die Zahl der Stu­di­en­plätze je nach Studium und Bedarf an Absol­ven­ten lim­i­tiert wer­den müsste?
Das ist a bissl a schwierige Frage. Wenn man es umkehrt, hat man ja heute die Sit­u­a­tion, dass eine Stu­di­en­ber­atung weitest gehend fehlt und sich deshalb viele nach dem Studium in die \“Gen­er­a­tion Prak­tikum\” ein­rei­hen. Vom Sozial­is­mus sind wir aber noch weit ent­fernt, deshalb wird sich die Frage der ökonomis­chen Plan­barkeit von Stu­di­en­plätzen erst später stellen.

Unter den Bedin­gun­gen des Kap­i­tal­is­mus sind die Hochschulbeschränkun­gen also abzulehnen, im noch zu ver­wirk­lichen­den Sozial­is­mus nicht mehr?
Nein, denn der freie Hochschulzu­gang ist jetzt schon eine Illu­sion. Meine Eltern haben beide als höch­ste Aus­bil­dung eine Lehre, ich studiere jetzt an der Uni­ver­sität. Damit gehöre ich zu einer Min­der­heit von 5,7 Prozent, die es auf die Uni­ver­sität schaf­fen. Wir haben also mas­sive Bar­ri­eren. Diese gilt es zuerst ein­mal zu beseitigen.

Das löst aber den Wider­spricht zwis­chen Plan­wirtschaft und freier Stu­di­en­wahl nicht auf.
Natür­lich taucht die Frage nach dem gesellschaftlichen Bedarf an Absol­ven­ten irgend­wann auf, aber das ist ja kein Wider­spruch dazu, dass man sein Studium nach seinen Inter­essen und Fähigkeiten wählt.

Ich glaube da kom­men wir nicht weiter. Was sind die konkreten Pro­jekte neben der sozial­is­tis­chen Utopie, oder kön­nen diese nur eine Folge der gesellschaftlichen Verän­derung sein?
Es gibt da mas­sig Missstände an der Uni, die zu lösen sind. Da muss nie­mand auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet wer­den. Das sind ganz prak­tis­che Dinge wie die Verkehrssi­t­u­a­tion: Es gibt nach wie vor keine Linie zur Uni, keine Busverbindung zwis­chen TU und KF und auch die Kosten für den Mobil­itätss­check sind nicht weiter gesunken.

Das sind aber alles Posi­tio­nen, die auch von der FLUG, der GRAS und der AG geteilt wer­den. Was ist euer, um es kap­i­tal­is­tisch auszu­drücken, USP (unique sell­ing propo­si­tion)?
Es gibt halt sehr viele Gemein­samkeiten, die den Studieren­den zu Gute kom­men. Da kann sich ja keine Frak­tion ver­wehren. Es ist das Ziel aller, etwas gegen volle Hörsäle zu unternehmen und schlechte Stu­di­enbe­din­gun­gen zu kri­tisieren, ganz egal wer das jetzt wie for­muliert. Wir unter­schei­den uns dadurch, dass wir in diesen Protesten kein Fraktions-Hick-Hack mit­gemacht haben, son­dern immer ver­sucht haben, die Wider­stand­skraft der Studieren­den zu stärken.

Womit wir wieder beim Klassenkampf sind. Was sollte der Grund sein, dass ein BWL-Student den KSV wählt?
Ach, da kenne ich genug BWL-Studierende, die nicht der Mei­n­ung sind, dass die freie Mark­twirtschaft das einzig Beglück­ende ist. Die sehen, wie dieses Sys­tem mas­sive Ungerechtigkeiten pro­duziert. Natür­lich muss man als KSV– Sym­pa­thisant in der BWL gegen den Strom schwim­men. Aber das muss man im Moment noch überall.

Natalie Zier­mann – VSStÖ

Vom Klassenkampf zum Geschlechterkampf. Also näch­stes tre­ffe ich Natalie Zier­mann (21 Jahre) die im Referat für \“fem­i­nis­tis­che Poli­tik\” aktiv ist. Braucht man das? Und wofür?

Natalie, du bist seit zwei Jahren in der ÖH aktiv und hast in dieser Zeit das Frauen­referat in \“Referat für fem­i­nis­tis­che Poli­tik\” umbe­nannt. Warum?

Wir woll­ten ganz klar definieren, in welche Rich­tung des Referat geht. Fem­i­nis­tis­che Poli­tik heißt für uns, dass wir auch Män­ner mit ein­beziehen. Es heißt, dass wir uns für die Gle­ich­stel­lung für Frauen ein­set­zen. Frauen­referat hieß ein­fach nur, dass es ein Referat für Frauen ist.

Kannst du den Unter­schied in der prak­tis­chen Arbeit erk­lären?
Also meine Vorgän­gerin hat sehr viel Wert auf Ver­net­zung mit anderen Frauenein­rich­tun­gen gesetzt. Das machen wir schon auch noch, aber wir ver­suchen wirk­lich Stu­dentin­nen in ihrer Kom­pe­tenz zu stärken und auf Ungle­ich­heiten aufmerk­sam machen.

Eine eurer Forderun­gen war immer die nach einer weib­lichen Rek­torin. Jetzt wurde Christa Neu­per gewählt – was ist nun das Thema des VSSTÖ?
Eine weib­liche Rek­torin ist natür­lich sehr wichtig, aber damit ist ja noch nicht die kom­plette Gle­ich­stel­lung gegeben. Wir haben noch immer weniger als 20 Prozent Professorinnen.

Aber ihr ver­liert mit diesem \“Erfolg\” ein entschei­den­des Argu­ment den VSSTÖ zu wählen.
Das glaube ich weniger. Unsere fem­i­nis­tis­che Haupt­forderung ist die Förderung junger Wis­senschaft­lerin­nen, weil das immer noch ver­nach­läs­sigt wird. Es geht nicht nur um die ober­ste Ebene.

Du unter­stellst also, dass männliche Jung­forscher noch immer gegenüber weib­liche bevorzugt wer­den?
Ja.

Und die Forderung des Bundes-VSSTÖ nach \“Quoten­frauen in allen Bere­ichen\” erhebst du auch hier in Graz?
Ich würde nicht unbe­d­ingt sagen \“Quoten­frauen\”, das ist ein irgend­wie neg­a­tiv behafteter Begriff. Quoten sind Mit­tel zum Zweck, aber sicher nicht das alleinige Mit­tel. Ein sehr guter Weg sind Mentorinnen-Programme, bei denen Frauen, die sich inner­halb des Sys­tems durchge­setzt haben, ihre Erfahrun­gen weitergeben.

Aber trotz­dem argu­men­tiert ihr auch mit der Quote. Entsteht dadurch nicht der Ein­druck, dass Frauen nur deswe­gen in Posi­tio­nen kom­men? Die inhaltliche Leis­tung wird doch dadurch geschmälert.
Der Ein­druck wird bewusst von reak­tionären Kräften vermittelt.

Der wird von euch ver­mit­telt! Ihr standet beim öffentlichen Hear­ing mit einem Trans­par­ent da: \“Wo ist die Rek­torin?\” Das ist doch keine inhaltliche Forderung.
Wir haben immer betont, dass eine Per­son mit der nöti­gen Kom­pe­tenz Rek­tor oder Rek­torin wer­den soll. Unsere Mei­n­ung nach hatte Christa Neu­per die gle­iche, wenn nicht eine bessere Qual­i­fika­tion als die anderen Bewer­ber. Unsere Forderung war darauf bezo­ge­nen, dass es bis zu Christa Neu­per nur eine einzige Rek­torin in Öster­re­ich gab. Aber immer, wenn eine Frau in eine solche Posi­tion kommt, wird darüber disku­tiert, ob sie nur deswe­gen dahin kommt, weil sie eine Frau ist. Das stimmt ein­fach nicht. Früher hätte auch nie­mand gesagt, dass ein Mann nur Rek­tor wird, weil er ein Mann ist.

Aber das ist doch genau eure These: Dass Män­ner nur in ihre Ämter kom­men, weil sie Män­ner sind.
Nicht alle, aber sehr oft, ja.

Ist unsere Gen­er­a­tion nicht längst über den Punkt hin­aus, wo die Frage der Gle­ich­stel­lung noch so mas­siv behan­delt wer­den muss. Warum ist das noch immer so ein zen­trales Anliegen für den VSSTÖ?
Wenn wir uns anschauen, dass Frauen noch immer ein Vier­tel weniger ver­di­enen als Män­ner, der Anteil von Män­nern die in Karenz gehen unter 10% liegt und Frauen noch immer Opfer von sex­ueller Beläs­ti­gung sind, gibt es noch viele Punkte, wo Frauen im Nachteil sind. Natür­lich ist dafür ein größeres Bewusst­sein da, als vor 30 Jahren, aber wenn wir uns die Lohn­schere anschauen, geht diese immer noch weiter auseinander.

Das ist aber alles Gesellschaft­spoli­tik. Auf der KFU haben wir 60% Frauen, da müsstet Ihr als VSStÖ, wenn deine These stimmt, jede Menge Wäh­lerin­nen haben. Aber ihr hal­tet im Moment nur ein Man­dat. Kann es sein, das eure Poli­tik bei den­jeni­gen für die ihr sie macht, gar nicht so gut aufgenom­men wird?
Ich glaube, das liegt nicht daran, dass wir fem­i­nis­tis­che The­men auf­greifen. Die meis­ten merken erst nach dem Studium, was es für Bar­ri­eren gibt. Und das ver­suchen wir im Referat zu beto­nen und hof­fen, dass sich das pos­i­tiv auf das Wahlergeb­nis auswirkt.

Als fem­i­nis­tis­ches Referat habt ihr einen Film zum Frauen­tag pro­duziert in dem du auch selbst mit­spielst …
\“Super­woman walk­ing down the Street\”.

… darin wer­den Män­ner als homo­phobe Chau­vin­is­ten, Sex­is­ten und Verge­waltiger dargestellt. Die Frauen befinden sich in der Opfer­rolle, aus der sie sich dann mit Gegenge­walt wehren bzw. emanzip­ieren. Was ist das für einen Män­ner bzw. Frauen­bild?
Also der Film war bewusst überze­ich­net, deshalb ist es ja auch ein Schwarz-Weiß-Film. Der Sinn dahin­ter war, Frauen zu zeigen, dass sie sich wehren können.

Die Fem­i­nistin Simone de Beau­voir hat davon gesprochen, dass Män­ner und Frauen geschwis­ter­lich ins »Reich der Frei­heit« gehen sollen. Davon war in dem Film nichts zu sehen.
Also wir stellen Män­ner nicht immer so dar, wir ver­suchen sie einzubeziehen. Aber der Film war speziell zum Tag der Gewalt gegen Frauen gemacht und soll darauf aufmerk­sam machen, wie sehr Frauen noch immer durch männliche Gewalt betrof­fen sind. Das ist eine Tat­sache, die man nicht abstre­iten kann.

Aus dieser Debatte, die wir ger­ade führen, die ja immer noch sehr gesellschaft­spoli­tisch ist, lassen sich daraus konkrete Pro­jekte ableiten?
Was wir im let­zten Jahr aufge­baut haben, ist der Studentinnen-Treff. Diesen Stammtisch soll es weiter geben. Wir wollen weib­lichen Studieren­den die Möglichkeit geben, Kom­pe­ten­zen zu erlan­gen, die sonst eher Män­nern offen ste­hen. Wir haben zum Beispiel einen Layout-Workshop für Frauen ange­boten, der völ­lig über­laufen war.

Und das wäre bei einem Work­shop für beide Geschlechter nicht so?
Ich glaube, dass sich Frauen dann oft nicht trauen, weil diese tech­nis­chen Qual­i­fika­tion, wie zum Beispiel fürs Lay­out, oft Män­nern zugeschrieben werden.

Die Frauen schreiben den Män­nern eine höhere Kom­pe­tenz zu? Gehst du auch davon aus, dass die Fähigkeiten tat­säch­lich ver­schieden sind?
Die Kom­pe­ten­zen sind schon ver­schieden, aber das ist gesellschaftlich aner­zo­gen und nicht naturgegeben. Wir ver­suchen mit solchen Work­shops zu zeigen, dass sich die ver­meintlichen Unter­schiede im Kön­nen leicht wider­legen lassen.

Gedankt sei allen Gesprächspart­ner; im zweiten Teil folgt dann das nicht geführte Inter­view mit dem RFS-Kandidaten und die sehr wohl geführten Inter­views mit Marie-Theres Fleis­chhacker (GRAS), Lukas Ler­ch­ner (Ver­i­tas) und Phillip Maunz (AG).