Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Dagegen! Portrait einer politischen Haltung

Der all­seits bejam­merte Still­stand hat eine sim­ple Ursache: die Demokratie. Weil wir in einem Sys­tem leben, in dem möglichst viele gesellschaftliche Grup­pen in den poli­tis­chen Prozess einge­bun­den wer­den sollen – Län­der und Gemein­den, Parteien, sou­veränes Volk, kri­tis­che Medien, engagierte Sozial­part­ner und Bünde, sachkundige NGOs/Interessenvertreter/Lobbyisten etc. – weil alle eine Berech­ti­gung haben, am demokratis­chen Prozess teilzunehmen, gibt es immer jeman­den, der sich oder seine Klien­tel benachteiligt sieht und dann laut­stark protestiert. Dage­gen! Dabei wird gern vergessen, dass der Dis­sens wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie ist. Nur durch ihn ist der “Wet­tbe­werb der Ideen möglich”; erst im Dis­sens, als Nebeneinan­der ver­schiedener Mei­n­un­gen, zeigen sich die ver­schiede­nen Posi­tio­nen und Inter­essen unserer Gesellschaft.

Aber aus dem Ideal von Par­tizipa­tion und Ideen­wet­tbe­werb ist längst eine Real­ität gewor­den, in der die Regierun­gen ver­suchen, ein Max­i­mum an Reformeifer vorzu­gaukeln, und dazu ein beglei­t­en­des Bün­del ver­trauens­bilden­der Maß­nah­men voll­strecken. Auf der anderen Seite steht eine inner– und außer­par­la­men­tarischen Oppo­si­tion, die nur noch ihr eigenes Bestes will; im Zweifel lieber denn Sta­tus quo erhal­ten, als ein ver­meintlich zukün­ftiges Risiko einge­hen. Oder, wenn es der Glaub­würdigkeit der eige­nen Per­son besser entspricht, dann ist man dage­gen, weil ein unter­bre­it­eter Vorschlag “nicht aus­re­ichend” ist. Gut, das mag jetzt in dieser Ver­all­ge­meinerung etwas zynisch klin­gen, aber wenn wir an die Wort­mel­dun­gen der Gew­erkschaften (zum Bil­dungsre­förm­chen), der FPÖ (zu Bet­tler– und Bud­get­de­bat­ten) und der Grü­nen (zu den tapsenden Schrit­ten in Rich­tung erneuer­bare Energien) denken, dann wis­sen wir unge­fähr, was mit “Dagegen-Kultur” gemeint ist.

Doch wie unter­schei­det sich der Protest eines Fritz Neuge­bauer gegenüber den Demon­stran­ten vor dem und gele­gentlich auch im Steirischen Land­tag? Und wie unter­schei­den sie sich von den gele­gentlichen Abwe­ich­lern inner­halb der Regierungsfraktionen?

1. Dage­gen aus Prinzip
Die Fundamentalopposition.

Ihre Anhänger sind die Queru­lanten in jeder Abstim­mung – gle­ichzeitig ist es die beliebteste Form der Oppo­si­tion – nicht nur in der Poli­tik –, denn sie ist in einer Gesellschaft, die sich nach klaren Posi­tio­nen sehnt, am ein­fach­sten zu ver­mit­teln. Als Beispiel dafür müssen oft die Grü­nen her­hal­ten, die sich gegen Atom­kraft, gegen neue Strom­trassen von Nord nach Süd und gegen Großpro­jekte wie Stuttgart21 oder das Murkraftwerk posi­tion­ierten; ebenso ein Beispiel sind Recht­spop­ulis­ten in allen Län­dern, die gegen Aus­län­der, Bet­tler und “Islamisierung” sind. Die bei­den so unter­schiedlichen Lager haben es geschafft, ihre Botschaften auf jenes Min­dest­maß an Glaub­würdigkeit und Deut­lichkeit zu reduzieren, das für ihre Wäh­ler nötig ist. Dem gegenüber sehen die altge­di­en­ten Volksparteien fast ver­wirrt aus, die schon allein durch die Bre­ite ihrer Organ­i­sa­tion eine dif­feren­zierte Mei­n­ung haben und durch ihre häu­fige Regierungs­beteili­gung auch gar nicht in der Lage sind, glaub­hafte Dagegen-Parolen zu entwick­eln. Deshalb geht unter ihnen ein neuer Trend um: gegen das Dagegen-Sein.

Die deutsche CDU führte im let­zten Jahr eine groß angelegte Kam­pagne gegen die “Dagegen-Partei”: die Grü­nen. Es war der Ver­such, deren Ver­weigerung und Protest gegen den Großbahn­hof Stuttgart21 als prinzip­ielle Ver­hin­derungspoli­tik, und damit als inhaltlich nicht begrün­de­ten Protest, zu dif­famieren. Der Erfolg in Deutsch­land blieb aus – den Wäh­lern war zuletzt egal, warum die Grü­nen dage­gen sind. Die Stim­mung gegen Bahn­hof und Atom­kraft über­lagerte das Partei-Hickhack mit Leichtigkeit und so stellen die Grü­nen den näch­sten Min­is­ter­präsi­den­ten in Baden-Württemberg.

In der Steier­mark tun sich die bei­den Klein­parteien KPÖ und Grüne da wesentlich schw­erer. Weil sie allein durch den Protest gegen Regierungs­maß­nah­men (Sparpaket, Murkraftwerk, Bet­telver­bot, …) auf­fallen kön­nen, erliegen sie immer öfter der Ver­suchung, “dage­gen” zu sein. Aktuell legt zum Beispiel die KPÖ eine Peti­tion vor: “Keine Ver­schlechterung der Min­dest­sicherung”. Genau das wird von der KPÖ erwartet und man mag der engagierten Clau­dia Klimt-Weithaler diese Posi­tion auch abnehmen. Aber die Schar­mützel zwis­chen Lechner-Sonnek/Klimt-Weithaler ein­er­seits und Drexler/Kröpfl ander­seits enden inzwis­chen auch immer öfter damit, dass KPÖ und Grüne als “A-priori-Protestler” abge­watscht wer­den. Vor allem dann, wenn es Rot-Schwarz an inhaltlichen Argu­menten fehlt. Oder am Mut, diese Argu­mente auszusprechen.

Denn darin besteht das dialek­tis­che Prob­leme der Fun­da­men­talop­po­si­tion: Wenn den Klein­parteien kein Spiel­raum für Gestal­tung gelassen wird, und sei es dadurch, dass Kri­tik angenom­men wird, dann gilt, in den Worten des alten SPD-Genossen Franz Mün­te­fer­ing: “Oppo­si­tion ist Mist.” Denn es bleibt ihr nichts anderes übrig, als immer dage­gen zu sein. Sobald die Oppo­si­tion für etwas ist, inter­essiert das nie­man­den. Gle­ichzeitig opfert eine Regierung jede eventuelle argu­men­ta­tive Über­legen­heit zu Gun­sten ihrer rhetorischen Über­legen­heit. Übrig, und das ist entschei­dend, bleibt ein Bürger, der den Glauben an das ern­ste Bemühen der Poli­tik ver­liert und zum Wut­bürger mutiert.

Doch dieser Artikel soll sich nicht gän­zlich im Pes­simis­mus ver­lieren und jenen Poli­tik­ber­atern in die Hände spie­len, bei denen jedes­mal, wenn das Wort “Poli­tik– oder Poli­tik­erver­drossen­heit” fällt, die Kassen klin­geln. Diese Papp­nasen von Spin­dok­toren sind näm­lich schuld an diesem unglaub­würdi­gen Posi­tion­ierungs– und Reformwahn, der alles kennt, nur nicht jene ruhige Minute, in der über Entschei­dun­gen nachgedacht, und eine Entwick­lung beobachtet wird.

Wie also kann man noch dage­gen sein?

Denn diese Hal­tung muss erlaubt sein, wenn wir eine diskur­sive Poli­tik wollen – also die Auseinan­der­set­zung von Argu­menten und Posi­tio­nen, ja in einer besseren Welt sogar von poli­tis­chen Inhal­ten. Der franzö­sis­che Philosoph Jacques Ran­ciére stellt in seinem kür­zlich auf Deutsch veröf­fentlichten Buch “10 The­sen zur Poli­tik” fest: “Das Wesentliche der Poli­tik ist der Dissens.”

Und dieser Dis­sens sollte aus den bere­its erwäh­n­ten Grün­den bewahrt wer­den, ohne dabei die aus­ge­lutschte Rol­len­verteilung unseres Par­la­men­taris­mus zu bemühen.
Ein bemerkenswert pos­i­tives Beispiel zeigte uns Mitte April der Deutsche Bun­destag: In einer Debatte über die PID (Präim­plan­ta­tions­di­ag­nos­tik), also darüber, ob die Embry­onen bei der kün­stlichen Befruch­tung auf (Erb-)Krankheiten unter­sucht wer­den dür­fen, wurde uns das längst ver­loren geglaubte Ideal der Poli­tik vor Augen geführt. Weil die Frage nach dem Leben der Unge­bore­nen zu ernst ist, um in der üblichen Weise ver­han­delt zu wer­den, mussten die Klubchefs den Klubzwang aufgeben – und siehe, die Debatte war sach­lich, fair und schien einen viel glaub­würdi­geren Prozess der Entschei­dungs­find­ung darzustellen. Alles, was dafür geopfert wer­den musste, war die Möglichkeit, sich mit einer Parteimei­n­ung zu posi­tion­ieren. Denn der Dis­sens zog sich durch alle Parteien – und er wurde von allen respektiert.

Ob das auf Dauer gut gehen kann, solange die Par­la­men­tarier über eine Partei ins Par­la­ment gewählt wer­den und diese Partei sich irgend­wie so zu posi­tion­ieren hat, dass sie gewählt wer­den kann, ist fraglich. Aber der Fehler liegt doch wohl eher im Wahlsys­tem als in der Unab­hängigkeit der Man­datare. Eine solche Form der Auseinan­der­set­zung ver­langt natür­lich Hal­tung. Etwas, das viele Kom­men­ta­toren den öster­re­ichis­chen Poli­tik­ern gern absprechen. Aber ger­ade die Hal­tung ist es, die einem “Dage­gen!” zur Glaub­würdigkeit verhilft.


Her­bert Gröne­meyer: “Zieh deinen Weg” (2007)

2. Wider­stand als Haltung

Es ist gle­ichzeitig jene Form des Protests, die am schw­er­sten vom Protest aus Prinzip zu unter­schei­den ist, denn auch Hal­tung beruht auf Prinzip­ien. So hat beim Grazer Alt­bürg­er­meis­ter Alfred Stingl (SPÖ) nie­mand Zweifel an dessen aufrechter Hal­tung gegen das Bet­telver­bot. Nie­mand wird ihm poli­tis­chen Eifer unter­stellen. Aber “verdächtigt” wer­den, zu Recht oder zu Unrecht, jene jugendlichen Demon­stran­ten, die sich Stingls Protest gegen das Bet­telver­bot anschließen. Wer kann beant­worten, ob sie ebenso sehr durch Sol­i­dar­ität mit den Bet­tlern motiviert sind, oder nicht doch eher aus Lust am Happening.

Denn es ist eine Frage der Moti­va­tion, ob jemand das “Dagegen-Sein” zur Hal­tung macht oder aus einer inhaltlichen Überzeu­gung her­aus dage­gen ist. Deut­lich wurde das während der Bet­telde­batte auch inner­halb des Land­tages: Dem Sozialdemokraten Max Lercher wurde seine Gegen­stimme zum Bet­telver­bot abgenom­men – und von den meis­ten Seiten hon­ori­ert. Die Anerken­nung gilt umso mehr, weil Lercher zuvor von Lam­bert Schön­leit­ner (Grüne) und dem ÖH-Vorsitzenden Cen­giz Kulac derbe ange­grif­fen wurde. Während sich die Grü­nen inner­halb ihrer Frak­tion der Anerken­nung für das Dagegen-Sein sicher waren, musste Lercher seine Hal­tung gegen das Bet­telver­bot aufrechter­hal­ten, auch wenn er damit dem “Wun­sch” des poli­tis­chen Geg­n­ers entsprach.

Hal­tung ist im poli­tis­chen All­tag wohl die schwierig­ste Form des Wider­spruchs, vor allem wenn man im offe­nen Par­la­ment abstimmt, anstatt sich aus dem Saal zu ver­ab­schieden. Das Prob­lem dahin­ter ist bekannt und ver­birgt sich in der Volk­sweisheit: Man kann sich seine Fre­unde nicht aus­suchen, nur seine Feinde. Wenn Lercher als einziger aus der “Reform­part­ner­schaft” gegen das Bet­telver­bot stimmt, bezieht er Stel­lung gegen seine eigene Partei und findet sich plöt­zlich mit FPÖ, KPÖ und Grü­nen gemein­sam auf der Dagegen-Seite. Aus Hal­tung gegen etwas sein, das heißt vor allem, es unbeein­druckt von der Mei­n­ung anderer und poli­tis­chen Mehrheiten zu tun. Man kann in seiner Hal­tung auch irren, aber sie bleibt die bessere Alter­na­tive zum Oppor­tunis­mus – denn den gibt es sowohl im Dafür-Sein als auch im Dagegen-Sein.

Es ist doch klar, dass jeder andre schlecht ist,
wenn unsre Sache einzig richtig und gerecht ist.


Kon­stan­tin Wecker: “Waffenhändler-Tango” (2002)

3. Die Anti-Opportunisten
Immer mit dem Strom. Egal in welche Richtung.

Sie sind nicht gegen den Oppor­tunis­mus, sie sind aus Oppor­tunis­mus dage­gen. Das ist meist ziem­lich ein­fach. Vor allem dann, wenn man sich in einem kollek­tiven Dagegen-Sein der sozialen Anerken­nung ver­sichert: gen­ma­nip­ulierte Pflanzen, Tierver­suche, hohe Steuern, Selek­tion im Bil­dungssys­tem und – auch hier wieder – Atom­kraft. Elis­a­beth Noelle-Neumann hat dieses Phänomen als “Schweige­s­pi­rale” beze­ich­net: die Mehrheit, die sich immer lauter äußert, weil sie sich ihrer Mehrheit sicher ist, während die ver­meintliche Min­der­heit schweigsam wird. Oder haben Sie schon jeman­den für das Sparpaket protestieren gesehen?

Man muss als Anti-Opportunist nicht allzu viel nach­denken, um eine gesellschafts­fähige Mei­n­ung zu haben, im Gegen­teil, je mehr man nach­denkt, um so schwieriger wird es, die eigene Mei­n­ung ohne Ein­schränkung aufrechtzuer­hal­ten. Denn die Welt ist kom­plexer, als wir sie manch­mal gern hät­ten: Tierver­suche wer­den eben nicht nur für über­flüs­sige Kos­metikpro­dukte gebraucht, son­dern leis­ten einen wesentlichen Beitrag für die Entwick­lung unserer Medika­mente. Unsere Super­mark­t­preise sind auch nur durch Massen­pro­duk­tion, Züch­tun­gen und genetis­che Verän­derun­gen auf diesem Niveau zu hal­ten. Und ein besseres Schul­sys­tem bedeutet eben, dass sich etwas verän­dert, ohne dass vorher mit hun­dert­prozentiger Sicher­heit gesagt wer­den kann, dass von mor­gen an alles besser ist. Nein, die Welt ist kom­plex. Und weil diese Welt so kom­plex ist, wen­den sich immer mehr Men­schen einer anderen Form des Dagegen-Seins zu.

Und der Dichter, der poet­isch
protestiert in seinem Lied,
bringt den Herrschen­den ein Ständ­chen
und erhöht ihren (und seinen) Profit.
Und genau das ist nicht richtig,
und genau das ist nicht wichtig.
Protestieren ist bloß Krampf im Klassenkampf.

Franz Josef Degen­hart: “Zwis­chen­töne sind bloß Krampf” (1968)

4. In dubio: Anti!

Dazu gehören sowohl die Lehrergew­erkschafter, die jedem Ver­such der immer opti­mistis­chen Bil­dungsmin­is­terin Schmied mit Mis­strauen begeg­nen. Ebenso wie die Gymnasiums-Bewahrer, die sich zwar über jede Pisa-Studie bekla­gen, aber nicht erken­nen wollen, dass ein höherer Bil­dungs­stan­dard, und Stan­dard heißt hier Durch­schnitt, nur durch ein egal­itäres Sys­tem, sprich: eine Gesamtschule, erre­icht wer­den kann. Wenig wird aus der Pisa Studie so deut­lich, wie dieser sim­ple Zusammenhang.

Zu dieser Gruppe gehören aber ebenso die zuletzt in der Sonntags-Kleinen-Zeitung G7 geouteten Geg­ner des Murkraftwerks, noch immer sind es 22 Prozent. Und weil inzwis­chen 71 Prozent dafür sind, schreibt G7 völ­lig ironiefrei vom “Super-Gau für die Geg­ner” und einem “Atom­schub für die Staustufe”. Aber wie würde die Umfrage im inves­tiga­tiven Son­ntags­blatt ausse­hen, wenn mor­gen der Stau­damm in Sichuan (China) bricht? Und über­mor­gen ein Win­drad auf einen vor­beilaufenden Jog­ger fällt und ihn erschlägt? Also: In dubio: Anti! Im Zweifel: Dage­gen!
Gut, dieses Herange­hen mag zynisch erscheinen, aber das noch viel inves­tiga­ti­vere Pro­fil hatte vor eini­gen Wochen tat­säch­lich eine Auflis­tung der Todes­fälle je pro­duziertem Gigawatt veröf­fentlicht. Erken­nt­nis: Bei einem “max­i­malen Unfall” sind die Todes­fälle von Wasserkraft und Kernkraft etwa gle­ich hoch, bei dem Ver­gle­ich von Gigawatt/Jahr schnei­den die Erneuer­baren Energien (Foto­voltaik, Wind, Geot­her­mie) erwartungs­gemäß am besten ab. Auf Platz zwei liegt, welch Über­raschung, die Kernkraft! Auf den Plätzen fol­gen Wasserkraft, Erdgas, Erdöl und zuletzt Kohle. Die gehört mit über 16Prozent Anteil an der Stromerzeu­gung noch immer zu den wichtig­sten Energiequellen in der EU – und ver­langt ein (!) Men­schen­leben pro Gigawatt. So viel zum Kapi­tel emo­tionale Politik.

(Fußnote: Dass die Studie von einem Insti­tut in der Schweiz durchge­führt wird, wo es fünf laufende und zwei geplante Kern­reak­toren gibt, ver­schweigt Pro­fil dezent.)

Ja, der Men­sch ist ein Ein­griff in die Natur, aber wenn wir uns ein vernün­ftiges Forschungs– und Uni­ver­sitätswe­sen leis­ten (wür­den), dann kön­nte es uns zumin­d­est gelin­gen, unsere Ein­griffe effizient und verträglich durchzuführen. Ganz egal ob dann Arzneimit­tel­test ohne Lebend-Versuche, Lösun­gen für die offe­nen Fra­gen der Atom­en­ergie oder die Möglichkeiten zur Spe­icherung und Effizien­zsteigerung von regen­er­a­tiven Energien gefun­den werden.

Trotz aller Hoff­nun­gen in den Fortschritt ist es natür­lich auch in einem Land, in dem die Unschuldsver­mu­tung (In dubio pro reo) zum Witz verkom­men ist, noch legitim, aus Zweifel gegen etwas zu sein. Vor allem, wenn man meint, eine bessere Alter­na­tive zu ken­nen, oder man die Fol­gen eines Dafür-Seins (Atom­kraft) nicht abschätzen oder gar ver­ant­worten will:

Tocotronic: “Im Zweifel für den Zweifel” (2010)

5. Das dialek­tis­che Dagegen

Es ist die Rolle der Jour­nal­is­ten, Intellek­tuellen und Kün­stler, bzw. sollte es ihre Rolle sein, die Dinge auch ein­mal ander­sherum zu denken. Die “Was-wäre-wenn-Opposition” als Kon­trolle einer Poli­tik der Ideen­losigkeit mit laten­ter Nei­gung zum Schnellschuss.
Kunst und Kri­tik, das kon­nte man so lange in einem Atemzug nen­nen, bis die Kri­tik zum Main­stream verkom­men ist und die Kunst sich nur noch über die Kri­tik lustig machen kon­nte. Da lan­det der deutsche Chef-Zyniker Har­ald Schmidt inzwis­chen Lacher, weil er sich als Fan der Deutschen Bahn outet, da marschieren Demon­stran­ten auf der Straße, bei denen völ­lig egal ist, ob ihre Slo­gans “Wir sind dein Volk” und “Raubkopieren ist kein Ver­brechen” für oder gegen den “Pla­gia­tor Gut­ten­berg” gerichtet sind, oder gegen diejeni­gen, die ihn trotz­dem als Min­is­ter hal­ten woll­ten. Hohn ist das neue Dage­gen, weil alle dage­gen sind. Nur weni­gen Intellek­tuellen gelingt es noch, eine begrün­dete Hal­tung zu entwick­eln, die dem tra­di­tionellen Bild von “kri­tis­cher Kunst” gerecht wird, ohne im Main­stream zu lan­den. Beein­druck­endes Beispiel dafür waren zuletzt die von Elfriede Jelinek in Köln aufge­führten “Kon­trakte des Kauf­manns”, in denen Gier und Neid als Ursachen der Finanzkrise ent­larvt wurden.

6. Wenn dage­gen sein nicht mehr hilft – der Wutbürger.

Christoph und Lollo: “Glob­al­isierungslied” (2005)

Doch es gibt eine Gruppe von Protestieren­den, die laut der sink­enden Wahlbeteili­gung kon­tinuier­lich wächst: die Ent­fremde­ten (zu ihnen gehören Kün­stler in gewis­sen Sinne ja auch); aber unter “ent­fremdet” ver­ste­hen wir hier jene große Gruppe, die vom Mis­strauen gegen das poli­tis­che Sys­tem geprägt ist und ihm kein­er­lei Lösungskom­pe­tenz mehr zuschreibt. Null. Nada. Nichts.

Es sind diejeni­gen, die zu viele poli­tis­che Neustarts und die fol­gende Fort­set­zung des Immer-Gleichen erlebt haben, zu viele Refor­men und ihre Wirkungslosigkeit, zu viele Debat­ten, Erk­lärun­gen und Regierungswech­sel. Aber im Gegen­satz zu Kün­stlern und Intellek­tuellen ver­suchen sie, die Kom­plex­ität der Welt, und damit vor allem der Welt, die sich im glob­al­isierten und medial ange­heizten Tempo um sie herum dreht, mit ein­fachen Antworten zu reduzieren

Sie fordern dann wieder die Todesstrafe für Kinder­schän­der, weil sie jedes Ver­trauen in das demokratis­che Sys­tem und seine Appa­rate ver­loren haben. Sie fordern Ein­wan­derungsstopp oder ab einer gewis­sen Stufe der poli­tis­chen Enthem­mung auch mal “Aus­län­der raus”, ohne zu bedenken, dass sich unser demografis­ches Prob­lem in Öster­re­ich wohl nur durch Ein­wan­derung lösen lässt. (Der neue ÖVP-Chef Spin­de­leg­ger hatte das vor einiger Zeit fest­gestellt und Entrüs­tung geerntet.)

Es sind die “Wut­bürger”, die Sarrazin-Fanatiker, die Zurück-zum-Schilling-Träumer. Im besten Falle noch Protest-Wähler, die ihr Kreuz bei der FPÖ machen. Dirk Kur­b­juweit hat diesen “Typus” im SPIEGEL ganz wun­der­bar als pein­liches Pen­dant zum klas­sis­chen Bürger beschrieben:

Con­te­nance im Angesicht von Schwierigkeiten, das zeich­net ein wohlver­standenes Bürg­er­tum aus. Eifer gegen andere Men­schen, Rassen, Volks­grup­pen, Reli­gio­nen ist unziem­liches Ver­hal­ten, ist unanständig. […] Aber der Wut­bürger sieht das nicht mehr. Er fühlt sich aus­ge­beutet, aus­genutzt, bedroht. Ihn ärg­ert das andere, das Neue, Er will, dass alles so bleibt, wie es war.”

Und so begeis­tern sich die Wüten­den dann auch für die entsprechen­den Gegenkan­di­daten zum Estab­lish­ment, einen zu Gut­ten­berg, einen Stra­che, eine Le Pen.

Aber bis jetzt hat nie­mand einen Ausweg, wie diesen Ent­täuschten kon­struk­tiv begeg­net wer­den kann, denn “kon­struk­tiv” ist auch nur noch ein Mod­e­wort des Polit-Jargons. Was bleibt also zu tun?Bedingungsloses Dafür-Sein? Begeis­terung und noch mehr Reformeifer? Bitte nicht! Vielle­icht sind es aber die bürg­er­lichen Tugen­den, die Kur­b­juweit bere­its ange­sprochen hat, und die hin und wieder noch auf­blitzen. Meist dann, wenn Poli­tiker ihren Rück­tritt bekannt geben oder lange nach dem Auss­chei­den noch ein­mal zu Inter­views gebeten wer­den. Erhard Busek und Cas­par Einem sind da beruhi­gende Beispiele. Oder eben Max Lercher, dem die Parteirä­son dann doch nicht wichtiger war, als ein Min­dest­maß an Hal­tung. Und vielle­icht bringt auch der Steirische Land­tag irgend­wann den Mut zu einer tat­säch­lich offe­nen Debatte auf. Es würde dem Anse­hen der Poli­tik nicht schaden, wenn wieder par­la­men­tarische Debat­ten und nicht Regierungs­beschlüsse und Auss­chüsse hin­ter ver­schlossener Tür über die Zukunft entscheiden.

Oder, um angemessen pes­simistisch zu schließen, man macht es wie Kurt Flecker: Vor nicht allzu langer Zeit war er noch poli­tis­ches Schw­ergewicht in der SPÖ, demon­stri­erte neben Alfred Stingl gegen das Bet­telver­bot. Let­zte Woche aber ließ er sich im Früh­stücksin­ter­view mit dem Grazer dann genüsslich darüber aus, wie er mit seinem Motor­rad auch dieses Jahr wieder Rich­tung Griechen­land düsen wird, wo er dann im Übri­gen ein Haus gemietet hat, im dem er von Mai bis Okto­ber resi­diert. Das ist doch her­rlich. Ganz wun­der­bar bürg­er­lich. Und ein biss­chen entfremdet.