Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Die Gedanken sind mein.

Dieser Text ist abgeschrieben. Von vorn bis hin­ten. Anfang bis Ende. Alles was Sie lesen: geklaut. Alles. was sie lesen ist so oder so ähn­lich schon mal irgendwo ges­tanden. Es gibt nicht einen einzi­gen orig­i­nalen Gedanken, weil es ja alles schon ein­mal irgendwo gegeben hat.

Das Thema zum FAZIT Nr. 70 ent­stand lanf vor der Affäre Gut­ten­berg, er sorgte damit nru zwei Tage vor Redak­tion­ss­chluss für willkommene Aktu­al­ität. Den ganzen Artikel gibt es im FAZIT, als PDF und in Auszü­gen hier:

Der Philosoph Friedrich Niet­zsche nan­nte es die »ewige Wiederkehr des Gle­ichen« und das ist natür­lich ebenso die ständige Gegen­wart des Ewig-Gleichen. Unter den mod­er­nen The­o­retik­ern war es dann Vilém Flusser, der diesen trau­ri­gen Zus­tand iden­ti­fizierte und als Entropie beze­ich­nete. Seine trau­rige Vision: Wir alle sind mit unseren Fre­un­den in der ganzen Welt ver­netzt, haben uns aber nichts mehr zu sagen, weil wir alle über die gle­ichen Infor­ma­tio­nen verfügen.

Ganz so weit ist es noch nicht, aber schon heute stellt sich immer häu­figer die Frage nach orig­inellen und orig­i­nalen Ideen, nach Urhe­ber­schaft, geistigem Eigen­tum und danach, was eigentlich »mein« und was »dein« ist. Die Debatte spannt dabei einen Bogen von der Frage nach der Straf­barkeit von Film-Downloads bis zu dem berechtigte Anliegen von Schrift­stellern, Design­ern und Erfind­ern, die mit ihren Gedanken das Geld zum Leben ver­di­enen wollen. Bei all diesen Inter­essen, die da aufeinan­der­prallen, stellen sich zugle­ich rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fra­gen. Und es stellt sich die Frage nach dem Ausweg aus »diesem ganzen Urhe­ber­recht­sexzess«. So hat es jene Helene Heg­mann genannt, die im let­zten Jahr ihren Best­seller­ro­man »Axolotl Road­kill« veröf­fentlich hat, in dem anschließend einige wenige Stellen gefun– den wur­den, die aus einem Weblog abgeschrieben waren. In der fol­gen­den Debatte wurde sel­ten wie nie deut­lich, wie sehr unsere Kul­tur vom Nachah­men und Abkupfern, von Col­la­gen und Kopien lebt. Die Nor­mal­ität des Abschreibens ist frap­pierend: Bertolt Brecht bekan­nte sich zu seiner »Lax­heit im Umgang mit geistigem Eigen­tum«, Nobel­preisträger Thomas Mann nan­nte es »höheres Abschreiben« und Joanne K. Rowl­ing, Dan Brown und Frank Schätz­ing wur­den beschuldigt, und zum Teil verk­lagt, weil es auch bei ihnen adap­tierte Textstellen anderer Autoren gibt.

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Recht hat, wer Ideen hat.
Unsere Gesellschaft hat mit der Entwick­lung zum Kap­i­tal­is­mus auch eine Vorstel­lung von Besitz entwick­elt, und in dieser Vors­tel– lung sind auch die geisti­gen Eigen­tümer vorhan­den. Seit dem 19. Jahrhun­dert ist von diesem die Rede, aber erst viel später, etwa Ende der Neun­ziger­jahre, hat man sich auch stärker mit dem »Schutz des geisti­gen Eigen­tums« beschäftigt – also fast zeit­gle­ich mit dem Durch­bruch des Inter­nets. Zuerst waren es nur Autoren, die ihre Werke vor der Vervielfäl­ti­gung via Buch­druck schützen mussten oder deren Auf­führungsrechte von The­atern ver­letzt wur­den, erk­lärt Dr. Rainer Beck, Grazer Recht­san­walt und Sachver­ständi­ger in Urhe­ber­rechts­fra­gen.
Inzwis­chen bet­rifft das Thema auch immer mehr Uni­ver­sitäten, die sich mit immer »besseren« Pla­giaten auseinan­der­set­zen müssen, es bet­rifft Unternehmen, die ihre Pro­dukte trotz bil­liger Pla­giate aus China verkaufen wollen, und Designer, Architek­ten und Kreative, die auf dem schmalen Grat von Einzi­gar­tigkeit und Bekan­ntheit wan­deln. Und wer bekannt ist, der wird nachgeahmt und manch­mal eben auch kopiert.

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Der Filmdieb in uns allen
Nun kann man gute Gründe für den beque­men Kinokon­sum vom Sofa aus anführen. Schnell und kosten­los ist der gewün­schte Film ver­füg­bar – zu jeder Tages– und Nachtzeit und frei von den Unan­nehm­lichkeiten, die im Kino auf einen lauern: Die Preise sind unver­schämt teuer; unter zehn Euro gibt es Filme nur noch an Kino­ta­gen, und im Nor­mal­fall ist man dem trau­ri­gen Umstand aus– geliefert, dass die Filme nur in der deutschen Syn­chron­fas­sung zu sehen sind. Von frem­dem Handyk­lin­geln, unfre­undlichem Per­sonal und dreck­i­gen Toi­let­ten ein­mal ganz abge­se­hen – ausgenom­men sind da die sel­te­nen, aber wun­der­baren Pro­grammki­nos.
Und auch die Alter­na­tive der DVD ist zunehmend zum Abgewöh­nen: Selbst wer sich mit den besten Absichten und für gutes Geld eine DVD kauft, muss nach dem Ein­le­gen der Hightech-beschichteten Scheibe die oblig­a­torische Ermah­nung über sich erge­hen lassen, dass Raubkopien kein Kava­liers­de­likt sind. Wenn die DVD denn über­haupt vom jew­eili­gen Abspiel­gerät ein­ge­le­sen wer­den kann. Jede Menge Gründe also, sich Filme im Inter­net herun­terzu­laden. Und dort geht der geneigte User dann eben doch zuerst zu den bekan­nten, kosten­losen und ille­galen Plat­tfor­men. Über deren Legal­ität und Ille­gal­ität wird zwar immer noch gern gestrit­ten, aber zumin­d­est in Schwe­den sind die Grün­der von thep­i­rate­bay rechts– kräftig verurteilt und auch in Spanien wurde ger­ade erst ein Gesetz ver­ab­schiedet, welches Film– und Musik­tauschbörsen ver­bi­eten soll, die fremde Rechte ver­let­zen.
Dabei gibt es längst legale und gün­stige Alter­na­tiven: Die Videothek um die Ecke und öster­re­ichis­che Online-Angebote bieten Filme ebenso flex­i­bel wie das Inter­net und für weniger als fünf Euro an (siehe Kas­ten). Doch es bleibt die Ver­ant­wor­tung der­jeni­gen, die allabendlich auf der Suche nach dem richti­gen Film sind. Ihnen muss das Vergnü­gen zum Down­load auch etwas wert sein.
Während die Film– und Musikin­dus­trie die entste­hen­den Ver­luste noch rel­a­tiv gut verkraften kann und große Anwalt­skan­zleien beschäftigt, um ille­gale Ver­bre­itung im Inter­net zu ver­fol­gen, ist der Ver­lust der Kon­trolle über das eigene Werk für viele ein wirtschaftliches Risiko. Schnell verselb­st­ständi­gen sich Fotos, Texte und Ideen, fliegen kosten­los durchs Netz und die reale Welt, ohne die ger­ing­ste Möglichkeit, sie je wieder einz­u­fan­gen.
Illus­tri­ert wird das auf der jährlichen Ver­lei­hung des »Pla­gia­r­ius« – ein schwarz lack­ierter Garten­zw­ergs, der jedes Jahr als Neg­a­tivpreis für beson­ders dreiste Pro­duk­t­pla­giate ver­liehen wird. Seit 1977 wird so gezeigt, wie allen voran die Chi­ne­sen Pro­dukte fälschen. 75 Prozent der beschlagnahmten Pro­dukte kom­men aus Fer­nost, aber auch deutsche Unternehmen bekom­men den »Pla­gia­r­ius« häu­fig ver­liehen. Der Gesamtschaden, der durch diese Pro­dukte entsteht, wird auf bis zu 300 Mrd. Euro geschätzt.

Gut geteilt, ist halb gewon­nen.
Peter Schaar von der Wer­beagen­tur Fasching­bauer & Schaar in Graz lebt von seinen Ideen – und davon, dass sie keiner klaut. Und bis jetzt musste er seine Ideen noch nie auf frem­den Plakatwän­den ent­decken. »Wir haben als Mit­glied der Wirtschaft­skam­mer unter­schrieben, nur an Auss­chrei­bun­gen teilzunehmen, wo auch ein Abgel­tung­shon­o­rar gezahlt wird, wenn unser Konzept nicht genom­men wird.« Dadurch arbeite er nur mit Unternehmen zusam­men, die langfristig denken und beim näch­sten Pro­jekt wieder anfra­gen wollen. Die Auswahl der Kun­den ist also ein wesentlicher Bestandteil, der andere ist Glück. Denn im Konkreten sei es schwierig, seine Ideen für sich zu beanspruchen: »Wenn ich in meinem Konzept die List-Halle als Ver­anstal­tung­sort vorschlage, aber abgelehnt werde, kann der Kunde ja trotz­dem in die List-Halle gehen. Das war zwar meine Idee, aber das kann man ja nicht ausjudizieren. Das wäre ja per­vers.« Auch fern des Inter­nets ist es also eine Frage von Respekt und Wertschätzung vor seinen Kun­den oder Auf­tragge­bern.
Doch nicht jede Idee ist ein­ma­lig und es wird immer schwieriger wer­den, das alleinige Anrecht zu reklamieren . Zu sehr arbeitet ger­ade die Wer­bung (aber auch Design, Architek­tur und Kunst) mit Klis­cheevorstel­lun­gen. Je aktueller die Ideen sein sollen, desto mehr sind sie vom Zeit­geist geprägt, und auch die zunehmend arbeits­mark­tzen­tri­erte Aus­bil­dung trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Prozesse der Ideen­find­ung, und damit ihre Ergeb­nisse, ähneln.

Die Flucht nach vorn
Auf der let­zten Ver­anstal­tung der Cre­ative Indus­tries Styria in Graz sprach Ronen Kadushin über das Konzept des Open Design. Der israelis­che Designer stellt seine Bau­pläne für Tis­che, Stühle und Vasen frank und frei ins Inter­net. So gibt er die Möglichkeit, dass seine Pläne von jed­er­mann verän­dert und ver­wirk­licht wer­den. Ganz nach dem Vor­bild der Software-Entwicklung (Open­Source – öffentlicher Zugang) soll die »Kreativ­ität der Masse« freige­setzt wer­den. Und über die so gewonnene Bekan­ntheit lasse sich ebenso Geld ver­di­enen wie als angestell­ter Designer in einer Pro­duk­tions– firma. Das ist zumin­d­est die Idee von Kadushin.

Aber die Soft­wa­reen­twick­ler und Designer sind damit nicht allein: Chris Ander­son, Chefredak­teur des Mag­a­zins Wired, hat vor ei– nigen Jahren das wirtschaftliche Prinzip des Inter­net mit dem Begriff des »Long Tail« auf den Punkt gebracht: also jenem »lan­gen Schwanz« an Kun­den, der nach Nis­chen­pro­duk­ten sucht. Und die lassen sich im Inter­net viel besser und gewinnbrin­gen­der verkaufen als die Mainstream-Produkte aus dem Super­markt. Doch zuletzt ist Ander­son mit seinem Buch »Free« noch einen Schritt weiter gegan­gen: Darin stellt er die The­o­rie auf, dass Infor­ma­tio­nen immer gün­stiger und schließlich kosten­los wer­den. Geld wird schließlich nur noch für Zusat­zleis­tun­gen gezahlt wer­den und so hat er es auch bei seinem eige­nen Buch gemacht: Die englis­che Hör­buch­fas­sung, immer­hin knapp sieben Stun­den, gibt es kosten­los, ebenso wie die dig­i­tale Aus­gabe des Buches; wer aber eine Über­set­zung oder das gedruckt Buch haben will, der muss zahlen.
Einen Beweis, dass solche Konzepte funk­tion­ieren kön­nen, trat die leg­endäre britis­che Comedy-Truppe Monty Python an. Nach­dem sie einige ihrer Filme auf YouTube online gestellt haben, explodierte der DVD-Verkauf und ließ sie auf Platz 2 der Best­sellerliste von Ama­zon rutschen.

Trotz­dem gibt es auch Kri­tiker dieser Alles-umsonst-Kultur: Dazu gehört nicht nur Wal­ter Ben­jamin, der schon lange vor Erfind­ung des Inter­net, näm­lich schon zu Beginn des 19. Jh. vom »Ver­lust der Aura« durch die tech­nis­che Repro­duk­tion sprach. Also von jenem Bruch der Vervielfäl­ti­gung: Galt es doch lange als Ehre, wenn eine Skulp­tur oder ein Buch von einem anderen händisch dupliziert wurde, fand mit der Erfind­ung des Buch­drucks und aller anderen tech­nis­chen Repro­duk­tion­stech­niken eine gewisse Entwer­tung der Kopie und lei­der auch des Orig­i­nals statt.

Auch Jaron Lanier teilt die Ansicht, dass Kreativ­ität indi­vidu­ell entste­hen müsse. Und im Gegen­satz zu Wal­ter Ben­jamin ist Lanier ein Kind unserer dig­i­talen Zeit. Als Infor­matiker, Kün­stler und Autor, er prägte den Begriff der »virtuellen Real­ität«, würde er per­fekt in das Klis­chee der OpenSource-Anhänger passen. Aber für ihn bildet die häu­fig beschworene »Schwarmintel­li­genz« (wie zum Beispiel in Wikipedia) nur die Durch­schnittsmei­n­ung ab, kein tat­säch­liches Wis­sen und erst recht keinen Fortschritt.
Aber lassen sich die tra­di­tionellen Konzepte von Autoren­schaft in Anbe­tra­cht der Entwick­lung von Design, Soft­ware, Tech­nolo­gie und Kunst noch hal­ten? Schließlich war Andy Warhol mit seine Ready­mades doch nur der Beginn einer pos­i­tiven Reak­tion auf die Möglichkeiten der tech­nis­chen Repro­duk­tion. Er hat sich zu Nutze gemacht, wovor sich andere fürchten.

[…]

Vielver­sprechen­der als der Ver­such, die Mauern wieder aufzurichten und mit Kasse­nau­to­maten namens »Leis­tungss­chutz« zu verse­hen, scheinen andere Wege: Seit der Jahrtausendwende existieren die soge­nan­nten Creative-Commons-Lizenzen. Sie erlauben dem Urhe­ber, selbst Regeln für die Ver­wen­dung seines Werkes festzule­gen: Von der Namen­snen­nung des Autors über die Entschei­dung, ob das Werk verän­dert wer­den darf, bis zum Auss­chluss von kom­merzieller Ver­wen­dung – solange sich alle daran hal­ten, ist das eine intel­li­gente Sache, aber einige Fra­gen ver­schieben sich lei­der nur: Ist zum Beispiel die Än­derung der Schrif­tart schon eine Verän­derung des Textes, oder eine Kürzung? Und was sind »kom­merzielle Inter­essen«? Gehört poli­tis­che Wer­bung schon dazu, oder ein Mag­a­zin wie das FAZIT, das auch hin und wieder auf Creative-Commons-Bilder zurückgreift?

Diese Lizen­zen sind also noch nicht der Weisheit let­zter Schluss, aber unter Berück­sich­ti­gung der fairen Nutzung sind sie eine sin­nvolle Erweiterung des Urhe­ber­rechts­gedankens. Im amerikanis­chen Recht gibt es dafür bere­its eine solche fair-use-Klausel. Der Gedanke, dass Nutzer tat­säch­lich ein Gefühl für die Leis­tung von anderen entwick­eln kön­nten und diese respek­tieren, geht so weit, dass sich inzwis­chen sogar Bezahlsys­teme etabliert haben, die auf diesem Prinzip funk­tion­ieren. Bei Dien­sten wie Flattr und Kach­in­gle legt jeder selbst fest, wie viel er wofür zahlen müsste. Noch haben die Dien­ste keine Massen­ver­bre­itung, aber im Inter­net kann sich so etwas (fast) so schnell entwick­eln wie sich die Filme, Musikalben und Fotos herun­ter­laden lassen.
Die größte Her­aus­forderung für alle, die aus ihren Ideen Geld machen wollen, wird also sein, zu der eigentlichen Idee noch einen kreativen Weg zu finden, wie man sich den Fra­gen des Urhe­ber– rechts stellt, wie man die Idee selbst vor Miss­brauch schützt, ohne sie vor den Kun­den zu schützen. Und wie man sie ver­bre­itet, ohne sie aus den Augen zu verlieren.