Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Seminararbeit »Freiheit statt Ethik«

Die Arbeit ent­stand, das wird man beim Lesen schnell merken, gegen meinen Willen. Nicht inhaltlich, aber die Tat­sache, das ich diese Arbeit schrieben musste, verur­sachte ein fast schon fatal­is­tis­ches Hal­tung. Es war dann auch eine unglaubliche Schweinerei des Zufalls, dass ich bei jenen von mit geächteten 19 Seiten gelandet bin. Aber trotzig wie ich bin, habe ich dafür einen Monat nach Ablauf der Dead­line abgegeben und wurde auch schon äußerst fre­undlich bewertet.

Hier einige Auszüge aus der Arbeit habe, man muss ja jenen, die mir mal was bÖses wollen, auch etwas Fleisch hin­wer­fen. Voll­ständig als PDF.

Pro­log

Wider­legen lässt sich alles. Texte. Men­schen.
Wer ver­steht, wird das Richtige ver­ste­hen.
Wer nicht ver­steht, hat das Falsche nicht ver­ste­hen kÖn­nen.
Zen­sieren lässt sich alles, was nicht ver­standen wer­den kann. Falsch und Richtig.
Zu zen­sieren ist jeder, der falsch ver­steht.
Wer ver­steht, hat nicht ver­standen.
Pro Stu­p­ida – wider die Zensur

Anfang

[…]
Eine explizite Medi­enethik ver­langt die Unterord­nung. »Die Selb­st­bindung ist das für die Ethik Typ­is­che, Ethik ist eine innere Steuerungsres­source«, heißt es bei Rüdi­ger Funiok.2 Bindung aber ist in diesem Zusam­men­hang nichts weiter als Unterord­nung, weil es keine gle­ich­berechtigte Beziehung zwis­chen dem zu binden­den Indi­viduum und jener Ethik gibt. Im Gegen­teil, die Ethik erhebt einen Anspruch auf Uni­ver­sal­ität und Abso­lutheit, fol­glich ist die Bindung an sie eine hÖchst ein­seit­ige. Der Einzelne muss sich an sie binden, sich ihr unterord­nen. Aber wer sich unterord­net, noch schlim­mer, wer sich frei­willig unterord­net, ist nicht unabhängig.

All jene Ansprüche, die durch eine Medi­enethik ver­wirk­licht wer­den sollen, lassen sich durch Gesetze, let­ztlich durch die indi­vidu­elle Ver­ant­wor­tung des Jour­nal­is­ten ver­wirk­lichen. Diese Ver­ant­wortlichkeit gilt gegenüber dem Gesetz ebenso wie gegenüber dem Betrof­fe­nen, zum Beispiel einem Poli­tiker, über den geschrieben wurde. Ver­mieden wird auf diesem dur­chaus lang­weilig und kon­ven­tionellen Weg jene läh­mende und verantwortungs-simulierenden Selb­stverpflich­tung, welche die Ethik einfordert. […]

»Dieser Öster­re­ichis­che Presserat ist […] seit 2002 nicht mehr tätig«, hat allerd­ings im Dezem­ber 2010 eine Inter­net­präsenz bekom­men. Der Presserat wird in dieser Arbeit nur hin und wieder als Beispiel genannt wer­den, um zu verdeut­lichen, nicht um zu begrün­den. Die Bedeu­tung des Rates hat der FALTER bere­its aus­re­ichend und tre­f­fend gewürdigt:

»Der Presserat darf zwar Rügen aussprechen und hat moralis­ches Gewicht, jedoch kein­er­lei Sank­tion­s­mÖglichkeiten«.4

 

Wie groß das moralis­che Gewicht auf den Schul­tern der Bluthunde wiegt, die er zäh­men will, wird beim täglich wieder­hol­baren Blick in die Tageszeitun­gen deut­lich. Äquiv­a­lent dazu lässt sich der PR-Ethikrat (!) her­anziehen, der Christoph Dic­hand rügte, weil dieser »gegen zahlre­iche Kodizes der PR-Branche ver­stoßen [habe], darunter jenen, die Öffentlichkeit nicht zu täuschen«5. Als ob PR irgen­deine andere Auf­gabe hat, als zu täuschen. Als ob die Bluthunde es nicht als ihre Auf­gabe betra­chten, sich in jedes Stück Fleisch zu ver­beißen, das ihnen vor die geifer­n­den Lefzen kommt.

Mitte

Es ist über­haupt nicht mÖglich, diese Arbeit zu schreiben. Denn wie soll ich die vorgegebe­nen zwanzig Seiten lang schreiben, was ich sagen will, wenn ich doch sagen will, dass es darum geht, nicht zu machen, was einem gesagt wird, son­dern darum, seine Entschei­dung selbst zu tre­f­fen – Unab­hängigkeit. Denn es ist unmÖglich, mit aufrechtem Gang zu tun, was von einem erwartet wird; die Erfül­lung von Erwartun­gen geschieht immer gebeugt – was nicht heißt, dass man nicht auch eine masochis­tis­che Freude empfinden kann, sich mit aller Her­ablas­sung dem Willen des Gegenübers zu beu­gen. Aber ist das die Rolle des Journalisten?

Nun kÖn­nte man sich beim Umfang dieser Arbeit vor der for­malen Vor­gabe drücken und 21 Seiten schreiben. Oder 19. Das wäre dann ein Kom­pro­miss. Aber sollen Jour­nal­is­ten Kom­pro­misse schließen? Und mit wem? Und wie fatal kÖn­nte der Kom­pro­miss sein, eine Nachricht beispiel­sweise zu kürzen. Oder vielle­icht einen Tag, eine Woche, einen Monat früher zu verÖf­fentlichen, nur um pünk­tlich zu sein. Als Erster am Kiosk liegen. Egal womit. Das Gegen­teil davon ist natür­lich ebenso richtig. Man kann auch immer zu spät sein und den richti­gen Moment ver­passen.

[…]

Elis­a­beth Noelle-Neumann unter­schei­det zwis­chen dem von ihr bevorzugten sozialpsy­chol­o­gis­chen Konzept Öffentlicher Mei­n­ung, nach dem die Öffentliche Mei­n­ung der Inte­gra­tion der Gesellschaft dient und inner­halb derer bei moralisch aufge­lade­nen Fra­gen ein Druck zur Übere­in­stim­mung mit der Mehrheit besteht. Als zuerst gegen­sät­zlich, später inte­gri­ert beschreibt sie ein Mod­ell, nach welchem auch die Medi­enethik funk­tion­iert: In diesem zweiten Konzept ist Öffentliche Mei­n­ung ein elitäres, demokratie-theoretisches Pro­dukt, bei dem Öffentliche Mei­n­ung aus der qual­i­ta­tiven Auseinan­der­set­zung mit moralis­chen Fra­gen entsteht und haupt­säch­lich von Eliten vorgegeben wird. Noelle-Neumann inte­gri­ert ihre Konzepte, indem sie Grup­pen wie Avant­gardis­ten, Hard­core, Wis­senschaftler et cetera iden­ti­fiziert, die sich dem Inte­gra­tions­druck weniger aus­ge­setzt sehen.10

Das Ziel all dieser unter Ethik, Moral und Öffentlicher Mei­n­ung sub­sum­ierten Begriffe ist, in mehr oder weniger präziser Beschrei­bung, ein gesellschaftliches Miteinan­der. Bei Kant und Mill for­muliert sich das laut Mead in der »Gesellschaft als Endziel«11, 12.

Norm, Kon­ven­tion, und Com­mon Sense – all diese Begriffe und die Konzepte, die sich in ver­schiede­nen Inter­pre­ta­tio­nen dahin­ter ver­ber­gen, ste­hen aber auch in einer Kon­ti­nu­ität mit dem Ziel des ger­ing­sten Wider­standes. Die Gesellschaft soll sich miteinan­der ver­ste­hen – also ver­langt let­ztlich Opportunismus.

Allerd­ings ist auch die Umkehrung dieser Kon­ti­nu­ität ein Opfer der Auseinan­der­set­zung, jenes kon­se­quente \“Dagegen-Sein\” – Anar­chie, Wut, Gewalt. Sie verzehren die Energie des unab­hängig Wer­den­den im Kampf um sich selbst. Denn man kann der Kon­ti­nu­ität nur fol­gen oder sich ihr ent­ge­gen­stellen, weil die ständige Gegen­wart ethis­cher Ansprüche zur Auseinan­der­set­zung nÖtigt, wo Gle­ichgültigkeit angemessen wäre. Erst sie, die Gle­ichgültigkeit bei gle­ichzeit­iger Mündigkeit, ist Unab­hängigkeit, ist Freiheit.

[…]

Erscheint mir der kat­e­gorische Imper­a­tiv auch noch so plau­si­bel, also nur so zu han­deln, wie ich mir das Han­deln der anderen wün­sche, plau­si­bler erscheint mir doch, auf die Entschei­dung des Einzel­nen zu ver­trauen, gelegentliche \“Fehlentschei­dun­gen\” – was immer man darunter ver­steht – in Kauf zu nehmen, anstatt sich in einer meta­ph­ysis­chen Frage, wie Kant sagen würde: a pri­ori, festzule­gen. Die Vorstel­lung, was aus einer einzi­gen mÖglicher­weise falschen Annahme für Schlüsse gezo­gen wer­den, gruselt mich mehr als die unbarmherzige und neu­trale Macht des Zufalls, nach der zumin­d­est ein bre­ites Spek­trum an ethis­chen Vorstel­lun­gen repräsen­tiert ist

[…]

Der soziale Druck der Ethik ist groß genug, um sich Gel­tung zu ver­schaf­fen, oder er ist gegenüber der moralis­chen Sache selbst zu ger­ing; also ist die Sache19, die mÖglicher­weise ver­w­er­flich ist, entschei­den­der als die Norm, die zu ver­hin­dern ver­sucht. Dieser Kräftev­er­gle­ich, also das jour­nal­is­tis­che Abwä­gen, gegen die ethis­chen Anforderun­gen zu han­deln, gegen das pub­lizis­tis­che Ziel, das man ver­folgt, findet entweder statt, oder der Bluthund entzieht sich auch jener expliziten Form des sozialen Drucks, der Medienethik.

Denn »die ungeschriebe­nen Gesetze enthal­ten moralis­che Nor­men, der Ver­stoß gegen sie führt zu moralisch geladener Öffentlicher Ver­ach­tung. Pla­ton erk­lärt, das Ver­hält­nis zwis­chen ungeschriebe­nen und geschriebe­nen Geset­zen müßte man ver­gle­ichen mit dem Ver­hält­nis von Seele und KÖr­per. Die ungeschriebe­nen Gesetze seien nicht ein­fach nur eine Ergänzung der geschriebe­nen Gesetze, sie seien das Fun­da­ment der Gesetze selbst.«20

 

Und wenn eben jenes Fun­da­ment nicht da ist, dann hilft auch kein darauf errichtetes Potemkin­sches Dorf namens Medi­enethik. Es stellt sich die Frage, warum ungeschriebene Gesetze, und als solche kann man Ethik ver­ste­hen, aufgeschrieben wer­den soll­ten? Warum etwas for­mulieren, was unfor­muliert besteht und dadurch seine mÖglich­ste Wirkung entfaltet?

[…]

Wenn aber das Ziel ver­all­ge­mein­ert ist und sich daraus das Motiv ver­all­ge­mein­ern lässt, ist die Hand­lung nur noch Erfül­lungs­ge­hilfe zwis­chen Motiv und Ziel und damit nicht frei. Auf­gabe des Jour­nal­is­ten ist es aber, auch die Motive und Ziele von Poli­tik, Gesellschaft, Indus­trie … zu hin­ter­fra­gen. Vor welchen oder vor wessen Zie­len er diese hin­ter­fragt, sollte aber doch dem Jour­nal­is­ten über­lassen bleiben und nicht unter der kat­e­gorischen Maxime jener »Gesellschaft als Endziel« geschehen. Indem der Jour­nal­ist sich diesem Ziel in einem Artikel wider­setzt, kann er die Inter­essen der einzel­nen Gesellschaft­steile darstellen und ist nicht nur Anwalt des all­ge­meinen Wohlbefind­ens, son­dern er kann auch Vertreter der StÖren­friede und sozial Geächteten sein.23

Die Vertei­di­gung des Einzel­nen gegen die Gesellschaft kann ebenso wün­schenswert sein wie die Vertei­di­gung der Gesellschaft gegen den Einzel­nen. Der Jour­nal­ist muss schließlich wie jeder andere auch ein eigenes Ver­ständ­nis für gut, richtig und fair entwick­eln und kann diese Auf­gabe nicht an eine Medi­enethik abgeben, weil er sich dann zum Erfül­lungs­ge­hil­fen der Ver­fasser dieses Pressekodex macht und damit fremde Motive und Ziele zur Grund­lage seiner Hand­lun­gen macht, statt die eigene Mündigkeit und Unab­hängigkeit zu nutzen.

[…]

Der Jour­nal­ist – und die ange­bliche Notwendigkeit einer Medi­enethik für eben diesen – entsteht ja aus seiner sug­gerierten oder tat­säch­lichen pub­lizis­tis­chen Macht; aus der unter­stell­ten oder tat­säch­lichen Deu­tung­shoheit, die er auf­grund seines Medi­ums und dessen Reich­weite hat. Und genau an dieser Stelle wird schon deut­lich, wie wichtig dessen Unab­hängigkeit ist. Denn schon die Bere­itschaft zu berichten, also die Entschei­dung, dass er berichtet, soll so frei wie mÖglich getrof­fen wer­den. Ebenso frei wie jene, dass er nicht berichtet.

Die Trag­weite dieser Entschei­dun­gen erscheint auf den ersten Blick basal, weil sie auf­grund der riesi­gen Menge an Jour­nal­is­ten im Einzelfall uner­he­blich erscheint, aber im konkreten Fall des einzel­nen Jour­nal­is­ten wird sie im Angesicht der The­o­rien von Nachricht­en­wert und Agenda Set­ting deut­lich. Dem­nach ist die Bedeu­tung des \“DASS berichtet wird\” viel wichtiger, als die Bedeu­tung des \“WIE berichtet wird\”. Und eben weil die Entschei­dung des DASS immer beim let­z­tendlich Aus­führen­den liegt, muss dieser grÖßt­mÖgliche Unab­hängigkeit genießen; oder er muss sie sich erkämpfen.

[…]

Das zeigt, wie wichtig die Rolle der Ver­ant­wor­tung in diesem Diskurs ist. Nur im Bewusst­sein, sich für sein Han­deln ver­ant­worten zu müssen, besteht die Notwendigkeit zur Mündigkeit. Meine These in verkürzter Form lautet also: Die Ver­ant­wortlichkeit des Einzel­nen macht Mündigkeit notwendig, also reflek­tiertes und bewusstes Entschei­den über das eigene Han­deln. Dieses Span­nungsver­hält­nis von Ver­ant­wor­tung und Mündigkeit ist Grund­lage eines unab­hängi­gen und freien Journalismus.

[…]

Der Jour­nal­ist muss also vertei­di­gen, dass über etwas berichtet wird beziehungsweise dass über etwas nicht berichtet wird. Diesem Ansatz schadet eine explizite Medi­enethik, indem sie erstens eine zusät­zliche Instanz in diesem Diskurs bildet: Sie ist die abstrahierte Alter­na­tive zum Chefredak­teur, dessen ent­per­son­al­isierte Nieder­schrift. Im deutschen Pressekodex steht in Zif­fer 1, dass »jede in der Presse tätige Per­son […] das Anse­hen und die Glaub­würdigkeit der Medien«35 zu wahren habe. Als ob dies ober­ste Auf­gabe der Jour­nal­is­ten wäre. Zum Zweiten erlahmt eine Medi­enethik auch die notwendige Diskus­sion um den Einzelfall, für die auch trotz des all­seits bejam­merten Pro­duk­tions­drucks noch Zeit sein sollte.

[…]

Indi­vid­u­al­ität vor Uni­ver­sal­ität: Die Idee einer uni­ver­sal richti­gen Ethik kann aufgegeben wer­den. Selbst wenn der kat­e­gorische Imper­a­tiv im Einzelfall helfen mag, viel häu­figer hat man als Jour­nal­ist zu entschei­den, WEM man schadet, nicht OB. Entweder geht ein Bericht zu Las­ten desjeni­gen, über den berichtet wird, oder zu Las­ten der Rezip­i­en­ten, die durch die Unter­las­sung nichts erfahren.

Absurd ist, dass eine Forderung nach einer Nicht-Medien-Ethik ebenso wenig Anspruch auf Gel­tung erheben kann wie die Forderung nach einer Medien-Ethik. Am Ende bedarf es in bei­den Fällen »ein paar Men­schen, die dazu erson­nen sind«37, um diese Konzepte zu ver­wirk­lichen. Jene Ersonnenen, die sich selbst genü­gen, sich also keiner Iso­la­tions­furcht aus­ge­setzt sehen38, sind auf (die) Gesellschaft nicht angewiesen, weil sie wis­sen, dass deren Urteil nicht per se vernün­ftig sein muss, son­dern unter der Prämisse der sozialen Inte­gra­tion steht. Umgekehrt kann auch nicht jede Hal­tung, die zur Iso­la­tion führt, per se als gut, richtig, fortschrit­tlich etc. ange­se­hen wer­den. Das ist neben­bei bemerkt auch die Voraus­set­zung für eine Diskrepanz oder pos­i­tiv for­muliert für das Span­nungsver­hält­nis zwis­chen Öffentlicher und verÖf­fentlichter Mei­n­ung. Und weil Jour­nal­is­ten eben auch zu jenen Grup­pen zählen soll­ten, die »sich dem Inte­gra­tions­druck weniger aus­ge­setzt sehen«39, ist es so absurd, dass sie sich einer eige­nen Medi­enethik unterord­nen sollen.

Die Iso­la­tion in ihrer Wider­sprüch­lichkeit und Ambivalenz muss natür­lich trotz­dem mÖglich und zuläs­sig sein. Sie ist Teil jener Frei­heit, die sie gle­ichzeitig ermÖglicht. Wer isoliert ist, so wie der Jour­nal­ist inner­halb der poli­tis­chen Klasse, genießt in dieser Iso­la­tion Frei­heit und Unab­hängigkeit. Ver­ste­hen wir also Inte­gra­tion als den Nor­malzu­s­tand, die Iso­la­tion als MÖglichkeit, als geladene Span­nung und Impuls für Verän­derung und Entwick­lung. Die Ablehnung der gesellschaftlichen Inte­gra­tion als Hauptziel, als die Igno­ranz einer »Gesellschaft als Endziel« ist gle­ichzeitig ein Beken­nt­nis zur Rel­e­vanz der inhaltlichen Qual­ität einer Auseinan­der­set­zung VOR der sozialen Inte­gra­tion. Was es also inner­halb dieses Schwe­bezu­s­tandes des Undefinierten braucht: Mündigkeit und Verantwortung.

Schluss

 

»Eine Öffentliche Mei­n­ung, wie ich sie auf­fasse, muß es im geisti­gen Men­schen­leben immer geben, … so lange Men­schen ein gesel­liges Leben führen; […] Sie kann also schon ihrem Begriffe nach weder fehlen, noch aus­fallen, noch ver­nichtet wer­den, sie ist über­all und immer.«40

 

Es geht hier nicht darum, die zahlre­ichen Ver­suche, eine explizite Ethik zu for­mulieren, abzulehnen, denn das wäre verge­blich. Es geht auch nicht darum, die Ver­weigerung aller explizierten Medi­enethiken zum jour­nal­is­tis­chen Prinzip zu erk­lären, das wäre wiederum ein Para­dox. Denn wenn die Ver­weigerung zum Sys­tem wird, ist auch sie Oppor­tunis­mus. Aber dieses Para­doxon muss als solches benannt wer­den. Es zwingt (SIC!), sich trotz der UnmÖglichkeit des kat­e­gorisch Richti­gen zu entschei­den. Es zwingt zur Ver­ant­wor­tung. Selbst wenn sich der Einzelne hin­ter einem expliziten Medi­enkodex ver­steckt, ist er ver­ant­wortlich. Zuerst vor sich selbst, dann vor den Betrof­fe­nen, dann vor dem Gesetz. Nur der Leser kann sein Recht auf Berichter­stat­tung nicht ein­kla­gen, ihm gegenüber ist der Jour­nal­ist un– oder nichtver­an­wortlich. Der Leser kann nur selbst die Ver­ant­wor­tung übernehmen oder aber, indem er sich keine oder eine andere Zeitung kauft, ignorieren.

»Im Geschriebe­nen erstickt der Schrei leicht,
vol­lends dann, wenn das Schreiben sich nur im Beschreiben ergeht
und es darauf absieht, das Vorstellen zu beschäfti­gen
und ihm aus­re­ichend immer neuen Stoff zu liefern.
Im Geschriebe­nen ver­schwindet das Gedachte,
wenn das Schreiben es nicht ver­mag,
im Geschriebe­nen selbst noch ein Gehen des Denkens, ein Weg zu bleiben.«41

Lit­er­at­u­rangaben

  • [ALTMEPPEN] Alt­mep­pen, Klaus-Dieter: Dif­fuse Geschäfts­grund­la­gen. Die schwierige Beziehung von Jour­nal­is­mus und Medien. In Para­dox­ien des Jour­nal­is­mus. The­o­rie – Empirie – Praxis. Hg. v. Bern­hard PÖrk­sen u.a. Wies­baden 2008.
  • [FUNIOK] Funiok, Rüdi­ger: Medi­enethik: Trotz Stolper­steinen ist der Werte­diskurs über Medien unverzicht­bar. In: [KARMASIN 2002] Medien und Ethik. Hg. v. Matthias Kar­masin. Stuttgart 2002. Reclam.
  • [JOAS] Joas, Hans: Prak­tis­che Inter­sub­jek­tiv­ität. Die Entwick­lung des Werkes von George Her­bert Mead. Frank­furt am Main. 1989. S. 120
  • [KARMASIN Medien und Ethik. Hg. v. Matthias Kar­masin. Stuttgart 2002.
  • [KRAINER] Krainer, Larissa: Medi­enethik als ange­wandte Ethik: Zur Organ­i­sa­tion ethis­cher Entschei­dun­sprozesse. In: [KARMASIN 2002] Medien und Ethik. Hg. v. Matthias Kar­masin. Stuttgart 2002.
  • [LORENZ] Lorenz, Dag­mar: Jour­nal­is­mus. Stuttgart, Weimar 2002.
  • [MEAD] Mead, George Her­bert: Geist, Iden­tität und Gesellschaft. Aus Sicht des Sozial­be­hav­ior­is­mus. Frank­furt am Main 1973.
  • [NOELLE] Noelle-Neumann, Elis­a­beth: Öffentliche Mei­n­ung. Die Ent­deck­ung der Schweige­s­pi­rale. Frank­furt am Main, Berlin 1996. Erweit­erte Ausgabe.
  • [POSTMAN] Post­man, Neil. Keine GÖt­ter mehr. Das Ende der Erziehung. München 2001. dtv.
  • [ZIZEK] Zizek, Slavoj: Die gnaden­lose Liebe. Baden-Baden 2001.

Einzelver­weise

  • Adorno, Theodor W. : Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hell­mut Becker 1959–1969. Frank­furt 1971. (HÖrspiel)
  • Hei­deg­ger, Mar­tin: \“Was heißt Denken?\” Vor­lesung Win­terse­mes­ter 1951/52 Tübin­gen 1984. S. 30f
  • Kafka, Franz: Der Pro­ceß. Hg. v. Mal­colm Pasley. Frank­furt a.M. 1990 S. 292ff
  • Kant, Immanuel: Was ist Aufk­lärung. Auf­sätze zur Geschichte der Philoso­phie. GÖt­tin­gen 1967. S. 55
  • Meyen, Michael: The­o­riegeschichte der Kom­mu­nika­tion­swis­senschaft. Lud­wig Max­i­m­il­ian Uni­ver­sität München am 21.10. 2009 (Vorlesung)
  • SchÖne, Ger­hard: Lied von der zu früh aufge­s­tande­nen Wahrheit. In: Leben­sze­ichen. 1989 (Audio-CD)
  • PESTER LLOYD 03/2011 vom 19.01.2011
  • FALTER. Nr. 48/2010

 

  • 2 [FUNIOK] S.42 mit Ver­weis auf Bern­hard Debatin: Medi­enethik als Steuerungsin­stru­ment?
  • 4 FALTER. Nr. 48/2010 Keine Sank­tio­nen. S.23
  • 5 Ebda. Der Ethikrat rügt Christoph Dichand.
  • 10 vgl. zusam­men­fassend [NOELLE] S.335ff
  • 11 [MEAD] S.433
  • 12 Es ist eine sprach­liche Fein­heit, die auch nur im Deutschen auf­fallen kann, aber die Nähe von \“Endziel\” und \“EndlÖ­sung\” schärft zumin­d­est die Wach­samkeit, und es muss zuläs­sig sein zu fra­gen, wie endgültig wir zu urteilen in der Lage sind.
  • 19 das Vor­spiegeln falscher Tatsachen
  • 20[NOELLE] S.279
  • 23Wie wün­schenswert wäre zum Beispiel ein Artikel, der sich mit der Sicht und Posi­tion des gestürzten ara­bis­chen Präsi­den­ten Mubarak beschäftigt.
  • 35dt. Pressekodex. Zif­fer  1
  • 37Adorno, Theodor W. : Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hel­mut Becker 1959–1969. Frank­furt 1971. (HÖr­spiel)
  • 39Ebda.
  • 40 [NOELLE] S.291. Noelle-Neumann zitiert Carl von Gers­dorf: Über den Begriff und das Wesen der oef­fentlichen Mei­n­ung. Ein Ver­such. Jena 1846. S. 10
  • 41 Hei­deg­ger, Mar­tin: \“Was heißt Denken?\” Vor­lesung Win­terse­mes­ter 1951/52 Tübin­gen 1984. S.30f