Michael Thurm. Ich war mal Journalist.

Lena Hoschek – Fazitgespräch

Das Inter­view mit der steirischen Designerin Lena Hoschek bewegt sich zwis­chen den Ober­fläch­lichkeiten des Mod­egeschäfts und ihrem Groll dage­gen, all zu oft nur auf Trachten-Mode reduziert zu wer­den. Dabei hat sie tra­di­tionelle Klei­der wieder mod­ern gemacht. Das Gespräch (Down­load)  führten Michael Thurm und Markus Zottler.

Die Egoschnei­derin

Frau Hoschek, lieben Sie Frauen?
Ja, bes­timmt. Ich bin ja selbst eine und ich liebe mich selbst schon auch.

Machen Sie Ihre Klei­der für sich selbst?
Es liegt ein­fach auf der Hand, Damen­mode zu schnei­dern. Das habe ich in der Mod­e­schule gel­ernt und danach macht man oft das, wovon man selbst am meis­ten ver­steht. Es ist aber nicht so, dass ich mir eine Kollek­tion zusam­mengedeix­elt habe, damit ich gut ausschaue.

Wie waren Sie vor Ihrer Kar­riere ange­zo­gen?
Ich war auch da schon sehr weib­lich. In der Schule, ich war am Sacre Coeur, habe ich Cheerleader-Sachen getra­gen, die ich mir mit 14 oder 15 in Amerika gekauft habe: kurze blaue RÖcke, enge Blusen und Krawatte. Das war die per­fekte \“Uni­form\”, aber die Lehrer haben halt geschimpft.

Wie sehen Sie die \“grauen Mäuse\”, Frauen, die mit einem ganz anderen Lebens­ge­fühl durch die Welt gehen?
Ach, die hab ich eigentlich am lieb­sten. Über ein Jahrzehnt gab es ja fast nur Hosen – die min­i­mal­is­tis­che 90er-Mode. Da hat man sich das Weib­liche fast abgewÖhnt und viele sind in ihrer Mäd­chen­haftigkeit unterge­gan­gen. Und dann kommt so ein schüchternes Mädl bei dir rein, du gibst ihr ein Fifties-Kleid, und es ist unglaublich, wie die ihre Hal­tung aufrichtet und zu strahlen beginnt. Ein biss­chen wie Kinder, die Prinzessin spielen.

Allzu viele Mauerblüm­chen kom­men bei Ihnen aber nicht in den Laden, oder?
Vielle­icht trauen sie sich nicht. Das ist auch schon dieses Image der starken Frau.

Haben Sie Mitleid mit Frauen ohne Selb­st­be­wusst­sein?
Gar nicht. Mitleid ist immer die aller­let­zte Stufe. So eine schüchterne Elfe ist auch etwas total Entzück­endes. Aber ich mag nun mal auf­brausende Weiber wie Gina Lol­lo­b­rigida und Sophia Loren. Auch wenn viele Män­ner Angst haben, wenn solche Super­weiber irgendwo reinknallen. Was ist denn eine grÖßere Bedro­hung als eine bom­bastis­che Frau?

Ist Vivi­enne West­wood, bei der Sie gel­ernt haben, so eine bom­bastis­che Frau?
Die ist sehr weib­lich, auch wenn sie jetzt nicht so eine weib­liche Figur hat. Aber sie ist immer sehr betont ange­zo­gen, trägt extrem hohe Schuhe, und hat auch immer ihre eige­nen Sachen an. Sie ist das Label. Und das hat mich begeis­tert. West­wood ist extrem hÖflich. Du erwartest eine knall­harte PunkrÖhre, aber sie ist sehr britisch. Und trotz­dem kann sie über Leute drüber­fahren. Beim Wei­h­nachts­din­ner saß ich zufäl­lig neben ihr und hab damals noch mit dem Gedanken gespielt, einen Mas­ter zu machen. Und da hat sie mich aber sowas von zusam­men gep­fif­fen. Was das für ein totaler Quatsch sei. Sie lässt dann auch keine andere Mei­n­ung gel­ten. Sonst aber immer eine englis­che Lady.

Auf der einen Seite HÖflichkeit, auf der anderen Seite die natür­liche Arro­ganz. Sind das Grundbe­din­gun­gen für Modemacher?
Eine natür­liche Arro­ganz? Ich halte von Arro­ganz über­haupt nichts. Aber wenn jemand selb­st­be­wusst ist und sich nicht um alles schert, was um ihn herum passiert, wird ihm immer Arro­ganz angehängt.

Das Selb­st­be­wusst­sein ist Ihnen wichtig, aber Ihre Mode kommt ohne den kün­st­lerischen Anspruch aus, der West­wood ausze­ich­net. Sie sind eigentlich klas­sisch.
Das kommt bei mir von der Mod­e­schule. Ich bin eher Handw­erk­erin und keine Kün­st­lerin. Und von daher war das bei West­wood mehr bewusst­sein­ser­weit­ernd, weil die über­haupt keine klas­sis­chen Schnitte ver­wen­den, und am Anfang weißt du gar nicht, was da entsteht. Das ist ganz verblüf­fend. Aber ich war nie wirk­lich weg von der klas­sis­chen Schneiderei.

Sie reduzieren Ihre Mode auf einen ästhetis­chen Anspruch.
Ich werde den Teufel tun, meine Mode zu reduzieren. Aber ich philoso­phiere über meine Sachen recht wenig herum. Außer, ich bin in einem Inter­view. An erster Stelle kom­men bei mir Stoffe: meine Auf­gabe ist es, aufre­gende Far­ben und Tex­tilien zu finden, die dann ein stim­miges Bild ergeben.

Denken Sie über den Vor­wzurf nach, Ihre Mode würde Frauen auf Objekte reduzieren?
Der Vor­wurf ist abstrus. Wenn man meine Mode ordentlich beleuchtet, wird man fest­stellen, dass ich ja total fem­i­nis­tisch bin. Dieses Selb­st­be­wusst­sein, diese Selb­stver­ständlichkeit sollte doch auch der Fem­i­nis­mus vertreten. Was ist denn das für ein Ansatz, dass eine Frau kein Voll­weib mehr sein darf, um ern­stgenom­men zu wer­den? Wie fem­i­nis­tisch ist es, sich wie ein Mann anzuziehen und kurze Haare zu tra­gen? Das ist doch eigentlich antifeministisch.

Was trifft man für Män­ner in der Mode­branche?
Ich habe nur wenige Fre­unde, die dort arbeiten. Die typ­is­chen \“Fash­ion Peo­ple\” sind nichts für mich. Diesen Par­tys, wo mich die Musik irrsin­nig ankotzt, und dieser Champagner-Schicki-Micki, dem kann ich halt nichts abgewin­nen und deshalb bin ich in dieser Szene gar nicht drin.

Wer ist Xaver?
Xaver?

Ja. Und Lud­wig, und Franz …
Ah, die Dirndln. Ich mag Artikel­num­mern nicht, weil ich mit Zahlen für meine Klei­der nichts anfan­gen kann. Unsere Kollek­tion hat große Ein­flüsse von englis­cher Jagdmode, Dandy­mode und Gentleman-Style. Und da haben wir Namen wie Stu­art und Charles genom­men, und die Dirndln haben wir dann auf Öster­re­ichis­che Namen umgeschrieben.

Also ste­hen keine Per­so­nen hin­ter den Namen?
Nein, so viele Män­ner, wie die Kollek­tion Teile hat, hatte nicht ein­mal ich.

Wie ver­führen Sie Män­ner? Mit Promi­nenz, mit SchÖn­heit?
Nein. Gar nicht. Ich schaue mich sel­ten ver­führerisch im Spiegel an. Dann schaut man meis­tens blÖd drein. Aber ange­blich hab ich einen argen Blick.

Der reicht?
Und das Selb­st­be­wusst­sein. Obwohl das wohl auch viele abgeschreckt hat. In meiner ver­gan­genen Kar­riere als Single.

Sie haben Läden in Graz, Wien und Berlin. Welcher Shop funk­tion­iert am besten?
Berlin kann ich noch gar nicht beurteilen, da sind wir erst seit zwei Monaten. Graz und Wien gehen eigentlich ähn­lich gut. Graz sogar noch ein biss­chen besser, weil wir hier ein­fach ein großes Geschäft haben und schon etabliert sind.

Und wahrschein­lich ist es in Berlin auch schwieriger, eine Tra­cht zu verkaufen, als hier?
Wo sehen Sie denn hier eine Tracht?

Sie haben ger­ade keine an, aber Tra­chten sind doch das, wofür Sie medial bekannt sind.
Ja, und das ist vol­lkom­men falsch. Darüber rege ich mich bei den Medien am meis­ten auf. Weil solche Idioten denken, das muss ich hier wirk­lich so sagen, wenn ich eine Tra­cht mache, ist auch alles andere Tra­cht. Ich hab eine Mod­elinie, die retro­lastig ist, und ich habe Dirndln. Und dazwis­chen gibt es eine tiefe Kluft. Wenn ich jetzt ein Kleid mache, mit einem Druck, der vielle­icht auch in der Folk­lore vorkommt, ist das keine Tra­cht. Wenn das von Etro oder Prada kommt, schreibt jeder von \“Folklore-Einflüssen\”. Wenn es die Frau Hoschek aus der Steier­mark macht, ist es Tra­cht. Das ist der grÖßte Bull­shit, den ich je gehÖrt hab.

Vielle­icht entsteht diese Mei­n­ung auch wegen des tätowierten steirischen Pan­thers auf Ihrem Unter­arm.
Ja, vielle­icht. Aber von guten Jour­nal­is­ten erwarte ich mir eine dif­feren­zierte Beobach­tung. Kriegt man aber lei­der nicht, und in Öster­re­ich schon gar nicht.

Sie has­sen es, auf Tra­cht reduziert zu wer­den.
Mich stÖrt es, wenn eine Kundin ins Geschäft kommt und sich ein Fifties-Kleid ansieht und dann sagt: \“Mei super, das kann ich für eine Tra­cht­en­hochzeit anziehen.\” Dann muss ich mir aufs Hirn greifen und \“Oh mein Gott\” denken. Wie habe ich das verdient?

Wie erk­lären Sie sich diese medi­ale Sehn­sucht nach jeman­dem, der modisch für Heimat steht?
Es ist keine Sehn­sucht, das ist Faul­heit. Viele Zeitun­gen, vor allem die Massen­blät­ter, haben oft nur wenig Platz. Da wollen sie was Grif­figes schreiben, das super klingt. Dabei bin ich ein­fach an Folk­lore inter­essiert. Auch an indis­cher, peru­anis­cher oder bul­gar­ischer Tracht.

Was ist Heimat?
Heimat ist das, was mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Meine Wurzeln sozusagen.

Wann bekom­men Sie Fer­n­weh?
Das würde ich gerne wis­sen. Aber so weit ist es noch nie gekom­men, weil ich schon davor wieder weg war.

Heimweh? Ken­nen Sie das?
Ich bin nie lang irgendwo. Das einzige, was ich hab, ist Zuhauseweh. Ich bin ein­fach zu viel unter­wegs. Ich bin oft in Wien, in Graz, in Berlin und in let­zter Zeit auch in Kärn­ten. Es ist über­all schÖn, aber ich hab meinen Arsch so zwis­chen vier Stühlen. Und das macht mich am meis­ten fer­tig. Du packst den Kof­fer für vier, fünf Tage, bleibst dann vielle­icht sechs oder sieben. Dann hast du oft zu wenig Gewand mit. Das nervt mich natür­lich beson­ders. Ich komm nie zur Ruhe.

Frau Hoschek, vie­len Dank für das Gespräch.

 

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